schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 24 - aber sicher ein badezimmer für sich allein
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/24-aber-sicher/ein-badezimmer-fur-sich-allein

ein badezimmer für sich allein

christoph dolgan | ein badezimmer für sich allein

Fiction ist wie ein Spinnennetz, wenn auch nur ganz leicht befestigt, so doch an allen vier Enden dem Leben verbunden. (Virginia Woolf)

Als er das Badezimmer zum ersten Mal benützte, ohne die Tür hinter sich abzuschließen, wusste er, dass er die Wohnung in Besitz genommen hatte: „Ich bin angekommen.“ (Und die Falten im Toilettenpapier, dachte er, wenn die Rolle zu Ende geht, haben kein Alter.)

(Raum, den man hinter sich abschließen durfte, ohne „Aufsehen“ zu erregen: War die Möglichkeit, die Tür hinter sich zu schließen, eine Möglichkeit zur „Freiheit“ oder eine Drohung der Gefangenschaft? Und der Verzicht darauf? Machte er sich etwas vor?) Er drehte den Hebel, der anstelle des Schlüssels die Badezimmertür öffnete und schloss, sah zwischen Tür und Angel zu, wie in dem Halbbogen an der Außenseite der Blende das Wort „Frei“ (auf grünem Hintergrund) und das Wort „Besetzt“ (auf rotem Hintergrund) einander abwechselten. Er übersetzte für sich: „Freiheit“ und stockte. Leitete sich das Wort „Besetzt“ von „Besitz“ her oder von „Sitz“? War das Gegenteil von Freiheit die Besessenheit (von Besitztum) oder die Sesshaftigkeit?

Immobilität, dachte er, so oder so: Verankert-Sein und die Katatonie eingerollter Igel. (Ging die Erfahrung der Angst der Sicherheitsgebärde voraus? War Absicherung möglich, gab es ein Verlangen nach ihr, ohne dass Sicherheit je fragwürdig geworden wäre?) Als er die Badezimmertür nicht hinter sich abschloss, das erste Mal und die weiteren Male, blieb ein Gefühl in ihm zurück. Der Rest eines Gefühls. Wie: Mulm in den Stämmen der Gefällten.

Das Badezimmer war ihm die Behausung, das „Drinnen“ schlechthin: Vier Wände, die vier waren, die Wände waren und … unumstößlich. (Drei der vier Wände waren „tragende“ Mauern: Er lehnte sich mit dem Rücken an sie und empfand weiter nichts. An der vierten, der Zwischenmauer, waren links neben der Tür weiße Klebereste von Plastikhaken zu sehen. An den Ecken hatte jemand versucht, sie abzulösen. Ein unbekannter Fingerabdruck im Klebstoff.) Es war der kleinste Raum der Wohnung. Ein „zusammengekauerter“ Raum, dachte er, ohne Öffnung zur Welt, sobald der sich für „Besetzt“ entschied. (Würde ihm die Decke auf den Kopf fallen? Oder würde die Enge ihm Halt bieten?) Das kleine Fenster in Kopfhöhe war aus Milchglas: Es aufzumachen schien ihm wie Verrat. Blicke waren ausgesperrt, der Andere war eliminiert. (Dagegen, dachte er, die Sicherheit der Paranoia: „Solange ich gesehen werde, solange ich unter Beobachtung stehe, bin ich noch.“ Und die unvorstellbare Einsamkeit, wenn plötzlich alle – wie auf Kommando – wegsehen: „Ich bin verloren gegangen.“) Im Badezimmer war das Alleinsein legitimiert. Im Badezimmer war das Fehlen des Anderen selbstverständlich. Und das erzwungene Alleinsein, dachte er, bewahrte einen vor der Einsamkeit, vielleicht. (Einer der weißen Klebereste hatte die Form einer Hand. Der Daumen fehlte, das Greifen wurde schwerer.)

Zwischen dem Spülkasten der Toilette und der Wand hatte eine Spinne ihr Netz gebaut und sich in einer der Ecken verkrochen. Spinnen, sagte man, seien ein Zeichen für ein „gutes Raumklima“, aber Spinnennetze, dachte er, waren allzu billig in ihrer symbolischen Ambivalenz: Die Fliege, die sich darin verfing, lief ständig Gefahr, gefressen zu werden. Und konnte sich doch sicher wissen: Sie war vor dem Absturz gefeit.

Und die Sicherheit der Zwangsneurose, dachte er: Alles im Badezimmer hatte seinen Platz, es war der strukturierteste aller Räume. (Ordnung, die keine Lücken ließ.) Die Seife in die Seifenschale, die Handtücher auf die Haken, die Brause in die Halterung, Zahnbürste und -pasta in den Becher, den Deckel auf die Brille, die Pflaster auf die Ferse. („Zwangsverordnung.“) In der forcierten Zwanghaftigkeit fand er die Sicherheit der Alltagsrituale. („Ich kämme mir zuerst die Haare, erst dann putze ich mir die Zähne.“ – „Die Badesalze sind nach Farben sortiert.“ – „Beim Rasieren beginne ich immer mit der Oberlippe.“ – „Ich reiße das Toilettenpapier exakt an der Prägung ab.“) Formation selbst noch an den Wänden. Ein quadratisches Koordinatennetz aus Fugen. Gnadenlose Perfektion. Doch schon die Farbe, dachte er, dort, wo die Fliesen enden, ist Dispersion: Zerstreuung und Verausgabung. Gesetzlose Entropie. (Und die Gedanken manchmal unter der Dusche: Sie werden weggeschwemmt, sie sind der letzte Dreck.)

Zugleich: Das standardisierte Inventar standardisierte die Handlungen, den intimsten und individuellsten Tätigkeiten war kein Raum für individuelle Facettierung gegeben. („Wir urinieren, wir ‚pflegen‘ uns im Gleichschritt.“) Mochten die auf die Flakons und Tuben etikettierten Namen sich auch unterscheiden, sie waren einander gleich. (Selbst die in die Deckel geprägten Ablaufdaten glichen sich einander an.) 

Der Geruch des Handtuchs: Er war sein eigener, aber er konnte sich nicht in ihm „finden“. Oder verlieren. Das Wasser, das im Abtrocknen einen momentlang an der Grenze zwischen seinem Körper und dem Handtuch verharrte: Es kühlte aus, es ließ ihn frieren. Und das Paradox des Handtuchs: Das dreckig wurde, obwohl es immer nur von frisch gewaschenen, sauberen Händen berührt wurde.

Der Andere im Badezimmer war Ausnahmezustand: Jede Begegnung war zufällig und versehentlich und … unmittelbar erotisch. (Die Badezimmertür durfte kein Schlüsselloch haben, dachte er. Jeder Blick wäre Schlüssel-, jeder Blick wäre Schlüssellochszene.) Jede Berührung im Bad zählte doppelt, jede Berührung griff unter die Haut. (Jede Tätigkeit überhaupt, zu zweit in einem Badezimmer, wurde doppeldeutig: Das Nicht-Eindeutige, die Unmöglichkeit, sich Gewissheit zu schaffen, warf einen unheimlichen Schatten. Die feuchten Fußabdrücke z. B., in die er versehentlich trat: Warum fühlte er sich in ihnen wohler, als in den eigenen? Und zugleich verunsichert und „wie ertappt“?) Noch die Zahnseide, gespannt zwischen den Händen des Anderen, wurde bedeutend, zu einem unmöglichen Versprechen. Und der Schatten, dachte er, wurde grotesker. Der Rest von unüberwindlicher Fremdheit und Drohung (wie: Tod-Botschaft), die den Anderen zum Anderen machte, wurde im Badezimmer deutlicher, die Angst, dass der Andere denke mochte, was er über ihn dachte. (Die Badezimmerwände gaben keine Antwort: Ihr Raster war ohne Echo – und diffundierendes Schweigen.)

Auf einer der schwarzen Fliesen befand sich ein Kalkfleck, den er trotz aller Bemühungen nicht abwischen konnte. Ein Tropfen Kondensmilch, dachte er, im Haar Kleopatras, „Lusttropfen“.

Ort, dachte er weiter, an dem er sich gegenübertreten musste. Spiegelkabinett und der Zwang, sich selbst zum Objekt zu nehmen (ohne Umweg über den Anderen: Er ließ seine Hand über den an der Tür hängenden Bademantel gleiten. Er war noch feucht und der weiße Kragen hatte einen grauen Schimmer. Wie viel Phantasie, wie viel … Wahnsinn war nötig, um in dem Stoff die Haut eines Anderen zu erkennen? Und sich von ihr wärmen zu lassen?) Das zwingende, erzwungene „Erkenne-dich-selbst“ im Badezimmer und seine haptische Konkretisierung: „Berühre dich selbst“. Ort unverfänglicher Nacktheit, autarker Intimität, erlaubter Selbstberührung. (Der Zug der Zeit war Rückzug, dachte er, in den Igelsolipsismus, und dieses „Ich“, das er dabei erkennen musste, war das Sandkorn, das die Muschel würgen ließ: Der unbehauste Mensch (H. E. Holthusen) war ein unbeleibter Mensch geworden.) Die Selbstberührung war Antizipation, zielte auf die Zonen der „Vor-“ und „Nach-“ und „Unlust“, war ständiges Regressionsangebot: „Gefahr“, sobald er ihm nachgab. Die Haut, im Schutz des Ungesehenen, war ganz als Haut und ohne Verzögerung oder Bestimmtheit gegeben. Ein undifferenziertes Ensemble erogener Zonen, polymorph und zu jeder Perversion bereit. („Erst die Innenansicht der Haut, allein das Tasten im ‚Subkutanen‘, und die Sauerei, die davon zurückbleibt, an den Wänden.“) Die Wiederentdeckung des Mundes jenseits des Sprechens, die verzögerte, die hinausgezögerte Mundhygiene. (Die nagenden Erinnerungen an das erinnerte Nagen waren nicht auszulöschen.) „Sphinkterkontrolle“, die absolute Herrschaft, d. h. das absolute Spiel mit dem Ausscheiden. Die Badewanne, in der das Badezimmer sich im Kleinen verdoppelte. Pränatales Vollbad und die Erkenntnis: Sicherheit war halluzinatorisch, ein Ort völliger Sicherheit ermöglichte auch die totale Infragestellung. Ort darum auch der verpönten Selbstberührung, Ort der Entleibung und des potentiellen Hand-an-sich-Legens: Der Medikamentenschrank und sein Versprechen der Überdosierung, die Rasierklingen in Reserve („im Talon“), der ins Wasser gekippte Föhn, das Wasser selbst, über den Wannenrand laufend. (Im Bad, dachte er, war das ungezähmte Wasser zu erahnen, der Wasserrohrbruch unter dem dünnen zivilisatorischen Innenputz. Und der Schutz dagegen zwischen Sonderangebot und Winterschlussverkauf.) Es war nicht gut, sich zu lange in Badezimmern aufzuhalten.

Bei geöffnetem Fenster begann das Spinnennetz zu zittern. Kaum wahrnehmbare Vibrationen liefen durch die „tragenden“ Fäden. (Wie viele von ihnen durften reißen, ehe das Netz verloren war? Wie viele Fliegen konnte es fassen?) Er setzte sich neben die Kloschüssel, den Kopf gegen den Spülkasten gelehnt und hörte gebannt auf das leiser werdende Summen der gefangenen Fliege. Sie hatte jetzt nichts mehr zu befürchten, sie hatte ihren Ort gefunden.

Es war nicht gut, sich zu lange in Badezimmern aufzuhalten, dachte er, weil das Drinnen sich zum Draußen umstülpte. (Weil der Schmerz, auch der körperliche, und weil die Angst, auch die körperliche, von der unüberwindlichen Ambivalenz der Wirklichkeit herrührten. Und „Ambivalenz“, dachte er, und dass selbst die Hölle ein präambivalenter Ort war.) Die eingeforderte Reinheit war immer auch Reinlichkeitserziehung und somatische Verdrängung, d. h. Spurenvernichtung. (Die „Bremsspuren“ in der Muschel, die eingetrockneten Spritzer von Zahnpasta und Rasierschaum, der unsichtbar-weiche Teppich aus Epidermisschuppen, der bleiche Handabdruck an der Zimmerdecke, von dem er nicht sagen konnte, wie er dort hingekommen war.) Die Spuren der Reinigung mussten gereinigt werden, und nur im einzelnen, verharrenden Schamhaar zwischen den Teppichfasern widersetzte sich der Körper noch der Auslöschung. Wie viele kleine Tode starb man im Badezimmer? Wie viel Tod war der Regression beigemischt? Ort des Abschieds von sich: des Ausscheidens nicht nur der Körpersekrete, sondern auch der Körperteile. Er dachte an all die Haare, die er sich ausgerissen, an all die Hand- und Zehennägel, die er abgeschnitten und entsorgt hatte, als gingen sie ihn nichts mehr an. (Er dachte: Der abgeschabten Hornhaut fühle ich mich verpflichteter als meinem Spiegelbild.) Er dachte an das Badewasser, das Teile von ihm forttrug und nur die Schmutzränder am weißen Plastik zurückließ, an die Erfahrung des Nichts:

Das erste, an was ich mich erinnere, ist der Schrei, den ich ausstieß, als man mich in einem Waschbecken badete und als plötzlich der Stöpsel herausgezogen wurde und das Wasser unter mir weggurgelte. (P. Handke)

Der Abfluss war der dunkle Fleck des Badezimmers, das definitive Memento mori, seine Wahrheit: „Nichts hat Bestand.“ Der Abfluss war das psychotische Loch im Realen (J. Lacan), das Eichenblatt auf der Siegfriedschulter, der Wiederauftritt des Vampir-Anderen, der ihn auf-, der ihn aus der Welt saugte. Der Abfluss war nicht verschließbar, war die sich selbst versichernde Unsicherheit, d. h. „Unsicherheitsventil“: Wie Bauch, dachte er, wie Nabel im Bauch, an allen Enden dem Leben entbunden.

(Und noch nie, dachte er, hatte er es erlebt, dass eine Spinne ihr Netz über dem Abfluss gebaut hätte.)