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treiben und reiben

Zu den Zopfmustern einer Steinbacher‘schen Rede.


Christian Steinbacher: Untersteh dich! Ein Gemenge.

 treiben und reiben

Czernin Verlag: Wien 2012

Rezensiert von: lisa spalt


„Was pochet an? / (Vor lauter Flusen vorm Morgenrock)“ – soweit eine Art Vorsatz, den Christian Steinbacher mit keck unschuldiger Geste einem Kapitel in „Untersteh dich!“ vorstellt. Aber was ist da nicht alles drin! Diese zwei Zeilchen sollten den Lesenden tunlichst eine Warnung sein – jedenfalls bezüglich der Lesegeschwindigkeit, die diesen Texten angemessen ist. Schon die beiden Zeilen schießen ihre Widerhäkchen in alle Richtungen – der Morgenrock liest sich auf das Pochen rückwirkend als Musikgattung, das Gewicht der Wendung „vor lauter Flusen“ verrutscht unversehens auf das eben noch unscheinbare „lauter“, und man fühlt sich doch unwillkürlich versucht, die weiblichen, statischen „Flusen“ zu einem dann wie immer auch aufzulösenden sächlichen „Flusen“, zu einer Art Rauschen vielleicht, zu machen, das – einziger Anhaltspunkt zur Deutung – jedenfalls mit heftiger Geräuschentwicklung und Bewegung in Verbindung zu bringen wäre. Rauschen: eine Überlagerung vieler Schwingungen; oder eben ein „Gemenge“, wie Steinbacher seinen Band im Untertitel nennt. Und da ist dann auch noch das Motto aus Michel Leiris’ Streichungen, das die Fährte in dieselbe Richtung legt: die „wirrköpfige“ Gestaltung der Suche, der Gegenstand der Suche und die Emotion, welche die Suche begleitet, vermengen sich zu einem unentwirrbaren Strang, soweit der Hinweis. Soll man sie also „zur Neige reiben, die Rede? Oder zumindest diese eine?“ Das „t“ jedenfalls des Treibens ist bereits verloren, und so purzelt die Sache umso schneller abwärts, verweilt nicht beim Dotter, jener an den Plotter angelehnten Druckmaschine, die, um die Rede weiterlaufen zu lassen, vielleicht gerade geschlossen werden will. Nein, plötzlich bricht wie eine scheinheilige Insel ein Stück Binnenerzählung ein in die Kaskade, und schon tappen wir in die Falle eröffneter und nicht mehr geschlossener Klammern, oder doch: Nun scheint der Dotter seine Arbeit doch aufgenommen zu haben, denn neun Klammern werden auf einmal geschlossen – ich bin versucht, zu verschieben zu: „verschossen“ –, und wir sehen verblüfft durch die Finger unseres übersichtsmäßigen Erfassenwollens.

Steinbachers Technik könnte als eine der Affizierung beschrieben werden: Das blaue Wunder mit dem gedankliche Feld der Wunde zu affizieren, bedarf es ihm bloß der Nennung der scharfen Klinge. Und jene mit einem Geräusch zu schließen, benötigen wir nur einen Schnappschuss. Der aber entfleucht uns mit dem Bild wieder ins Ballistische. Ja, ausruhen können wir uns hier nicht. Da erscheint des Öfteren eine Ablenkung noch zusätzlich als Exempel des vorher etablierten Begriffes, wird gekonnt als Konkretisierung eingeschwindelt, so zum Beispiel der Mischlingshund als konkrete Ausformung respektive Exemplar des Begriffs „Kreuzung“. „Na geh,“ heißt es bei Steinbacher, „lassen wir die Küche im Dorf und bleiben besser konkret, einer allein könnte doch niemals für alle stehen.“ – Immer wird hier das – sinnliche, musikalische – Spiel aufs Konkrete, Erlebte zurückgeführt, an dieses angebunden. Immer aber auch führt das Spiel – und mit allen Mitteln – wieder ins Offene zurück, ja, wenn nötig mit Hilfe eines Paragramms: „Sämann, lass das Räumen“ … 

Wir befinden uns erst auf Seite 17 des Textes und haben doch fast alles, was zu sagen wäre, ausgelassen. Lesen!