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die kakerlakenbutterbreze

bernhard horwatitsch | die kakerlakenbutterbreze

Ob Mäusekot, ACTA oder Bio: Wir finden Trost in Koprolithen.

Als ich neulich wieder einmal über einen Lebensmittelskandal in der Zeitung las, wollte ich es etwas genauer wissen. Nach Gammelfleisch, Dioxin-Eiern oder Antibiotika-Hühnchen waren es diesmal Kakerlakenbrötchen. In Neufahrn, Nahe Freising, musste man eine Bäckerei-Fabrik von Müller-Brot schließen, weil man dort Mäusekot und Kakerlaken in nicht mehr tolerierbaren Mengen vorfand. Man hatte die Firma ja schon öfter darum gebeten, sauberzumachen, aber es hatte irgendwie nie geklappt. Nun wurde sie dichtgemacht. Offen waren immer noch die einzelnen Bäckerei-Filialen. Ich ging daher aufmerksamer durch die Straßen, weil ich es – wie gesagt – genauer wissen wollte. Aber die Passanten hatten – so mein Eindruck – genauso viel Müller-Brot-Tüten unterm Arm wie vor der Zeitungsmeldung. Lasen die Leute keine Zeitung mehr? Oder waren sie schon so abgestumpft, dass sie solche Skandale einfach nicht mehr mit ihrer eigenen Ernährung in Zusammenhang brachten? Es gibt vielleicht noch einen anderen Grund: Müller-Brot hat, zumindest in München, ein gewisses Monopol. Nahezu in jedem Viertel ist Müller-Brot die am nächsten gelegene Bäckerei. Nur wegen ein paar Kakerlaken 200 Meter weiter zu Zöttl gehen? War das schon zu mühsam? 

Ich sollte einem Kollegen eine Butterbreze mitbringen und kam tatsächlich an einer Müller-Brot-Filiale vorbei. Vor wenigen Tagen wäre ich noch umstandslos und nichtsahnend reingegangen. Jetzt blieb ich kurz stehen und konnte mich nicht entschließen. Die Butterbreze wäre ja nicht für mich gewesen. Nur für meinen Kollegen. Aber dann meldete sich doch mein Gewissen und ich ging weiter, langsam, recht nah an der Eingangstür vorbei. Vorbei, aber nicht rein. Nun suchte ich doch eine ganze Weile nach einer anderen Bäckerei. Einige Straßen weiter, mehr durch Zufall, fand ich eine kleine Bäckerei. Nach dem Namen dieser Bäckerei habe ich gar nicht gesehen, nur dass es nicht Müller-Brot ist, darauf achtete ich sehr. Ich fragte die Verkäuferin verunsichert, ob es bei ihnen Butterbrezen gebe. Ich hatte mich schon auf eine negative Antwort vorbereitet und überlegte, was ich meinem Kollegen als Ersatz mitbringen könnte. Aber zu meiner Überraschung sagte sie wie selbstverständlich „ja sicher“, ging kurz in einen Nebenraum und kam mit einer frischen Butterbreze zurück. Noch überraschender! Sie war sogar einige Cent günstiger als die Kakerlakenbutterbreze. 

Stolz übergab ich meinem Kollegen die Butterbreze mit den Worten: „Garantiert kakerlakenfrei“. 

Die Fabrik ist immer noch dicht. Es hat sehr lange gedauert, sie zu schließen, obwohl der zuständige Landrat lange über die Verhältnisse dort informiert war. Aber es wäre nicht wirklich opportun gewesen für ihn, eine Fabrik zu schließen, die immerhin 1.300 Arbeitsplätze schafft. Also wurde die Bevölkerung lieber vergiftet. Lieber Kakerlaken und Mäusekot fressen, als keinen Arbeitsplatz zu haben.

Es ist nicht einfach, sich in dieser hypermodernen Welt zurechtzufinden. Zumindest, wenn man sich gesund, oder wenigsten nicht von Dioxin, Mäusekot oder Kakerlaken ernähren will. Vor wenigen Tagen aßen wir das alles noch. Und wir essen es weiter. Vielleicht nicht mehr alle, aber doch erstaunlich viele. 

Noch schwieriger wird es, wenn wir einen Level höher gehen und auch noch auf das Label „biologisch“ Wert legen. Darüber äußert sich der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer inzwischen sehr skeptisch. Udo Pollmer hat ja im Deutschland Radio Kultur seine eigene Sendung, wo er uns darüber aufklärt, wie unser Essen hergestellt wird, ab wann es wirklich gesund ist und welche Rezepte es dazu gibt. „Man muss nicht alles ernst nehmen, was Experten sich ausdenken“, sagt der Ernährungsexperte Pollmer gerne.

Und jüngst hörte ich ihn in einem Interview, wie er mein biologisches Bewusstsein zum Wunschdenken erklärte. Er redete dabei wie ein langgedienter Ökonom. Denn Biowirtschaft, so Pollmer, ist eine Kreislaufwirtschaft. Um biologischen Käse, biologische Milch etc., zu erwirtschaften, braucht man sehr viele Tiere. Also ist jeder Vegetarier eine Art Parasit, der es den anderen überlässt, das Fleisch zu konsumieren, ehe es gammlig wird. Denn der Biobauer will ja auch das Fleisch restverwerten, sonst hat er auf dem Markt selbst mit Subventionen keine Chance. Der Markt! Mal wieder ist er unser Parameter schlechthin. Denn es gilt, so Pollmer, nicht nur ein paar kritische, Grün wählende und um ihren Nachwuchs besorgte Mütter und deren Kinder zu ernähren, sondern die ganze Menschheit. Und das sind – Frau Merkel hat es uns in ihrer Silvesteransprache 2011/12 anschaulich vorgerechnet – sieben Milliarden und ein paar Zerquetschte. Ziemlich viel. Um die alle zu ernähren, so nun wieder Herr Pollmer, bedarf es einer hohen Effizienz. Dies aber gelinge dem Biobauer heute nicht. Ohne moderne Technologie würde die Herstellung von Nahrung nicht nur teuer, sondern auch sehr umweltbelastend werden. Das ist ein tragischer Sachverhalt. Biologisch hergestellte Nahrung ist nicht effizient genug und verpestet damit unsere Umwelt. 

Wenn ich nun meine geliebte „vegetarische“ Fertigpizza für drei Euro im Discounter kaufe, weiß ich, was ich habe: Nichts. Aber effizient.
Verwirrend. Und ohne überqualifizierten Sachverstand einfach nicht mehr zu begreifen. Oder um mit Ilija Trojanows letztem Buchhelden Zeno (aus dem Roman Eistau) zu reden: „Was mich tröstet? Dass vom Menschen nichts übrigbleiben wird außer einigen Koprolithen.“
Also doch Mäusekot?

Borromäischer Knoten

Leider ist unser hypermodernes Leben nicht nur in Fragen der Ernährung sehr kompliziert geworden. Jüngst bekam ich von einer Bekannten eine E-Mail, in der ich aufgefordert wurde, zu einer Demonstration mitzukommen. Es ging um ACTA. Ich hatte den Begriff zum ersten Mal gehört und recherchierte nach.

Dabei stieß ich auf eine 44 Seiten dicke PDF-Datei, die zum größten Teil aus Andeutungen besteht, Andeutungen, die auch für gelernte Juristen nicht mehr als Andeutungen – für was auch immer – sind. Oder um es mit dem ehemaligen Verfassungsschützer Peter Frisch zu sagen: „Die Akte ACTA ist das Objekt klein a im Zentrum des borromäischen Knotens.“ Herr Frisch war ja neulich bei Herrn Jauch zu Gast. Günter Jauch wollte von ihm die Wahrheit wissen. Von einem Geheimdienstchef! Aber Herr Jauch ist wenigstens ein netter Kerl. 

Frau Leutheusser-Schnarrenberger, Deutschlands liberaler Restbestand, meinte, sie hätte ACTA gelesen und insgesamt sei das schon ganz in Ordnung, da könne nichts passieren und man würde das nun ratifizieren. Kurz nach den ersten heftigen – sehr analogen – Protesten der Netzgemeinde, meinte Frau Leutheusser-Schnarrenberger, dass ACTA einige Ungereimtheiten enthalte, und forderte mehr Transparenz. Die Proteste wurden nicht weniger und schließlich wurde ACTA ad acta gelegt, also – zumindest vorerst – nicht ratifiziert. Im weitesten Sinne geht es bei ACTA um das Urheberrecht. Doch ACTA regelt da eigentlich gar nichts. Denn es ist bereits verboten, sich Musik aus dem Netz zu laden, die geschützt ist, und für die man im normalen Laden bezahlen muss. Mit ACTA kommt die Empfehlung an die Länder, nicht nur die Endverbraucher zu bestrafen, wenn sie klauen, sondern nach der „Three-Strikes-Regel“ (beim dritten Mal wird draufgehauen bzw. die Seite vom Netz genommen) auch den Anbieter von geklauten Dateien. Und dazu müsste der Provider eben Daten sammeln und die Anbieter im Netz bespitzeln und letztlich auch den Endverbraucher. Aber es geht dabei nicht um Überwachung. Das ist nur Mittel zum Zweck. Denn grob gesprochen: Warum sollten irgendwelche Schlapphüte (die sowieso nichts kapieren) irgendwelche pickligen Nerds (die wohl auch nichts kapieren) beim Chatten beobachten? Das macht keinen Sinn. Und wenn zwei Gruppen, die beide nichts kapieren, einander beobachten? Das ist bestenfalls Realsatire. Wie wir es ja im Falle der NSU-Affäre bereits erlebten.

Nein. Es geht darum, abzuschöpfen. Schutz des geistigen Eigentums? Da geht es per se darum, dass Wissen künstlich verknappt wird, um es zur Ware machen zu können. So, wie man auch andere Waren, ganz materielle Waren künstlich verknappt, um abzuschöpfen. Rendite. Das ist Magie, der Zauber unseres Systems. Es geht nicht um unsere Diskussionsfreiheit. Wir dürfen, wir können, wir sollen sogar diskutieren, wie wir lustig sind. Nein! Es geht auch bei ACTA nur um die Verwertung.

Facebook macht das doch schon lange. ACTA ist für Marc Zuckerberg Schnee von gestern. Und da kommen die Piraten (die alle ihren Facebook-Account haben) und kreischen: „Der Staat will uns überwachen!“ Ich scheiß mich an. Das ist doch doof wie Brot.

Unbezahlte Reproduktionsarbeit

Im Ernst: 50 Prozent – nach UN-Schätzungen – des globalen Reichtums werden als unbezahlte Reproduktionsarbeit erbracht! Meist von Frauen. Hier geht es um Privilegien. Die Software-Programmierer? Weiß, jung und männlich. Privilegierte. Warum sollen die eigentlich nicht überwacht werden? Hätte man Bill Gates nur rechtzeitig überwacht! Dann wäre viel Müll gar nicht erst auf den Markt gekommen. Das Urheberrecht war immer schon eine Institution des kapitalistischen Privateigentumssystems. Es geht nicht um Zensur. Es geht wie immer darum, abzuschöpfen. 

Ob Mäusekot, ACTA oder Bio! It sells ist die Devise. Vergiftet und überwacht in den Reichtum.

Verwirrend ist es dann eigentlich nicht mehr. Es ist einfach. „Simplex ratio veritatis“, sagte Cicero: Einfachheit ist das Wesen der Wahrheit. „Die Wahrheit ist konkret“, sagte wiederum Lenin. Beide Herren waren zweifelsfrei klüger als ich. Die hatten also leicht reden. Für mich als einfachen Bewohner dieses Planeten, lohnabhängig, verwirrt und stets bedroht von winzigen Tierchen, die mich töten könnten, für mich ist diese Wahrheit nicht einfach, sondern schlicht schwer zu verdauen.