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sinnliches in wort und bild

Rasch und doch gut überlegt hingeworfene Farbspritzer.


Marianne Jungmaier: Die Farbe des Herbstholzes. Prosa.

sinnliches in wort und bild

Mitter Verlag: Wels 2012

Rezensiert von: klaus ebner


Mit dem Band Die Farbe des Herbstholzes ist der Linzer Autorin Marianne Jungmaier eine Art Gesamtkunstwerk gelungen. Der Prosatext Herbstzeitlos beginnt mit den Worten: „Schwarz sind meine Finger. Von der Druckerschwärze, die nach jedem Umblättern auf den Händen bleibt. Kriecht in die feinen Rillen.“ Das ist nicht nur eine Beobachtung, nein, hier schwingt sehr viel Sinnlichkeit mit und eine Einfühlsamkeit, die das gesamte Buch charakterisiert.

Marianne Jungmaier hat als Redakteurin, Übersetzerin und Lektorin gearbeitet. Das Journalistische schlägt manchmal durch und spannt den Rahmen, in dem sich das Erzählte aufhält. „Borkenkäfer, hundert Zeilen. Sprenggranate, Aufmacher, hundertzwanzig Zeilen. Gratuliere zu der Geschichte, sehr guter Aufbau. Zum vermissten Bergsteiger, sechzig Zeilen, hat niemand etwas gesagt. Dafür aber dessen Frau, am Telefon.“ Ernster Hintergrund, Reflexion über die Arbeit der Berichterstatter und eine Infragestellung des Erlebten, ohne es dezidiert aussprechen zu müssen. 

Die meisten Geschichten handeln von Beziehungen. Liebesbeziehungen, aber keinen, die man als gewöhnlich bezeichnen würde. Die Gespräche der handelnden Personen drehen sich um Musik, ums Rauchen und um Drogen. Oft wirken sie oberflächlich, geradezu nichtssagend, doch lässt einen beim Lesen das Gefühl nicht los, dass es im Grunde auch um das Miteinander geht. Sexuelles wird indes nicht besprochen, da wird höchstens getan: „Langsam wandern seine Finger von ihrem Becken die Wirbelsäule hinauf, drücken fest in ihre Haut, sanfter über den Stoff des Oberteils, bis zum Nacken. Spitz die Finger, kratzt er sanft über ihre Kopfhaut, zerzaust die glatten, blonden Haare, bis zum Mittelscheitel. Sie schließt die Augen. Das Stuhlbein kratzt über den Beton, als er näher rückt.“ Zumeist sind es nur Andeutungen, die Marianne Jungmaier setzt, und der Rest bleibt der Phantasie der Leser überlassen. Sofern die Situation nicht gleich einer Störung anheimfällt: „Es klirrt, er hat eine Bierflasche vom Tisch gestoßen. Kurz streicht seine Hand über ihren Oberschenkel, knapp über dem Knie, eine Mischung aus Kitzeln und Wärme ist es.“ Die Sinnlichkeit klingt hier aus und holt uns in eine nüchterne Realität zurück.

Marianne Jungmaiers Prosatexte sind Impressionen, rasch und doch gut überlegt hingeworfene Farbspritzer, Facetten eines eindeutig jungen Lebens, Momente des Liebens und Geliebt-Werdens, des Sich-voran-Tastens und des Ausreizens dessen, was möglich ist. Im Traum und in der Realität. „Heute Nacht habe ich von einem Autounfall geträumt. Ich war in einen Tunnel gefahren und hatte die Ausfahrt versäumt. Ich verriss den Wagen und fuhr gegen die Wand. Splitter und Autoteile flogen um mich herum, ich konnte die Schwerkraft spüren. Doch ich stieg aus, unverletzt. Ich schaute auf das zerstörte Auto vor mir. Ich dachte: Gut, dass es nicht mein Wagen war.“ 

Die eingeflochtenen Fotos zeigen Details, meist von Baumstämmen, Blättern und Blüten, eben das Herbsholz. Sie fügen sich in perfekter Weise ein und profitieren zudem von der bibliophilen Aufmachung und der sorgfältigen Layoutgestaltung, die Wort und Bild an vielen Stellen miteinander verwebt. Die behutsam gesponnenen Geschichten verstärken die Ästhetik dieser Schwarz-Weiß-Fotografien ungemein, und genauso verhält es sich wohl auch umgekehrt. Wenn ich – ohne nachzudenken – ein Buch für den sinnlichen und literarischen Genuss empfehlen müsste, dann wäre es zweifelsohne dieses.