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moment!

Ein Plädoyer für den Neustart.


Dieter Sperl: Von hier aus. Diary Samples.

Ritter Verlag: Wien/Klagenfurt 2012

Rezensiert von: lisa spalt


„Das Gehirn lernt die Regel hinter den Ereignissen. Aber wer oder was ist das Gehirn eigentlich?“, fragt sich – sage ich jetzt einmal – der Text ziemlich gleich zu Beginn in Von hier aus, dem neuesten Buchs von Dieter Sperl. – Ja, ist denn das nun Prosa, ist denn das so ein „geradeheraus Geäußertes“, wie es „im Buche steht“? Nun ja, die Sache könnte doch irgendwie, wenn man weiterliest, auch wenn sie schon eher nach Gebrauchsprosa klingt, von den Geschichten herkommen, von denen es bei Sperl heißt: „[M]anche werden Ratgeber spielen, die unsere Selbstbeobachtung schärfen, andere wiederum werden uns mit ihren Emotionen mitreißen“. Denn Sperl begeht doch schließlich beide Wege: Vom Ratschlag für das Verhalten bei Sonnenbrand über das Rezept für die Erzeugung von Tannenwipferlhonig, poetologische Vorsätze, Zen-Programmsätzen etc. zu kleinen, empfindsamen Beobachtungen, Aphorismen und hochemotionalen Momenterfassungen reicht das Spektrum der Einträge, die dieser Band versammelt. 

Eine Grundfrage durchzieht das ganze Buch: Welche Programme stehen hinter meinen Gedanken, meinen Sätzen, meinen handfesten Handlungen? Was kommt von innen, wird von meinen Programmen erzeugt, was kommt von außen, wird erst zu einer Regel, zu einem Programm umgeformt? – Über diesen roten Faden stellt das Buch mir die zarte Falle: Ich beziehe schnell alles, was hier steht, auf mich, prüfe es auf seinen Gebrauchswert. Aber Achtung: Das Ganze ist ja trotz allem eine literarische Handlung, ist Fiktion, das Thema der Programmierung klittert die tagebuchartigen Splitter zusammen, das sprechende Ich ist ein literarisches Ich, das mit diesen Sätze aus diversen Programmen die Interferenz mit meinen Programmen, denen der Leserin, erzeugt, das Programm Literatur unterläuft das Programm „Ratgeber“, schleicht sich ein als Trojaner, indem es mich dazu bringt, Literatur als Anleitung, als Programm zu verstehen. So schreit der Text – wenn er mich in den Literaturmodus zurückstößt, ein buddhistisches KATZ, ich bin wieder auf Null gestellt. 

Shunryu Suzukis Anfängergeist durchweht mich für einen Augenblick. Genau: „Die Literatur ist eine Form des Exorzismus. Sie treibt die Dämonen aus, die wir in uns haben.“ Der Text selbst bringt diesen Satz von Carlos Fuentes. Und hier werden uns also die Programme ausgetrieben, wobei Austreibung dann doch schon wieder zu verstehen wäre als Auflösung UND als Geburt jenes Balgs eines neuen Programms, welches da heißen muss: „Einen klaren, vielfältigen, beweglichen Verstand anstreben.“ Verflixt oder KATZ! Literatur ALS Zen-Buddhismus, jeder Satz eine Handlung, eine Zeit, die für den Autor jetzt ist, für die Leserin aber auch – bleib, sei so gut, so geschickt, im Jetzt dieses Textes! – Dieses Programm wird mir hier immer wieder in Erinnerung gerufen. Aber was mir auch im Text, in dieser Erfahrung, geschieht: „Jede Handlung drückt dich stets vollständig aus.“ 

Ja, auch dieses Buch bin, wenn ich es lese, letztlich ich. Dieter Sperl: „Du bist gefährlich, weil jeder Satz, der über dich gesagt wird, richtig ist.“