schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 24 - aber sicher sicher dat!
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/24-aber-sicher/sicher-dat

sicher dat!

martina ernst | sicher dat!

Von fliegenden Schlangen, psychopathischen Wachhunden, neugierigen Nachbarn und anderen Gefahren.

Sicherheit schlägt Kapriolen und ist für jeden Spaß zu haben. Unter „Sicher dat“ verbergen sich ein Blog, Forum, YouTube Filmchen, man kann mit wer weiß wem auf Facebook kommunizieren oder lustig drauflos twittern. Wer nicht nutzlose, witzige Fakten durchstöbern möchte, schaut einfach mal bei den Tieren vorbei. Wildtiere zum Beispiel sind im Frühling genauso von der Rolle wie wir Menschen. Dummerweise rennen sie dabei auf die Straße und schrecken auch vor stinkenden Autos und lauten Motorrädern nicht zurück. Ein Pilotversuch mit blauen Reflektoren an Leitpfählen soll Abhilfe schaffen. Weiße und rote Reflektoren haben nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Rehe stehen auf Blau. Wenn das Scheinwerferlicht die blauen Reflektoren anstrahlt, bleiben sie stehen. Sie rennen erst dann weiter, wenn das blaue Diskolicht wieder verschwindet. Gute Entscheidung. So ein Reh sieht man lieber lebendig auf der Wiese als spontan vor der aufgeheizten Motorhaube. Die Reflektoren sind zudem so leicht und mit Folie bespannt, dass keine Gefährdung durch Glassplitter besteht. So ein hübsch dekorierter Leitpfahl zieht Autos ja manchmal magisch an. 

Die Magie im Frühling trägt manchmal komische Blüten. Zur Sicherheit wird mit einer Diät, viel Sport und Verzicht auf Schokolade einer Abfuhr vorgebeugt. Wenn jemand von der Frühlingserkältungswelle getriezt wird, sollte man ihn lieber küssen, als ihm die Hand schütteln. Speichel tötet Erreger, und die Hände sind voller Viren. Da fällt einem die Wahl nicht schwer. Bloß blöd, wenn derjenige nicht auf dem neuesten Wissensstand ist und sich klitzekleine Hoffnungen macht. Scharf macht glücklich. Chili, Pfeffer und Co wirken beruhigend und entspannend, solange sie nicht überdosiert werden. Massage stärkt das Immunsystem und sorgt für eine exzellente Körperabwehr. Sicherheit ist nun mal Trumpf! Laut einer Studie der Universität Newcastle macht Kaugummi kauen schlau und steigert die Herzfrequenz. Wer sich morgens einsam am Waschbecken fühlt, investiert 4.500 US-Dollar in ein Waschbecken-Aquarium. So wird man wenigstens von den Fischen angestarrt und aufgemuntert. Auch für die Sicherheit der Fische ist gesorgt. Das heiße Wasser aus dem Hahn gelangt nicht in ihren neuen, gewöhnungsbedürftigen Lebensraum. Wer spuckt schon gerne Zahnpasta in ihre Richtung.

Bleiben wir bei der Magie der Frühlingsgefühle und schmeißen uns in Mode aus Müll. Das ist gut für die Umwelt. Ein gewisses Aufsehen und Im-Mittelpunkt-Stehen lässt sich nicht vermeiden. Katell Gélébart entwirft unter ihrem Label Art d’eco Kleidung, Taschen, Möbel und vieles mehr aus Stoffresten und Fabrikabfällen und hat dafür den Kairos-Preis erhalten. Anfangs wurde aus französischen Postsäcken Kleidung geschneidert. Das Material ist dank unseres Konsums vielseitig und unerschöpflich. Auch wenn ich noch nie einen französischen Postsack weggeschmissen habe. Sicher dat ist jedenfalls, dass sich auch Müll raffiniert verarbeiten lässt und als Kleidung taugt. Meist ist das Material sogar dicker und hält länger. Es sei denn, man verwendet Alufolie oder Obstbeutel. Bewundernswert sind ihre Reisen, bei denen sie z. B. in Rajasthan, Indien, ihre Kenntnisse umsonst weitergibt, um Frauen in der Taschenherstellung eine bessere wirtschaftliche Basis zu bieten. Kreative Ideen sorgen für Sicherheit im finanziellen und überlebenstechnischen Sinne. Gerne mehr davon! Auch die anderen Designer sollten endlich den Müllsektor für sich entdecken.

Gefahr fürs Krokodil
Eine Stockente in Cuxhaven wollte den Gefahren im Straßenverkehr aus dem Weg gehen und die Bahn nehmen. Nach einem Flugmanöver durch die Tür in die Bahnhofshalle entschied sie sich, nach einer kurzen Wartezeit, den Rückweg durchs Fenster zu nehmen. Leider stand es nicht offen. Der Kampf zwischen Fensterscheibe und Ente ging unentschieden aus. Die Außenscheibe musste ausgewechselt werden, und die Ente wurde im Tierheim aufgepäppelt. Ein aufgeregter Erpel wartet seitdem täglich am Bahnhof auf die Rückkehr seiner Frau. 

Ausgerechnet eines der gefährlichsten Tiere der Welt hat sich ein Krokodil im Krüger-Nationalpark in Südafrika als Fortbewegungsmittel ausgewählt. Das Krokodil krabbelte spontan auf einen Nilpferdrücken und machte es sich auf dem außergewöhnlichen Sonnenplatz gemütlich. Nach 15 Minuten hatte es genug von der Schaukelei und ließ sich wieder ins Wasser gleiten. Dem Nilpferd hat die kleine Ruhestörung anscheinend nichts ausgemacht, sonst hätte das Krokodil ziemlich schlechte Karten gehabt. Auch wenn das Krokodil viele gefährliche Beißerchen vorweisen kann, mit den großen Eckzähnen eines Nilpferds kann es nicht mithalten. Die Schneide- und Eckzähne eines Nilpferds wachsen ein Leben lang. Die unteren Eckzähne können bis zu 70 cm lang werden. Für ein paar Minuten Sonnen sollte es sich in Zukunft ungefährlichere Mitreisegelegenheiten aussuchen. 

Nachbarn können lästig sein
Besonders, wenn sie den eigenen Zeitplan besser kennen als man selbst. Durch ständiges Nachfragen wollen sie auch noch das letzte, klitzekleine Informatiönchen aus einem herauskitzeln. Das geht auf den Geist, vor allen Dingen, wenn sie die Informationen im nächsten Moment ohne schlechtes Gewissen an der Bushaltstelle weiterstreuen. Nicht auszudenken, wenn sie dabei auf einen potentiellen Einbrecher treffen und ihm ihr komplettes Herz ausschütten. Keine Ahnung, wie es manche Menschen schaffen, anonym zu bleiben. Die müssen allein, abgeschieden in einem Wald wohnen. Aber auch da können sie ausgekundschaftet werden. Kommt ganz auf die Hartnäckigkeit des Nachbarn an. Der Umgang mit solch neugierigen, sonderbaren Vögeln ist schwierig. Meist ist jede Reaktion verkehrt. Alles lässt sich analysieren und zerpflücken. Bald ist auch die Mülltonne nicht mehr sicher. Menschen, die zu Hause arbeiten, sind ihren Nachbarn unausweichlich ausgeliefert. In ihren Augen ist man sowieso ein hoffnungsloser Fall. Entweder arbeitslos, schwer vermittelbar oder unwillig und sowieso ein Taugenichts ohne Zukunftsperspektiven. Gut, man könnte hingehen und die Sache erörtern. Fehler Nummer eins: Ein längeres Gespräch anfangen. Da kommt man nie wieder raus. Schon gar nicht, wenn man nicht alle Informationen herausrückt. Zum Beispiel Gehalt, Beziehungsstand, Freizeitaktivitäten und anstehende Urlaubsreisen. Fehler Nummer zwei: Ignorieren. Das heizt die Überwachungsphasen noch mehr an. Der Reiz des Undurchschaubaren. Da ist etwas faul! Fehler Nummer drei: Grüßen und weg. Hilft nichts. Die Fragerei geht gleich wieder los, wenn auch aus größerer Entfernung. Es gibt einfach keinen Ausweg aus dem Dilemma. Außer wegziehen. Aber auch wenn man in der neuen Umgebung vorher die Nachbarn checkt und sie nach Überwachungsstrategien ausfragt, kann das böse Überraschungen geben.

Schlangendieb
Eine böse Überraschung erleben Autofahrer neuerdings auf Madagaskar. Diebe setzen Schlangen als Waffen ein. Sobald ein Auto in der Hauptstadt Antananarivo im Stau stecken bleibt, werfen sie das Reptil ins Auto. Während die Insassen in Panik flüchten, werden sämtliche Wertgegenstände aus dem Auto geklaut. Die Diebe verschwinden zu Fuß. Sie verzichten bei ihrem Überfall also auf alle technischen Raffinessen. Bei den „Waffen“ handelt es sich zwar um keine Giftschlangen, aber die Angst der Inselbewohner vor den Reptilien wird schamlos ausgenutzt. Trotzdem ist Madagaskar eines meiner favorisierten Reiseländer. Madagaskar gehört zu den „Alten Inseln“. Es gibt dort einen großen Bestand an Tier- und Pflanzenarten, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Bedroht werden die seltenen Tierarten von der sich ständig ausweitenden Besiedlung, Bejagung und Brandrodung. Solange der Mensch nicht umdenkt, herrscht die Zerstörung vor. Der Umweltschutz ist als Staatsziel in der Verfassung festgeschrieben. Trotzdem hat es das Land schwer, seine Schätze zu bewahren. Eine Ausweitung der Naturschutzgebiete ist nötig und darf nicht nur auf dem Papier bestehen. Materielle Gründe sind auch hier das Problem. Viele Menschen leben auf Madagaskar in Armut. Ein geringes Einkommen wird mit Holzdiebstahl und Holzschmuggel aufgebessert. Zum Kochen wird statt des teuren Stroms Holzkohle verwendet. Für Ackerflächen werden Regenwälder abgeholzt. 

Der einzige Weg ist, von der Natur zu profitieren, ohne sie zerstören. Das Lernen fängt im Kindesalter an. Damit man diese einzigartige Natur- und Pflanzenwelt noch weiterhin bestaunen kann.

Ein Zebu auf Raten

Mit Hilfe des Internets kann man über internationale und private Hilfsorganisationen recherchieren, die sich in Madagaskar für die Natur, Kinder und hilfsbedürftige Menschen engagieren. Ich bin dabei auch auf Projekte wie „Hilfe zur Selbsthilfe – partnerschaftlicher Austausch“ und „Hilfe zur Selbsthilfe für madagassische Dörfer“ gestoßen. Ausbildung in handwerklichen Tätigkeiten, Verbesserung der Wasserversorgung, Umwelterziehung und Grundschulbildung stehen dabei zum Beispiel auf dem Programm. Sehr einfallsreich erweist sich auch eine Bank auf Madagaskar. Sie bietet Kredite in Gestalt von Zebus an. Zweijährige, weibliche Tiere sind dabei der Renner. Das Zebu muss nach tierärztlicher Untersuchung und Kauf in kleinen Raten abgezahlt werden. Milch und Kälber darf der Kreditnehmer behalten. Auch eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Investoren aus Europa werden dafür gesucht. Einziges Problem: Hoffentlich werden für die Weideflächen keine Regenwälder abgeholzt. Da beißt sich der Lemur nämlich sonst in den Schwanz.

Vorsicht ist angesagt
Im Internet lauern neben einer Flut von Informationsquellen auch Gefahren. Das ist nichts Neues, aber seit ich eine Buchkritik zu dem Thriller Schlehenherz geschrieben habe, ist das Thema für mich wieder aktuell. Es handelt sich dabei um einen Roman für Jugendliche ab 14 Jahre. Ab 14 kommt hin. Als Erwachsene müsste ich eigentlich mit der Story um Vio und Lila locker umgehen. Lila und Vio sind unzertrennlich, beste Freundinnen, bis Vio nach einer Schulparty spurlos verschwindet. Nach zwei Tagen quälender Ungewissheit wird klar, dass Vio ermordet wurde. Ein emotionaler Einstieg, aber wie gesagt, die Gefahr lauert im Internet. Speziell in den sozialen Netzwerken. Also wie aus dem Leben gegriffen. Eine frühere Freundin von mir hat ihre Freunde immer übers Internet kennen gelernt. Nichts passiert. Aber wie oft liest man in der Zeitung, dass es auch schief geht. Vorsicht ist angesagt. Misstrauen insbesondere. Bloß nicht zu blauäugig an die Sache herangehen. Ist ja selten, dass man heutzutage nicht zur Facebook-, Twitter- oder SchülerVZ-Familie gehört. Wie in jeder Familie lauern auch hier die schwarzen Schafe. Dummerweise bedrohen sie mit dem Tod, schleichen sich aber erst auf harmlose Weise in die Herzen der Menschen ein. Manchmal würde man Lila am liebsten wachrütteln. Gerade weil der Thriller so nah am Leben ist, sich aus harmlosen Kontaktaufnahmen und Situationen eine Gefahr entwickelt, regt er zum Nachdenken an und sorgt, jedenfalls bei mir, für Gänsehaut.

Hundecharakterkunde
Wer einen guten Wachhund hat, braucht keine Alarmanlage. Charakterlich sind diese Hunde sehr verschieden. Es gibt die Draufgänger, die auf einen zu stürmen und im letzten Moment überlegen. Da sind sie meistens schon über den Zaun gesprungen und stellen verstört fest, dass ihr Zuhause hinter ihnen liegt. Wenn auch nur ein paar Zentimeter. Es gibt die Psychopathen, die sich auf dem Grundstück anschleichen, einen fiesen Blick drauf haben, ein riesiges Theater machen und vor denen nur ein Zaun schützt und ein kleines Schild warnt. Besonders beliebt sind die Verteidigungsstrategen. Kein Durchkommen, kein Händeschütteln mit Herrchen. Die hören auf Kommando, aber nur wenn jemand da ist. Ohne Probleme kann man den Kläffer umgehen. Bei einer Annäherung entdecken sie ihre weiche Seite, wedeln mit dem Schwanz und lassen sich streicheln. Und dann sind da noch die Alleskönner. Bei ihnen ist man abhängig von Laune, Fressenstatus, Sympathie, Situation und Hundekenntnis. In Zeiten der Handykommunikation sollte man sich auf jeden Fall auf den jeweiligen Hund vorbereiten. Telefonnummer des Besitzers herausfinden, Hundetyp (keine Vorschläge machen, den Besitzer reden lassen) und Eigenschaften erfragen. Erst dann das fremde Grundstück betreten. Hinterm Zaun hilft im Notfall kein Handy. Höchstens, um den Notarzt zu alarmieren.

Einen Tierarzt hätte das Schaf auch gerne, falls die Radtour schief geht. In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba sind Rad fahrende Schafe keine Seltenheit. Natürlich fahren sie nicht selbst, sondern werden von ihrem Besitzer auf den Rücken geschnallt. Huckepack, die Beine vor der Brust des Radfahrers zusammengebunden, lässt sich das Schaf den Wind um die Ohren wehen. Keine bequeme Position, besonders bei den zahlreichen Schlaglöchern. Angeben kann das Schaf damit allemal. Schließlich reist nicht jeder Artgenosse als Einzeltransport in luftiger Höhe und hat einen perfekten Überblick.

Minenratten
Tiere sind manchmal zu Dingen fähig, die wir uns nicht vorstellen können. Dirk Steffens berichtet in Tierisch – Expeditionen an den Rand der Schöpfung auf humorvolle Weise von den Eigenheiten ganz besonderer Exemplare. Am meisten imponiert hat mir die Geschichte Gutes Karma – Bombenjob in der Savanne über Minen-Ratten. Ratten haben einen besseren Geruchssinn als Hunde, sind leichter und lernen viel schneller. Die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Plagegeister werden für das Landminenprojekt APOPO auf kuriose Weise ausgenutzt. Die Ratte hat ein Brustgeschirr um und läuft an der Leine. So geht sie auf die Suche nach gefährlichen Landminen. Sobald sie eine entdeckt, fängt sie an der Stelle an, zu kratzen (Minen zünden normalerweise erst ab einem bestimmten Körpergewicht). Die Mine kann gekennzeichnet und später gesprengt werden. Bei ersten Versuchen hat man vergessen, die felllosen Rattenohren mit Sonnencreme einzureiben. Savannenratten sind eigentlich nacht- und dämmerungsaktiv und meiden die Sonne. Einige der speziell ausgebildeten Tiere sind dadurch an Ohrenhautkrebs gestorben. Die Rattenausrüstung wurde angepasst und mit Sonnencreme Lichtschutzfaktor über 30 aufgestockt. 

Das Einzige, was die Mitarbeiter brauchen, um Ratten für die Landminensuche auszubilden, sind Bananenstückchen, TNT, ein Testgelände und ein bisschen Geduld. Aus der genialen Idee hat man gleich eine weitere entwickelt. In Tansania werden Ratten bei der Tuberkulose-Diagnostik eingesetzt. TBC-HeroRATs können schneller Speichelproben auf TBC überprüfen als Menschen. Mit Hilfe der Ratten werden in kürzester Zeit viel mehr Speichelproben abgearbeitet. Die Ärzte können schneller mit der Tuberkulose-Behandlung beginnen, die Ausbreitung der Krankheit eindämmen und Menschenleben retten. Auf www.apopo.org kann man mehr über HeroRATs erfahren und die Arbeit über Patenschaftsprogramme unterstützen. Bemerkenswert, was Tiere, die wir eigentlich verabscheuen, für uns leisten können.