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vermessung eines verbrechens

Von der Identität des Verbrechers zum Warum.


A. G. Bianchi: Der Roman eines geborenen Verbrechers. Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M…

vermessung eines verbrechens

Edition Krill: Wien 2012

Rezensiert von: heimo mürzl


1894 erschien der Roman eines geborenen Verbrechers – Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M… erstmals in deutscher Übersetzung. Das Motiv des damaligen Herausgebers Augusto Guido Bianchi war es, in Zusammenarbeit mit dem Nervenarzt Silvio Venturi am Beispiel des Antonino M. eine Vermessung und Ableitung des allgemeinen Verbrechertypus zu versuchen. Die Edition Krill versucht mehr als ein Jahrhundert nach der ersten deutschen Auflage die (objektive) medizinwissenschaftliche und (subjektive) selbstbiographische Sichtweise durch eine dritte zu ergänzen. Die Frage nach Schuld und Schuldfähigkeit bei der Beurteilung von Verbrechen wird durch die Einbeziehung von Lebensumständen und -umfeld erweitert und erlaubt andere Blickwinkel und neue Einsichten. Dies geschieht durch die Verknüpfung des Originaltextes mit Ausschnitten aus den Aufzeichnungen des deutschen Gelehrten Johann Heinrich Bartels. Seine Briefe über Kalabrien und Sizilien erschließen das Land und den Charakter seiner Bewohner über die Schilderungen der Unterdrückung durch die Camorra und authentische Berichte über Sitten und Gebräuche des täglichen Lebens. Bartels‘ Beschreibung macht auch dem feudalen System, das viele Bewohner Kalabriens und Siziliens ihrer Lebensgrundlage beraubt, nicht halt und äußert sich sehr kritisch zu überfüllten Gefängnissen und der überaus fragwürdigen Rechtsprechung in Süditalien. Mit seiner Überlegung, straffällig gewordene Menschen nicht vorschnell und zu lang in Gefängnisse zu sperren, weil die dort verbrachte Zeit zu keiner Besserung beziehungsweise Änderung der Menschen führt, trifft er sich mit der Meinung des Herausgebers und Corriere della Sera-Mitarbeiters Augusto Guido Bianchi, der sogar konstatiert, dass das Ein- und Wegsperren die Inhaftierten immer weiter vom Leben entfernt. Der Nervenarzt Silvio Venturi bringt dagegen sehr stark den Wunsch der Gesellschaft nach Selbstschutz und öffentlicher Sicherheit zum Ausdruck, der dem Freiheitswunsch des Einzelnen wie auch dem langfristigen Wohlergehen des Individuums gegenübersteht und seiner Meinung nach gesellschaftlich schwerer wiegt. 

Die nicht hoch genug zu würdigende Leistung dieses Buches besteht in der Zusammenführung unterschiedlicher Sichtweisen auf Verbrechen und Strafvollzug, der wissenschaftlichen Vermessung eines Verbrechens und der Fragestellung, ob das Verbrechen im Menschen selbst oder in seinem Lebensumfeld begründet ist. Die Verknüpfung der Lebenserinnerungen des Mörders und Camorristen Antonino M., der in vier Briefen an seinen Sohn sein Verbrecherleben in einfachen Worten beschreibt und mitunter gekonnt analysiert, mit dem Untersuchungsbericht des Nervenarztes Silvio Venturi, der Antonino M. zum Subjekt seiner Forschungen und zum Typus des instinktiven Verbrechers macht, und der sinnvollen Erweiterung durch die Ausschnitte der Briefe über Kalabrien und Sizilien macht den besonderen Reiz dieses Buches aus. Der zwischen Wissenschaftlichkeit und Authentizität, Objektivismus und subjektiver Betroffenheit changierende Textcharakter regt gerade dadurch zum Nachdenken an. So gibt diese editierte Neuauflage des Romans eines geborenen Verbrechers eine ebenso spannende wie bereichernde Lektüre ab.