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wir deuten sprech

Barbara Köhlers Forschungsreisen in die Länder der Sprache.


Barbara Köhler: Neufundland

wir deuten sprech

Edition Korrespondenzen: Wien 2012

Rezensiert von: lisa spalt


Der Band Neufundland von Barbar Köhler versammelt, wie die Autorin es nennt, „Schriften, teils bestimmt“ aus den Jahren 2004 bis 2011, Auftragsarbeiten, Übertragungen, Reflexionen, immer jedoch Poesie – Poesie mit einer spannenden essayistischen Färbung, die diesen fein gemachten, vom Verlag ebenso fein verpackten Arbeiten eignet; und Essay kommt da exakt von „essayer“, vom Versuchen: Das Versuchende dieser Sprachbehandlung ist ein konzentriertes Um- und Umdrehen im Mund, Wiederholung und Variation mündlicher Bewegung, ein Probieren, Schmecken, Genießen, eine Bewegung durch Sprache – von ihr veranlasst, sie durchdringend. Denn während das Sprachspiel „schlechte presse“ hat, von den Medien totgesagt wird, heißt es für Köhler: „Wir deuten sprech, wir sprechen deut’sch.“ 

Barbara Köhler wurde 1959 in der DDR geboren und ist in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, aufgewachsen. Ihr erster Gedichtband Deutsches Roulette erschien 1991 bei Suhrkamp. Seit 1994 lebt sie in Duisburg. In den vergangenen Jahren legte die Autorin neben weiteren Lyrikbänden auch Übersetzungen zu Gertrude Stein und Samuel Beckett vor. Was Köhler über Gertrude Stein sagt, nämlich: „Deswegen gibt es in ihrem Spiel noch andere andere, gibt es mehr als eine mehrzahl: when they went with them wird auch der plural plural“, gilt mithin auch für sie selbst. Was hier an Text vorliegt, ist jeweils eine „aus differenz gewonnene einheit“, eine zärtliche Kommunion oder ein Kreiseln, Kriseln, feines Zuspitzen, Vernetzen der Sätze.
Köhler diskreditiert den Satz nicht, denn:

Wenn wir von einem gebrauch wie ‚drehsinn‘ oder ‚gegensinn‘ ausgehen, eignet auch dem sinn etwas von einer gerichteten bewegung, der aber das hinweisende, gezielte abzugehen scheint. So kann ein satz sinn haben, ohne dass die bewegung ein ziel hätte – absolut.


Und Poesie ist daher das, worin wir „die Bewegungsrichtungen der Wörter und Worte auffächern, entfalten können, sie zum Schwingen bringen; dass wir, berührt, bewegt, eine Ahnung bekommen von ihrem, unserem wahrsten Sinn, von einem Raum, der (‚im wahrsten Sinne des Wortes‘) frei genannt zu werden wert wäre.“ 

So ist die Frage nach dem Sinn eine, die in der Koppelung von Sprache und Menschsein immer wieder aufs Neue Perspektiven eröffnet. So entstehen durch das Ausmessen der Varianten, den Abständen zwischen diesen, die sie durchaus verbinden, Akkorde, schafft Köhler Musik. (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Verlag dem Band eine CD mit von der Autorin selbst gelesenen Texten aus dem Buch beigegeben hat.) 

Ja, Poesie ist das, was Menschen schaffen können in allen Sinnen, die in den Wörtern schwingen. Und ganz besonders – und in diesem Sinn – seien Ihnen ans Herz gelegt die Lektüren von Köhlers Lektüre einerseits der Mechthild von Magdeburg und andererseits der Odyssee, letztere eine Vorschau auf einen großen, in Arbeit befindlichen Text – jedenfalls ein Mehr, in dem eine sich verlieren zu dürfen nur wünschen wird können.