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schöne bilder, ganz ohne kamera

Ein Urlaubsalbum à la Andreas Unterweger.


Andreas Unterweger: Du bist mein Meer. Novelle (in 3 x 77 Bildern)

schöne bilder, ganz ohne kamera

Droschl Verlag: Graz 2011

Rezensiert von: mario karl hladicz


Nach seinem vielbeachteten Debüt­roman Wie im Siebenten (2009) bleibt der 1978 in Graz geborene Autor Andreas Unterweher auch auf der literarischen Kurzstrecke seinen Themen Liebe, Glück und Schreiben treu. Dabei schöpft Unterweger erneut kräftig aus der eigenen Biographie: Kann das erste Buch als Liebeserklärung an die Freundin gelesen werden, stellt die Novelle Du bist mein Meer eine Liebeserklärung an (mittlerweile) Frau und (das im Entstehen begriffene) Kind dar. (Mit seinem dritten, derzeit in Arbeit befindlichen Buch Das kostbarste aller Geschenke, in dem er sich ganz dem Abenteuer Vaterdasein widmet, wird Unterweger seine „autobiographische Trilogie“ wohl demnächst abschließen). 

In der kurzen Erzählung geht es recht beschaulich zu; ein junges Paar verbringt sechs angenehm ereignislose Urlaubstage in einem verschlafenen schottischen Küstenörtchen namens P. Es ist der letzte Urlaub zu zweit; die Frau ist hochschwanger, der Mann blickt der bevorstehenden Geburt in einer Mischung aus Hochgefühl und Verunsicherung entgegen. Die Ferien entwickeln sich unter diesen Voraussetzungen natürlich nicht gerade zum Abenteuerurlaub; im Lauf der Woche wird vor allem spazieren gegangen – unter anderem von P. nach A. und wieder zurück, von A. via Küstenpfad nach C., aber auch dreimal von P. nach M. Zu den weiteren Aktivitäten zählen das Schreiben von Ansichtskarten, die vorsichtige Kontaktaufnahme zur Nachbarskatze sowie ausgiebige Beobachtungen der Umgebung, vornehmlich des Meeres. Einmal regnet es. Damit wäre auch schon das meiste zur äußeren Handlung von Du bist mein Meer gesagt. Dass es Unterweger jedoch nicht darum geht, eine konventionelle Geschichte mit konventionellen Mitteln zu erzählen, wird rasch klar. In den insgesamt 231 teils poetisch-philosophischen, teils alltäglich-banalen Bildern, welche der Autor dem Leser als eine Art literarisches Urlaubsalbum präsentiert, wird unter anderem der Frage nachgegangen, wie man heutzutage noch eine Geschichte über die Liebe schreiben kann. 

Die Erzählung setzt mit einer schönen Idee ein: der Mann (genannt „Er“) bemerkt während der Anreise, dass er den Fotoapparat verloren hat, was ihn – von Selbstzweifeln geplagter, 32-jähriger Schriftsteller – sogleich an Parmenides denken lässt: „Nichts kann nicht existieren“ (Bild 2), also eigentlich auch nichts verloren gehen. Doch alle philosophische Spitzfindigkeit hilft nichts, der Apparat ist futsch, und fortan sieht der Mann alles „durch die Kamera, die es nicht gibt. Er weiß, dass er die Fotos, die er sieht, nicht machen kann.“ (Bild 4). Um seine zahlreichen Eindrücke – die Geliebte (genannt „Sie“) beim Muschelsammeln etwa, ihren runden Bauch vor allem, und dann natürlich das Meer – dennoch irgendwie festzuhalten, beginnt er zunächst, (schlecht) zu zeichnen, wenig später, „schriftliche Fotos zu machen“ (Bild 18). Bald schon formieren sich die literarischen Momentaufnahmen zu einer Geschichte, die aus drei Erzählansätzen (3 x 77 Bildern) einen Blick auf das wenige Geschehen wirft. Auch der Anfangssatz für die Erzählung ist rasch zur Hand: „>Er hat seinen Fotoapparat verloren<, steht in seinem Notizblock“ (Bild 20). Der Mann entwickelt die Idee, eine Novelle über ein Ehepaar zu schreiben, das ein Haus am Meer bewohnt. Die Frau schwanger, der Mann Maler oder Clown, bloß kein Autor. Die Novelle, denkt Unterwegers Alter Ego, darf weder autobiographisch noch eine Liebesgeschichte werden, denn von beidem hatte schon sein erstes Buch zu Genüge. „Er will mit seinem zweiten Buch ja keine Fortsetzung des ersten schreiben, denkt er“ (Bild 102). Und serviert dem Leser natürlich prompt eine solche.

Kind und Buch sind also unterwegs – zum vollkommenen Glück fehlt jedoch, wie kann es anders sein, ein Stück: zum einen wäre da die einen gegenwärtig Schreibenden quälende Befürchtung, „[d]ass alles, was er sagen könnte, ein anderer, in der Vergangenheit, bereits gesagt hat“ (Bild 111). Zum anderen scheint sich das Meer, das novellentypische Leitmotiv, förmlich vor dem sehnsüchtigen Erzähler zu verstecken. Einmal lässt sich das Fernglas nicht richtig einstellen, dann verrutschen die Kontaktlinsen, schließlich verhindert der schottische Nebel einen ungetrübten Blick – die Miniatur über das Meer will nicht und nicht gelingen. Und so muss sich der Schriftsteller mit sechs wenig zufriedenstellenden Fotos von seiner Handykamera begnügen, wohlwissend, dass diese niemals das „wahre Bild“ werden festhalten können. Am Ende des Urlaubs dringt der Mann dann doch noch zum Wahren vor und erkennt, was schon der Titel anspricht: Ihm wird seine kleine Familie zum Meer. Abends, wenn er still neben seiner Frau im Bett liegt, kann er es rauschen hören, und wenn er die Hand auf ihren Bauch legt, kann er spüren, wie es Wellen schlägt. 

Unterweger gelingt es in seiner zweiten Prosaarbeit stets, das Gleichgewicht zwischen poetischer Reflexion, meditativen Liebespassagen und alltäglichen Momentaufnahmen zu wahren; so darf etwa zwischen allerlei Überlegungen zum Schreiben im Speziellen und zur Kunst im Allgemeinen (der Erzähler fühlt sich Impressionisten wie Renoir und Manet verwandt, welche „sich um die subjektive Wiedergabe von Momenteindrücken bemühen“ (Bild 84)) auch einmal kräftig flatuliert werden (Bild 103). Die große Leistung des Autors ist es, einen eigenen Ton zu entwickeln; es wird mit zahlreichen Wiederholungen und Einschüben gearbeitet, wodurch ein spezieller Rhythmus entsteht: („Damit sie einmal noch – ein letztes Mal!, denkt er, – allein sein können [besser gesagt: zu zweit]. Und weil sie sich zuhause – wegen seiner Arbeit [er schreibt] – zu selten sehen.) (Bild 78).

So manch ein potenzieller Leser wird das Buch nach einem flüchtigen Durchblättern in der Buchhandlung wohl aus minderen ökonomischen Gründen wieder zurück ins Regal stellen; gar wenig Wörter werden einem Lesewütigen da auf 235 Seiten präsentiert, bestehen doch zahlreiche Bilder aus nicht mehr als einem Satz. Sicher ist jedoch: Mit Andreas Unterweger gilt es, eine neue, unverkennbare Stimme in der jüngeren österreichischen Erzählliteratur zu entdecken, welche mit Du bist mein Meer ein in plot-fixierten literarischen Zeiten geradezu angenehm zurückgenommenes Büchlein vorlegt. Eine aufregend unaufgeregte Lektüre.