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das affenhaus

tanja paar | das affenhaus

Das Zimmer im Erdgeschoß hatten sie abgelehnt. Einhellig da noch. Zu dunkel, zu miefig, fensterlos! Die abgestandene Luft nur durch einen großen Deckenventilator verrührt, eine Zumutung.

Nur widerwillig stimmt das Management dem Zimmerwechsel zu, eine große Hochzeitsgesellschaft wird erwartet. Missmutig schleppt der Boy die schweren Koffer über die schmale Holztreppe in den ersten Stock – wo es doch hier viel schöner ist und die einstige Pracht der kolonialen Villa sich erschließt! Von der breiten Terrasse aus schweift der Blick über den tropischen Garten, die Straße samt ihrem bestialischen Baulärm ist vergessen. Fünf Stunden Fahrt über Schlaglöcher noch in den Gliedern. Die Affen springen munter von Wipfel zu Wipfel. Schau, die eine hat ein ganz kleines Baby am Bauch! Süß!

Es gibt Tee. Von den weißen Rattanmöbeln blättert die Farbe wie vom Rest des Anwesens des ehemaligen britischen Botschafters. Im Erdgeschoss treffen die ersten Gäste ein, Braut und Bräutigam sind sehr jung, er im Anzug, sie im Sari. Glücklich? Umringt von schnatternden Verwandten, in immer neuen Formationen zu Fotos aufgestellt.

 Jetzt hinauf auf die Terrasse, auch das europäische Paar wird auf ein Bild gebeten. Die hellen Haare so ein schöner Kontrast zu den schwarzen der Braut, gut zwanzig Jahre trennen sie und eine ganze Welt. Gequältes Lächeln, die Kinder setzten sich unten im Garten auf die rostige Schaukel. Die knirscht und quietscht und knirscht und quietscht.

Sie selbst hat die Ehe immer als bürgerliche Konvention verachtet. Manchmal bereut sie das. Aber auch seinen Antrag hatte sie nach kurzem Nachdenken abgelehnt. Keine Sicherheit.

Die Hochzeitsgesellschaft wird in den Speisesaal geschoben. Ob man den Tee wohl auch auf der Terrasse einnehmen könnte? Skeptische Blicke. Dem ist auch jeder Schritt zu viel bei der Hitze. Es geht dann doch. Am Silbertablett das Teekännchen, die Tassen und das Zuckerschälchen. Feinster Schwarztee, kommt ja von hier, ein Genuss.

Schau, den Affen gefällt das auch. Sind die neugierig. Über den First, trap, trap, trap, auf die Brüstung, die ganze Bande verteilt in dem überdachten Wandelgang vor den Zimmern. Ein paar Halbwüchsige, unentschlossen, der Chef vorne weg und die Mütter mit Babys im Hintergrund. Mach doch ein Foto. Schau, wie nah die kommen, wie zutraulich! 

Mit einem Satz ist er da, steht auf und ist auf zwei Beinen so hoch wie die Sitzenden. Fletscht die Zähne und schnappt sich die Zuckerdose. Sie kreischt.
Er springt auf, reißt die Arme hoch, schreit „Heh!“ In dem Moment, als der Affe nicht zurückweicht, wird ihr klar, er würde verlieren, er hatte schon verloren.

Mit ein paar gelassenen Sprüngen, die Beute unterm Arm, verschwindet der Affe über das Dach, die Meute hintendrein. Schon wieder eine Zuckerdose, sagt der Kellner, das machen die ständig. Sie sollten den Tee wirklich nur im Erdgeschoss trinken. Wortlos legt er ein paar Steine auf den Tisch. Wehren Sie sich, anders ist den Viechern nicht beizukommen, sagt der Hoteldirektor, der herbeieilt, um sich für die entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.

Später glaubt sie sich zu erinnern, dass der Affenchef zurückgekommen sei, und – es ist wirklich kaum zu glauben – die leere Zuckerdose zurückgebracht habe. Aber vielleicht hatte sie da schon das Fieber.

Die Nacht in den Tropen fällt herab wie ein Rollladen. Die Hochzeitsgesellschaft zieht sich zurück und das Brautpaar ist im Zimmer nebenan. Es ist nichts zu hören. Ob die sich überhaupt kennen? Vielleicht haben sie sich ja an diesem Tag zum ersten Mal gesehen. Vielleicht hasst sie ihn. Vielleicht fürchtet sie sich. Sicher fürchtet sie sich. Glücklich hat die ja nicht gerade ausgesehen.

Über der Terrasse ein unglaublicher Sternenhimmel. Er meint Kassiopeia zu erkennen. Über den Großen Bären ist sie nie hinausgekommen trotz streberhafter Sternenkarte. An Lesen ist bei den Moskitos nicht zu denken. Die Gliederschmerzen treiben sie zu Bett. Sie erwacht durch lautes Schreien.
Benommen aus dem Schlaf hochfahrend, braucht sie ein paar Momente, bis sie wieder weiß, wo sie ist. Es sind der Mann und das Kind, die sich wütend anbrüllen. Wie nahe dürfen die Betten aneinander gerückt werden, damit man noch aufstehen kann, ohne das Moskitonetz am Fußende hochheben zu müssen? Hört auf, seid ihr verrückt, so zu schreien? Die haben ihre Hochzeitsnacht nebenan. Die Wände sind wie Papier. Ich würde die Polizei rufen, wenn jemand so schreit. Lange sind dann nur das Schluchzen des Kindes und das Hecheln des Deckenventilators zu hören. 

Am Frühstückstisch liegt eine Steinschleuder. Der Kellner gibt die Einführung für die Gäste. Beim Affenjagen sind sie wieder ganz einer Meinung, der Mann und das Kind. Auf die Brüstung gestützt zielen sie abwechselnd auf die Tiere, die jedoch in sicherer Entfernung bleiben. Er hat sich außerdem mit einer schweren Fahrradkette bewaffnet. Das ist nicht dein Ernst, oder? Damit würdest du nicht zuschlagen.

Es passiert wohl, als das Kind enthusiastisch loszieht, um im Garten weitere Steinchen als Munition zu holen. Die Tür bleibt offen, und als sie sich wieder umdreht, steht der Affe schon im Zimmer. Zögert nur einen Augenblick, als er sie sieht, kommt auf sie zu. Die Glasflasche am Nachttisch ist das Einzige, was sie zu fassen kriegt. Instinktiv schleudert sie sie in seine Richtung. Daneben. Ein erbärmlicher Schuss, aber ausreichend, um das Tier zu vertreiben.

Keine Nacht bleib ich länger hier. Deswegen also sind die Fenster vergittert. Der erste Stock gehört den Affen. Das Fieber steigt und an ihren Fingern bilden sich Blasen, die höllisch jucken. Wenn sie nicht aufhören kann, sich zu kratzen, bluten sie. Er verbindet ihre Hände. Er tut, was er kann. Er berührt sie nicht mehr.

Das Wasser im Badezimmer kommt rotbraun aus der Leitung. Auch das Lüftungsfenster über der Dusche ist mit Lamellen verschlossen. Durch den Spalt sieht sie die Affen am Dach gegenüber. Und dass das Hochzeitspaar seinen Müll einfach hinten raus aus dem Fenster geworfen hat. Coladosen, Chipstüten, Taschentücher. 

Als sie wieder aufstehen kann, weiß sie, dass sie es nur bis zum Flughafen schaffen muss. Sind wir jetzt getrennt, fragt er. Aber sicher, denkt sie.