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die beschnittene debatte

hermann götz | die beschnittene debatte

Warum soll eigentlich nur der Körper vor religiös motivierten Eingriffen sicher sein?

Es war das Thema des Sommers 2012. Das Landesgericht Köln brachte mit seinem Urteil vom 7. Mai, das die Beschneidung von Kindern – oder fachgerecht ausgedruckt die Zirkumzision Minderjähriger – als grundrechtswidrig erklärte, eine Bombe zum Platzen. Wäre tatsächlich nur ein Konflikt zwischen dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und jenem der Religionsfreiheit zur Debatte gestanden, hätte es wohl weit weniger Aufregung gegeben. Hier aber ging es bald darum, dass ein deutsches Gericht ein Ritual kriminalisiert, das im Rahmen religiöser jüdischer Identität eine ganz wesentliche Rolle spielt. Dass der Spruch überwiegend das islamische Deutschland getroffen hätte, blieb in der Diskussion daher auch eine Fußnote. Der Hamburger Rechtsphilosoph Reinhard Merkel verwies in der Süddeutsche Zeitung umgehend auf den in Deutschland organisierten „scheußlichsten Massenmord der Geschichte“, in Österreich verglich Ariel Muzicant das Verbot mit einer „neuerlichen Shoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes … nur diesmal mit geistigen Mitteln“. 

Es ist vor dem Hintergrund solcher Argumente nur zu verständlich, dass die Causa auf politischer Ebene rasch und zu Gunsten eines Rechts (der Eltern) auf Beschneidung (ihrer minderjährigen Kinder) entschieden wurde: Am 10. Oktober 2012 wurde ein entsprechender Gesetzesentwurf verabschiedet. Entscheidend bei diesem Versuch einer Regelung ist, dass die medizinische Qualität des Eingriffs, insbesondere angemessene Narkosemaßnahmen gesichert sein müssen. Ein anderes Urteil war nicht zu erwarten, ob es ein gutes ist, lässt sich bei einem Konflikt wie diesem nicht letztgültig sagen. Und das Problem, das hinter diesem Konflikt steht, wäre auch durch einen anderen Spruch nicht gelöst worden. 

In Wahrheit war die Sache des Kölner Gerichts bereits am 7. Mai verloren. Der Urteilsspruch gegen die Beschneidung männlicher Minderjähriger offenbart nichts als die Machtlosigkeit einer laizistisch motivierten Justiz. Es wurde mit der Zirkumzision ein kleiner chirurgischer Eingriff mit umso größerer historischer Tradition und Symbolkraft zur Diskussion gestellt. Kann körperliche Unversehrtheit so wichtig sein? Die Antwort ist nicht ja oder nein – die Antwort ist: leider. Leider kann nur körperliche Unversehrtheit so wichtig sein. Die säkularisierte Gesellschaft kennt kein wertvolleres Gut als das physische, medizinisch erfassbare, das sogenannte nackte Leben. Dies offenbart sich bei lebenserhaltenden Maßnahmen in der Palliativmedizin ebenso wie in semireligiösen Ausformungen des allgegenwärtigen Körperkults – egal ob er ästhetisch motiviert ist oder durch sogenanntes Gesundheitsbewusstsein. Für jene inneren Regionen, auf die die Religion abzielt, ist die Justiz in Wahrheit aber taub, oder schlimmer: Hier ist sie unmündig. 

Und tatsächlich wird es hier so richtig kompliziert: Wer sagt, wann Religion die Seele bedroht? Wer sagt, wann die Psyche eines Kindes durch radikale und oder fundamentalistisch religiöse Erziehung Schaden nimmt? Ein Schnitt mit dem Chirurgenmesser ist leicht nachzuweisen, jeder sieht, dass er weh tut. Wer hat den Mut, seelische Deformationen zu sehen? Und zu benennen? 

Interessanterweise wird auch die Beschneidung, dieser chirurgisch wenig problematische Eingriff, vor allem mit Blick auf seine Folgen für Psyche und Lebensqualität in Frage gestellt: Kommt es zu einer Traumatisierung durch die Schmerzerfahrung? Wirkt sich das Fehlen der Vorhaut womöglich negativ auf das sexuelle Lustempfinden aus? Lustvoll wird ausgeführt, dass die Beschneidung in den puritanisch geprägten USA große Beliebtheit genoss, weil man glaubte, damit Masturbation unterbinden zu können (zuletzt etwa von Jérôme Segal in einem Gastkommentar für die Wiener Zeitung). Doch spätestens an dieser Stelle sollten wir hellhörig werden: Ist wirklich die Beschneidung das Schlimmste, was ultrakonservative US-Protestanten ihren Kindern angetan haben (und antun), oder ist vielleicht doch eher die Motivation dahinter das Problem? Und zwar samt all den anderen, ähhhm: „pädagogischen“ Maßnahmen, die zur Formung einer im radikal religiösen Sinne gesunden und reinen Psyche ergriffen wurden (und werden). Kurz: Ist die – nicht sprichwörtliche, sondern tatsächliche – Verteufelung von Sexualität für das Glück und die seelische Gesundheit eines Menschen weniger problematisch als die Entfernung eines doch eher kleinen Hautlappens? Das Gleiche gilt für den psychischen Druck, den ein übersteigerter Sündenbegriff mit sich bringt, wenn er Kinderherzen eingeimpft wird. Oder für die Drohung eines angeblich unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs. Oder für konservativ-religiöse Geschlechterbilder: Das Gesetz tritt erst auf den Plan, wenn ein Mann seine Frau schlägt (und dafür angezeigt wird). Dass der Mann aus einer heiligen Schrift ableitet, er habe das Recht dazu, wird kein Gericht verhindern. Auch nicht, dass er meint, die Frau sei ihm Untertan und daher ein Eheleben lang Gehorsam schuldig; nicht einmal, wenn er sie genau so behandelt – sofern dabei nicht ihre physische Unversehrtheit in Mitleidenschaft gezogen wird. 

Natürlich betreffen die besten Beispiele aus der oben angeführten Liste in unseren Breiten mengenmäßig (wieder einmal) vor allem muslimische Familien mit Migrationshintergrund. Und – eh klar – da kommen neben der Religion noch ein paar andere, kulturelle und vor allem sozioökonomische Faktoren ins Spiel. Doch Muslime haben hier kein Monopol, problematische radikale Ansichten gibt es auch bei Katholiken und Esoterikern, bei Evangelischen und in Freikirchen etc. Diese Ansichten haben eines gemeinsam: Man kann sie nicht verbieten. Das ist – hallo Grundrechte – auch richtig so. Doch solange die Problematik religiöser Doktrin erst wahrgenommen wird, wenn medizinische Eingriffe vorgenommen (oder verweigert) werden, bleibt jeder Laizismus ein Lippenbekenntnis – und so mancher in Kindestagen indoktrinierte Mensch auf der Strecke.