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die hochzeit meiner besten freundin

evelyn seidl | die hochzeit meiner besten freundin

Alarm im Kosovo

Im hinteren Eck meines Bades, zwischen Duschkabine und Toilette, warten zwölf mit Leitungswasser gefüllte Eineinhalb-Liter-PET-Flaschen auf ihren Einsatz. Ein Flascheninhalt reicht für eine Klospülung, zwei zum Duschen, weitere zwei zum Haarewaschen – zwei Mal schamponieren inklusive. 

Um die gewünschte Duschtemperatur zu erreichen, erhitze ich einen Teil des Wassers auf meinen beiden Campinggaskochern und fülle es zurück zum kalten. Manchmal verformen sich die Flaschenhälse dabei, das schmälert aber nicht das Waschvergnügen. Nachschub an Leergebinden ist immer garantiert, da man hier, aus hygienischen Gründen, ausschließlich Mineralwasser trinkt und auch damit kocht.

Stundenlange Strom- und Wasserlosigkeit gehören zum Leben im Kosovo, wo ich seit zwei Jahren arbeite. Planung und Organisation helfen dem verwöhnten Wienerkind, ein halbwegs normales Leben zu führen.

Mit Bedacht habe ich meine Wohnung gewählt. Zusätzlich zur Ölheizung (braucht eine elektrische Pumpe) befindet sich im zentral gelegenen Wohnzimmer ein Holzofen, der auch bei Tiefsttemperaturen die ganze Wohnung auf wohlige 23 Grad erwärmt. 

Der kleine Dieselgenerator auf meiner Terrasse betreibt bei Stromlosigkeit Fernseher, Wasserkocher und Mobiltelefonladegerät. Kerzen und Zünder liegen immer am selben Platz, um sie im Finstern sofort ertasten zu können. Zwei aufladbare, elektrische Campingleuchten helfen die Propangaskochstelle dauerhaft zu erhellen, eine Stirnlampe ermöglicht ungehindertes Lesevergnügen.

Energiesichere Heimat
Alle paar Wochen fliege ich in die energiegesicherte Heimat, diesmal zur Hochzeit meiner besten Freundin. Sie, die nie heiraten wollte, tritt kommenden Samstag vor den Traualtar. Bei meinem letzten Besuch zu Hause haben wir gemeinsam testgegessen und mit dem Standesbeamten die Details der Trauungszeremonie besprochen. Ich werde als Brautjungfer, Visagistin und offizielle Hochzeitsfotografin fungieren!

An meine morgige Abreise und das schöne Fest denkend, öffne ich ein rot blinkendes Mail unseres Sicherheitschefs. Solche Mails sind selten, bisher gab es keines, der Inhalt lässt das Herz sinken. Alarmstufe zwei von drei. Im ganzen Land werden Gebäude abgefackelt, wir haben uns in Sicherheit zu bringen, oder, wenn wir uns an einem sicheren Ort befinden, diesen nicht zu verlassen und auf weitere Anweisungen zu warten. Eine Liste mit entsprechenden Standorten ist angeführt, Genaueres über die Lage im Land nicht. 

In unserem Bürohaus, ausgestattet mit einem Monstergenerator, der sogar den Liftbetrieb garantiert, einer Kantine und genügend Müsliriegel in der Schreibtischschublade, bin ich bestens aufgehoben. 

Vorsichtig luge ich aus dem Fenster, kann aber nichts Verdächtiges entdecken. Allerdings wird es im Haus unruhig. Manche Kollegen reagieren panisch und wollen nach Hause zu ihren Familien, andere sitzen apathisch herum, fast alle wechseln zwischen hektischem Drücken ihrer Mobiltelefontasten und anschließendem Horchen am Gerät. Sie scheinen nicht zu begreifen, dass sie damit das ohnehin schon überlastete Netz noch mehr in den verbindungstechnischen Abgrund befördern. 

Verwundert mache ich mich vom ersten in den fünften Stock auf, um mit meiner deutschen Freundin – in ihrem Büro – die Lage zu bequatschen. Zu Fuß, über die Treppe, während andere in den völlig überfüllten Aufzügen auf und ab fahren, wird mir klar, dass bei einem größeren Zwischenfall alles außer Kontrolle geraten wird. Meine fünfte Stock Freundin begegnet mir im dritten, sie ist gerade auf dem Weg zu mir. Gemeinsam schnaufen wir zur informellen Lagebesprechung in die Kantine im sechsten Obergeschoß. 

Von den Panoramafenstern hier sieht man Rauchfahnen am Stadtrand aufsteigen. Aufgeregte Kollegen huschen von Tisch zu Tisch und erzählen Schauergeschichten von in die Luft gejagten Autos und angezündeten Wohnungen internationaler Mitarbeiter. Bürgerkriegsähnliche Szenarien werden heraufbeschworen, Marlies und ich trinken Kaffee und bewahren eisern Ruhe. Genau wie ich, hat sie, nach Erhalt des roten Blinkmails, ihr noch nie benutztes, aber immer betriebsbereites Funkgerät aus der Schreibtischschublade geholt, gemeinsam lauschen wir dem Krachen aus den schwarzen Riesengeräten. Wir verfolgen einen Mitarbeiteraufruf zur Teilnahme an der Evakuierungs-Task-Force, unsere Namen sind dabei. In der Sicherheitsabteilung im Erdgeschoß angekommen, erfahren wir, dass es keinen Evakuierungsplan gibt, um alle Mitarbeiter im Ernstfall in ein sicheres Nachbarland zu bringen. Es gilt, diesen schnellstens zu erarbeiten. Die Hektik ist verständlicherweise groß, wer will schon Verantwortlicher ohne Plan sein!

Notfallsprozedere
Marlies und ich bleiben gelassen, werden wir doch morgen Mittag ein Flugzeug nach Wien besteigen. Ich, um an einer Hochzeit teilzunehmen, sie, um nach Berlin zu ihrer Familie weiterzureisen. Außerdem gehören wir nicht zur Führungselite dieses wunderbaren Ladens, sondern lediglich zum vitalen, administrativen Apparat. Sie im Finanz-, ich im IT-Bereich.

Da bei größeren Unruhen von einer Flughafensperre auszugehen ist, wird eine Evakuierung über den Landweg ins Auge gefasst. Fahrzeuge, Menschen, technisches Equipment und wichtige Papiere müssen mitgenommen, ein Zielort, der „Sichere Hafen“, in einem Nachbarland bestimmt werden. Teams von sechzehn Personen werden zusammengestellt, jeder hat bestimmte Funktionen zu übernehmen. 

Je nach Sicherheitslage beginnt die Evakuierung in frühestens drei Tagen. Ich werde gebeten, eines der Teams zu leiten. Meine Gelassenheit ist mit einem Schlag dahin, in drei Tagen ist Hochzeitstag und anstatt Brautjungfer und Fotografin werde ich Evakuierungsteamleiter sein? 

So konstruktiv wie möglich beteiligen Marlies und ich uns an den Gesprächen und hoffen, dass sich die Situation über Nacht beruhigen wird und wir doch noch, wie geplant, abfliegen können!

Auch wenn die Stromversorgung in unserem Gebäude funktioniert, der Rest des Landes ist stromlos und viele unserer Kollegen nicht erreichbar. Die Funkgeräte, die jeder verpflichtend mit sich führen sollte und die immer funktionieren, hat kaum jemand dabei. Kleine, SMS verschickende, Mobiltelefone erschienen uns allen viel praktischer als die halbkiloschweren, stets krachenden Dinger. Der zuständige Funkgerätetechniker schäumt vor Wut, hätte er doch ein fix-fertiges Notfalls-Kommunikationsprozedere. 

Gegen 21 Uhr ist unser Evakuierungsplan weit gediehen, die Gruppeneinteilung fertig, der sichere Hafen definiert, es wird auf morgen vertagt. Marlies und ich schnaufen zurück in den sechsten Stock, um Abend zu essen. Durch die Panoramafenster sind keine Rauchfahnen mehr zu erkennen, ungefähr hundert Männer marschieren grölend an unserem Bürogebäude vorbei, ignorieren dieses und verschwinden wieder.

Mittlerweise ist es 22 Uhr, in der Kantine dösen Menschen auf Stühlen, manche haben sich am Boden zusammengerollt, die Stadt draußen wirkt vollkommen ruhig. Da mir nicht nach Übernachtung im Büro ist und es auch keine Anweisungen diesbezüglich gibt, beschließe ich, den Sicherheitschef selbst zu konsultieren. Marlies entscheidet, dass sie keine Pyjamainstruktionen braucht, und nimmt das Angebot ihres Assistenten an, sie im Privatauto nach Hause zu bringen.

Im Erdgeschoß finde ich einen Diensthabenden am Funkgerät. Wo sich der Rest der Mannschaft befindet, weiß er nicht. Ich erkundige mich, ob einer unserer Chauffeure mich nach Hause bringen könnte. Der kluge Mann schlägt vor, eines der zahlreichen, vor unserem Gebäude wartenden Taxis zu nehmen, sollten die Protestierer tatsächlich internationale Mitarbeiter anzünden wollen, wäre ich in einem offiziellen Firmenauto eher angreifbar. Gut durchdacht!

Das Taxi bringt mich zwischenfallsfrei nach Hause, ich schlafe gut, am nächsten Morgen werde ich, wie immer, von einem Chauffeur abgeholt. Nach zwei Stunden ist der Evakuierungsplan fertig, ich hoffe auf fortgesetzte Ruhe und einen morgigen Flug nach Wien. Die Straßen sind wie leergefegt, laut Polizeifunk verstärken sich die Unruhen, Flughafen und Grenzen werden gesperrt, eine allgemeine Ausgangssperre verhängt, die Situation ist angespannt. In der näheren Umgebung ist nichts zu sehen, Radio- und TV senden seit gestern die gleichen Berichte und Bilder, jeder von uns hat eine kleine Reisetasche mit allem Notwendigen dabei, um bei Bedarf sofort das Land verlassen zu können. Mit der Erstellung von Inventar-, Personal-, Versicherungs- und sonstiger Listen vergeht der Tag wie im Flug, die Nacht gleicht der vorhergehenden.

Am Freitag beruhigt sich die Lage, wir hoffen auf baldige Reisefreiheit.

Samstag, pünktlich um vierzehn Uhr feiere ich die Hochzeit meiner besten Freundin bei Kaffee und Kuchen, im sechsten Stock, mit Marlies!

Flugbetrieb ist ab morgen, per SMS erfahre ich, dass zu Hause alle an mich denken und man mir ein Stück Hochzeitstorte einfrieren wird!