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hölderlin patt

dirk werner | hölderlin patt

oder: Das Sichere im Fiktiven suchen.

Vervierfacht man die Zeit, die die Turmuhr vorhin vom ersten Dröhnen bis zum leisesten akustischen Schatten des letzten Schlags brauchte, nimmt man jene Momente hinzu, die ich für sechzehn – oder sagen wir: fünfzehn – Zeilen meiner Notizen benötige, kommt er schließlich ganz notwendig hier vorbei. Eilt er, hetzt er, schlendert, springt oder schleicht er niedergedrückt – je nachdem. Nie sehe ich ihn von vorn, nie von der Seite. Wegen meiner Notizen, die ich, effektiv das Warten nutzend, bezüglich auch der anderen Gehenden stets auf dem Stand halte. Ich höre ihn in einiger Entfernung an mir vorbei, blicke erst dann auf, wenn ich nur noch seinen Hinterkopf sehe. Und die Unterschiede, die ich eben für sein füßiges Vorwärts beschreibe, sind im besten Falle Nuancen – oder weniger – als solche sichtbar allein für einen Spezialisten. Schließlich braucht er immer dieselbe oder fast selbe Zeit für die sieben Kilometer von Nürtingen nach Denkendorf. Also können die Variablen in seinem Gang bloß Ansätze, kann das alles nur meine Ahnung seiner sich verändernden Gangarten sein. Eilen, hetzen, schlendern, aufrecht schreiten. Doch um die geht es.

Ich bin der, der das Gehen unterscheidet. Gehen als Form, oder Vorform, des Schreibens – des Denkens, Entwerfens, des Rekapitulierens. Nachdem ich also an diesem Morgen dem jungen Hölderlin gefolgt bin, werde ich schon am nächsten Tag, oder sagen wir, im nächsten Augenblick, in ein anderes Jahrhundert, in eine völlig andere Gegend verschlagen. Von meinem Terminkalender, der gewaltig meine Aufzeichnungen beherbergt, von meiner Aufgabe, die mir von mir, in diesem speziellen Falle ebenso von einem anderen, ganz allgemein aber von ich weiß nicht wem, übertragen worden ist. Vom jungen Hölderlin verschlägt es mich hin zu Barlach, neunzehnhundertsiebzehn, in die unmittelbare Umgebung von Güstrow. Kennen Sie sein Tagebuch, ich meine das von Ernst Barlach? Unendlich viele Zeilen lang geht er darin – oder er widmet deren Anfänge, Mittelstücke oder Enden seinem unendlichen Gehen durch die mecklenburgische Landschaft. Ich jedoch kann ihm kraft meines Auftrags direkt dabei zusehen, seiner Gestalt freilich ausschließlich von hinten. Denn es geht nicht um Antlitz, Physiognomie oder all das, was ablenken könnte, allein geht es um Barlachs Gang, besser um sein Gehen, und um dieses: im Vergleich. Denn wie sollte man so etwas für einen Geübten relativ flott Wiederzugebendes wie das Gehen des sehr jungen Hölderlin ausgiebig würdigen können, wäre es nicht im Vergleich über Zeiten, Personen und Lebensalter hinweg?

Ich glaube – aber ich bin mir nicht sicher – der beiden Männer Gehen ist letztendlich streng. Auch streng, vor allem streng, in der Richtung streng, trotz aller Gangnuancen, die ich vorhin für den jungen Nürtinger erwähnte. Die Strenge im Gehen des Mitte vierzigjährigen Güstrowers ist die eines Mannes mit innerem Ziel. Obschon er bloß da zu wandern scheint. Wie ein Wanderer geht er leicht und fest, doch sein Gang ist gleichermaßen leicht und schwer. Es liegt darin die Festigkeit und paradoxe Sicherheit eines, der immer wieder um sein Ziel ringt, dieses Ringen aber ganz unbedingt verrichten muss – weil er streng mit sich ist. Von sich selbst Ziele verlangt, nicht allein, sie zu erreichen. Die Selbstzucht des Siebzehnjährigen jedoch ist die eines auf unsicherem Grund. War es jedenfalls, als ich ihn beim letzten Mal zusah – ich blättere noch einmal kurz in meinem Notizenkalenderbuch zurück: Hölderlin stolperte gleich mehrfach, als er die letzten Häuser Nürtingens hinter sich ließ. Denn es ist nicht so sehr seine Selbstdisziplin, noch nicht und wird es nie ganz und gar. Er läuft erst eigentlich hinüber in das Strenge, das Hinüberlaufen ist streng, die Klosterschule in Denkendorf – darüber ist Schrift sein Gang – wird nicht sein Ort. Und er kommt aus einer Strenge (ich ahne, wie er das Haus verließ), wie aus einer geliebten, liebenden, häuslichen Umgebung, einer Liebe, die aber in ihren Erwartungen, verborgenen, ausgesprochenen, übertragenen, unbewussten, auch die Enge des Vorgebens ist. Läuft aus der Heimat heraus wie auf ungesichertem Terrain in die strenge Fremde, das habe ich notiert. Und dass Liebe, an die wir glauben, die wir fühlen, eine viel größere Strenge sein und haben kann, als die inneren Ziele, der Ehrgeiz, das von einem selbst Erwartete. Oder sind beide Arten des Verpflichtens dieselbe und ist darum Barlachs Gang in dieser Eigenschaft Hölderlin so ähnlich? Beziehungsweise umgekehrt?

Beide gehen poetisch-streng. Das habe ich mir ebenfalls notiert. (Armer Barlach, dessen Gang hier nur zum Vergleichen dient, zum Assoziieren, besseren Differenzieren. Man müsste sich ihm einmal wieder unabhängig von den Qualitäten seines Gehens, als Dichter und Holzschnitzer zum Beispiel, widmen. Oder als Brief- und Tagebuchschreiber.) Barlach nämlich, indem er äußerlich im Wandern ja gar kein Ziel verfolgt. Beziehungsweise ein beliebiges. Beziehungsweise nur das des bewegten Seins in der Landschaft (= Freiheit?). Und Hölderlin läuft zwar in der Strenge der Liebe – allerdings weicht er ihr gleichzeitig aus. Weicht ab vom Wege manchmal, und zwar so, als sei der weich, nicht fest, habe ich eingetragen, oder als ob dieser seinerseits vom darauf Gehenden abweicht. Als wolle er ihn abwerfen, so gesprungen darauf ist der Jüngling manchmal. Dann wieder schien alles ganz sicher, Terrain wie Weg. Nur hat sich der junge Hölderlin jetzt ganz um die eigene Achse gedreht, ein Mal, mehrmals. Ging dann sogar ein paar Schritte auf mich zu, geschlossenen Augs! Hätte mich aber spätestens hier, oder vorher beim Herumwirbeln, bemerken müssen. Hat er aber nicht. Kam dann, jetzt seiner selbst völlig sicher, so nah an einem Strauch vorbei, dass ihm nicht allein die feineren, auch stärkere Zweige das Gesicht streiften. Tat das zwei Mal, vielleicht wieder mit geschlossenen Lidern, dem Auftreten seiner Füße nach zu urteilen. All das mit der größten Ernsthaftigkeit. So als würde er es nicht tun, sondern davon schreiben. Und blieb doch bei allem, auch mit den nun gewollten verschiedenen Spielarten des Vom-Wege-Abkommens oder des Beinahe-vom-Wege-Abkommens, in der Pflicht, in der Strenge und der Zeit zum vorgegebenen Ziel, der Denkendorfer Klosterschule. Dort in der Nähe allerdings kehrte sich wieder das Unsichere hervor. Nicht nur der Weg unter seinen, unseren, Füßen: unsicher, auch die Bäume, das Gras wie nur halb vorhanden. Ja, an der Stelle sogar meine Beobachtungen: Unsicher für ihn/uns, ob das alles wirklich.

Am nächsten Tag ein wiederum neuer Lokaltermin. Um das Gehen eines anderen zu beobachten – der vergleichenden Betrachtung wegen – schlüpfte ich in ein Buch hinein. In dem Buch wanderte ich tatsächlich dem Alter Ego des Autors hinterher, gehend-lesend gemischt und der Melange aus ihm und einer Kunstfigur hinterdrein. Wiewohl er auf den Seiten eigenes Gehen kaum beschreibt, die eigentliche Mechanik seines Fortgangs, kann ich es doch ersehen aus dem Text, in dem ich mich bewege, denn Gehen und Schreiben sind bei einem häufig eins. Jenes geht diesem voran und folgt ihm wie auch umgekehrt. Wie die Schrift aufs Papier fließt, sickert, strömt, pfützt, dort Wellen bildet, so ist ja auch das Gehen nicht das Setzen der Füße, sondern eher der ins Fließen sich wandelnde Körper, die Aufhebung von Grenzen durch den Bewegungsstrom, der sich schließlich nicht mehr aus einer Vielzahl von einzelnen Hebeln und Kraftübertragungen zusammensetzt, sondern – gleichsam ein Geist – sich darüber erhebt.

Ich schlüpfte also in ein Buch von Peter Handke aus den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Man könnte viel über das Vorwärts seiner Füße beziehungsweise der seines Alter Egos durch Pariser Vororte, Wälder und Waldreste, über Anhöhen, durch Mulden und Täler sagen. Wie sie durch ihre Bewegung sein Zentrum in dieser Peripherie festtreten, quasi manifestieren (oder: pedifestieren), emsige Spur werden lassen, stetig sich auflösend, immer neu entstehend – dauerhaft. Doch wie Sie wissen, lautet der Auftrag: Hölderlins Gang nach Denkendorf, und wie sich die Weise dessen Gehens dorthin durch geeignete Vergleiche qualifizieren lässt. Obzwar der Wanderer bei Handke – seltener als mitunter – jemanden sich anschließen lässt, er Cafés, Lokale, Menschen aufsucht (sie sind kaum einmal die vorrangigen Ziele seines Weges) – ist er in allem ein Alleingeher. Es ist das Typische, Auffällige an ihm, dass er allein geht. Wie der junge Friedrich Hölderlin, dem ich mich mehrmals unbemerkt auf Entfernung anschloss, der noch in Nürtingen manchmal einen Gruß wechselte, ein Gespräch auch nicht scheute, mit dem einer (aus einem Zufall heraus) auf demselben Weg gehen konnte, dies hätte tun können oder tatsächlich tat: all dessen ungeachtet und im eigentlichen Sinne ist er, der nach Denkendorf geht, ein Alleingeher.

Alleingehen. Vielleicht der Sicherheit halber. Das zusammengesetzte Wort prägt Handke in dem dickleibigen Buch. Hölderlin vor ihm musste es tun. Man sieht es seinen Schritten an. Er musste allein gehen, wie man allein schreiben muss. (Allen Schriftstellerpaaren, die gemeinsam schreiben, misstraue ich. Und als misstrauten sie dem Paar-Schreiben selbst, finden sich ja nur wenige dafür zusammen.) Selbst wenn neben dem jungen Nürtinger einer ginge – er macht es allein, schafft durch seine Bewegung einen eigenen Ort um sich, der zwar für Zeitbruchteile durchdringbar, nie jedoch aufzuheben ist. Durch das Alleingehen erst kreiert einer den Raum, in dem ein Fußweg, den scheinbar jeder nutzen kann, auf kaum verstehbare Weise zum geschützten Eigentum wird, schier unberührbar, von niemandem tatsächlich zu betreten, selbst wenn der Alleingeher dem zustimmen wollte.
(Es gilt aber keinesfalls: Alleingeher = Einzelgänger, weil letzter Begriff, wie wir wissen, ganz anders konnotiert ist.)

Doch kommen wir auf die erwähnte Dualität von Sicherheit/Unsicherheit in Hölderlins Gehen zurück … Denn: War es vielleicht gar nicht plötzliche Unsicherheit, von der ich vorhin sprach? Werde ich in den Gedanken daran schwankend? War dieses Wanken, das ich zu bemerken glaubte, nicht eigentlich bloß an der Oberfläche? Dann müsste er unweit der Denkendorfer Schule aus einem anderen Grund plötzlich: zusammengesunken sein. Aber aus welchem? Könnte es Liebe gewesen sein? Die auch Strenge für ihn enthält, und die – viel wichtiger – so groß oder jedenfalls dergeartet ist, dass er die Unfreiheit darin nicht sehen kann? Elternliebe, Mutterliebe, Heimatliebe, die ja auch – möglicherweise zu sehr, möglicherweise unnütz – binden?

Zu allem: nein. Es war die kurze Erschöpfung des Alleingehers. Ich kenne das. Erkenne es auf den ersten Blick. Gleich richtete er sich wieder auf.
Der Alleingeher ist alles um sich herum und alles aus sich heraus, und keiner weiß, welches Alles größer und manchmal schwerer zu ertragen ist. Es war nicht die Liebe, nicht die Strenge, die Hölderlin für einen kürzesten Moment fast stürzen ließen. Es war die Fülle; mehr als ein gott aushalten könnte. Die man nur erleben oder beschreiben (beantworten) kann; in dem Versuch, sie zu beantworten (zu beschreiben), wird sie noch größer. Morgens die Augen aufschlagen, auf die holprige Nürtinger Straße treten, der allzu bekannte Schulweg: Fülle, überbordender Reichtum, vieles ist da, das noch keine eigenen Worte hat. Die Fülle kann man nicht durchleben, ohne zu schreiben, ohne wenigstens den Versuch zu wagen, einem winzigen Teil von ihr (und sei der im Dichter) einen Namen zu geben. Erschöpfung vor der Möglichkeit und dieser Unmöglichkeit. Betreten der Klosterschule. Obwohl diese ungeliebt – eine neue Fülle beginnt hier. Aber so weit sind wir noch nicht.

Für meine Betrachtungen wurde mir als zentrales Objekt leider nur Hölderlins Weg nach Denkendorf zugebilligt. Mehr ginge nicht, hieß es lakonisch. Weder ein größerer Ausschnitt aus der Zeit (wenn dieser auch als eine wie beliebig wiederholbare Filmsequenz mobilisierbar sei, so dass ich immer erneut in den Moment eintreten kann, in dem er gerade an mir vorüber ist) noch eine längere Strecke eines Hölderlin-Gehens, sagen wir: nach Bordeaux, sei möglich. Es ist meine kleine, versteckte Rache: Als Vergleichsobjekt ziehe ich nun eine noch viel kürzere Strecke heran. Die aber doch auch eine viel längere gewesen sein könnte, das gebe ich zu. Auf den ersten Blick jedenfalls ist sie kürzer.

Diesmal finde ich mich im Innern eines schmalen Buchbändchens wieder. Es ist Jürg Amanns poetische Prosa Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser. Mit meinem Kalendernotizenbuch unterm Arm sehe ich in seinen Zeilen dem Walser zu: Amann lässt einen gewissen Herrn Direktor Hinrichsen von dem Dichter – und seinem Gehen ebenso – erzählen. Jedoch sind es nicht Walsers Wanderwege durch die Landschaften, ob im Schweizer Regen oder Schnee, völlig unzureichend für die Witterung gekleidet, ob mit seinem Vormund, Herrn Seelig, oder allein. Walser geht hier bloß in einem Zimmer „auf und ab“. Eben noch saßen sich beide gegenüber, der Leiter der Anstalt und der Autor, der zu ihm auf einmal in den Raum getreten. Sie hockten von Angesicht zu Angesicht. Dann aber sprang der Dichter auf. Unvermittelt verlässt er die Position, seinen Posten, den ihm freundlich und respektvoll zugewiesenen Sitz. So begegnen sich die zwei: ein Schritte Machender und ein Platz Behaltender. Wer den Anstaltsdirektor hier in der größeren Sicherheit wähnt, auf seinem Stuhl als Posten, mit einem festen, gar wichtigen Platz in der Gesellschaft (für die er den Rand bewacht), liegt völlig richtig. So wie auch absolut daneben. Denn die Sicherheit, die der Dichter erlangt, indem er sich aus der Gesellschaft verabschiedet und in die Anstalt meldet, diese Sicherheit kann man aus keinem festen Anstellungsverhältnis herbekommen, aus keiner wie auch immer gearteten wirtschaftlich-rechtlichen Beziehung. Und sei es die Ehe. Denn der Dichter steht hier endgültig auf, begibt sich für immer seines Platzes. Er wird Meteor im Raum, jedoch einer jenseits berechenbarer Bewegung. Gibt die Sicherheit einer wie zugewiesenen Position her für die viel größere aus Bewegung und Ungreifbarsein.

In der Szene geht es um die Herrschaft. Um die Herrschaft des Gehens. Der Dichtung. Die Herrschaft der äußeren wie inneren Bewegung, der Lyrik, Poesie. Die Herrschaft des Wahnsinns, die ein Sitzender nicht kennt, weshalb er auf seinem Stuhle bleiben kann. Es aushält. Er muss nicht „auf und ab“ („auf und ab“ ginge Walser, schreibt Amann, nicht „hin und her“). Darum geht es. Dass einer immer sitzen bleiben kann und ein anderer immer auf und ab muss, darum dreht es sich bei Walsers innerräumlichen Schrittserien. Mich erinnerte das bei meiner beobachtenden Anwesenheit in dem schmalen Buchbändchen sofort an den jungen Hölderlin. Den die Beine rhythmisch zu bewegen es drängte. Der auf und ab musste. Diese Informationen schon wohnten seinem Gehen auf bloßem, billigem Schulweg damals, in Andeutungen, inne …

Gehen als Herrschaft? Das ist es wohl.

Aber es ist kein herrliches, sondern ein bestürzendes Herrschen. Es ist keine herrliche, heilige Sicherheit, denn eine auf dem Grat. Herr Walser monologisiert eher, als den Dialog mit Hinrichsen fortzusetzen. Er hat mehr zu sagen, als in einen Dialog hinein passt. Das ist bestürzend. Das ist schrecklich. Und Hölderlin, genau so, hat schon im Alleingehen, aus Nürtingen heraus, vor meinen Augen und wiederholt, so eine Art Herrschaft an sich gerissen. Als wenn einer anwesend ist und auch nicht. Als wenn einer ein Gedicht fühlt. Und aus diesem Grund sah er mich nicht, als er auf seinem Denkendorfer Weg ein- oder zweimal herumschoss, um die eigene Achse: Ich war nicht da. Es sei denn, ich hätte in sein Gedicht gepasst. Dann wäre ich ein Erfundener.

Hölderlin jedenfalls ist einer. So wie er dann vor mir ging, zwischendurch, als Tanzender, Springender, Rückwärtsgehender, auf festem, ruhigen Grund – da war er einer. Einer, der sich erfand. Denn die Festigkeit seines Ganges, die Sicherheit, dass alles um ihn höchsten Halt gewährendes Geländer sein würde, erwuchs aus Erfindung. Der Erfindung von allem und seiner selbst. – Liegt nicht die Wahrheit, das sicher als sicher Angenommene, so mochte er mich fragen, als er mit geschlossenen Augen sich umwandte, gewiss im Fiktiven? Dort ganz allein, wo wir uns von allem befreit und allem Kommenden bereithalten: geschützt fühlen? Und ist nicht das Unsichere all das, was immer und zufällig geschieht, was Tag für Tag auf uns einstürzt, stürzt, beim Gehen nicht geht – ja eigentlich niemals ging? Das, was wir tatsächlich erleben, das Unsicherste überhaupt, und das, was wir tatsächlich erfinden, die einzige große Sicherheit, die keine Ver- noch Zusicherung und keinen Gott braucht? – Liegt nicht die Wahrheit im Fiktiven, das Aufgehobensein immer im Zauber des Dazwischen, das man ist und nicht ist, in dem man sich stets wieder erfindet und in dem einem der Status der nicht greifbaren Statur, des niemals einzufangenden Robin Hood, auf immer versprochen wird. So mochte er denken.

All das war an dieser Stelle und war nicht. Denn so ein Weg führt ja weiter und aus der Selbsterfindung, dem Erfundenwerden durch Poesie, wieder heraus. So ein Weg, wenn er dann am Ende in ein amtlich bezeichnetes Ziel mündet, wird wieder einer, der einen abzuschütteln versucht, wie gleichzeitig zwingt, darauf zu bleiben. Was der Ort, die Klosterschule, und die Dinge von dem Siebzehnjährigen verlangten, musste getan werden. Das sah man an dem plötzlich erneut stolpernden Vorwärts – das nur mir als Feinart des Gehens merkbar wurde. All das gab es wirklich … Mutter … Denkendorf … das fehlende Geld … später die Hauslehrerstellen …, sah ich.

Patt. Ich habe nicht zugesehen, bis der junge Friedrich Hölderlin die Denkendorfer Klosterschule tatsächlich erreichte: Sie an dem Morgen, von dem ich eingangs sprach, betrat. Ein Schritt noch fehlte. Natürlich, er hat es in Wirklichkeit ja wohl getan. Ich just in diesem Moment habe meine vergleichenden Beobachtungen abgebrochen. War da doch etwas, was für ihn wirklicher war, wenn auch nicht sichtbar jetzt. Zwingender, natürlicher, aber nicht mächtiger als die anderen, die die Wirklichkeit für uns benennen. Und sei es durch Liebe.

Patt. Es geht um die Herrschaft der peitschenden Zweige im Gesicht dessen, der darüber schreibt … Darum geht es hier, um die Herrschaft, nicht um die Macht.