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österreich, du wahlheimat!

Die Geschichte einer West-West-Migration.


Emily Walton: Mein Leben ist ein Senfglas. Roman

österreich, du wahlheimat!

PROverbis: Wien 2012

Rezensiert von: hannes luxbacher


Acht Jahre alt ist Poppy Simmons, als ihre Eltern beschließen, von England nach Österreich zu ziehen. Aber nicht genug, dass sie unvorbereitet neu(e) Wurzeln schlagen muss, pflegen ihre Eltern darüber hinaus auch einen für 80er-Jahre-Verhältnisse noch nicht etablierten Lebensstil, der in der heutigen Zeit, in der das Prekariat um jede Ecke guckt und zeitlich gefestigte Tagesabläufe in den Patchworkfamilien allgemein noch als oktroyiertes Konstrukt einer institutionellen Welt (Schule! Arbeit! Banköffnungszeiten!) wahrgenommen werden, geradezu als herkömmlich zu bezeichnen ist. Zu essen gibt es, wenn überhaupt warm gekocht wird, Fertiggerichte, der Vater unterrichtet Erwachsene, die Mutter pflegt unorthodoxe, jedenfalls aber uncoole Einkleidungseinkäufe via Flohmarkt, und beide haben tagsüber genügend Freizeit, um Poppy das unangenehme Gefühl zu vermitteln, sie müsse sich für eben diese Freizeit ihrer Eltern vor ihren Schulkolleginnen rechtfertigen. Kurzum: Normalität ist das, was man den anderen nicht streitig machen will. Und in einem ländlichen Gebiet im Österreich der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre mag das durchaus noch etwas heißen für den Selbstbe­hauptungskampf in darwinistisch geprägten Kampfgruppen, auch bekannt als Volksschulklassen und Ortsgruppen-Cliquen. 

Walton konfrontiert die Leser mit Versatzstücken der Soziogenese des modernen europäischen Menschen. In zwölf Kapiteln, geordnet nach Monaten, wird die Erwachsenwerdung von Poppy Simmons skizziert. 

Zahlreiche Kapitel umkreisen Themen, die sich Thirtysomethings gerne erzählen: das Erlernen des Skifahrens, der Einstieg ins Gymnasium und der damit einhergehende Verlust der Bezugsgemeinschaft im Ort, wo doch alle anderen direkt und mit gleich bleibender Sitzordnung von der Volks- in die Hauptschulklasse wechseln, der Sommer der ersten Liebe und der damit verbundenen Enttäuschung(en). Walton durchsetzt den Text, der mit Roman tendenziell falsch kategorisiert ist, mit Elementen der Migrationsproblematik. Das Besondere daran ist die Richtung des Migrationsflusses: An die Stelle der klassischen Ost-West oder Süd-Nord-Bewegung tritt in Mein Leben ist ein Senfglas die West-West-Bewegung. 

Die Autorin verfasst keine zornige oder anklagende, keine demütige oder sich anbiedernde Geschichte über Migration, das Buch handelt wesentlich stärker von der Selbstfindung in einem kulturellen Kontext, der weniger von Diskriminierung geprägt ist als mehr von klischeedurchsetzten Vorurteilen.
Die Autorin wendet sich demnach auch den anderen Themenkomplexen, die dem Thema Migration sonst berechtigterweise innewohnen, wenig zu. Aspekte wie moralische Standards, die Öffnung/Geschlossenheit einer Gesellschaft, die Frage, wie verschiedene ideologische Kulturen miteinander umgehen oder wie sich diese ineinander verweben können, tauchen in Waltons Debüt kaum auf.

Die ehemalige Rezensentin des Kurier sowie Top-ten-Kandidatin des fm4-Literaturwettbewerbs Wortlaut hat ein Werk vorgelegt, das vornehmlich in Nostalgie schwelgt. Zwischendurch geht das gut auf, mitunter meint man, das eine oder andere Kapitel mit ähnlichem Inhalt von einem alten Freund schon mal erzählt bekommen zu haben.

Dass Walton Senf in den Titel genommen hat, ist wohl passend, ist Senf doch ein bereits sehr früh sehr weit gereistes Gewürz und ein in der asiatischen wie europäischen Küche verbreitetes Gewürz.