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martha und der nazi

Ein Roman über Ewiggestrige, der literarisch nicht überzeugt.


Manfred Rumpl: Ein Echo jener Zeit. Roman.

martha und der nazi

Literaturverlag Droschl: Graz 2012

Rezensiert von: werner schandor


Ein SS-Mann, der für die Deportation von Hunderttausenden Juden in Wien, Paris, Griechenland und der Slowakei verantwortlich zeichnete und nach dem Krieg unbehelligt in Syrien lebte, und ihm gegenüber eine junge, naive Journalistin aus Wien, die von ihrem Chefredakteur auf die Spuren der Vergangenheit geschickt wird – das sind die Protagonisten in Manfred Rumpls jüngstem Roman Ein Echo jener Zeit. Der Nazi, der tatsächlich lebte, ist der SS-Scherge Alois Brunner. Die junge Frau – ein fiktiver Charakter – ist die Journalistin Martha. Sie erhält den Auftrag, anlässlich des heraufdräuenden 100. Geburtstags von Brunner im April 2012 eine Artikelserie über den Kriegsverbrecher zu schreiben, der von Neonazis wie Gerd Honsik als Idol verehrt wurde. Honsik taucht im Buch auch auf – sinnigerweise unter dem Namen Endsik, einem von Honsik selbst verwendeten Pseudonym, das ans Wort „Endsieg“ erinnert. 

Im Echo jener Zeit führen die Recherchen die Ich-Erzählerin Martha in ihre Heimatstadt Fürstenfeld, die in der Zwischenkriegszeit eine Hochburg der illegalen Nazis war. Nicht weit davon entfernt liegt das Dorf Rohrbrunn, in dem Alois Brunner 1912 zur Welt kam. Sein Geburtshaus ist Pilgerstätte für Ewiggestrige. Auch dieser Ort wird von Martha besucht, und prompt stößt sie dort auf ein konspiratives Treffen von ungarischen Neonazis mit Endsik. Im engeren Umfeld noch näher am Wahnsinn der NS-Zeit ist aber Marthas eigene Oma, die als echtes deutsches Mädl zeitlebens stolz auf ihre Freundschaft mit Alois Brunner und ihrem Bruder war und auch im Altersheim noch strahlende Augen kriegt, wenn die Rede auf „den Führer“ kommt.

Ein Echo jener Zeit beschreibt, wie präsent auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende der NS-Schreckensherrschaft die Bande in die Vergangenheit ausfallen können, und das Buch zeigt weiters, wie sehr Privates und Politisches miteinander verwoben sein können, auch wenn man – wie die anfangs unbedarfte Martha – eigentlich vermeiden möchte, an der dunklen Vergangenheit Österreichs anzustreifen. 

Der dramaturgische Rahmen von Manfred Rumpls Roman bietet die besten Voraussetzungen für ein mitreißendes Buch. Dass Ein Echo jener Zeit dieses Versprechen leider nicht einlöst, liegt vor allem an der mehr zusammenfassenden als erzählenden Haltung des Autors, der fast jede Schilderung und jede Begegnung in einem gerafften, oft kursorisch anmutenden und stellenweise ins Abstrakte abgleitenden Bericht wiedergibt, was in der Literatur verlässlich jede Stimmung killt. Diese berichtende Distanz steht in Oppositon zur Nähe, die eine Ich-Erzählung mit sich bringt. Aus diesem Widerspruch heraus sind die Martha-Kapitel (in Ich-Form) absurderweise ungleich unbefriedigender zu lesen als jene aus der Sicht des greisen Massenmörders. 

Auch inhaltlich gerät der Roman in Schräglage – als sich nämlich die von Gewissensfragen geplagte Täter-Enkelin Martha im Lauf des Buches in Arno verliebt, den Enkel eines französischen Juden, der von Brunner in den Tod geschickt wurde. Diese triviale Konstellation steuert konsequent auf ein noch trivialeres Showdown zu, über dem in Großbuchstaben „Fernsehfilm“ prangt. Überhaupt, so scheint es, giert der Roman nach Verfilmung, was ihn zwar als Vorlage für ein Treatment empfiehlt, ihm aber literarisch nicht wirklich gut tut.