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heimatfront

amber rusalka reh | heimatfront

Von uns Dreien ist Miriam der Strahlung am stärksten ausgesetzt, weil sie im Dachgeschoss wohnt, aber sie lehnt es ab, das gefährlich zu finden. Sie setzt Amethysten ein, hinübergerettet aus der Vorkriegszeit. Sie stehen an jedem ihrer schrägen Fenster, Kristallseite Richtung Himmel und neutralisieren ihrer Meinung nach „Smog aller Art“. Miriam sagt das so, weil sie weiß, dass Ruth, die Pianistin vom Parterre, und ich, der Sandwich-Bewohner zwischen ihnen, die Augen verdrehen, sobald sie etwas in Richtung „negative Energien“ sagt. Wie wir die Strahlung nennen, ist sowieso gleichgültig. 

Modern an unserem Krieg ist, dass es keine Heimatfront gibt. Überhaupt: Front. Es war ja lange schon alles ohne Grenzen gewesen und wir hatten verstanden, dass wir in einem Boot saßen. Wir hatten gedacht, dass wir liberal wären, human, klüger als jemals und klüger als die Anderen, weil wir uns frontenlos fühlten, weil wir Grenzen lächerlich fanden, reaktionär. 

Statt mit Amethysten arbeite ich lieber mit Regalbrettern. Alle Fenster habe ich vernagelt und den Lüftungsschacht im Bad. Wir wissen nicht, woher die Strahlung kommt, heimtückisch wie sie ist. Ruth weigert sich noch, ihre Bücherregale abzubauen, um Bretter zu haben. Sie nimmt Pappen. Ich traue Pappen nicht. 

Wer am Krieg im Moment beteiligt ist, wissen wir nicht mehr. Wir lassen alle Geräte ausgeschaltet (immer häufiger hatte es nur noch Fragmente von Bildern und Tönen gegeben, bis überhaupt kein Signal mehr kam). 

Miriam fällt das leicht. Sie war schon zu Vorkriegszeiten paranoid gewesen, gab nie ihre Daten im Netz an. „Die haben das ewig vorbereitet und wir haben mitgemacht wie blöde Schafe“, sagte sie, nachdem sie zwei Gläser Back-Rum getrunken hatte (der letzte Woche leider ausgegangen ist: kein Tropfen Alkohol mehr im Haus seither). Ich finde Miriam sympathischer, wenn sie paranoid ist oder angetrunken, weil sie dann echter wirkt als mit ihrem ewigen Amethystengelächle. 

Ruth gefällt mir besser. 

Ich weiß, es ist Krieg, ja, und ich weiß, ich muss dankbar sein, nicht an die Front zu müssen. An die Heimatfront. Denn unser Land ist im Krieg, auch wenn es draußen still ist. Totenstill. Kein Vogelzwitschern, kein Verkehrslärm. Die Strahlung entlastet uns auf ihre ganz eigene Weise, sie übernimmt, was Männer taten. Wir können daheim bleiben, wir können auswählen: Bretter. Amethysten. Pappe. Wir können Back-Rum trinken.
Trotzdem bin ich Mensch und Mann, ich kann nicht dankbar sein den ganzen Tag, zumal die Fenster vernagelt sind und es weiter nichts zu tun gibt. Sie sorgen nicht für Brot und Spiele, seit die Strahlung da ist. Sie lassen uns ziemlich allein. Deshalb schaue ich mir an, was es anzuschauen gibt, Ruth morgens, Miriam abends, Ruth gestern, Miriam heute, Miriam und Ruth nebeneinander, Ruth und Miriam getrennt. Ein Kosmos kann so klein sein. Alles spielt sich hier ab, alles, was sich anderenorts monumentaler aufdrängt. Hier flüsternd, da brüllend. Es ist gleichgültig, es ist gleich. Die Strahlung erreicht uns alle.

Ich gehe so selten wie möglich ins Dachgeschoss, ich traue den Amethysten in den Fenstern noch weniger als den Pappen im Parterre. Trotzdem kann ich Miriam nicht jedes Mal absagen, wenn sie mich, aufgeregt wie ein Huhn, in ihre Küche einlädt, weil sie Schokoladenpudding gemacht hat, den sie noch im Schrank fand, glutenfrei. Ich sitze an ihrem Holztisch mit Platzsets aus orangefarbenem Bast und löffle braune Masse in mich hinein. Sie schmeckt wie zuckriger Schlamm, mir fehlt das Gluten. Es ist heller hier, ohne Bretter, ohne Pappe, das Licht gleißend und ungewohnt für meine Augen. Ich habe Kaffee, sagt Miriam. Ich starre auf ihre Lippen. Woher hat sie den Lippenstift? Vor dem Krieg habe ich sie nie mit diesem Knallrot gesehen. Ob ich einen mit ihr trinken will, hakt sie deutlicher nach. Ich nicke. Ich denke an Ruth im Parterre, ich höre ihr Klavierspiel bis hier oben unters gleißende Dach, sie spielt Debussy, anders als sonst, gehetzt. Trotzdem nicke ich. Kaffee. Ich muss wirklich dankbar sein, die Strahlung übernimmt, was eigentlich ich tun müsste. An der Front kämpfen, der Heimatfront. Es gibt schon lange keine Fronten mehr. Ich habe es gut. Wären die Bretter nicht und gäbe es Alkohol, das Leben wäre fast normal. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich bin ein Mann. Ich bin tauglich. Ich könnte in den Krieg ziehen. Ich könnte kämpfen an der Heimatfront. Aber es gibt keine. Alle Grenzen gesprengt. Die Strahlung übernimmt, was Männer taten. 

Nach dem Kaffee gehe ich. Miriam ist enttäuscht, sie buhlt um mich seit Wochen, sie ist neuerdings dauernd spitz. Sie versucht mich zu ködern. Aber Ruth gefällt mir besser. 

Ruth will nichts von mir. Sie liebt das Klavier und spielt immer, wenn ihre Finger es ihr erlauben. Seit zwei Wochen schwellen ihre Hände an. Rot werden sie und prall wie kleine Wiener, die Haut faltig und spröde darauf. Ich sehe das. Kaffee und Debussy haben dann ausgedient. Das Einzige, was Ruth hilft, ist, dass ich mit ihr schlafe. Dann vergisst sie ihre Hände.

Ich tue das auch jetzt. Durch die Pappe in Ruths Fenstern fällt kein Licht. Sie ist mein Typ, das weiß ich auch im Dunkeln, das rieche ich. Ich halte Ruth den Mund zu, sie ist laut. Ein schlechtes Gewissen befällt mich erst hinterher. Die Strahlung erreicht alles. 

Ruth liebt mich nicht. Ich kann dich doch nicht lieben, nur, weil ich die Option dazu habe, sagt sie. Option ist gut, ich muss fast lachen, obschon sie mich kränkt, wenn sie das sagt. Ich bin ein Mann, tauglich. Zwei Frauen, ein Mann. Drei Menschen in einem Haus. Krieg. Stille. Was heißt hier Option.
Miriam hat letzte Woche ihre „Frucht verloren“, so nannte sie das. Ich bin insgeheim froh, als sie es weinend erzählt, denn ich liebe sie nicht, ich mag sie nicht mal, diesen Esoteriktyp von Frau. Eine Welle von Tränen, ich stehe stumm und mit verschränkten Armen an der Badtür, peinlich berührt. Zwillinge, diesmal, sagt sie. Stell dir vor. Sie sahen aus wie zwei Hähnchenschenkel, aber es waren Jungs, ich hab das sehen können. Weggespült hab ich sie, was sollte ich denn machen?

Nichts, sage ich. Ist gut, schscht. 

Lieber wäre mir, Ruth würde schwanger von mir. Ich bin ein Mann, immer noch, auch wenn die Strahlung alles einnimmt, abnimmt, nimmt. Mein Sperma bildet da keine Ausnahme. Ich habe Schuldgefühle, weil ich romantisch bin. 

Uns war schon in Vorkriegszeiten viel abgenommen worden. Was tun die Roboter jetzt, im Krieg? Das wüssten wir alle gern, wir spekulieren oft. Das Letzte, was wir vor vier Wochen in den Nachrichten sahen, war, dass sie die Erkundungsroboter der NASA-Mars-Mission nun auf der Erde einsetzen. Wir staunten, denn es gab plötzlich nicht nur Spirit und Opportunity, sondern Tausende von ihnen, eine ganze Roboter-Armee, die sich metallen-martialisch über den Bildschirm wälzte. Die Strahlung macht ihnen nichts aus, sie sind sozusagen immun, möglicherweise sind sie dabei, einen eigenen Staat zu bilden, lallte Miriam unter Back-Rum, während wir hier warten wie blöde Schafe.

Miriam war so schlau gewesen, Vorräte zu hamstern. Kistenweise karrte sie Reis, Nudeln, H-Milch, Öl in ihre Wohnung. Wir haben sie ausgelacht, dann profitierten wir eine Weile. Lang schon mangelt es uns aber an Frischem, Vitamine sind aus. Mein Zahnfleisch geht zurück, der Schneidezahn links sitzt locker. Ruth hat bräunliche Ringe unter den Augen. Über ihre fahl werdende Haut hinweglächelnd, spricht Miriam von Spirulina-Algen, die sie kaufen will, sobald er aus sei, der Krieg. Gestern faselte sie wieder etwas von „Licht zwischen allen Menschen“, als wir nebeneinander im Bett lagen. Sie glaubt jedes Mal, dass ich netter zu ihr sein werde, wenn sie mich rumgekriegt hat. Du glaubst an Nachkrieg, du bist zum Kotzen einfältig, herrschte ich sie an. Da heulte sie und ich ging nach unten. Ruth sitzt vor dem Klavier und starrt ihre Hände an. Sie spielt nicht. Ich helfe ihr auf meine Art. Ich bin tauglich. Ich versuche zu vergessen, dass ich eine Option bin.