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ein sterbender schneemann

roman marchel | ein sterbender schneemann

Es war Samstag, die Kirchenglocken würden bald Mittag läuten, am Himmel trat die weiß-glosende Scheibe der Februarsonne über ihre Ränder. Es war jener Glanz, den auch der Quecksilberbalken des Fieberthermometers zeigte, vor dem die Großmutter seit Monaten die Augen zusammenkniff. Als sie jetzt das zum Lüften geöffnete Fenster wieder schloss, bemerkte sie, dass die grünen und roten Tupfen des Vorhangmusters den kahlen Kirschbaum in die Farben des Frühsommers kleideten. Sie fragte sich, warum sie den Pfarrer nicht früher gerufen hatte und wartete ungeduldig.

Vor dem Haus stand seit zwei Tagen ein Schneemann, den die Enkelin dort als Wächter aufgestellt hatte. Er trug den Hut des Großvaters und schmolz langsam dahin. Heute Morgen, vor der Schule, hatte sie ihm noch ihren Schal um die bereits recht dürftigen Schultern geschlungen. Jetzt saß sie im Bus, der sie nach Hause bringen würde. Die Luft war schlecht, ein Gemisch aus verschiedenen Haarfestigern und Parfums, aus heißem Leberkäse und süßem Senf. Müde hatte sie die Wange gegen die Scheibe gelehnt, die Schneefelder draußen zeigten braune Erdflecken. Sie war zwölf, sie wusste, der Frühling würde kommen, aber noch sah es aus, als hätte die Landschaft eine tödliche Krankheit.

Im Dorf machte sich der Pfarrer in entgegengesetzter Richtung auf zu demselben Ziel. Auf dem Kirchplatz fehlten die Tauben, die sonst gern auf dem steinernen Adler des Kriegerdenkmals saßen. Wie einen Flügel hielt er sich schützend die linke Mantelseite vor das Gesicht und zündete eine Zigarette an. Unterwegs grüßte er zwei Frauen, die Friseurin und ihre letzte Kundin, die gerade zur Tür hinaus begleitet wurde. Er deutete an, dass der Herr wohl einen seiner Lieben zu sich rufen werde, die Kundin nickte langsam und schwer unter der frischen Turmfrisur (würde sie bis zum Begräbnis halten?), mit der Hand auf dem Busen seufzte die Friseurin. Schneller ging er jetzt weiter. Als er klingelte, warf der Schneemann seinen Besen als grimmige Pranke vor die Eingangsstufen. Die Sonne stand freilich zu hoch, als dass er den Schatten des Pfarrers hätte erreichen können.

Der Großvater war im Sterben. Wir können nicht sagen, was in ihm vorging, in seinen letzten Stunden, doch mögen ein paar kleine Anmerkungen insofern hilfreich sein, als sie – sollten sie auch sein Denken und Fühlen nicht auf den Punkt treffen – zumindest den Hintergrund abgeben könnten, das Schmelzwasser, in dem ein Mensch nach Luft und Hilfe strampelt, bevor er zur Ruhe kommt und endet.

Nur zwei Mal in seinem Leben hat sich der Großvater entschuldigt, wenn man das Leben – wie er es tat – als das Erwachsenenalter begreift (in Kindheitstagen mochte das schwere Wort wohl öfter über die bebenden Lippen gekommen sein, wenngleich allermeist nicht freiwillig, so viel legte selbst die blasse Erinnerung an seinen Vater nahe, eine Erinnerungswelt, die aber rund um das Vaterbild ein Schleier war, der Vorhang einer Studioaufnahme, dessen Falten jede Möglichkeit einer Aussage, etwa hinsichtlich konkreter Umstände, verschluckten). Das Erwachsenenalter also als eigentliches Leben, als der auch dem Kind schon oft in finstere Aussicht gestellte Ernst des Lebens, sei der Durchrechnungszeitraum, der hier zur Anwendung kommen soll, beginnend freilich nicht mit dem Punkt, an dem man erstmals mehr oder weniger bewusst Verantwortung für sein Tun und Lassen übernimmt, sondern mit jenem Punkt, an dem der Großvater zum ersten Mal bei vollem Bewusstsein beschloss, für seine Tat die Verantwortung nicht zu übernehmen.

Es war im Frühling des Neununddreißiger-Jahres, als der damals Siebzehnjährige ein sechzehnjähriges Mädchen aus dem Nachbardorf natürlich unerlaubterweise auf dem von seinem Bruder entwendeten Motorrad (einer nagelneuen und blankpolierten BMW R71) mitnahm, ins Gestrüpp am Rande einer Lehmgrube (der ursprünglich geplante Kinobesuch wurde – übrigens ohne nennenswerte Proteste des Mädchens – auf später verschoben), wo er sie schließlich schwängern sollte und sechs Wochen später, unweit jenes Gestrüpps, eben und unter Tränen davon in Kenntnis gesetzt, die denkwürdigen Worte sprach, die sein Erwachsenwerden besiegelten und diesem gleichsam die Richtung wiesen: Dass dies nämlich ganz bestimmt nicht sein Problem sei. Probleme habe er auch ohne sie schon genug, sagte er noch im Weggehen, mehr zu sich selbst als zu ihr. Im Weggehen, nicht im Wegfahren, denn eines seiner (in Wirklichkeit vielleicht nicht ganz so zahlreichen) Probleme stand in engem Zusammenhang mit der inzwischen aufgeflogenen Entwendung des Motorrads. Nie wieder sollte er ein Motorrad fahren, darauf achtete zuerst der Vater, dann das Schicksal, auch wenn der kurze Zeit später im Krieg gefallene Bruder seines nicht mehr brauchte. Das Mädchen fand den Eingang zu seinem Gewissen nicht, so direkt sie den Weg dorthin auch bestritten hatte. Die Schwangerschaft war nicht allgemein bekannt geworden, und ihr Gang über die Gleise wurde in irrwitziger Verdrehung der Tatsachen ihrer jugendlichen Unbekümmertheit zugeschrieben, die quasi zwangsläufig zu derart tragischen Unfällen führen müsse, wie es denn auch – aus der Lokführerperspektive betrachtet – tatsächlich geschah.

Lange, lange Jahre, in die noch mehrere Schwangerschaften fielen, von denen nur zwei seine Frau betrafen, sollten vergehen, bis es zur ersten Entschuldigung kam. Siebenundvierzig Erwachsenenjahre brauchte es, und das Wort galt nicht seiner Frau und auch nicht einer jener anderen Frauen, sondern einem Mädchen, das siebenjährig und weinend wie über ihm stand, als er, auf dem Boden halb liegend, halb kniend, die Hände in der Erde, aufblickte und nicht wusste, wie und was und um Himmels Willen … 

Im vorangegangenen Herbst war die Thujenhecke, die das mächtige Haus samt Café von der Straße trennte, vollends eingegangen. Der Großvater hatte sie letztlich selbst zu Grunde gerichtet, durch den immer unverschämter werdenden Zugriff seiner Heckenschere, der seiner Vorstellung von einem Barockgarten entsprang, ohne dass diese aber den Lebensfunken gärtnerischen Könnens erhalten hatte. Der durchaus richtige Schritt bestand also darin, das Vertrauen vom grünen Daumen hin zur zahlenden Hand zu verlagern, die Hecke ausreißen zu lassen und den Schmied mit der Errichtung eines Eisenzauns zu beauftragen, noch vor Einbruch des Winters, und so blieb dem Großvater, der nichts gutheißen konnte, was er nicht selbst gemacht hatte (ein hartes Los für einen Menschen von bestenfalls mittelmäßiger Geschicklichkeit!) das letzte Wort in Form von zwölf Setzlingen, die entlang des Zauns bald als abwechselnd rote und gelbe Rosensträucher erblühen sollten. Clara durfte helfen, ihm die Setzlinge reichen. Er erklärte ihr die Etikettenfähnchen und betonte die Wichtigkeit der Abwechslung zwischen beiden Farben, damit das Ganze, wie er sich ausdrückte, „ein Gesicht“ erhalte. Das Mädchen ging ganz auf im feierlichen Ernst der Aufgabe, wie ein Ballon wurde sie leicht und schwebend, ja wie eine Hundertschaft roter und gelber Ballons fühlte sie sich, die bunt in den Himmel tänzelte, es war ein freudiger Taumel. Dabei aber gerieten ihr die Farben durcheinander, und schon beim vierten Setzling machte sie einen Fehler, den sie nach dem fünften bemerkte, jedoch nicht zu äußern wagte. In ihrem Kopf, in ihrem Herzen, in ihren Knien arbeitete die Verzweiflung an einem rettenden Einfall, an einem Ausweg, sie richtete ein stummes Gebet an den lieben Gott, dass er die Farben korrigieren möge, und da platzten die hundert Ballons in ein plötzlich und laut anhebendes Schluchzen, wild und breit flossen die Tränen. 

Der Großvater fluchte, donnerte, er habe doch ausdrücklich auf die Wichtigkeit der Farbenfolge hingewiesen, drückte die Fingerkuppen so fest in die lockere Erde, als drohte er das Gleichgewicht zu verlieren, was schließlich auch (wenngleich in einem anderen Sinn als von ihm befürchtet) geschah: Es war da auf einmal kein Halten mehr (vielleicht zeigten sich ihm irgendwie die abertausend Fetzen all der geplatzten Ballons) und er stürzte in das Loch eines ihm bislang unbekannten Zustands, in dem er die Welt um sich herum nicht wiedererkannte und am wenigsten sich selbst. Mit der Hüfte noch immer auf dem Boden umarmte er das Kind, sagte, das alles sei doch überhaupt nicht schlimm und wimmerte im Alter von vierundsechzig Jahren die erste Entschuldigung seines Erwachsenenlebens.

Gefühlt hatte er es schon früher, undeutlich, wohlig; gewusst, wirklich gewusst aber hatte er es erstmals in diesem Moment: Er liebte Clara, er liebte dieses Kind innig und heiß und unbedingt, wie nichts und niemanden sonst. Das Vergleichswort ist hier freilich eine Konvention, denn im Fall des Großvaters handelte es sich nicht um einen Unterschied des Grades, sondern um einen Fund, einen, den man sogar mit den Händen im Erdhaufen fassen konnte: Es gab die Liebe tatsächlich, auch für ihn.

Er war nicht eigentlich ein kalter Mensch, im gemeinschaftlichen Leben, als Betreiber seines Kaffeehauses sowie als Besucher anderer Kaffee- und Wirtshäuser sogar ein gern gesehener, umgänglicher Mann, stets aufgelegt zu einer kurzweiligen Plauderei oder einem schnellen Kartenspiel. Er war sparsam, gleichzeitig aber im rechten Moment zu Großzügigkeiten bereit, so dass er nie vom schlechten Licht der Knausrigkeit gestreift wurde. (Selbst heute, da der Tod sich gemeinsam mit seiner Frau auf die Bettkante setzte, so greifbar, dass sie eine Gänsehaut bekam, musste er, wenn das Pendel seiner Ängste in die Zukunft ausschlug, in dieser Hinsicht nichts fürchten. Der Begräbniszug wird lang sein, sehr lang und imposant, vielleicht einmalig in der Geschichte des Dorfes. Wenn die Großmutter am Eingang zum Friedhof sich unauffällig umdrehen wird, wird sie die dunkle Reihe aus gedrängten Vierer- und Sechsergruppen die Hauptstraße füllen sehen, und auch dort, wo der Blick der Kurve nicht mehr folgen kann, wird der Aufmarsch – und das an einem Werktag – so bald kein Ende nehmen. Der Schleier der Witwe wird sich kurz blähen, wie vom Wind, es ist aber Stolz, der da heiß zwischen den Tränen aufsteigen wird.) Ohnehin nicht schlecht situiert, war er schon bald nach dem Krieg wohlhabend, und seine Braut, die sich selbst – und nicht ganz zu Unrecht – für die Schönste zumindest des Dorfes hielt, musste meinen, eine gute Partie gemacht zu haben. Heute zählte er zu den reichsten Männern des Landstrichs, übertroffen nur vom Betreiber der nahen Schotterwerke und von einem Bauern, dessen Sauerkraut vakuumverpackt und mit dem steirischen Landeswappen versehen in den Pariser Filialen einer französischen Supermarktkette zu einem Preis verkauft wurde, als fände sich in den Packungen noch jeweils ein Rumpelstilzchen, das die nassen Fäden zu Gold spinnen würde. Doch Neid kannte er nicht. Auch blieb er in seinem Auftreten bescheiden und protzte nie. Zu bescheiden vielleicht, denn er wollte wenig wissen und nie fragte er sich, was das sei, ein anderer Mensch. Seine Fragen blieben auf dem einfachsten Niveau der Kontrolle und so war er zu wirklicher Liebe die längste Zeit seines Lebens unfähig geblieben. Für seine Frau hatte er nie solche empfunden – nicht dass ihn das gestört hätte – und auch für seine beiden Töchter nicht. Zuneigung durchaus, auch Sorge. Doch beides war an Bedingungen geknüpft (Artigkeit, Krankheit), und also Liebe – nein.

Bleibt noch sein eigenes Leben. Liebte er dieses? Nun, sagen wir, er hing daran. Dass er als junger Mensch schon die Erfahrung gemacht hatte – und sehr direkt, sehr körperlich –, dass es einem allzu leicht abhanden kommen konnte, steigerte natürlich den Wert des Lebens, gleichzeitig war er aber dadurch zu der Ansicht gekommen, dass es sich nicht lohnte, dem eigenen Sein, diesem flüchtigen Gut, mit übertriebener Wärme zu begegnen.

Der Tod des Bruders hatte ihn für kurze Zeit zum Nachfolger am elterlichen Bauernhof bestimmt, bis kurz vor dem Ende des Krieges ein Granatsplitter in sein linkes Knie trat und ihn hinkend und an den Stock gefesselt zurückließ. Ein zweiter Splitter hatte ihm übrigens gleichzeitig das rechte Auge genommen, als wollte das Schicksal sagen, dass es durchaus mehr zu bieten habe, als nur einen vorgesehenen Lebensweg zu ändern, dass es also auch zu vollkommen zweckfreier Grausamkeit fähig sei. Jedenfalls war es vorbei mit BMW-Maschinen, mit Hop-Hop-Abenteuern im Gestrüpp (diese sollten freilich durch etwas umständlichere, aber nicht weniger reizvolle Varianten ersetzt werden), vorbei mit dem jungen Traumbild, das ihn oft hoch oben auf dem Traktor gezeigt hatte, den Kopf gewendet, den Blick auf den Weiten der bestellten Felder. Blieb ihm diese Zukunft auch versagt, erbte er nach dem Unfalltod beider Eltern – ein heranrasender Rettungswagen hatte die komplizierte Konstellation (ein alterndes Bauernpaar, kein Nachfolger) auf das einfachste aufgelöst – trotzdem Haus und Hof und mit dem Verkauf ein hübsches Vermögen. Die Umwandlung in einen florierenden Reitstall konnte er den neuen Eigentümern nicht verzeihen und den Rest seines Lebens wartete er vergebens auf den Niedergang des frevelhaften Unternehmens. Nicht aus Neid, nein, es quälte ihn, dass mit der Verwandlung der Landwirtschaft seine Tat, der Verkauf, allzu deutlich sichtbar wurde und blieb, eine Tat, die für jedermann verständlich sein musste, ihm selbst aber unbestimmt und gleichzeitig spitz als irgendwie ungehörig erschien, gleichsam ein dritter Granatsplitter. 

Jahre oder Jahrzehnte später eitert da mitunter etwas aus dem Fleisch heraus, und wenn auch das Leben sich nicht auf einfache Zusammenhänge reduzieren lässt (so wie ja auch die Splitter ungleich mehr bedeuten als die Granate, die sie einmal waren), sei darauf hingewiesen – nicht zuletzt, weil es wohl auch dem Großvater aufgefallen war –, dass ziemlich genau jene Summe (der Erlös aus dem Verkauf des Hofes) später in Form eines anonymen Überbringersparbuchs ohne Losungswort an eine bestimmte Frau ausgehändigt wurde, die durchaus das Zeug zur Granate hatte. 

Freilich waren seine außerehelichen Ausrutscher so zahlreich, dass man annehmen könnte, er lebte auf einer Rutschbahn (was vielleicht mit seinem steifen Bein zu tun hatte). Doch akzeptierte im Ernstfall eine gut zwanzig Kilometer entfernt operierende Engelmacherin mit flechtigem Gesicht und kokettem Blick auch noch im Alter von über siebzig Jahren von ihm mehrere Dankschreiben in der Sprache des Geldes, die beide verstanden. Der Weg führte einen Bach entlang, parallel zur Straße, wie es vereinfachend heißt, die der Großvater aus begreiflichen Gründen nicht nehmen wollte. Trat man von dort aus in die Wiese, gelangte man durch ein nicht versperrtes Tor in den Garten der Frau, der hinter dem Haus lag und zudem durch mehrere Fichten vor forschenden Blicken geschützt wurde. Die Natur war hier zu jeder Jahreszeit von eigener Schönheit, und nichts würde der Weg, könnte er sprechen, sich mehr verbitten, als eine Metapher für das Ansinnen zu sein, das auf seinem Rücken zum Haus herangetragen wurde. Es sei also rein faktisch angemerkt, dass er, von zahlreichem Wurzelwerk durchzogen, äußerst uneben war und zudem meist recht matschig, und dass dem Großvater das Gehen also schwer fiel, wenngleich nicht so schwer wie seiner jeweiligen Begleiterin.

Nur eine einzige (nämlich oben erwähnte) Frau hatte den Weg je verweigert. Auch seiner scharfen, sonst so wirkungsvollen Drohung mit aufgezogener Hand (der Gummipfropfen des Stocks drei Meter hoch in der Luft, also eigentlich des Großvaters schwächste Position) hielt sie Stand und trieb damit das Schweigegeld in jene märchenhafte Höhe, von der ebenfalls bereits die Rede war. Nun, sie konnte bis heute schweigen, und wir hätten es ihr unbedingt gleichgetan, käme da nicht das sausende Pendel zu einem weiteren Ausschlag heran: Die Frau wird im Begräbniszug nicht fehlen. Ihr fester Vorsatz, nämlich in das offene Grab zu spucken, wird letztlich auf Grund ihrer Erziehung, nicht etwa auf Grund plötzlich veränderter Empfindungen, unausgeführt bleiben. Ihre uneheliche Tochter, die von ihrem Erzeuger nichts weiß, weilt währenddessen brav in der Schule. Sie wird später, viel später an einem anderen Sterbebett ein letztes Mal fragen und vielleicht …

Es hilft nichts, das Pendel muss zurück, des Großvaters zweite Tochter, seine zweite eheliche Tochter, verlangt ihr Recht. Vor siebzehn Jahren hatte sie gegen seinen entschieden zum Ausdruck gebrachten Willen einen jungen Historiker geheiratet, mit dem sie fünfzehn Monate später nach Amerika auswanderte, oder – wie man eigentlich sagen müsste – den sie gleich nach der Heirat (ja, am Morgen nach der Hochzeit, mit dem lackierten Fingernagel die Flügellinie des rosa Schmetterlings auf ihrem weißen Negligee nachziehend) zu bedrängen begonnen hatte, er möge doch seine universitären Beziehungen nutzen, einen Ausweg aus dem drückenden Dunst des familiären Unfriedens zu finden, einen Fluchtweg. Wovon sich die Tochter anfangs mehr versprach als ihr Mann, geriet alsbald durch mehrere glückliche Fügungen doch zu einem neuen, insgesamt heiteren und flugfähigen Leben, bereichert ebenso durch die knapp aufeinander folgenden Geburten zweier Mädchen, Phoebe und Rebecca, wie durch den akademischen Aufstieg Davids, der sich schnell an die amerikanische Aussprache seines Vornamens gewöhnt hatte und mit einem Tausend-Seiten-Buch über das Dritte Reich einiges Aufsehen erregte. (Der Großvater sah in dem Machwerk – freilich ohne es gelesen zu haben – eine Gemeinheit, eine Schweinerei, und die Wörter „abstechen“, „erschlagen“, „den Hals umdrehen“, die anlässlich der Heirat schon der Tochter gegolten hatten, fielen jetzt auch in Zusammenhang mit dem Schwiegersohn.) Seitens der Tochter war das ganze Unternehmen natürlich ein Bruch mit dem Elternhaus. Ein Bruch, der zwar von niemandem je ausgesprochen wurde, der aber auf der Tatsachenebene sich schon allein dadurch zeigte, dass „die Amerikaner“ nur zu den ersten zwei Weihnachtsfesten angereist waren, zuletzt mit dem Phoebe-Baby, danach aber unter Berufung auf die Beschwerlichkeiten des langen Fluges nur noch Karten schickten, die von Jahr zu Jahr knapper gehalten waren. Die Einladung in die neue Heimat wurde mehrmals ausgesprochen, jedoch nur im sicheren Wissen der Tochter, dass eine solche Reise für ihren Vater gänzlich jenseits des Vorstellbaren lag, zumal diesem die Vereinigten Staaten quasi ein riesiges Kino-Chicago waren, dessen Bürger im Minutentakt auf offener Straße erschossen wurden, während andauernd irgendein schwarz lackierter Kofferraumdeckel auf Kilopakete von Rauschgift niederging, ganz zu schweigen von all den geschändeten Frauen, die besudelt in jeder zweiten finsteren Ecke zurückgelassen heulten. Zwar hatte die Großmutter öfters zur Annahme der Einladung gedrängt (und als Witwe sollte ihr später ganz anders werden, bei kratzenden Bruchstellen, in dem hellen Haus an der Ostküste), doch wusste sie inzwischen sehr gut, wann der Augenblick zum Rückzug gekommen war – auch sie, ja sie vor allen anderen, kannte den aufgezogenen Stock.

Und doch galt die zweite Entschuldigung im Erwachsenenleben des Großvaters endlich ihr. Von der heutigen Stunde des Sterbens aus betrachtet, lag sie nur drei Tage zurück. Tagein tagaus pflegte sie ihn seit vier Monaten, klagte bei aller Beschwerlichkeit nie, obwohl sie kurz vor Mitternacht stets wie tot ins Bett sank, nicht nur aber auch auf Grund des Umstands, dass das Schlafzimmer im ersten Stock des Hauses lag, Küche und Bad aber im Erdgeschoss, dass der Großvater die Aufstellung eines Krankenbettes unten im Wohnzimmer hartnäckig verweigerte, und dass also die viele Rennerei die knarrende Treppe hinauf und hinunter dieser vom Leben gezeichneten und geschlagenen Frau arg zusetzte. Nun, vor drei Tagen überkam den Großvater gegen zwei Uhr Früh ein dringender Wunsch, auf welchen sie, gerade in einem unschönen Traum gefangen, nicht sogleich reagierte, worauf er zu toben begann und zu schreien, in seinem ganzen Leben habe er kein zweites derart faules Subjekt getroffen wie sie. Sie torkelte die Stiege hinunter, holte das verlangte Wasser, stürzte auf dem Weg nach oben, ging nochmals hinunter, holte einen Lappen, wischte die Stiege trocken, er schrie von oben ihren Namen (den sie schon nicht mehr hören konnte), sie holte frisches Wasser, stützte seinen Kopf, er trank und sank ohne ein Wort des Dankes zurück in den Schlaf. Eine halbe Stunde später aber schreckte er hoch. Er verstand nicht sogleich, fragte stumm in die Nacht, was denn los sei, forschte nach einem Traumrest und begriff schließlich doch. So sanft er konnte, rüttelte er seine Frau wach. Ihre Augen waren sofort groß und ängstlich. Dann sagte er es. Er glaube, sagte er, er müsse sich wirklich bei ihr entschuldigen. Komischerweise – das heißt, sie wunderte sich selbst darüber, am nächsten Morgen – glaubte sie nicht einmal eine Sekunde lang zu träumen. Es sei schon gut, sagte sie, alles sei gut, er solle nur ruhig schlafen.

Es waren dies seine letzten Worte. In den folgenden Tagen konnte er nur noch wimmern und schnaufen und raunen, und wenn seine erste Tochter (sie wohnte noch im Anbau über dem inzwischen verpachteten Café und sollte erst im Herbst dieses Jahres mit Mann und Kind in ein eigenes Haus umziehen) auch glaubte, aus den unbestimmten Lauten die Worte „Ich will nicht“ herausgehört zu haben, so war doch die Entschuldigung sein letzter eindeutig verständlicher Satz. Als Clara am folgenden Nachmittag um Erlaubnis gefragt hatte, den Hut des Großvaters für den Schneemann verwenden zu dürfen, musste bereits die Großmutter an seiner statt antworten. Und als Clara wieder in der Küche stand, mit rot schmerzenden Händen, die sie wegstreckte wie ein Vogel, dessen Flügel Feuer gefangen hatten, auf seinem Weg nach Hause, in den Himmel, und sagte, der Schneemann werde den Großvater bewachen, da wusste die Großmutter schon deutlich, dass es sich um eine letzte Wache handelte. Wimmern und Raunen nahmen ab, das Schnaufen blieb, aber es war nur noch körperlich, der Krampf dahinter verlor zusehends an Zugkraft.

Freilich mochten sich Krämpfe auch früher schon lösen, ein aufmerksamer Beobachter konnte derlei sogar vor der ersten Entschuldigung bemerken. Etwa als der Großvater beim Goldschmied seines Vertrauens einen Anhänger in Auftrag gegeben hatte, der kurze Zeit später eine Halskette zieren sollte, die er Clara zum fünften Geburtstag schenkte. Auch wenn der Großvater kein solcher aufmerksamer Beobachter war, bereitete ihm die Lösung des Krampfes doch eine Freude, die weit über bloßes Verschnaufen hinausging. Die Schreibweise des Namens mit C hatte ihn immer gestört, seiner Frau gegenüber hatte er sogar geäußert, dass er eine Enkeltochter mit einem derart verstümmelten Namen überhaupt nicht brauche. Er solle sich nicht versündigen, hatte sie ihm streng geantwortet. Die Enkelin jedenfalls war in all ihrer Zartheit stärker, und bald schon meinte er, der Name sei immerhin besser als Phoebe oder Rebecca, und als er den Anhänger abholte und bezahlte, bereitete ihm das goldene C in der mit blauem Samt ausgeschlagenen Klappschachtel stolzerfülltes Glück, das ihn wachsen ließ, und zwar durchaus körperlich. Kurz nur, er merkte es nicht, wohl aber ein anwesender aufmerksamer Beobachter. Die zweite große Leidenschaft, die der Goldschmied und seine Frau – neben der füreinander – teilten, war nämlich die Vogelkunde. Alljährlich verbrachten sie mit ihren Ferngläsern, Bestimmungsbüchern, Skizzenblöcken, Notizheftchen und Stiften eine Woche am Neusiedlersee, zwei weitere Wochen führten sie Jahr für Jahr zu demselben Zweck in die Ferne, und im engeren Bekanntenkreis sagten sie gerne, es sei nur Recht, dass diese ihre geflügelte Liebe sie auf alle Kontinente getragen habe. Und so musste ihm – selbst eher kurz geraten – auffallen, wie der mächtige Großvater noch größer wurde, da er sich rechts auf die Zehenspitzen stellte, als gäbe es hinter dem Ladentisch, in einer weit hinter die Regalwand entrückten Ferne, etwas Kostbares zu sehen. Des Goldschmieds Ehe war zu seinem Bedauern kinderlos geblieben, so fiel es ihm leicht, die Verbindung zwischen dem Anhänger und dem Wachsen des Kunden herzustellen, der Grund aber für die Leichtigkeit, mit der dies geschah, blieb beiden verborgen, wiewohl er doch wärmte: Dass man nämlich nicht auf Gedeih und Verderb in jedem Moment der sein musste, der man war.

Ein weiteres Jahr zurück lag ein ähnlicher Fall. Da verlangte es ihn eines Tages heftig und ohne Vorwarnung – ihn, dem nie in den Sinn gekommen wäre, seine Enkelin im Kinderwagen spazieren zu führen – nach einer, wie er meinte, äußerst unmännlichen Tätigkeit, dem Einkaufen im Supermarkt. Clara war dem Kinderwagen gerade erst entwachsen, da hob er sie in den Sitz des Einkaufswagens und kutschierte sie gut gelaunt durch die Gänge, mit einer Hand, die andere brauchte er für den Stock. Diese „Ausfahrten“ wollte er fortan nicht mehr missen, auch nicht als Clara zu groß für den Sitz geworden war und stattdessen selbst geschäftig den Wagen schob, in einem Tempo, mit dem er nicht mitkonnte, ihm aber eine Sonne am Horizont bietend, wie sie nur wenigen im Teigwarengang eines Supermarktes leuchtet. Sagen konnte er das freilich nicht, nicht einmal klar denken konnte er es. Er dachte vielmehr – ein Verrat an seiner guten Laune –, dass er nun auch noch den Einkauf übernehmen musste, weil seine Frau das Geld – an dem es wahrlich nicht mangelte – zum Fenster hinauswarf und zudem – ein anderer Krampf war seine krankhafte Eifersucht – ihre Besorgungswege nur vorschob, um in Wirklichkeit Jagd auf Männer zu machen. Die Großmutter bot ihm übrigens zu beiden Annahmen nicht den geringsten Anlass. Aber wie jeder Gedanke, der nicht einmal bis hinter die erste Kurve verfolgt wird, fragten ihn auch diese nicht, ob er sie eigentlich haben wollte.

Die Großmutter erschrak jetzt, sie spürte etwas wie einen Luftzug, da sie von hinten, im Türrahmen stehend, den Pfarrer beobachtete, der sich über den Sterbenden beugte. Jedoch war das Fenster geschlossen. Über dem Betthaupt hing eine Fotografie (den Messingrahmen sollte sie ein paar Tage später gegen einen aus schwarz lackiertem Holz austauschen), die den Großvater als stolzen Fischer (Bachweg, Wurzelwerk) mit einer riesigen Goldforelle zeigte. Vielleicht war, was sie spürte, der Ausschlag des Pendels, das den Supermarktgang über den Scheitel des Pfarrers und die Stirn der Großmutter hinweg weit in die Zukunft schleuderte, da Clara auch als erwachsene Frau noch dieses Bild des Großvaters bewahren sollte: Da steht er einige Meter hinter ihr, die sich vom Wagen zu ihm umdreht, dort, wo der Gang sich öffnet zum Obst- und Gemüsebereich mit all den bunt gefüllten, unter schräg vorhängenden Spiegeln aufgereihten Kisten und Körben, und hält ihr einen üppigen „Strauch“ (so ihr Ausdruck als Kind, den der Großvater übernahm) von Muskatweintrauben entgegen, die sie so gern mochte. Die seien für sie, hatte er gesagt, alles, was er geschaffen habe, das Haus, der Garten, die Obstbäume, sei allein für sie, all das werde einmal sie besitzen, und der Teufel solle sie holen, sollte sie je etwas davon verkaufen.

Sie wird das Bild erinnern, wie es für sie – und sei es nur für sie – richtig war. Die Weintrauben prall-glänzende Ballons, der Großvater hinter dem Ende des Ganges ein kleiner, weicher Mensch, aufgeweicht von den mit Blumenerde vermischten Tränen auf seiner Wange. Die Erbschaftsverhältnisse sollten sich auf „notarieller Ebene“ anders darstellen, ausgewogener, gerechter verteilt, glücklicher. Das Haus aber wird Jahre später, mit dem Tod der Großmutter, doch an Clara fallen, und sie wird es samt Café und Anbau, samt Garten und Obstbäumen und Rosen verkaufen, ohne zu zögern und im sicheren Wissen, dass der Großvater ihr nicht den Teufel in die Träume hetzen wird.

Draußen vor der Tür lehnte der Pfarrer den Besen gegen die Hausmauer und zog mit dem Fuß einen Halbkreis in den dünnen, silbrig-matschigen Schnee. Ein C oder den ergänzenden Bogen zur offenen Unendlichkeitsschleife, die als Schal um den Schneemann lag. Er machte noch einmal die Taube, blies den Rauch in drei Wölkchen wie Fortsetzungspunkte gegen das heruntergefallene Kohlenauge auf den Boden und ging. Das Pendel stand still.

Das Wiegenlied der Landschaft, ein Lied für die Augen (der schwerfällige Flug der Krähen in hängenden Bögen, die Einbuchtungen des Schneebelags in Sträuchern und Hecken, und also das Aufräumen, das Freimachen der höheren Schichten des Himmels, von deren anderer Luft der Großvater vielleicht einen Vorgeschmack erhalten hatte, auf Zehenspitzen im Laden des Goldschmieds), hatte Clara einschlafen lassen. Jetzt – ein Motorradfahrer überholte den Bus, zwei entgegenkommende Autos hupten wild, der Busfahrer bremste scharf – schreckte sie hoch oder schlug vielmehr mit der Stirn gegen den Schonbezug der vorderen Sitzbank. Der sichere Unfall war ausgeblieben, und sofort sprachen die Leute um Clara herum – unter einem Schwall aus Schimpfwörtern und Verwünschungen – von einem Wunder. Leicht benommen merkte sie, dass sie ihre Haltestelle verpasst hatte, zum Glück nur knapp. An der nächsten stieg sie aus. Ein Kondensstreifen teilte den Himmel in zwei klare Hälften, löste sich aber am Horizont bereits auf, wo die Autobahnbrücke aussah, als führte sie direkt ins Blaue. In wenigen Minuten wird der Pfarrer von der anderen Straßenseite her versuchen, Claras Gruß so unauffällig wie möglich zu erwidern, und gerade dieses Bemühen wird sie wissen lassen und losrennen mit fliegenden Zöpfen.