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alles ist so kompliziert

harald a. friedl | alles ist so kompliziert

Heilswege aus der postmodernen Erbsünde – und deren notwendiges Scheitern

Dank seiner pointierten Beschreibung der modernen Lebenswelt („Alles ist so kompliziert“) wurde der glücklose österreichische Bundeskanzler aus dem Burgenland, Fred Sinowatz, berühmt. Denn tatsächlich nimmt die Komplexität der Welt exponentiell zu: Je besser und schneller die Menschen und ihre Sichtweisen miteinander vernetzt sind, desto rascher verändern sich die sozialen Systeme – eben weil sich die Individuen an die sich verändernden sozialen Umwelten anpassen: eine irre Dynamik von sozialer Vervielfältigung, von welcher der Konsummarkt lebt. Wer heute lediglich ein Joghurt kaufen will, steht bereits vor einem existenziellen Rätsel der Wahl zwischen Diskont-, Bio-, Diät-, Fair-Trade- oder Lifestyle-Produkten unzähliger Firmen in allen Farben, Formen und Fabrikaten.

Erfolgreiches Überleben im Alltag – ob Einkauf von Lebensmitteln, ob Haushaltsführung, Kindererziehung oder Urlaubsgestaltung, ob die passende Haus-Finanzierung oder die beste Pensionsversicherung – ist ohne lebenslanges Lernen nicht mehr zu bewältigen. Damit aber das Richtige gelernt wird, um keine falschen Entscheidungen zu treffen, was später teuer zu stehen kommen könnte, stehen Heere von Orientierungsstiftern bereit: Den Weg zum „guten Leben“ weisen Berge von Buch-Ratgebern und Heere von Lebensberatern, neudeutsch „Coaches“ genannt, allesamt postmoderne Ersatzrollen für die einstigen Seher, Priester und Hexen.

Was im Privaten boomt, ist in der Arbeitswelt längst Standard: Der ideale Arbeiter des 21. Jahrhunderts ist der kreative Kopf, der am Fließband innovative Lösungen für zukünftige Herausforderungen des Marktes produziert. Unterstützung erhält er von den zahllosen Auguren der Business-Welt, die Orientierungsstiftung als Dienstleistung anbieten, den Analysten, Consultern und Trend- wie Zukunftsforschern.

Alltag, ob privat oder beruflich, wurde zur permanenten Entscheidungsschlacht im Kampf gegen das „Falsche“, weil es besser, günstiger, innovativer oder „angesagter“ ginge. Und weil dieser Kampf mit wachsenden Auswahlmöglichkeiten immer schwieriger wird, steigt die Angst vor Fehlentscheidungen oder gar vor dem Scheitern angesichts eines wachsenden Leistungs- und Erfolgsdrucks. Statistisches Ergebnis dieser Entwicklung sind explodierende Krankenstände aufgrund von Burn-out oder anderen psychischen Arbeitserkrankungen sowie eine Vervielfachung psychischer Erkrankungen unter Privatpersonen in den letzten zwanzig Jahren. Das Leben ist einfach schwierig geworden.

Norm-Orientierungslosigkeit
Weitere Indizien für dieses alltägliche Defizit an Entscheidungssicherheit sind die großen Themen, die seit Jahren die Feuilletons, Bestsellerlisten und Talkshows beherrschen – ob der Ruf nach Wertekatalogen, wie jüngst in der ÖVP, nach Business-Ethik in Gestalt von CSR (Corporate Social Responsibility) oder nach der alles Schöne und Gute repräsentierenden, weil beliebig interpretierbaren Nachhaltigkeit, und schließlich die Rede von der Gesundheitsgesellschaft: All diese Schlagworte sind Ausdruck der grassierenden Orientierungslosigkeit, die Jürgen Habermas schon vor 20 Jahren als „neue Unübersichtlichkeit“ diagnostiziert hatte, und die seither alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Ihr Kennzeichen ist der Verlust von Selbstverständlichkeit, also davon, was aufgrund von „Offensichtlichkeit“ bzw. „Eindeutigkeit“ keiner weiteren Erklärung bedarf, sodass es sicher zum Ziel führt. Doch was hilft derlei, wenn das Ziel unklar geworden ist?

Es sind die allgemein anerkannten Ziele, die verloren gingen, letztlich als Folge einer individualisierten, demokratisch verfassten und somit kritischen Bildungsgesellschaft, deren Credo das Infragestellen angesichts der Erfahrung von Fragwürdigkeiten ist. So verliert etwa das fundamentale Heilsversprechen der Moderne schlechthin, Wachstum, zunehmend an Glaubwürdigkeit.

„Wachstum“ lieferte seit über 200 Jahren die erlösende Antwort auf alle denkbaren Probleme. Ob Verteilungs- oder Klassenkämpfe, Gesundheitsprobleme oder Umweltkatastrophen, ja selbst metaphysische Fragen, stets lieferte der Verweis auf zukünftig wachsenden Wohlstand, gleichbedeutend mit steigenden Finanzierungsspielräumen, die „Er-Lösung“. Und wenn etwas nicht gelang, so lag die „Schuld“ stets am zu geringen Wachstum bzw. an jenen, die es behindert hatten … Das Gute an diesem Credo: Die Welt war klar in Gut und Böse unterscheidbar, nämlich in Fortschrittsförderer und -verhinderer.
Seit den 1960er-Jahren mehren sich die Zweifel an diesem so lupenreinen „Allheilmittel“. Die meisten Ex-Kolonien verarmen mit zunehmender Modernisierung, der Hunger als Folge von Nahrungsmittelspekulationen nimmt zu, die Schulden der reichen Länder als Folge einer Wachstumsförderungspolitik erdrücken eben dieses Wachstum, die Konflikte um Bodenschätze eskalieren, und anthropogene Umweltkatastrophen wie Klimawandel, Meeresüberfischung und Kontaminierung durch Öl, Plastik, Nuklear- und Giftmüll setzen die schwindenden Ressourcen einer wachsenden Erdbevölkerung zusätzlich unter Druck. Der Weg zur besten aller möglichen Welten kommt gleichfalls nicht ohne „Erbsünde“ aus: nichts Gutes ohne Böses! Selig, wer wie der Zukunftsforscher Matthias Horx trotz solcher Herausforderungen unbekümmert an Rettung durch wachstumsfinanzierten Forschungs-, Bildungs- und Gesellschaftsfortschritt glaubt.

Der Handykrieg
Das Problem der Fragwürdigkeit von Heilsversprechen und die Antwort mittels „mehr von demselben, nur wahrer“ ist nicht neu. Im Mittelalter lag das Heil der Welt allein in Gottes Händen. Ausdruck dieser Lebens- und Glückskonzeption waren die sieben Todsünden Fresssucht, Genusssucht, Ruhmsucht, Habsucht, Rachsucht, Eifersucht und die Sucht nach Trägheit. Die ihnen gemeinsame Kernbotschaft war, dass jegliche eigenständige Verursachung von körperlichem und geistigem Glück als Verstoß wieder die alleinige Macht Gottes auf die Bereitung von Heil galt. Wer etwa des Lustgewinns wegen fraß und soff, nahm sein Schicksal selbst in die Hand, naschte vom Apfel der Versuchung und verlor damit den Anspruch aufs Paradies.

Spätestens in der Renaissance geriet dieses Lebens- und Glaubenskonzept massiv unter Druck, weil Handel und Wissenschaft zu einer Vervielfachung an Kenntnissen und Verlockungen führten und damit neue erfolgversprechende Lebensmöglichkeiten eröffneten. Um das Paradies auch weiterhin als amtlich zertifizierten Heilsweg glaubwürdig vermitteln zu können, erfand die Kirche eine „Seelenheil-Versicherung“ in Gestalt der Ablässe: So konnten sich auch auf Erden „erfolgreiche“ Menschen wie Händler und Machthaber, die sich zum „Wohle“ ihrer Untertanen die Hände schmutzig machen „mussten“, ihre Garantie auf „Erlösung“ erwerben, indem sie ihre „Versicherungsprämien“ bezahlten.

Diesen genialen Lösungsansatz der Konvertierbarkeit von Vertrauen in eine Währung gegen den Glauben an Gottes Heil hatte der Fundamentalist Luther ebenso wenig verstanden wie den wachsenden Bedarf der nach-mittelalterlichen Welt nach neuen, komplexeren Orientierungssystemen. Luther beharrte auf die alleinige Gnade Gottes auf Erlösung. Und dieser Gott sei weder bestechlich durch gute Werke noch durch gutes Geld. Vielmehr sei jede Seele schon vor ihrer Geburt ins Himmelreich berufen oder verdammt: Alles sei Schicksal.

Die Anhänger Luthers aber litten an fehlenden überzeugenden Indizien für ihre Bestimmung fürs Paradies. Dieses Orientierungsproblem lösten sie, indem sie auf die erfolgreiche Nutzung von Gott gegebener Talente achteten, wie etwa Handel zu treiben. Damit avancierte wirtschaftlicher Erfolg zum Indiz für einen „offensichtlich“ gottgefälligen Lebensweg – und in weiterer Folge Kapitalismus im Sinne von wirtschaftlichem Erfolg aus reinem Selbstzweck, unabhängig von seinen sozialen und ökologischen Folgen, zur neuen, höchst erfolgreichen „Ersatzreligion“.

Alle nachfolgenden Utopien, ob Kommunismus, Faschismus oder Maoismus, waren nur weitere Spielarten der Umsetzung des Wachstumsparadigmas mit unterschiedlichen Strategien, um die gravierenden sozialen Folgekosten des Kapitalismus im Westen oder eines überkommenen Feudalsystems im Osten Europas zu kompensieren: Allen Konzepten gemeinsam war der Anspruch auf den wahren Weg zum Heil und die Verdammung des jeweils als „widerlegt“ überwundenen Orientierungssystems, ob Christentum, Islam oder Kapitalismus. 

Im Wettlauf um die größte Glaubwürdigkeit setzte sich nach dem Fall des Sowjetreiches vorerst der Kapitalismus durch. Dies lieferte dem Neoliberalismus in Gestalt von Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung und in die Praxis umgesetzt als Globalisierung transnationaler Konzerne weitreichende politische Legitimation als einzig verbliebenem, überzeugendem Weg zu weltweitem Wohlstand. Offensichtlicher „Beweis“ dieser segensreichen „Wahrheit“ für die gläubigen BürgerInnen waren steigende Aktienkurse und sinkende Preise für Konsumgüter, deren Angebotsvielfalt alle bisherigen Erfahrungen in den Schatten stellte. 

Im Schatten blieben vorerst auch die explodierenden Sozial- und Umweltkosten dieses paradiesischen, als unendlich beschworenen Wachstums, indem diese dank der Globalisierung elegant auf Dritte-Welt-Länder abgewälzt und damit die steigenden Gewinne trotz sinkender Preise ermogelt wurden – wie im Fall von Handys:

Der Bau von immer kleineren, raffinierten Mobiltelefonen erfordert das Edelmetall Koltan, für dessen billige Beschaffung im Kongo der größte Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg mit bislang rund fünf Millionen Toten in Kauf genommen wurde. Denn Handys bedeuten dezentralisierte Kommunikation und gelten neben dem Automobil als wichtigster Motor des Wachstums von Komplexität, der Voraussetzung für sich wandelnde Bedürfnisse, die neue Nachfrage und damit Wirtschaftswachstum stimulieren. Ein Nebenprodukt dieser Dynamik ist – wie schon zu Luthers Zeiten – wachsender Orientierungsbedarf: die existenzielle Frage der Konsumenten bei jedem Einkauf, welches das für sie „beste“ Produkt sei, um glücklicher zu werden.

Totale Erotik

Jede absolutistische Utopie, jeder Ismus umkreist diese Sehnsucht nach der heilen Welt auf Erden, wenn auch in einer fernen Zukunft: Du musst nur meiner Wahrheit folgen, dann wirst du irgendwann glücklich sein. Diesem Schema unterliegen alle heutigen Erlösungsversprechen, auch jenes der vermeintlich ideologiefreien Erlebnisgesellschaft. Deren Mitglieder lösen ihr Problem der „richtigen“ Wahl unter Konsumprodukten, ob Brotaufstrich, Urlaub oder Auto, durch ihre Orientierung am angenehmsten „Erlebnis“, das Produkte auszulösen vermögen. 

Ob ein Konsument „am richtigen Weg“ sei, um sein ganzes Leben bestmöglich „sinnvoll“ zu gestalten, diese „Gewissheit“ gewährt – analog zur Gewinnmaximierungsstrategie der Protestanten – das Prinzip der Erlebnismaximierung: das permanente Streben nach stetiger Intensivierung von außergewöhnlichen Erfahrungen. Mit diesem „Erlebniskapitalismus“ wurden die sieben Todsünden in ihr Gegenteil verkehrt, indem die gierige Befriedigung aller Sinne zum Indiz eines gelingenden Lebens avancierte. 

Was ständig wächst, wird in der Medizin Krebs genannt, in der Ökologie der drohende Kollaps. Wenig überraschend also, dass auch die Strategien der Erlebnisintensivierung seitens der Konsumindustrie wie auch jene der Konsumenten irgendwann scheitern müssen: Lustiger als lustig wird lächerlich, totale Erotik verkommt zur öden Sexgymnastik, und übersteigerte Außergewöhnlichkeit wird zum auslaugenden Dauerstress einer überreizten, heils-enttäuschten Eventgesellschaft. Gleichzeitig verstricken sich selbst hartnäckigste Wachstumspropheten dieser Religion des heilvollen Konsums angesichts der unleugbaren Kosten in Widersprüche, wenn die Sprache kommt auf Klimawandel, verarmende Biodiversität, berstende Finanzsysteme, versiegende Ölquellen oder schockierende Arbeitsverhältnisse in Billiglohnländern und qualvolle Produktionsbedingungen in Betrieben für Massentierhaltung.

Angesichts solcher Grauslichkeiten verpufft unter empfindsamen Konsumenten die Hoffnung auf „Erlösung“, während das klamme Gefühl von Mitschuld am Siechtum von „Mutter Erde“ zum permanenten Begleiter bei jedem Kaufakt wird: Abermals schleicht die Erbsünde zur Hintertür herein, denn jeder, der das Leben genießt, scheint am Elend der Welt zu profitieren, und sei es über fünf Ecken. Als erschiene der Klimawandel als „gerechte Gottesstrafe“ für den „Sündenfall Kapitalismus“. 

Wenn nun aber Konzerne als blind vor Geldgier, Politiker als dumm vor Machtgier und „normale“ BürgerInnen als stumpf vor Konsumgier verurteilt werden, so bleibt dem büßenden Weltverbesserer auf der Suche nach dem verlorenen Seelenheil nur der Bruch mit der Kirche der Konsum- und Erlebnismaximierung – und somit das ketzerische Bekenntnis zur eigenverantwortlichen Rettung der Welt: Nachhaltigkeit durch „guten“ Konsum als Beitrag zum Kampf gegen Konzerne und andere Satanisten.

Besiegelte Gewissheit
Die Propheten dieser Glaubensgemeinschaft sind hochdekorierte Gutmenschen wie Al Gore, ihre Jünger die „LOHAS“ – Menschen, die den „Lifestyle Of Health And Sustainability“ zelebrieren. Sie glauben an Gesundheit als Ausdruck von körperlichem, geistigem, sozialem und spirituellem Wohlbefinden in einer ökonomisch, ökologisch und soziokulturell gesunden Umwelt. Ihre Energie richtet sich gegen jegliche Verunreinigung ihrer Außen- und Innenwelt, und ihr Heilsweg ist der Konsum „nachhaltiger“ Güter. 

Diese weisen

  1. eine hohe Qualität auf, um die persönliche Lebensqualität durch erlesenen Genuss zu fördern, sind
  2. fair produziert, damit ihr Wohlbefinden nicht auf Kosten der Produzenten gedeiht, und sind
  3. biologisch erzeugt, damit sie ihre natürliche Lebenswelt nicht durch den eigenen Konsum schädigen.

Solche „heil-vollen“ Produkte heben sich klar von herkömmlichen, „bösen“ Angeboten ab: Sie sind teurer, denn eine heile Umwelt, glückliche Hühner und zufriedene Bauern haben ihren „gerechten“ Preis. Und sie sind „ausgezeichnet“, denn ihre „Güte“ ist amtlich zertifiziert. Ob Bio-Freilandeier, Öko-Strom, Fair-Trade-Gold oder Ethik-Investments: LOHAS haben die besiegelte Gewissheit, das „Richtige“ zu tun.
Wiederum klebt die Erbsünde auch an den mit Öko-Olivenseife gereinigten Händen der Nachhaltigkeitsapostel, denn ihr Heilsweg scheitert an zwei fundamentalen Irrtümern:

  1. Selbst ein fanatischer LOHAS konsumiert – und fördert damit jenes kapitalistische, von Werbung stimulierte Konsumsystem, dem zu widersagen er vorgibt. Doch ohne dieses System wären die meisten LOHAS wahrscheinlich sogar arbeitslos und könnten sich diese Top-Produkte nicht mehr leisten.
  2. Zudem garantiert ein Qualitätssiegel nur eines: ein Heilsversprechen! Denn bei genauer Betrachtung entpuppen sich die gesetzlichen Standards von „fair gehandelt“ oder „biologisch“ als von Lobbys ausgehandelte Kompromisse im Interesse einflussreicher Anbieter – wie den Supermarkt-Konzernen Hofer, REWE und Spar. Deren Engagement im Bio- und Fair-Trade-Sektor verursachte dessen jüngsten Boom. Dahinter steht das legale und auch legitime Ziel der Gewinnmaximierung der Konzerne. Und Weltrettung verkauft sich derzeit besonders gut. 

Im Business ist alles erlaubt, was gut ankommt und gesetzlich nicht verboten oder gerichtlich untersagt ist. Darum richten sich die heilsamen Gleichnisse wie jenes vom „Hausverstand“ oder vom putzigen Schweinchen und seinem „Ja, natürlich!“-Bauern gezielt an Trost suchende Gläubige, nicht aber an zweifelnde Wahrheitsfanatiker. Der Luther der Bio-Kirche etwa, der Agrarökologe und Publizist Clemens W. Arvay, untersuchte den Ablasshandel der Lebensmittel-Konzerne und entlarvte diesen als „großen Bio-Schmäh“: Die angeblich glücklichen Henderln vom freundlichen Kleinbauern entpuppten sich als eingepferchte Massen einer anonymen Brut- und Schlachtmaschine, und für österreichische Bio-Tomaten schuften zahllose osteuropäische Erntehelfer unter erbärmlichen Akkord-Bedingungen zu Hungerlöhnen.

Freilich sind Supermarkt-Bio-Tomaten insgesamt noch „besser“ als konventionelle Ware, aber weit entfernt von der heilen Welt. Sogar vorbildliche und zukunftsweisende Top-Produkte, die mit dem strengen Demeter-Biosiegel zertifiziert sind, kommen in ihrer Herstellung nicht ohne Erdöl, Plastik, Handys, massenmediales Marketing oder Autotransport aus. In der hochkomplexen Fertigungskette eines jeden nachhaltigen Produkts werden irgendwo auf der Welt Gifte emittiert und Menschen misshandelt, wenn auch sehr viel weniger als allgemein üblich. Denn die Erbsünde klebt an allem, was die Welt hervorbringt: Nichts Gutes ohne Böses … Absolut nachhaltig ist nur der Tod.

Der Bio-Ablass
Recht haben beide – missionierende Supermärkte wie verteufelnde Bio-Ketzer: Die Märkte verkaufen wie die in der Renaissance mit dem Ablass handelnden Päpste genau das, wonach verunsicherte Konsumenten sich sehnen: erwerbbare Heilsversprechen mit der Garantie auf Erlösung. Wer’s glaubt, wird selig. Nicht mehr und nicht weniger.

Kritiker wie Arvay hingegen fühlen sich dem Credo der Wissenschaft verpflichtet, wonach die einzig erreichbare Gewissheit in der Falsifikation, also im Beweis des Scheiterns einer Behauptung, liegt: Arvay kann den Konsumenten zwar vor Augen führen, dass ihr Glaube auf Sand gebaut sei. Eine Alternative zur Hoffnung auf Erlösung bleibt auch er schuldig.

Das vermag Wissenschaft schon aus Prinzip nicht. Zum einen sind Theorien lediglich mehr oder minder hilfreiche Modelle der Wirklichkeit, nicht deren „Abbilder“. Zum anderen kann Wissenschaft lediglich Tatsachenbehauptungen überprüfen, niemals aber Bedeutung im ethischen oder sogar spirituellen Sinne erkennen oder gar zuschreiben. So betrachtet ist Wissenschaft eine gigantische, systematische Verunsicherungsmaschine, die alle Grundlage einer jeden, noch so hilfreichen Überzeugung durch konsequente Infragestellung untergräbt, um den seines Glauben Beraubten trostlos zurückzulassen.
Heilsversprechungen macht auch die Wissenschaft, jedoch jenseits ihres Alltagsgeschäfts, in Gestalt von „Paradigmen“ – für sakrosankt gehaltene Glaubenssätze, wie jene vom Wirtschaftswachstum oder von Forschung als Weg zur Wahrheit. Sie sind es, die Wissenschaftlern Orientierung und Sinn verleihen, indem sie Erlösung von den Übeln der Welt versprechen. Und sie sind es auch, die von keinem gläubigen Wissenschaftler in Frage gestellt werden, denn andernfalls droht die Exkommunikation.

Ob wissenschaftliche Paradigmen richtig oder falsch sind, ist somit eine schlichte persönliche Entscheidung – oder besser: eine Frage des Zufalls, in welche Zeit und Gesellschaft man geboren wurde. Unter Nomaden zum Beispiel ist eine langfristige ökonomische und ökologische Balance der Maßstab allen Handels und somit ethisches Paradigma für ein erfolgreiches Überleben. Heilvoll ist, was dem Überleben dient.

Neuronales Glücksabbild

Schon Epikur, der Vater der europäischen Glücksphilosophie, lehrte Minderung der Wünsche anstelle von Gütermehrung als Weg zur Zufriedenheit, was stark buddhistisch anmutet. Dahinter steht das Prinzip von Angstfreiheit als Voraussetzung für Erlösung. Wer nach inneren anstatt nach äußeren Werten strebt und schließlich sein Handeln allein nach eigener Überzeugung richtet, unabhängig von äußeren Maßstäben, bleibt gegenüber sozialen Sanktionen oder anderen drohenden Übeln gelassen. Wenn’s kommt, kommt’s ohnehin. Könnte demnach Heil in der Stimmigkeit mit sich selbst liegen?

Ausgerechnet die Wissenschaft der Hirnforschung scheint dies zu bestätigen, wie Untersuchungen des Zustandes höchster spiritueller Erfülltheit von meditierenden Menschen nachweisen konnten. Subjektiv erlebte, als „Verschmelzung mit dem Universum“ beschriebene Gefühle traten gleichzeitig mit der reduzierten neuronalen Aktivität des oberen Scheitellappenteils, des „Orientierungsfeldes“, auf. Dieser Teil des menschlichen Gehirns ist verantwortlich für die permanente Verortung des Körpers im Raum, der Unterscheidung zwischen „Ich“ und „Umwelt“. Er ist somit die Grundlage für zielgerichtetes, sinnvolles Handeln. Mit dessen Unterdrückung durch Meditation oder Gebet löst sich die Frage nach Richtig und Falsch oder Sinn und Unsinn ganz einfach auf: Der Mensch wird vom analytisch wertenden Denken erlöst, der Geist befreit, alles wird „gut“, weil „eins“. So überrascht es nicht, dass meditierende Menschen, ob Mönche oder Franziskaner, kaum Wert auf irdische Besitztümer legen: Es ist ihnen ganz einfach unwichtig, und sie fühlen sich dennoch – oder gerade deswegen – gut.

Liegt die Lebenskunst gerade in Zeiten der Maximierung von Möglichkeiten, wo „jeder seines Glückes Schmied“ ist, ganz einfach in der Einfachheit: im „weniger ist mehr“? Zulassen statt bekämpfen, sein lassen statt erobern, wirken lassen statt optimieren, verstehen statt belehren, wertschätzen statt gelten – oder einfach sein statt haben, wie Erich Fromm schon 1976 riet?

Der Weg dorthin ist uralt, aber bewährt: Das delphische Orakel forderte seine Pilger zur Selbsterkenntnis auf, Jesus lud ein, den ersten Stein zu werfen, wer selbst ohne Sünde sei, und Zen-Meister empfehlen auch im 21. Jahrhundert: „Willst du die Welt retten, so rette dich selbst. Willst du dich selbst retten, so rette die Welt.“ Übersetzt in die aktuellen Paradigmen der Wissenschaft, Konstruktivismus und Systemtheorie, könnte dies bedeuten: Die Welt ist nur ein eigenverantwortliches Konstrukt im Kopf des Beobachters, und Bedeutung nur gefühlter Ausdruck eines Rückkoppelungsprozesses zwischen Beobachter und seiner Umwelt. Oder etwas alltagstauglicher: Die letzte Instanz für die Überprüfung von als „richtig“ wahrgenommenem Verhalten kann nur das eigene Gefühl sein … vorausgesetzt, man verfügt über das nötige „Selbstvertrauen“, einstmals von gläubigen Menschen „Gottvertrauen“ genannt. Doch genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn eben weil das eigene Gefühl durch die Konsum- und Medienindustrie kommerzialisiert ist, lassen „Navis“ und Lebensratgeber die Herzen der verunsicherten Konsumenten höher schlagen. Wer hingegen vertraut heutzutage noch auf sein eigenes Gefühl, außer Esoterikerinnen, feministische Männer und rebellierende Priester?



Weiterführende Literatur

  • Clemens G. Arvay: Der große Bio-Schmäh. Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen. Wien: Ueberreuter 2011.
  • Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München: dtv 2010.
  • Jochen Hörisch: Gott, Geld, Medien: Studien zur Medialität der Welt: Frankfurt am Main, Suhrkamp 2004.
  • Mathias Horx: Anleitung zum Zukunfts-Optimismus. Warum die Welt nicht schlechter wird. Wien: Campus Verlag 2007.
  • Andrew Newberg, Eugene d‘ Aquili & Vince Rause: Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht. München: Piper 2008.
  • Gerhard Schulze: Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde. Frankfurt/Main: Fischer 2008.