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werner schandor | sowieso

Vor nur 30 Jahren betrachteten geschäftstüchtige Herren Pornovideos als Wertanlage. Die gehorteten Schätze überdauerten den Übergang ins Digitalzeitalter in Schränken und bereiteten den Kerlen beim Anschauen gewiss einen ähnlich wohligen Schauer, wie ihn andere empfinden mögen, wenn sie ihr Wertpapierdepot im Online-Banking-Bereich abrufen. Auch wenn der Marktwert von VHS-Pornos mittlerweile in den Keller gerasselt ist, so blieb zumindest der Liebhaberwert konstant, wie Michael Helming in seinem Text Allein Vinyl hat Bestand zu berichten weiß. Ob es auch einen Liebhaberwert von wertlosen Aktienpapieren gibt, lässt sich nicht sagen. Dass die Finanzwirtschaft aber weniger eine Liebhaber- denn eine Glaubensangelegenheit ist, führen Evelyn Peternel und Andreas R. Peternell in ihrem Text aus.

In Zeiten, in denen die wirtschaftliche Verunsicherung konstant wächst, sollte man eigentlich in Aktien von Sicherheitsfirmen investieren, die seit Nine-Eleven reiche Gewinne einstreifen. In der Zeit stand Ende 2012 zu lesen, dass sich immer mehr Menschen aufgrund der harschen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen ins Auto setzen. Auf  diese  Weise  seien  mindestens 5.000 Verkehrstote zusätzlich zu verzeichnen – mehr Opfer, als Nine-Eleven gefordert hatte, und mehr, als Flughafenkontrollen je verhindern würden. Da in den USA die Zahl der Verkehrstoten von 43.005 (2002) auf 32.367 (2011) gesunken ist, dürfte die Rechnung falsch sein, aber sie klingt plausibel, unterstreicht sie doch, welche persönlichen Einschränkungen wir in Kauf nehmen, nur um das Gefühl der Sicherheit zu erlangen – veranschaulicht Ernst Kilian in seinem Essay Mind the Gap.

Einerseits ist unser Leben überreglementiert, andererseits sorgt der jährliche Lebensmittelskandal verlässlich für einen noch lauteren Ruf nach strengeren Regeln. Welche Rolle Kakerlaken und Mäusekot in dieser Sicherheitsschaukel spielen, führt Bernhard Horwatitsch aus; und Harald A. Friedl zeigt den roten Faden auf, der sich zwischen mittelalterlichem Ablasshandel und modernem Bio-Hype spannt.

Wie sich der Krisenfall in echt anfühlt, hat Evelyn Seidl im Kosovo erlebt. Und wie die in vielen Städten aus dem Boden sprießenden Ordnungs-, Sicherheits- und sonstigen Wachen jenen Bürgerinnen und Bürgern helfen können, die von einem akuten Unsicherheitsgefühl heimgesucht werden, das hat Dominika Meindl ausprobiert. Dass die römische Polizei im Umgang mit Roma nicht zimperlich ist, konnte wiederum Roland Steiner beobachten.

Verunsichernd wirkt auf viele Leute der Anblick von Menschen, die sich nicht sofort als Männlein oder Weiblein einordnen lassen. Warum Transgender momentan hip ist, und warum diese Hippness nur ein leerer Hype ist, erklärt Doris C. Mandel in ihrer Legende vom dritten Geschlecht. Stichwort Sex und Religion: Hermann Götz argumentiert in  seiner  beschnittenen  Debatte,  dass die Aufregung um die Beschneidung, die im Sommer 2012 die deutschen Medien beherrschte, eine glatte Themenverfehlung war. Eine solche scheint bei oberflächlichem Lesen auch Dirk Werners Text Hölderlin Patt zu sein, in dem es um Dichter und Gehen geht. Bei genauerer Betrachtung allerdings zeigt sich: Im Gang der Dichter offenbart sich das Wesen der Sicherheit. Doch lesen sie selbst. 

Viel Spaß bei der Lektüre der Beiträge, Rezensionen und der wie immer erlesenen literarischen Texte wünscht

die Redaktion