schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 24 - aber sicher mind the gap
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/24-aber-sicher/mind-the-gap

mind the gap

ernst kilian | mind the gap

Wir wollen Social Security und Safe Sex und sicheres Surfen.

Aber sicher hätte ich vor etlichen Jahren, als viele Hausbewohner das taten, mir ebenfalls eine einbruchshemmende Wohnungstür einbauen lassen sollen. Während ich diesen Satz niederschreibe, bin ich übrigens durch einen gebrochenen Finger an der rechten Hand leicht behindert. Ob und wie das zusammenhängt, werden wir noch sehen. 

Es gibt Menschen, die das Englische für die Präzision bewundern, mit der es zwischen zwei Sicherheitsbegriffen, nämlich safety und security unterscheidet, wobei manchen Definitionen zufolge safety eher die Sicherheit von Leib und Leben gegenüber den Wechselfällen des Schicksals bezeichnet und security eher den Schutz auch von Eigentum vor willkürlichen Eingriffen durch andere Personen. Grob gesprochen verhält sich safety zu security wie ein Fingerbruch zu einem Hauseinbruch. Und mehr als grob kann man darüber eigentlich auch kaum sprechen, weil es unweigerlich zu Überschneidungen und unklaren Zuordnungen kommt. Zum Beispiel, wenn man nachts von einem Einbrecher überrascht wird, der einen, um bei der Arbeit nicht gestört zu werden, präventiv niederschlagen möchte woraufhin man beim Versuch auszuweichen, stürzt und sich den Finger bricht. Liegt hier ein Defizit an safety oder an security vor? 

Ist im Grunde gleichgültig. Schließlich wollen wir ja sowieso alles gleichermaßen vor den Wechselfällen des Schicksals und feindlichen Übergriffen besichert wissen: Leib, Leben, bewegliches und unbewegliches, materielles und immaterielles Eigentum, den Lebensstandard, die Partnerschaft, den Arbeitsplatz, die Altersvorsorge und den Wohlstand der Nachkommen, die Umwelt, das kulturelle Erbe, die staatliche Integrität, die Energieversorgung, die Qualität von Produkten und Dienstleistungen nach ISO 9001, die Demokratie und den Frieden, die Gesellschaftsordnung und das abendländische Wertesystem. Wir wollen Social Security und Safe Sex und sicheres Surfen, und kaum jemand wird auf etwas davon, wenn er es haben kann, freiwillig verzichten (bis auf die Tea Party, die auf die Umwelt pfeift und soziale Sicherheit für eine europäische Geistesverwirrung hält). Währenddessen werden alle diese Sicherheiten von überall her angenagt. Die Krise bedroht die Jobs, umkippende Ölplattformen gefährden die Umwelt, Israel laut Günter Grass den Weltfrieden, die muslimischen Malocher laut den Rechtspopulisten das abendländische Wertesystem, die Softwarepiraten die Gewinne der Microsoft Corporation, die echten Piraten den Schiffsverkehr im Golf von Aden, und die Regierung spart bei Bildung, Kultur, Sozialausgaben und gefährdet dabei alles, einschließlich sich selber.

Kopernikus machte alles kaputt
Und da ist gar nicht erwähnt, was wir natürlich auch gern hätten: gesichertes Wissen. Das war im Mittelalter noch zu haben. Die Welt war so einfach, wie die Tea-Party-Bewegung sie sieht. Die Erde im Mittelpunkt, drum herum die Gestirne, darüber der Himmel mit Gott, Engeln und Heiligen. So lehrten es die christlichen Theologen mit einer Selbstsicherheit, als gingen sie im Jenseits regelmäßig ein und aus, so konnte man es bei Dante nachlesen und auf zahlreichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts mit Schaudern bestaunen. Dann kam dieser Kopernikus, fing an, alles kaputtzumachen, und seither ist des Kaputtmachens kein Ende. Inzwischen weiß mit Ausnahme der evangelikalen Christen kein Mensch mehr genau, wie groß das Universum ist, ob unendlich und wenn nicht, was jenseits davon ist. Und ob es jenseits des Wissens noch ein anderes Wissen gibt, wie es die Esoteriker glauben, und wenn nicht, was dann kommt. Und ob auf das Sterben das ewige Leben folgt oder der ewige Tod oder die ewigen Wiedergeburten, das kann sich inzwischen jeder und jede für sich selbst aussuchen, da für keine der Optionen mehr die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen droht. Das nennt man Freiheit. Die ist eine der großen Errungenschaften der abendländischen Neuzeit. 

Wir müssen aber gar nicht gleich die metaphysischen Höhen erklimmen, um zu sehen, wie unsicher Wissen geworden ist. Im Jahre 1751 veröffentlichte Johann Heinrich Zedler den letzten Band einer Enzyklopädie mit dem Namen Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Das war zwar schon damals übertrieben – Johann Sebastian Bach zum Beispiel kam darin nicht vor –, aber die Käufer glaubten wahrscheinlich tatsächlich, mit dem Erwerb des Werkes allumfassendes Wissen gekauft zu haben. Wikipedia, diese unendliche Großbaustelle ephemeren Instantwissens, gibt das gar nicht mehr vor, obwohl oder gerade weil sie neben einem wunderbaren Eintrag zu Bach, der gut 50 Buchseiten umfasst, auch 8.000 Anschläge für DJ Ötzi erübrigt. Gewiss: In Wikipedia steht mitunter Blödsinn, aber der steht auch in anderen Nachschlagewerken, nur dass er dort für Jahrzehnte oder Jahrhunderte als Teil des Bildungskanons einzementiert ist, während ihn hier jeder sofort richtigstellen kann. Auch das riecht nach Freiheit. Doch Freiheit bedeutet zugleich Risiko und kollidiert somit frontal mit der Sicherheit. Mit Ausnahme der Investmentbanker, die mit Geld spekulieren, aber nicht mit dem eigenen, kann niemand Risiko und Sicherheit vereinen. Mehr Sicherheit beschneidet die Freiheit. Das weiß jeder Gefängnisinsasse, nachdem man ihm Gürtel und Schuhbänder weggenommen hat, und das wissen wahrscheinlich ebenso die Bewohner von Gated Communities, die ihre ummauerten und rundum bewachten Siedlungen nur in gepanzerten Limousinen verlassen. Doch Risiko macht schließlich auch Spaß, Sicherheit nicht wirklich. 

Freilich: Wenigstens unser Geld hätten wir gerne zuverlässig geparkt. Aber wie und wo? In Form von griechischen Staatsanleihen? Als Sparbuch zum Eckzinssatz, wo die Inflation es auffrisst? Oder gleich unter dem Kopfpolster? Dort schaut der Einbrecher als erstes nach, und der nimmt keine Rücksicht, wenn man gerade selber drauf liegt. Der schlägt zu. Ein gebrochener Finger ist dann noch ein Glücksfall. Also was bleibt? „Kaufen Sie doch ein Zertifikat von Lehman Brothers“ hätte noch Anfang September 2008 jeder seriöse Anlageberater guten Gewissens empfehlen können. Mitte des Monats war das Papier wertlos.

Tja, was tun, wenn sich alteingesessene, renommierte Firmen in Luft auflösen, gewiefte Banker verzocken und das britische Wahlsystem, eben noch als sicherer Garant für stabile Regierungen zur Nachahmung empfohlen, plötzlich ein hung parliament ohne absolute Mehrheit produziert? „The time is out of joint – O cursèd spite“, könnte man mit Hamlet ausrufen, aber das bringt uns keinen Schritt weiter. Am besten suchen wir uns daher in Anbetracht der globalen Gefährdungen eine kleine lokale Gefahr, die leicht zu bewältigen ist, und darüber vergessen wir den Rest. Hier bietet sich der Spalt an. Der Spalt? Yes. The gap. Mind the gap!

Unsterbliche Worte

Dass Waggons und Bahnsteige nicht vollkommen fugenlos aneinanderstoßen, könnte man vielleicht für einen Bestandteil zivilisatorischen Basiswissens halten, und das muss tatsächlich auch in London, wo 1863 die erste U-Bahnlinie eröffnet wurde, gut 100 Jahre lang vorhanden gewesen sein, bevor es offenbar plötzlich die Themse hinabging. Denn erst seit 1969 gibt es den Hinweis „Mind the gap“, der von ausländischen Touristen mitunter belächelt und auch von Einheimischen mit feiner Ironie („those immortal words“ heißt es auf einer Webseite) bedacht wurde. Doch in dem Maße, wie Margret Thatchers Neoliberalismus auf den Rest der Welt überschwappte, schien das Wissen um die Gefährlichkeit des Spalts global zu erodieren. 2011 erreichte der rätselhafte Vorgang Österreich. Seither verkündet unter anderem in der Wiener U-Bahn eine betuliche Frauenstimme vom Typus Kindergartentante „Achten sie auf den Spalt – zwischen Bahnsteig und U-Bahntüre.“ Dass sie durch die Zäsur mitten im Satz den Spalt dem Hörer auch akustisch nahe bringt, verdient Respekt, ist aber nichts gegen eine entsprechende Warnung, die es vereinzelt in der Pariser Métro geben soll und die ein perfekter Alexandriner ist: das Versmaß der klassischen Tragödie. Ah, la culture française!

In Rio de Janeiro hingegen wird man sogar aufgefordert, den Zwischenraum zwischen Zug und Bahnsteig „aufmerksam zu beobachten“ (observe atentamente). Damit wird die Spaltbetrachtung zum zentralen Erlebnis des U-Bahnfahrens. Auf anderes, zum Beispiel Taschendiebe oder bewaffnete Räuber, kann man sich da kaum noch konzentrieren, obwohl Rio eher als unsichere Metropole gilt. Dass das so ist, hat nicht zuletzt mit einem Spalt zu tun, der weltweit größer wird und es vielleicht viel mehr verdienen würde, aufmerksam beobachtet zu werden: dem zwischen Arm und Reich. 

Bill Clinton und Tony Blair müssen ihn zwar beobachtet haben, zumal er unter ihrer Amtsführung besonders eindrucksvoll auseinanderging. Vielleicht hätten sie auch etwas dagegen tun können. Sie wandten sich jedoch bald von diesem beunruhigenden Spalt ab und einer reizvolleren Herausforderung zu – der Verhinderung des Millenium Bug. Schließlich stand da viel auf dem Spiel: Flugzeugabstürze, stecken bleibende Aufzüge und weitere Katastrophen. Passiert ist nichts. Das Publikum war aus dem Staunen noch nicht herausgekommen, wie das Magierduo Bill & Tony den Millenium Bug überlistet hatte, als die Dotcom-Blase platzte. Man kann nicht an alles zugleich denken. Sicherheitsmaßnahmen haben die Tendenz, sich zwangsneurotisch auf einen einzigen Bereich zu konzentrieren, was zu einem Aufmerksamkeitsdefizit auf allen anderen Gebieten führt. Davon profitieren Trickdiebe, Terroristen und Finanzmärkte.

Es funktioniert so, wie Zauberkunst­stücke funktionieren. Man blickt auf die Nase des Illusionisten, und plötzlich ist das Kaninchen im Hut. Ein Fremder verwickelt einen in ein kurzes Gespräch, und wenn er weiter geht, ist die Tasche gestohlen. Man beschäftigt sich obsessiv mit dem Millenium Bug, und auf einmal ist die Dotcom-Krise da. Man beobachtet haargenau den Spalt zwischen Waggon und Bahnsteig, und daneben zündet einer die Bombe. Wie in Madrid 2004, wie in London 2005.

Die Sicherheitsneurose
Pech gehabt. Gegen die Bombe in der U-Bahn kann man nämlich, zum Unterschied vom Spalt, nicht viel tun. Würde man Sicherheitschecks wie in Flughäfen einführen, bräche der Verkehr zusammen. Die besonders in London omnipräsenten Kameras sind ein Placebo. Sie stellen nur auf den traditionellen Terroristen ab, der nach dem Attentat gesund und von der Polizei unbehelligt das Weite suchen möchte. Gegen ideologische Irrläufer wie Anders Breivik oder islamistische Amokpassagiere nützen sie wenig. Die wollen entweder als Märtyrer gefangen genommen werden oder als Märtyrer sterben. Im letzteren Fall hat man dann hundertfach das Bild eines bärtigen Rucksackträgers, der inzwischen längst bei den 72 Jungfrauen weilt. Das taugt fürs Familienalbum, kriminalistisch ist es eher irrelevant. Außer man glaubt, dass Al-Qaida auf Grund des Fotos bei der Polizei anrufen wird: „Hallo, das war einer von den unseren.“ Und die vorausschauend ein halbes Jahr gespeicherten Telefondaten bringen allenfalls einen illegalen polnischen Pfuscher unter Verdacht, mit dem der Gotteskrieger zuletzt mehrmals über die Montage einer einbruchshemmenden Tür gesprochen hat. 

Weil also die Möglichkeiten zum Ausleben der Sicherheitsneurose in der U-Bahn doch sehr begrenzt sind, verlagern wir sie auf den Flughafen, wo sie umso besser gedeihen kann, als ohnehin viele Leute beim Fliegen ein mulmiges Gefühl haben und für alles, was nach mehr Sicherheit aussieht, empfänglich sind. 

Seit Nine-Eleven wird daher jeder, der sich erkühnt, ein Flugzeug besteigen zu wollen, vorsorglich als Verbrecher eingestuft und auch so behandelt. Schuhe aus, Gürtel runter, Schmuck und Geld auf das Band und dann durch den Metalldetektor. So als wäre die Mehrheit der Passagiere ganz versessen darauf, das Flugzeug in das nächste Hochhaus zu steuern. Ich hatte einmal ein Schweizermesser mit siebzehn Funktionen am Flughafen Wien-Schwechat versehentlich ins Handgepäck getan. „Brauchen Sie das überhaupt noch?“, fragte der Sicherheitsmann angesichts des neuwertigen, 70 Euro teuren Werkzeugs. Die Frage ist eigentlich nur verständlich, wenn der Subtext dazu lautet: „Du hast doch das Ding bloß gekauft, um das Flugzeug zu entführen. Das hat sich ja nunmehr erledigt, oder?“

Da war die Sicherheitslady in New York am John-F.-Kennedy-Flughafen, wahrscheinlich eine von den Working Poor, für die schon 70 US-Cent viel Geld sind, anders. Ungefähr soviel war der Rest von Mineralwasser in der Flasche wert, die ich zerstreut in die Tasche gepackt hatte. Und doch wollte sie die Flasche nicht gleich konfiszieren. Sie bot mir an, sie leerzutrinken. Freilich nicht hier, da geht es nicht, sondern auf der anderen Seite des Detektors, also ungefähr zwei Meter weiter weg. Wie bitte? Entweder die Mineralwasserflasche enthielt Wasser, dann hätte ich sie diesseits und jenseits des Metalldetektors austrinken können. Oder sie enthielt Sprengstoff, dann hätte ich ihn hier wie dort zu den Worten „Allahu akbar“ zünden können – Kreis und Anzahl der Opfer wären praktisch gleich gewesen. Aber erkläre einmal einem Neurotiker, dass es irrational ist, immer zweimal nachzusehen, ob die einbruchshemmende Tür versperrt ist. Er muss es einfach tun. Und so hilft es auch nichts, dass ein Sicherheitsexperte schon vor Jahren auf die Sinnlosigkeit der Mengenbegrenzung von Flüssigkeiten hinwies, weil ja niemand eine Gruppe von Attentätern hindern kann, den Sprengstoff in mehreren kleinen Fläschchen an Bord zu bringen und dort zusammenzuschütten.

Wir dürfen als sicher annehmen, dass auf dem Flughafen von Rio de Janeiro alle Security Checks für den Flug Air France 447 am 31. Mai 2009 vorschriftsmäßig durchgeführt worden waren. Leider stürzte die Maschine wenige Stunden danach aus einem freilich nicht ganz heiteren Himmel in den Atlantik. Die meisten unnatürlichen Todesfälle werden nämlich nicht durch Attentäter, sondern durch menschliches Versagen oder technische Pannen verursacht. Doch was wäre passiert, wenn der Absturz die Folge eines Attentats gewesen wäre? Und der Attentäter den Sprengstoff nicht an, sondern in seinem Körper getragen hätte? Gäbe es jetzt dann das Klistier für alle, damit man die Reise mit garantiert von Sprengstoffen gereinigtem Darm antritt? Und für Frauen zusätzlich eine manuelle Durchsuchung, wie sie einer Bekannten vor vielen Jahren von einer rumänischen Grenzbeamtin noch unter Ceausescu zuteil wurde, und die sie mit den Worten beschrieb: „Wenn ich andersrum wäre, wäre mir anders geworden“? 

Doch was hindert die Flughafenbehörden eigentlich daran, das jetzt schon einzuführen? Die Rücksicht auf die Menschenwürde? Die ist doch ohnehin längst beim Teufel, wenn man barfuß, mit einer Hand die Hose haltend, unter Umständen sehbehindert, weil man die Brille mit Metallgestell abgelegt hat, durch den Detektor gehen und gegebenenfalls bekanntgeben und nachweisen muss, dass man einen Herzschrittmacher, ein künstliches Gelenk oder sonst einen Metallteil im Körper hat.

Eine Gefühlsfrage
Und warum lassen wir uns das alles gefallen, obwohl die Zahl der Flugzeugentführungen in den letzten 40 Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist? Weil Sicherheit vor allem eine Frage des Gefühls ist. Und wer das Gefühl hat, in einem schwankenden Jahrhundert zu leben, in dem nichts mehr sicher ist – Moment, „schwankendes Jahrhundert“ (fluttuante secolo), das ist doch ein Zitat, richtig: der Risorgimento-Poet Giosuè Carducci meinte damit allerdings das neunzehnte, wahrscheinlich gerät jedes Jahrhundert manchmal ins Schwanken – wer also dieses Gefühl hat, braucht etwas, um sich festzuhalten, damit ihm nicht übel wird. Und der abgeschlankte neoliberale Staat, der sich außer der billiger werdenden Überwachungstechnologie nichts mehr leisten kann, hat das maßgeschneiderte Angebot: „Du musst nur bei der Einreise deinen Fingerabdruck und deine Kreditkartennummer abgeben, am Flughafen die Hosen runterlassen oder dich in den Ganzkörperscanner stellen, ab da zeichnen wir auf, wo du dich aufhältst, mit wem du sprichst, welche Websites du besuchst, und speichern das alles ein halbes Jahr, O. K.? Dann brauchst du nur noch auf den Spalt in der U-Bahn zu achten und bist total sicher unterwegs.“ Und weil wir uns daran gewöhnt haben, dass mehr Sicherheit mit weniger Freiheit einhergeht, schafft schon die Einschränkung von Freiheit ganz von allein ein gehobenes Sicherheitsgefühl. 

Es ist dieses Gefühl, um das ich mich jahrelang gebracht habe, indem ich die einbruchshemmende Tür seinerzeit nicht angeschafft habe. Gegen den Einbrecher, der schließlich doch kam, hätte sie nichts geholfen. Der stieg durchs Fenster ein. Die Hausverwaltung hatte ihm gewissermaßen die Räuberleiter gemacht, indem sie den ganzen Winter hindurch ein Gerüst stehenließ, von dem er ganz bequem hereinkam. Er musste nur – mind the gap! – einen etwa 20 cm breiten Spalt zwischen Gerüst und Fenstersims überwinden. Das nagelneue Fenster brach er laut Aussage des Tischlers in höchstens 30 Sekunden auf, weil es unter dem Gesichtspunkt der thermischen Isolation optimiert war, aber nicht unter dem des Einbruchsschutzes. Man kann nicht an alles denken.

Wenn allerdings Sie, lieber Leser, liebe Leserin auf Grund einiger Andeutungen im Text inzwischen ziemlich sicher sind, dass der gebrochene Finger mit dem Einbruch zu tun hat, dann sind sie einer falschen Fährte gefolgt. Der rührt von einem Fahrradunfall durch eine zu spät gesehene Gehsteigkante, vor der mich leider keine Lautsprecherdurchsage gewarnt hat. Der Einbruch hingegen war Monate vorher. Man kann nichts und niemandem trauen.