schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 24 - aber sicher roma, roma
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/24-aber-sicher/roma-roma

roma, roma

roland steiner | roma, roma

Wir reden über Freiwild.

Monte Mario
„Roma, Roma, Roma, core de ‚sta città, unico grande amore, de tanta e tanta gente, che fai sospira‘…“ Antonello Vendittis Refrain hallt nach, als ich aufwache in der psychiatrischen Praxis, die mir im Norden der italienischen Kapitale als Wohnstatt dient. Mit den Oppositionellen des öffentlich-rechtlichen Senders RAI Radio 3 wohnte ich einem Training des AS Roma bei, in dem die erworbenen Fußballer vorgeführt wurden, an das Ende der Nacht aber erinnere ich mich nicht. Umso mehr verwundert ein Zettel in meiner Jackentasche: „Morgen um 4 Uhr früh, mit Haube: Quartaccio.“ Ich kenne keinen Quartaccio, eine Haube besitze ich nicht, und die Jacke hatte ich über die Sessel der Lokale gehängt. Wer hat das mir warum zugesteckt?

Um die Lunge zu entlüften, beschließe ich einen Ausflug in die grüne Lunge von Monte Mario, das Naturreservat. Stolze 140 Meter hoch ist der sogenannte Berg, auf dem Buchen neben Linden, Ahorn neben Eschen stehen, in deren Wipfeln Dohlen und Stare krächzen. Von oben ist das Olympiastadion zu sehen, das mich neuerlich einlädt abzusteigen, über abfallend sandige Wege neben einer scheinbar unberührten Wildnis. In den Niederungen wachsen Stein- und Korkeichen, zwischen denen Mäuse wuseln und auf denen Stieglitze und Grünfinken zirpen, der Blick nach oben offenbart das astronomische Observatorium. Und nach oben muss ich halb entgifteter Dolm nun wieder.

In der Antike, lese ich auf einem nicht unleserlich zugesprayten Schild, hatten Poeten hier im Wald ihre Villen errichtet, an denen Soldaten vorbeizogen, während im Mittelalter die Pilger von Canterbury über Sankt Peter weiter nach Jerusalem zielten. Plastikzelte hatten sie keine, aufgespannte Shirts mit dem Aufdruck „Fabulöse Thekenschlampen – FC Köln“ sicher auch nicht. Improvisierte Behausungen zeugen von aktueller Behausung des Waldes. Etwas raschelt, eine Haselmaus?

Ich sehe keine, Zeltbewohner sind nicht in Sicht. Und doch kommt das Rascheln näher … ich drehe mich um und – werde zu Boden geworfen. Ein Stiefel drückt auf meinen Hals. „Wie heißt du, woher kommst du, weise dich aus, Drecksack!“ Mit der linken Hand deute ich auf meine rechte Gesäßtasche, reden kann ich nicht. Jemand fingert meine Geldbörse hervor, während ich würge, die Lippen auf sandiger Erde spreize und … „Du bist Österreicher?!“, höre ich noch im Spüren naher Ohnmacht; „Lass ihn los“, und der Stiefel steigt ab von mir. Ich werde hochgehoben, aufgestellt, abgeputzt.

„Was machen Sie hier“, fragt mich der bewaffnete Chefpolizist mit eingedellter Stirn. „Ich … ich bin Journalist … für eine große österreichische Tageszeitung … und ich recherchiere die schönsten Erholungsgebiete in Rom für eine touristische Reportage, ja, genau.“ Was für ein Scheiß, welcher den Polizisten strahlen lässt. „Bestens! Kommen Sie – bitte verzeihen Sie die Unannehmlichkeit, aber wir … müssen vorsichtig sein. Wir entschädigen freilich alles, aber kommen Sie, begleiten Sie uns. Haben Sie eine Kamera?“ Ich verneine. Wohin begleiten? Er lacht nun kecker, „zum Einsatz.“ Man befiehlt mir leise zu sein, und so stechen drei Dutzend zivil gekleidete Polizisten und ein Vollidiot in die grüne Lunge, immer tiefer mittels Drahtschneidern sie aufklaffen lassend, bis das erste fremde Gesicht aus dem Zelt schlüpft. Dann Schreie, hier wie dort. Die Beamtenstiefel preschen vor, während Männer Frauen Kinder aus ihren Baracken und Zelten rennen, rasch eingekreist werden von den Ordnungshütern und deren Verstärkung aus Förstern und Parkwächtern, allesamt mit Schlagstöcken bestückt. Drohgebärden meist junger Männer, deren Augen mehr panisch denn aggressiv funkeln, schreiende Frauen, ein Schlagstock gegen die Kniekehlen eines Zwanzigjährigen, lauter als er brüllende Kinder. Sie hören als einzige nicht auf, alle anderen verstummen im Angesicht der nun frontal auf sie gerichteten Pistolen, Gummi- und Gasgewehre. „Alle raus“, brüllt Stirndelle, „mit erhobenen Händen“, und tatsächlich – auf sein Geheiß gruppieren sich 68 Menschen vor der Macht: Säuglinge, sechzehn Frauen und Mädchen, der männliche Rest zwischen zwanzig und fünfzig Jahre alt. Vor mir ein Polizist, der seinen Rucksack ablegt und eine Stahlkette daraus hervorzaubert: Unter den aufs Gesicht gerichteten Waffen der anderen befestigt er sie der Reihe nach an allen Waldbewohnern, Handschelle um Handschelle. „Das letzte Mal waren es 52“, sagt Stirndelle zu mir, „kaum hatten wir ihre Baracken zerstört, kamen die nächsten.“ Kotzen, ich muss dringend kotzen – „Wir schicken Helikopter über die Stadt, und mit denselben Geräten, die Freund Google benutzt, machen wir sie ausfindig. Aber die besten Tipps kommen immer noch von den Parkbesuchern, den anständigen ehrlichen fleißigen Leuten vom Viertel.“ Plötzlich versucht ein Mann zu fliehen, ein Schuss, und er fällt … ein Junge kreischt … die Kette wird enger gezogen … zwei Polizisten schnappen sich den Beindurchlöcherten und eilen den Berg hinan. „Sie kennen keine Autorität“, zischt Stirndelle. Ein Wehklagen hebt an, während die Förster die illegalen Behausungen mit mir inspizieren: Plastikzelte deren Herkunft noch zu erkennen ist („Eigentum der Demokratischen Partei“, „Vasco Rossi – Tour 2008“, „Lega Nord – Partei gegen Immigration“) mit Gasherden Kochtöpfen Waschschüsseln davor, Decken Gewand Spielzeug Präservativen Lebensmitteln CD-Playern Windeln Madonnastatuen Schnapsflaschen Pornos darin. Auf ein Zeichen kommen Müllmänner, Rotkreuzhelfer transportieren die Invaliden ab. Die Polizisten klappen Metallboxen mit Stempelkissen vor den Angeketteten auf, nehmen Fingerabdrücke ab und fotografieren sie. „Und los“, ruft Stirndelle, „die Räumung beginnt!“

Es sind die Parkwächter, die nun alle Behausungen durchkämmen auf der Suche nach Identitätspapieren und anderen Dokumenten, während ein ohrenbetäubender Lärm uns alle bedrängt. Ein Bulldozer hackt alle Baracken samt Inhalt nieder, und das Geheul der Frauen und Kinder wird fortgebracht. Bloß die Männer stehen noch da, denen Ausweise vorgehalten werden: „Bist du Vadim, 35, geboren in …, bist du Sergiu, heute 21, Sohn von …“ usw. „Sehen Sie, wir geben die Natur wieder allen Menschen zurück …, den Bewohnern dieses Viertels wie auch den Erholung suchenden Touristen. Wenn Sie das schreiben, bin ich gerne befugt, meinen Namen zu nennen. Werden Sie?“ Dreistes Arschloch, denke ich mir, formuliere es aber anders: „Freilich, Führer. Aber eine Frage: Wer sind diese Menschen, woher kommen sie und warum wohnen sie hier?“ Er zündet sich eine Zigarre an, überwacht die Zerstörung der kurzfristigen Behausungen und den Abtransport der Bewohner. „Sind es Roma“, frage ich nach. „Scheiß drauf“, zischt er wütend, „das sind keine Nomaden, sondern Rumänen. Die kommen nach Italien und glauben, alles ausplündern zu können. Seitdem dieses Mistland zur Europäischen Mistunion gehört, versuchen diese Mistkerle, die im eigenen Land zu Recht keine Chance bekommen, weil sie bloß stehlen können, bei uns zu schmarotzen.“ Er schnalzt seine Zigarre auf ein Schaukelpferd. „Sie sind Journalist, Sie machen die öffentliche Meinung. Ich bin Polizist, ich behüte die öffentliche Sicherheit. Und jetzt wollen Sie heimschlüpfen, während wir den Trubel um diesen Einsatz aushalten müssen, den Ihre hiesigen Kollegen veranstalten werden. Aber ich garantiere Ihnen“, hebt der Einsatzleiter an und holt mich vom Aufstieg zum Hügel nochmals zurück, „sie werden auch euch vernichten, diese Schmarotzer.“

Ein Ziviler begleitet mich zum Einstieg ins Reservat, wo er sich verabschiedet mit 200 Euro und dem Befehl: „Vergessen Sie uns.“

Trionfale
Zu Hause suche ich nach Nachrichten über Roma in Rom. Und tatsächlich: Laut einer Aussendung des römischen Bürgermeisters, zwei Stunden vor der Aktion veröffentlicht, wurden heute – Zitat – „rund 300 kriminelle Nomaden im Wald von Monte Mario gestellt, wo sie brandgefährliche Diebsgüter lagerten. Ihre misshandelten Kinder überstellte das Rotkreuz-Team in ein stadteigenes Heim.“

Dann suche ich „Quartaccio“: Dem in den 1980ern erbauten Viertel nahe meinem steht ein Ex-Busfahrer als rechter Bezirkshäuptling vor. Und was soll ich um vier Uhr früh dort suchen, „mit Haube“?

Ich spaziere jetzt dahin. Viele geschlossene Geschäfte, auf deren Metallrollläden oft die gleiche Botschaft gesprayt wurde: „Es reicht, Rumänen – brennt!!“. Drinnen züngeln wirklich die Flammen … ich nähere mich zaghaft. In aufgelassenen Geschäften für Handtaschen Hundezubehör Halsketten hausen Familien rund um brennende Kerzen: Sind dies die zu tötenden Rumänen?

Forte Prenestino

Ich fahre zum Forte Prenestino, einem in den Achtzigern besetzten Militärfort, wo unabhängige Journalisten gerne abhängen. In den Föhren vor dem Eingangsweg hängt ein Transparent: „Genua 2001: 300.000 Schuldige“. Im zu einem Erholungsgebiet verwandelten Park stehen, aus Metall recycelt, ein Bischof mit Sense und ein Politiker mit Krallen, der Eingang ist von Efeu überwuchert. Und drinnen öffnen sich Tunnel mit Bildern, die so schön sind, dass ich vergesse, im Konzeptkunstzeitalter zu sein, rauchend plaudernde Jugendliche, Mauergemälde acht Meter mal drei, fließende Zeichen, Musiken, die sich überlagern, Lokale unter weißem Zeltstoff und Himmel, einhundert Bänke und Frieden, im Kino ein Film über Radio Alice, im Theater Sarah Kane. Mit einem Halbliter Wasser setze ich mich auf eine Bank, als ob ich in einer anderen Stadt wäre, Razzia und Drohungen dort, bunte Herzlichkeit hier.
- Sag, weißt du etwas über Quartaccio?

Der Mann neben mir flucht, erzählt aber doch Bezirksgeschichte. Wie die Faschisten gleich nach Entstehen der Häuser von Tür zu Tür gingen, um Mitglieder zu rekrutieren, wie Arbeiter in den neuen Sozialwohnungen die Kommunistische Partei informierten, wie alle scheiterten, als Showgirls im Berlusconi-TV bezirzten und Mädchen des Viertels dazu brachten, sich zu bewerben. Dann eröffneten einhundert Selbständige kleine Läden, die kaum einer brauchte, die Stadt aber Steuern. Stillstand und Schließung folgten, Wut, Angst.

- Warum fragst du eigentlich?
- Weil ich in ein paar Stunden dort sein soll.
- Wann?
- Um vier Uhr früh.
- Besser nicht.
- Warum? Was passiert denn? Um wen geht es?
Mein Gesprächspartner ist verstummt. Ich frage eine junge Frau.
- „Nomaden“ oder „Zigeuner“, wie diese Menschen aus Rumänien und Bulgarien usw. genannt werden … Sie registrieren die Roma.
- Registrieren?
- Carabinieri umstellen illegale Blechhütten Holzbaracken Zelte, den nächsten Ring bilden Bullen, hinter denen Spezialpolizisten mit effektiveren Waffen stehen. Dann preschen Feuerwehrautos durch den Ring, denen Rotkreuzler folgen. Die nehmen Fingerabdrücke, beackern zuvor aber die Bewohner mit Fragebögen … „Besuchen Ihre Kinder eine Schule?“ … „Sind sie geimpft gegen …“ und so weiter. Bis am Schluss alle brav ihre Finger aufs Stempelkissen drücken und Kinder, die nicht zur Schule gehen, fotografieren lassen.
- Aber die sind doch EU-Bürger und dürfen sich also niederlassen?!
- Naivling! Und in Rumänien? Glaubst du, dass es ihnen dort besser geht?! Wir reden nicht über Bürger der EU, sondern Freiwild!
- Und in Quartaccio passiert das heute Nacht?

Trionfale

- … in der Früh um vier Uhr sind sie dann angefahren gekommen, Carabinieri und Finanzbeamte, auch Wagen der Staatspolizei … erst am Parkplatz haben sich Ambulanzen vorgestülpt … und auf einmal wimmelte es vor Zivilen, die zu den Blechhütten und Ziegenställen rannten, vor denen bloß noch die Ältesten saßen und das Kartoffelschälen unterbrachen, weil die jüngeren Mitglieder der Roma-Familien sich längst durch die Wälder gestohlen haben -
- Durch die Stadt gestohlen -
- die wenigen Bauern in Rom hat man sicherheitshalber längst zu Scharfschützen erzogen, Idiot. Was -
- Du hörst mir nicht zu: Ich habe es selbst gesehen, wie Einheiten der Exekutive die Behausungen umstellten, damit Sozialarbeiter und Sanitäter freies Feld hatten … mit Maschinenpistolen im Anschlag ist’s psychonatürlich Fingerabdrücke zu geben und Kinder zur Schuleinschreibung zu nennen, weil -
- Es nichts nutzt. Du weißt nichts, kennst keine von denen … den Elstern – was, wenn sie dich ausgeraubt hätten, hä?!
- Die „Autonomen“ sicher nicht.
- Was meinst du damit?
- Na, die Männer unter den Hauben, die alles aus sicherer Distanz gesehen haben, Autonome Blackblock Anarchisten, die keinen Zentimeter wichen, als Polizei und Rotes Kreuz an ihnen, ohne sie zu kontrollieren, vorbeizogen mit den Roma-Kindern, die -
- Was willst du damit sagen, Genosse?
- Die stecken alle unter einer Decke, das will ich -
KRAK, die Studiosendung auf Radio Onda Rossa ist abgewürgt.

Ich wehre mich gegen die Vorstellung, unter einer Haube dort gewesen sein und was auch immer getan haben zu können … was, liebe Mutter Gottes, die du bist im rot-schwarzen Himmel, hätte ich dort getan … ich wehre mich gegen die Erinnerungen an gestern im Wald, mutlos apathisch – verdammt, wo stand ich denn?

Wo stehe ich morgen?