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gut verunsichert

hermann götz | gut verunsichert

Wir leben in unsicheren Zeiten. Aber wir leben noch.

Das erste Elternauto, an das ich mich erinnere, hatte bereits Nackenstützen. Für die beiden Vordersitze wohlgemerkt, auf der Rückbank gab es natürlich keine. Und auch keine Gurte.

In Wohnung und Wochenendhaus gab es keine Kindersicherungen. Weder bei Stiegenaufgängen noch für Herdplatten oder Steckdosen. Mein erster Fahrradsitz war auf Vaters Herrenrad an der Stange montiert, in Ermangelung einer Schutzvorrichtung wurde ich regelmäßig ermahnt, die Füße nicht in die Speichen zu halten. Fahrradhelme kannten wir nur von Spitzensportlern – und diese „Helme“ sahen eher nach Badehauben aus.
Im Volksschulalter waren wir meistens irgendwo draußen allein unterwegs. Dass es dunkel wurde, war kein Grund fürs Nachhausekommen, nur mit den Schulaufgaben musste man vor der Bettruhe fertig werden. Wir spielten in Brennnesseln, zwischen Scherben, fuhren mit dem Floß über den Teich (schwimmen konnte ich damals noch nicht) und brachen in selbstgezimmerten Baracken fremder Jugendlicher ein, wo wir unter alten Autositzen Zigaretten und Wichsvorlagen fanden.

Das ist zum Teil noch keine 30 Jahre her – und doch kommt es mir vor, als lebten meine Kinder heute in einer anderen Welt. In einer, wo Tagesmütter angehalten werden, Kletterbäume einzuzäunen, wo nach dem Schiunfall eines Politikers über Wochen Helm­pflicht auf Pisten diskutiert wird, wo horizontal verstrebte Balkongeländer verboten wurden und rauschiges Radfahren sowieso.

Immer wieder steht dann einer auf, schüttelt den Kopf und meint missbilligend: „Wir haben‘s auch überlebt.“ Dann wird womöglich Kästner zitiert: „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“ Es ist einer dieser Momente, wo ein Mittdreißiger merkt, dass er der Jugend von gestern weit näher steht als jener von heute. Dabei wirkt das missbilligende Aufbegehren zum Teil skurril. Klar: Kinder sind heute immer öfter überbehütet, und Hygiene wird von manchen Eltern mit Hysterie verwechselt. Auch klar: Was uns nicht umbrachte, hat uns zwar selten hart, aber manchmal gescheiter gemacht. Doch in Anbetracht der helmlosen Vater-Kind-Moped-Rallyes unserer Jugend wird das „Wir haben‘s auch überlebt“ schon ein wenig bedenklich. Hinsichtlich Gurtpflicht sowieso.

Nüchtern betrachtet, gibt es für eine Vielzahl der jüngeren und jüngsten Sicherheitsvorkehrungen ganz einfache Gründe: So ist die Welt im Personenverkehr und auch auf der Schipiste inzwischen eng und damit tatsächlich gefährlicher geworden. In den 1970ern war das HIV-Virus noch unbekannt und Europas Osten kommunistisch: Dort war vielleicht der Staat kriminell, aber es gab keine „bad banks“ oder böse Einbrecherbanden, wie wir sie jetzt kennen.

Und dann ist Sicherheit ein so grundlegend menschlicher Wunsch, dass sie in einer auf wirtschaftliches Wachstum angewiesenen Welt für immer neue Bedürfnisse garantiert: Das gilt für Produkte und Produktkomponenten (etwa in der Automobilindustrie) genauso wie für den Dienstleistungsbereich. Und natürlich ist sie ein immergrüner Hit für Politik und Populismus.

Ausgeweiteter Sicherheitsbedarf?
Aber ist das Grund genug für die fortschreitende Ausweitung unseres Sicherheitsbedarfs? Ist es einfach die Zivilisation an sich, die sich auch hier permanent perfektioniert, weil ihr wütendes Wachstum sie vor immer neue Herausforderungen stellt? Sind wir nur chronisch verunsichert? Oder werden wir wirklich bedroht?

Politisch betrachtet ist die Antwort einfach: Ja. Wir werden bedroht. Vor allem von jener Kraft, die Sicherheit sagt und stets Verunsicherung schafft. Im Rahmen einer (sagen wir der Einfachheit halber US-republikanischen) Politik gibt es einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen der Deregulierung des Arbeitsmarktes, der wachsenden Gehaltsschere und dem Bau neuer Gefängnisse (pardon: „Sicherheitsanstalten“). Wenn die Zahl der McJobs, der prekären Arbeitsverhältnisse, und damit auch jene der Working Poor steigt, während der Wettbewerb um den sozialen Aufstieg immer härter wird, schwindet die gesellschaftliche Solidarität, wächst das kleinkriminelle Milieu und damit die Zahl derer, die erstens Gesetze brechen und sich zweitens dabei erwischen lassen. Die republikanische Antwort ersetzt soziale Sicherheit durch polizeiliche, das Prinzip dahinter hat nicht Frederick W. Taylor zum Vater, sondern Niccolò Machiavelli: teile und herrsche.

Tatsächlich haben während der letzten Jahrzehnte rechtspopulistische Parteien rund um die Welt auf diesen Mechanismus gebaut. Real oder nur rhetorisch. Und diese Politik der Verunsicherung konnte, wie unschwer zu übersehen ist, fruchten. Vor allem bei jenen, die bereits vor der sogenannten Krise in die Krise kamen: etwa Pensionisten und Kleinverdiener.

Mit der Krise wurde unser Sicherheitsdenken erneut verschoben. Wenn die Frage nach einem teuren, aber sichereren Auto durch die Frage abgelöst wird, ob man sich überhaupt einen PKW leisten kann (weil die Finanzierung des Eigenheims leider auf die Entwicklung einer Fremdwährung baute), verschiebt sich der Fokus. Von potentiellen Gefahren auf persönliche Gefährdung. Und zugleich vom verständlichen Straßenverkehr zu unverständlichen Finanztransaktionen.
Das könnte die Stunde der Linkspopulisten einläuten. Doch der Standpunktwechsel offenbart uns vielleicht auch den Kern allgemeiner Verunsicherung: Irreale Geschäfte haben reale Folgen. Die Welt ist unverständlich geworden. Was war ein Vierteltelefon – verglichen mit der Wahrung von Persönlichkeitsrechten im World Wide Web? Was waren Mangelerscheinungen im Vergleich zu Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten? Die neuen Probleme wiegen vielleicht nicht schwerer als die alten. Aber sie sind schwerer zu verstehen. Selbst der Saure Regen war – verglichen mit dem Klimawandel – ein sehr nachvollziehbares Phänomen. Wappnen mussten wir uns immer schon. Inzwischen wissen wir nur nicht mehr genau, wovor. Der Wunsch nach Sicherheit wächst sich zur subversiven Prävention aus.

Selbst der Weltuntergang hat sich seit der Offenbarung des Johannes in dermaßen vielen Alternativszenarien angekündigt, dass unsere Existenz keiner Wahrscheinlichkeitsrechung mehr standhält. Wir befinden uns also längst auf der unsicheren Seite. Aber auch dort ist Sicherheit scheinbar eine sichere Bank: Gut behütet (oder behelmt) fällt einem die eigene Kopflosigkeit nicht gleich auf.