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zum grenzenlosen grenzenlos vertrauen

andreas r. peternell , evelyn peternel | zum grenzenlosen grenzenlos vertrauen

Aus Nichts Wertschöpfung schaffen? Kein Problem – wir müssen nur fest daran glauben.

„Geben Sie uns Ihr Geld, wir lassen es für Sie arbeiten!“, rät der Finanzberater dem Kunden. Wie konkret allerdings unbelebtes Papier arbeiten soll, wissen sowohl Kunde als auch Berater oft nicht so genau: „Ja, ich habe eine Pensionsvorsorge. Wie viel ich da am Ende rausbekomme? Keine Ahnung. Ich weiß eigentlich nur, was ich einzahle“, antwortet die junge Dame im Kaffeehaus auf die Frage, ob sie eigentlich wisse, was mit ihrem Geld passiere. Auch, was im Fall des Falles mit dem Eingezahlten geschehen würde, ist oft nicht so klar: „Wenn die Bank Bankrott geht? Gibt’s da nicht Versicherungen dafür?“, fragt sich der 35-jährige Akademiker, der seit zehn Jahren ein Sparkonto bei der Raiffeisenbank hat. Um dann zu resignieren: „Vielleicht hätte ich mein Geld doch besser unter der Matratze verstecken sollen.“ Ähnlich unergiebig ist übrigens auch die Antwort des Beraters der Bank Austria auf die Frage, ob die Bank vom Einlagensicherungs-System auf Sparguthaben profitiere: „Ich glaube schon“, sagt er vorsichtig. Jedoch nicht ohne darauf zu verweisen, dass er dieses Fachwissen „dem News“ verdankt – der Lektüre einer österreichischen Illustrierten. Und was ist, wenn die Bank Pleite geht? Ach was: „So etwas passiert Ihnen bei uns nicht.“ 

„Alles, was man im Leben braucht, ist Unwissenheit und Selbstvertrauen, dann ist der Erfolg sicher.“ Was schon Mark Twain erkannt hat, lässt sich auch auf unser derzeitiges Wirtschafts- und Finanzsystem umlegen: Unwissenheit und blindes Vertrauen beim Kunden auf der einen Seite, Selbstvertrauen bei jenen, die die Fäden in der Hand haben, auf der anderen. Besser, als es die USA auf ihren seit 1957 gedruckten Geldscheinen festgeschrieben haben, kann man dies gar nicht verdeutlichen: „In God We Trust“ ist auf allen Dollarnoten zu lesen – eine perfekte Beschreibung für jenes irrationale Moment, das der modernen Finanzökonomie innewohnt und das allein sie am Laufen hält. Vertrauen in nicht greifbare Mechanismen – will man am System partizipieren, muss man offenbar dem Heilsversprechen des Bankberaters („Bei uns wird Ihr Geld sicher mehr wert!“) ebenso vertrauen wie dem des Priesters, bei moralischer Lebensführung irgendwann in den Himmel zu kommen: Ewiges Leben, ewiges Geld – ein Gespann, das seit langem funktioniert.

Papiergebundene Illusion
Seit Anbeginn des Geldsystems und noch mehr seit der Aufhebung des Goldstandards als Gegenwert für gedrucktes Geld in den 1970ern beruht ebendieses System ausschließlich auf einer Tatsache: auf dem Glauben und dem unbedingten Vertrauen darauf, dass wir im Tausch für die bedruckte Zellulose, die Grundlage unserer materiellen Lebensführung ist, tatsächlich Produkte und Dienstleistungen jeder Art in Anspruch nehmen können. Realen Gegenwert, seien es Gold, Land oder Rohstoffe, auf den wir im Notfall zurückgreifen könnten, gibt es seither keinen mehr. Geld ist also eine „papiergebundene Illusion“, wie es die Süddeutsche Zeitung einmal nannte, und es wird zunehmend von Darstellungsformen abgelöst, die überhaupt lieber in binärer Form durch Datenräume flottieren. Aktien, Futures, Derivate und ähnliches sind so irreal wie physisch inexistent – und werden dennoch weltweit anstandslos mit- und gegeneinander verrechnet, ohne dass Land verkauft oder Zahngold gezogen werden muss. „Zeichengeld“ also; oder noch bezeichnender im englischen Sprachgebrauch: „fiat money“. Das lateinische fiat steht für „es werde“ und weckt starke Assoziationen an die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte. 

Doch nicht nur die Bibel zeigt vor, wie man aus Nichts Wertschöpfung schaffen kann, die Literaturgeschichte kennt zahlreiche weitere Beispiele dieses einfachen Prinzips, das den Finanzmärkten nun als Vorbild dient: Von Peter Schlehmils wundersamer Geschichte über Tischlein deck dich bis hin zu der von Goethe beschriebenen papiernen Illusion: Im zweiten Teil des Faust zeigt sich nämlich der Kaiser dem von Mephistopheles vorgeschlagenen Modell zur Behebung des Staatsbankrotts („Der Zettel hier ist tausend Kronen wert“) gegenüber zunächst skeptisch. Wird es denn auch funktionieren? Werden Untertanen und Soldaten sich mit bedrucktem Papier zufriedengeben? Allen Vorbehalten zum Trotz akzeptiert er die Einführung des Papiergelds und demonstriert mit den Worten „So sehr mich’s wundert, muß ich’s gelten lassen“ einen fatalen Hang zum blinden Glauben: „Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen“, wie Faust es treffend nennt. Die mephistophelische Beruhigung in Richtung Kaiser: „Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt / Ist so bequem, man weiß doch, was man hat; / Man braucht nicht erst zu markten noch zu tauschen, / Kann sich nach Lust in Lieb und Wein berauschen.“

Aber: Woran konkret berauschen wir uns? Tatsächlich an „Lieb und Wein“ – oder eher an der Möglichkeit, jederzeit eines der beiden konsumieren zu können? „Als Kind marschierte ich aus Spielwarenläden oft wieder hinaus, ohne etwas gekauft zu haben, weil ich mich nicht durchringen konnte, mein Taschengeld gegen das eine Spielzeugauto oder die eine Spielzeugpistole zu tauschen,“ lässt der Schriftsteller David Wagner seinen Protagonisten in Vier Äpfel räsonieren. Und weiter: „Die große Illusion des Einkaufens ist es, mit jedem Neuerworbenen ein Stück Zukunft oder Freiraum hinzuzubekommen. Genau das ist ein Missverständnis, denn eigentlich gibt allein Geld ein gültiges Zukunftsversprechen: Geld kann ich gegen dies oder das oder auch gegen etwas ganz anderes tauschen.“

Metaphysisches System

Das Versprechen gilt jedoch nur, solange wir für unser Geld tatsächlich etwas kaufen können. Und genau diesen Zustand gilt es aufrechtzuerhalten. Nicht nur im Hier und Jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Denn wie jedes metaphysisch-religiöse System funktioniert auch das des Geldes nur durch bedingungslosen und vor allem zeitlich nicht begrenzten Glauben. Würden wir alle, oder auch nur eine halbwegs qualifizierte Mehrheit von uns, misstrauisch, skeptisch, vom Glauben abfallen, morgen zur Bank gehen, all unser Geld einfordern und in Schubkarren oder schicken Umhängetaschen nach Hause tragen, um es dort der Obhut unserer Doggen oder anderem Hausgetier zu überantworten, wie es Eric Cantona einst mit seinem Bank Run beabsichtigt hatte – das System würde zwangsläufig kollabieren. Allein, der Zuspruch zu diesem Bank Run war mäßig. Auch die idealisierte Vorstellung der Occupy-Bewegung, mittels großangelegter Geldtransfers von kommerziellen Bankinstituten in Richtung von Genossenschaftsbanken, die daraus möglichst keinen Profit schlagen mögen, ging nicht auf. Der Aufruf, den Bank Transfer Day – so der Titel eben jener Aktion – zu unterstützen, hallte zwar auf Facebook wider, aber der Ruf drang nicht bis zur Wall Street vor.

Warum diese Zurückhaltung? Möglicherweise weil wir diesem System nicht nur im Moment vertrauen, sondern vielmehr an dessen Zukunft glauben – und glauben müssen: Schließlich haben wir uns ihm bereits ausgeliefert. Der Soziologe Dirk Baecker definiert Geld als „Sicherung von Kaufkraft, um in der Zukunft beliebige Bedürfnisse befriedigen zu können.“ Diese Bedürfnisse könnten wir nicht mehr befriedigen, wenn wir das System stürzen, mehr noch – wir könnten ab sofort auch nicht mehr ruhig schlafen, wenn wir es in Frage stellen würden. Unsere Erwartungen beziehen sich also immer auf die unendliche Ausbeutbarkeit der Zukunft. Moderne Kapitalwirtschaft heißt nämlich zwangsläufig Kreditwirtschaft – und Kredit heißt zunächst Versprechen in die Zukunft. Sprich: Unser Geld besteht aus Schulden, und Schulden sind Vermögen, Kredite und Forderungen werden zu Eigentum, aus dem wieder neue Schulden werden. Letztendlich ist’s egal, ob Aktiva oder Passiva, verspricht doch sowohl das eine als auch das andere künftige Zahlungen.

Musik und Tanz
Mit der modernen kapitalistischen Ökonomie sei eine gewisse Form von Zukunftslastigkeit auf die Welt gekommen, meint auch der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl in seinem Essay Das Gespenst des Kapitals, und dieses System dürfe Endlichkeitskategorien nicht kennen. Es muss sich auf seine Unaufhörlichkeit einrichten. Diese These verdeutlicht die Ökonomin Noriko Hama von der Universität Kyoto am Beispiel des Dollarkurses: „Die Leute halten ihre Dollars mehr oder weniger freiwillig, aber das Vertrauen in den Dollar schwindet. Wenn jedoch der Dollar fällt, sinkt auch das Vermögen derer, die ihn halten. Niemand will deshalb in dieser Situation sagen, der Kaiser habe keine Kleider. Wenn die Probleme offen angesprochen werden, kann das ganze System einbrechen.“ Zukunft wird also zu einem endlosen Prozess – und der, der Endlichkeitsgedanken hegt, würde dieses System zum Bankrott treiben. Noch deutlicher formulieren es die Kulturwissenschaftler Ralf und Stefan Heidenreich: „Solange die Musik spielt, müssen wir tanzen!“ 

Nur: Tanzen wir, weil die Musik spielt, oder spielt die Musik, weil wir tanzen? Was Henry Ford noch als klassisches Herrschaftswissen verstand – „es ist gut, dass die Menschen des Landes unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn sonst, so glaube ich, hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution“ – funktioniert mittlerweile eher als weitere Spielart freiwilliger Selbstkontrolle. Denn ist es nicht besser, von der Idee des ewigen Lebens überzeugt zu sein, als sich jahrelang Gedanken darüber zu machen, was nach dem Ableben auf uns zukommen möge (Fegefeuer, etwa, oder die Dauerbeschallung mit Klassikern liturgischer Liedkunst)? Ist es nicht ebenso besser, von der garantierten und fixverzinsten Auszahlung seines Pensionsfonds auszugehen, als auch nur einen Gedanken an ein kleines, unbeheiztes Zimmer in der Alters-WG zu verschwenden?

Solange wir tanzen, ist die Zukunft also für uns alle göttlich und ewig. Auch hier funktioniert die Parallelität zwischen ewigem Leben und ewigem Geld bestens. Sowohl am Bankschalter als auch in der Kirche werden Dinge verkauft, Geschichten (nicht umsonst muss jede Aktie ihre funktionierende „Story“ haben). Vorrangig ist dabei nicht, dass die Geschichten wahr sind, sondern einzig und allein, dass sie plausibel klingen – also gut erzählt sind. Schwächen in der Erzählung werden mitleidslos bestraft: So wie der Leser ein Buch zuklappt, verlieren auch die „Märkte“ das Vertrauen. 

Denn nicht nur der einzelne Konsument lässt sich gern von Metaphysischem leiten, die ominösen „Märkte“ tun es ihm gleich. So sorgte im heurigen Sommer allein die vage Ankündigung, die EU überlege den maroden spanischen Banken eventuell Finanzhilfe zu gewähren, ein deutliches Absinken der Zinsen spanischer Staatsanleihen. Beschlossen oder gar überwiesen war zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Kein Wunder, dass die Realität da kaum zu folgen vermag. Treten Vorhersagen, Ankündigungen oder Prognosen tatsächlich ein, passiert im Regelfall nämlich nicht mehr viel – erklärt wird das gerne mit der saloppen Wendung, dies und jenes wäre schon lange „eingepreist“.

Am Ende gehen wir jedenfalls alle fest davon aus, dass das große Versprechen eingelöst wird. „In money we trust“ – oder in Gott, je nachdem, ob man es nun von der Banknote oder vom Bankensystem selbst ablesen will. Denn letztlich wollen wir das alles offenbar gar nicht so genau wissen: „Ich kann nicht genau sagen, wieso es zur Krise gekommen ist“, sagt die junge Dame im Kaffeehaus. „Sicher, da haben sich korrupte Leute an den Kleinen bereichert – aber solange ich weiterhin Geld für meinen Job kriege, kümmert mich das nicht.“ Treffender formuliert es ihr Sitznachbar, der Akademiker: „Wenn das Finanzsystem in die Binsen geht, hat ohnehin keiner mehr was. Und wenn nicht – dann geht’s uns ja gut.“