schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 24 - aber sicher ziemlich dunkel, die furunkel
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/24-aber-sicher/ziemlich-dunkel-die-furunkel

ziemlich dunkel, die furunkel

Andrea Stifts sezierende Kurzgeschichten.


Andrea Stift: Elfriede Jelinek spielt Gameboy

ziemlich dunkel, die furunkel

edition keiper: Graz 2012

Rezensiert von: wolfgang kühnelt


Geschichten aus den Jahren 2005 bis 2011 versammelt der Band mit dem irreführenden Titel Elfriede Jelinek spielt Gameboy. Die steirische Autorin Andrea Stift führt die Leserschaft in drei Kategorien (Dunkel, Furunkel, Schunkel) durch die Abgründe der österreichischen Seele. Scheinbare Familienidyllen voller Fremd- und Selbstzwänge, ausgebeutete behinderte Menschen auf dem Bauernhof, ein kleiner Mann, dem sein nettes Häuschen nichts als Unglück bringt – das Buch ist abwechslungsreich, zuweilen sarkastisch, hier und da auch klar autobiographisch, über weite Strecken spannend zu lesen. 

Am besten und härtesten ist Stift dort, wo sie ihr literarisches Seziermesser in die Struktur der Durchschnittsfamilie gleiten lässt. Weniger überzeugend sind die leichteren, die humorvolleren Stellen, aber das weiß die Autorin vermutlich selbst. Andere hätten nämlich wohl mit Heiterem begonnen (Schunkel) und dann erst die düsteren Seiten gezeigt. Stift hingegen startet gleich mit dem Teil Dunkel, der auch bei weitem am längsten ausfällt.
Gekonnt werden hier die Perspektiven gewechselt. Eine Warnung für Brave und Anständige: Wenn es sein muss, dann ist die Autorin in der Lage, nach Herzenslust zu schweinigeln. Ohne zuviel verraten zu wollen: Gevögelt und gestorben wird reichlich auf den knapp 200 Seiten. 

Aber Stift kann auch anders: Mit einigen scharfen Strichen entwirft sie Porträts, die bis ins letzte Detail stimmig sind. Beim Mütterstammtisch etwa wird den Protagonistinnen innerhalb weniger Sekunden die bürgerliche Schutzhülle vom Leib gerissen. Zurück bleiben traurige Gestalten, die nur eine Option haben: Die Abgrenzung gegen Andersdenkende und Anderslebende. Einer der Höhepunkte ist der Text Haben wollen im Teil Furunkel, eine skurrile, schön erzählte Geschichte. Der bereits erwähnte kleine Mann wird leidenschaftlich um sein Häuschen beneidet von der Murschak, die man wohl am besten mit „alternativ“ charakterisiert. Am Ende bekommen beide nicht das, was sie haben wollen, dafür aber vielleicht das, was sie verdienen. Mehr Sorgfalt von Seiten des Verlags hätte sich im Übrigen die Story verdient, denn gerade diese Seiten wurden sehr nachlässig Korrektur gelesen. 

Manchen Autoren mit literaturwissenschaftlicher Ausbildung muss man vorwerfen, so viele Stile studiert zu haben, dass es an einer eigenen Sprache mangelt. Die gelernte Germanistin Andrea Stift entgeht dieser Gefahr großteils, nur an einigen wenigen Stellen fühlt man sich an Wolf Haas erinnert, der zum Überfluss in einem späteren Abschnitt auch noch eine kleine explizite Hommage erfährt. 

Man kann auch darüber streiten, ob es wirklich notwendig war, den Namen von Elfriede Jelinek möglichst plakativ in die Titelgeschichte einzubauen, wo gerade diese Story doch durch ihren hektischen Realismus überzeugt und solches Namedropping gar nicht gebraucht hätte. Von solchen Kleinigkeiten abgesehen, ist die Sammlung eine äußerst erfreuliche Publikation aus dem Grazer Verlag Keiper. Besonders empfehlenswert für alle, die nichts dagegen haben, auch zwischendurch selbst charakterlich seziert zu werden.