schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 25 - schön blöd ausreden
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/ausreden-stocherung-in-den-grundlagen-und-vorausannahmen-der-gegenwartigen-literatur

ausreden

ann cotten | ausreden

Stocherung in den Grundlagen und Vorausannahmen der gegenwärtigen Literatur

Dass die Philosophie und insbesondere jene Teile von ihr, die dazu dienen, den Praxen ihren immer berechtigten, aber immer lähmenden Selbstzweifel zu einem Fundament zu zementieren, also Epistemologie und Wissenschaftstheorie, den Einzelnen seine Ausreden nicht nur in den Mund legt, sondern auch wieder abnimmt und als „wahre Aussagen“ zum Beispiel einfach in der Gegend stehenlässt, sodass jeder zu ihnen laufen und sich hinter ihnen verstecken kann: das herauszufinden hat es nicht Nietzsches bedurft, die Sophisten wussten es auch. Natürlich verhält es sich mit den Vorstellungen, was Literatur ist, nicht wesentlich anders. Und doch ist es aufgrund des Themas, der Sprache selbst, dessen Feinheiten jeden zu ihrem Opfer machen, ob ers fühlt oder nicht, ein besonderes Vergnügen, die Ausredenhaftigkeit von Poetiken zu untersuchen, wobei der Fokus nicht auf die Entlarvung gelegt werden soll – dem miesesten aller geistigen Befriedigungsmomente –, sondern ich hoffe, den Anstand und das Heroische am Streben nach sinnvoller Orientierung in der Welt aufspüren zu können; die Indulgenz, mit der jeder sich selbst begegnet, indessen entschuldigen zu können mit der Hilfskonstruktion der Selbstverwirklichung, die in der heutigen postreligiösen, postpolitischen Gesellschaft notwendig erscheint, um zu beweisen, dass man Grund hat, gegen seine Umwelt zu sein.

Wenn also Germanisten auf die Formel kommen, „der Text erfülle oder erfülle nicht die Ansprüche, die er selbst aufstelle,“ so ist es so falsch nicht, wie man auf Anhieb meinen würde angesichts der Tatsache, dass die Formel meist von in irgendeiner Weise institutionell mit Macht ausgestatteten Interpreten dazu verwendet wird, durch demonstrativ unbestrafbare Missauffassung von Texten ihre Macht einem leidensbereiten Publikum vorzuführen. Denn angenommen, es gibt bei manchen Menschen einen zunächst unerklärten, später wahrscheinlich erklärbaren Drang sich schriftlich auszudrücken, so verlangt diese Tätigkeit nach Ausbildung und verschafft Befriedigung durch Fokussierungen des Abstrakten auf Stellen, wo es irgendwie den unartikulierten Schmerz der Schreibenden lindert – an dieser Stelle mehr als an anderen – und so den Eindruck von Artikulation erschafft. Das besonders gelungen Artikulierte macht ja, relativ gesehen, den Eindruck von Wahrheit. Als wahre Welt möchte man ja diejenige auffassen, in der man eine gewisse Virtuosität besitzt oder wenigstens in Aussicht hat. Für mich spricht nichts dagegen, Wahrheit mir nach dem Bild von Bildern durchaus quantitativ vorzustellen: mehr gelungene Darstellung, mehr intensiv hingekriegte Ähnlichkeit ist mehr Wahrheit. Ich lebe in einer umso wahreren Welt, je dichter verschlungen meine Auffassung der Welt mit ihr ist, dieser zweifelhaften Existenz, nach der ich nur blind tappen kann, behindert von meinen Auffassungen. 

Artikuliertheit aber lichtet, schlichtet diese verschlungenen Beziehungen, macht sie, wie ein Weg durch den Wald, überhaupt erst wahrnehmbar. Und soviel einen gerade geschnittenen Forstplanweg von einem raffiniert angelegten Bergpfad, angelehnt an den Geschmack der Kühe, unterscheidet, so viel kann die Kunst der Artikulation der so und so angelegten Wahrheit eines Individuums zur Anschaulichkeit verhelfen.

Was aber schafft Befriedigung?

Einfach ist es, wenn die Befriedigung des wahrheitsverstrickungsartikulierenden Individuums den Umweg über die Anerkennung der anderen nimmt. Dann gilt die Meinung der Masse; wenn das Individuum verstanden wird, hat es in der Darstellung seiner Verwicklungen wahrscheinlich, denkt es, recht. Das bedeutet, es hat eher recht, wenn es den anderen schmeichelt. – Es sei denn bei einer bestimmten Art von klugen Kindern, die aus taghellen Gründen, die den Masochismus zur geheimen Samtkammer machen, die Leute bevorzugen, die sie nicht voll respektieren: als griffen die irgendwas, das begriffen werden muss.
Einfach ist es, wenn sich das Individuum einer bestimmten Denkrichtung verschrieben hat, nach der es sich richten kann. Viele Denkrichtungen bieten auch Kriterien für Wahrheit an, das ist besonders praktisch. Sozialisiert sich das Individuum auch noch in dieser Denkrichtung, kann es neben der theoretischen auch die soziale Bestätigung genießen. 

Dichtung und dergleichen wird eigentlich erst notwendig, wenn ein Individuum die einzelnen Denkrichtungen oder deren Gesellschaften für unbefriedigend erachtet oder sie nicht kennt. Wir haben gelernt, wenn etwas lang dauert, gibt es wahrscheinlich eine Abkürzung, und so greift mancher vorschnell zur Selbstverwirklichung, wo ein gründliches, lebensbegleitendes, ruhiges Studium der Philosophie wohl weit größere Linderung der Schmerzen gebracht hätte, die zwischen Teenager und Umwelt aufkommen. Das oder, natürlich, der Gang zur See, die Linderung und vor allem Ordnung der philosophischen Schmerzen durch deren Ersatz durch körperliche und seelische Schmerzen. 

Doch ist nicht alles zu spät, wenn die Selbstverwirklichung, die ja eben auch aus bloßer Ungeduld geschehen kann, fortgeschritten ist; man kann immer noch die Selbstverwirklichung mit der Philosophie aushebeln. Cool ist da Laura Riding, die im Laufe ihres denkenden Schreibens zur Erkenntnis kam, dass Poesie Quatsch ist, und aufhörte zu schreiben. Ich möchte mich nicht dabei ertappen, absichtlich so zu denken, dass ich ein solches Ergebnis vermeide. Das wäre unerträglich beschämend und würde mir die Poesie eklig machen. 

Genug der Präambeln. Jetzt ein Panorama an zeitgenössischen Formen der Dichtung, wie sie mir einfallen, in Berlin. Fokussiere ein bisschen auf den alten sogenannten Lyriktrend, weil er zu korrespondieren scheint mit den ziellosen Schwärmen von kostümierten jungen Menschen, die elektronisch und aus Samples generierte „intelligente“ Ambient-Musik hören, während sie auf dem Boden Trauben essen und pastellfarbene Kleider in bauhausinspirierten Schnitten entwerfen und Kugelschreiberzeichnungen anfertigen.

Kalter Trend zum Schwarm

Es ist das Zeitalter der Dissoziierung, der Zersplitterung, wo man zwar unter ihr leidet, aber sein Heil nirgends sucht als in ihr. Ja?
„Die Mitte ist Peripatie“ „und widersteht jedem Plan“ Dissoziationslyrik „Kirre lässt man sie dösen“ (?) „Sie platzieren alles“ (Swantje Lichtenstein, Horae) Bei Swantjes Lyrik gibt es viele, viele Wörter, und Plausibilität ohne Ende. Sie wirken auf mich wie ein Schmetterlingsschwarm, dessen Mitte und Grund nicht erkenntlich ist, und der mich zum Fuchteln mit den Armen bewegt: Seid doch still und lasst mich herausfinden, was mit euch ist! Andauernd denke ich, dass Swantje Lichtensteins Arbeiten symptomatisch sind, und dass ich herausfinden könnte, für was, wenn ich sie analysierte. Nicht dass die Bezeichnung „symptomatisch“ das Zeug entwerten sollte, soll bloß heißen am Draht des Zeitgeists zappelnd oder so, eine medium-artige Qualität. Das Wirre als Komplexitätsgarantie, Komplexität als letzter gültiger Wert. Ist es gefährlich, oder ist es „bloß“ lähmend?

Auf Begriffe wie „like-like-like-Lyrik“ oder „47-likes-Lyrik“ komme ich bei einer Lesung von Shane Anderson, einem intelligenten, irgendwie immer mithalten-wollenden, dabei sich selbst irgendwie verpassenden Amerikaner, der in Berlin lebt und im fortgeschrittenen Stadium Deutsch lernt. Seine Texte sind voller guter Ideen, Einfälle, komischer Seltsamkeiten und Schönheiten, und doch – und doch – bleibt alles seltsam optional. Vielleicht ist er der einzige reine Avantgardist, der keine organischen Zweitmotivationen hat, weiß einfach nicht, dass die anderen alle alle mit der Möse schreiben. 

Franz Josef Czernin, Ferdinand Schmatz etc. haben mit ihrem gleichzeitigen performativen und metareflektierenden Diskurs legitimiert, den Boden dafür zementiert, dass Assoziation oder, je nach Akademisierungsgrad, Wordfeldzugehörigkeit (Behördendenken?) als Rechtfertigung gilt für die Anwesenheit von Wörtern. Bei Diskussionen um Metaphern wird oft – für alle einigermaßen überraschend – augenscheinlich, dass man poetische Richtigkeit oder Notwendigkeit nicht gut argumentieren, rechtfertigen kann; man kann zwanzig Gründe für eine Metapher auflisten, es macht sie nicht besser. Umso danebener erscheint Dichtung, die sich argumentativ oder ex negativo zu begründen scheint. Als wäre ein subalterner Trotz im Spiel, mit dessen Energie man irgendwelche Schulordnungen, legal bleibend, unterwandert, ein solches Spiel scheint es manchmal zu sein: „So sagt doch, warum ich das nicht machen darf!“ Czernin genügen, möchte ich ihm in missmutigen Augenblicken vorwerfen, so karge definitorische Diskussionen wie die Auseinandersetzung, was der Unterschied zwischen Assoziation und Wortfeldzugehörigkeit ist, als Lebensthema. Warum auch nicht, ich bin bloß zu ungeduldig, nicht wahr? Es spricht natürlich immer für jemanden, wenn er etwas, was andere karg finden, reich genug findet, dass ihm nichts fehlt. Außerdem könnte man noch auf die Idee kommen, diese Schule, die sich vom zarten, mit Lineal gezogenen Bleistiftstrich angezogener fühlt als von wiszeral-emotionalen Farbschleudern des Absolut-Gefühlt-Richtigen, hat sich eben im Verdacht; vermeidet die Orientierung am Gefühlt-Richtigen, weil sie ihm misstraut. Zwischen diesen kühlen Pfosten möcht ich gern die ganze Herde jagen, deren milde oder krass gemeinte Häufchen- oder Stilleben-Lyrik mir nichts sagt, und ihre Ausreden dafür werden sich mischen zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll.

Heiße Fusionen
So heißt ein Gedichtband von Christian Filips, und tatsächlich passt es irgendwie auf seine Gedichte und Regiearbeiten, deren psychomagmatischer Ursprung fühlbar noch in ihren erstarrt-fragil-liquiden Formen bleibt. Bevor mir einfiel, dass das ja der Titel seines Gedichtbands war, schien es mir als Überschrift geeignet, um über eine andere Kategorie von Dichtern zu sprechen, bei denen ich die Gemeinsamkeit zu erkennen vermeine, dass sie bei der Arbeit ihr Gemüt, Empfinden, Sprachempfinden als Werkzeug und Maßstab einsetzen. Dadurch haben die Texte, finde ich, etwas greifbar Körperliches, wogegen man auch besser Widerstand und Widerwille empfinden kann, die man geradezu kneten, zitieren kann, sie sind fest und fehlbar und corporeal. 

Hendrick Jackson auratisiert alles, macht aus den Wolken von Gleißen, die er so geil findet, immer wieder Blitzüberfälle auf politische oder philosophische Themen. Jüngst kam von ihm heraus bei Kookbooks, Berlin: Im Licht der Prophezeiungen (aber der Spruch auf dem Aufkleber, auch der Titel der Präsentationsveranstaltung, hat sich als lebensnaher ins Gedächtnis geprägt: „17 Jackson-Fans“, steht da, „können nicht irren“). Die Identität (in kurzzeitiger ekstatischer Geistesleere) von krakeelendem Witz und mystischer Erleuchtung, das wäre, meine ich, ein Beispiel von philosophischer Fusion als Rückenmark der Dichtung. 

Monika Rinck und ich lieben Resultate. Monikas Honigprotokolle sind denkerischer Trost: in dem Aspekt lassen sie – eine Seltenheit – sehr wohl eine ernsthafte Antwort auf die Frage, wozu, zu. Als Resultate gelten auch Witze! 

Steffen Popp hat gezeigt, dass es Sport sein kann, nutzlose Disziplin und lustig. Dabei gehört er zu den Leuten, die mit dem Fuß aufstampfen könnten, wenn sie betonen, dass Lyrik nicht Kunstturnen sei! Ich glaube, sein perverser Geschmack fürs Bizarre und Opulente, nicht nur in der Dichtung, hat Herzensgründe, wenn auch konstruktionsmäßig alle Gedichte aus Bullshit bestehen. Dies wäre nun genauer zu untersuchen, ein neuer Band ist heraußen, den ich noch nicht in die Hand bekommen habe. 

Norbert Lange, Simon Kornappel: Das Perverse, der Humor, der Geschmack für Bizarrerie: Vorliebe als Community-bildenden Wert. In welchem Verhältnis steht denn ein Besprechen oder gar Ausschlachten von Fetischen – die man ja in beliebiger Menge nachproduzieren kann – zu normativen Poetiken oder einer Idee allgemein besprechbarer Qualität? Der Unterschied zwischen Lange, Kornappel undSteffen Popp ist übrigens deutlich: Lange und Kornappel begrüßen bekannte Topoi und zitieren Genres wie Fußfetischismus und Splatter, die in der Lyrik bislang noch unpassend erschienen. Popp erfindet neue Witze mit vielen Tieren und vergessenen Berufen. Lebt mit einem Fuß im Archiv, um Obskures und Unerhörtes auszubuddeln. 

Sabine Scho, Katharina Schultens und diese Kling-Tradition: Dass es historische Referenzen haben kann und schmissig sein zugleich (Gerhard Richter); auffälliges Merkmal: Viel aufzulösendes historisches oder sonstiges Wissen steckt drinnen wie Lauch in einem Quiche, wie Vitamine in einer Brausetablette. Es hat mit Textur zu tun, einer einzigartigen. Inhalt wird verarbeitet zu Textur. Böse Zungen verlangen zur Interpretation nach dem Koprologen. Rechtdenkende Zungen sagen, es braucht keine Interpretation. Hermeneutik sei was für die Restauration des zarathustrischen Stuckaturstils. 

Und ein Haufen irgendwie fader Dichter brachten auf die Idee, dass es langweilig wird, wenn es aus der eigenen Lebenswelt gezogen wird; dagegen Wilhelm Bund, das ist Tom Schulz, Björn Kuhligk, auch Ron Winkler betreiben, wie ein Fitnesscenter, eine kleine Kraftmeierei in krassen, bunten Bildern. Warum soll das langweilig sein? Es ist wie bei den Flarf-Gedichten in Alexander Gumz' Flarf-Anthologie: Es wird alles in einen bestimmten Gedicht-Ton eingespeist, der so langweilig ist. Die einzelnen Fetzen, aus denen sie bestehen, sind ja überhaupt nicht langweilig, sondern sehr interessant, man wundert sich wirklich, warum die Gedichte dann insgesamt gähnen machen.  Alexander  Gumz bildet übrigens eine kleine Ausnahme in dieser Gruppe, aber das mag bloß eine kleine Vorliebe von mir sein, seine Gedichte finde ich oft wirklich herzzerreißend schön; vielleicht passt ihr vag-scharfer Inhalt eben besser zur vag-scharfen Form als das uneingelöst Radikale, das die oben Genannten jonglieren. 

Julia Zander dasselbe in sanft. Ich verstehe nicht, wie man sich in enjambierten Wortspielen fühlen kann – deswegen fehlt mir die Fakultät, nachzufühlen, was hier los ist.
Daniel Falb aber, was ist Daniel Falb? Glatt – geht vielleicht Ideen und Einfällen auf den Leim noch mehr als Hendrick Jackson, aber langsamer, nicht so heftig, systematischer, und man genießt diesen Raum – Textur, Figuration als Wert, aber niemand weiß genau, was das ist. Musikalisch, lieblich fließend, befriedigen mich seine Texte, weiß nicht warum. Manche Leute befriedigen sie nicht, die regen sich über sie sogar auf! Die Sätze dürfen ausbluten, hat man den Eindruck. Dass Ruhe so ein Wert sein kann!

Dann gibt es ein paar, die die ärgste Radikalität anstreben, aber die bleibt von der reaktiven Primitivität ihrer Gedanken beschränkt: Kumftumtum Umuf, Clemens Schittko.

Clemens Kuhnert, Helko Reschitzki, Alexander Krohn: halten noch die Berührung hoch, schlicht, wenn es schlicht IST, und dennoch subtil, Hinweise auf Komplexes, find ich gut die drei. Kai Pohl, Herausgeber der floppy myriapoda, glänzt in bitter empfundenen Gedichten über Zivilisationsmüll und Natur, so blöd es klingt, mit Wortspielen, tief empfunden. Wer Wortspiele tief empfindet, kann auf jeden Fall der Dichtung nicht entkommen, solche Leute, wie immer sie zappeln, sind ernstzunehmen. Interessant sind auch seine Collagen, etwa stoppelte er aus allen Ausgaben der Zeitschrift Vers­netze ein riesiges Langgedicht, die Bad Bank der deutschsprachigen Literatur, zusammen, das hochvergnüglich zu lesen ist, wenn auch so beängstigend wie ein Tropenhaus. 

Von Tobias Amslinger las ich letztens auf poetenladen.de fünf Gedichte, die mich durch leisen Witz und Lakonik und kompakte Kohärenz und so ganz hinrissen.

Dagmara Kraus! Dada und Denken zugleich.

Vermutete Genealogien: Gehenlassen, plappern, dabei kommt was raus: Jelinek hat schon eine falsche Norm des (genau gebauten! Jaja!) Gehenlassens als eine Form der Kritik zu nehmen gesetzt, und Mayröcker bietet ähnliche Gefahren: Sobald die Ehrfurcht vor der sonderbaren Person abgebaut wird, glaubt jeder, er mache auch Poesie, wenn er sich gehen lässt, da die Wertfrage tabuisiert wird. Meine Assoziationen sind wohl nicht schlechter als deine! Die Augen werden vor der Tatsache verschlossen, dass die Poesie der Person mit der totalen déformation professionelle einhergeht. Wer in so etwas richtig gut sein will, braucht sich nicht einbilden, er könne auch noch gut aussehen, gesund leben, ein guter Familienvater sein oder eine kompetente Sekretärin, Steuererklärung, Altersvorsorge checken etc. Wenn doch, dann sind es wirklich bemerkenswerte Doppelbegabungen ... Nein, ich bin überzeugt, wer Sprache so richtig wichtig empfindet, für den sind gesund und ungesund keine Kriterien mehr. Das gilt ja genauso für Forscher, Rationalisten. Am ärgsten aber:

Poesie und Werbung

Wer glaubt, Poesie ist mit Werbung dafür in einer Person vereinbar, kann schon nicht sich selbst als Dichter verwenden, er ist höchstens Buchdeckel, Pappe, und muss meta aufpassen, was er in sich hineintut, was er herauszieht, was er von sich selegiert und zeigt, um die werbezwangverseuchten Teile zu vermeiden. 

Es ist ein schwieriges Problem, ein markt- oder sagen wir besser, beim beschränkten Verkaufspotential der Lyrik, aufstiegsorientierter Dichter zu sein, man kann es gut studieren bei der Formation G13. Das ist jetzt kein Todesurteil und soll die nicht isolieren. Wer fängt nicht zu dichten an mit dem Wunsch, zu einer Gesellschaft von Leuten, die man irgendwie anziehend findet, zu gehören. Und besser eine ähnliche Gesellschaft gründen als sich in der bestehenden hochschleimen. Oder gar unschuldig in die Arme der Rührung über die Jugend laufen und erst aufwachen, wenn man selbst schon alt geworden ist. Angenommen, man fände in sich einen gehorsamen und nuttigen Ehrgeiz, dem man misstraut, wäre es nicht einmal verkehrt, seine Bahnen in die Lyrik zu lenken, weil dort die Korruption, der man sich hingeben kann, relativ beschränkt ist. Die Lyrik allerdings dann auch.

Worin soll der Charakter bestehen, den ich an G13 behaupte? Da gibt es Theateroides, Performancehaftes, synästhetische und internationale Buchprojekte, beat-esque Kerzenlicht-sit-ins, bloß: Die Atmosphäre, die Zettel, die Hirne, die Bücher, die Retro-Klamotten werden – wohl aus Ahnungslosigkeit, wie Kinder, die Verkleiden spielen, oder aus einer Mischung aus Empfindungslosigkeit und Omnivorität (auf alles kann man Blumen draufmalen) – einfach mit irgendwas gefüllt. Aber so ist es doch gut, man weiß nicht, was Literatur ist, man beschäftigt sich eben damit. Also, der Vorwurf an G13 ist, dass sie zu schnell zu Erfolg wollen, und dass sie ihn nicht geschenkt bekommen, sondern verdienen wollen, so quasi ein Bachelorprogramm der lyrischen Jugend bilden. Da ist noch nichts oder kommt erst was, aber sie vermarkten sich schon hochprofessionell. Hoffentlich hat es Platz zu wachsen, das, was kommen könnte. 

In Neukölln in der Weserstraße sitze ich also letztens in der Intellektuellenschnellpizzeria (LETTRE INTERNATIONAL liegt aus), lese den neuen Jackson-Gedichtband und überhöre vom Nebentisch jemanden zu seinem Gegenüber sagen: „Er hat keine Selbstzweifel. Darum beneide ich ihn.“ 

Er wittert, dass es nur darum geht, sich, bei was immer man macht, nicht im Weg zu stehen, es fließen zu lassen, nicht um Qualität, oder darum, was eigentlich gemacht wird, weil es ja niemanden gibt, den man anerkennt, der das beurteilen könnte. Ginge es um Qualität, wären Selbstzweifel kein Nachteil, man könnte sie rational verwenden.

Kritik nun, aufgelistet:

•    Zu schnell. Man will immer schon alles wissen. Auf diese Weise gibt es keine Prozesse. Alles muss seinen Wert sofort beweisen, da es keine moralische oder sonstige verpflichtend-hierarchische Festsetzung von Nicht-Offensichtlichem, was es vor Nichtbeachtung schützte, geben kann. Ich lese zu schnell. Das Antidot dazu ist wohl ein trübe wie die Thaya dahinfließendes Messietum, wie bei Facebook, wo man jeden Scheiß aus Scheißgründen in Erwägung zieht.
•    Blind übernommene Wertkriterien, die in allgemeinem Debunking von Werturteilen irgendwie übersehen wurden und so überlebten: Komplexität z. B., Intelligenz. Wie Metaphern gewinnen Komplexität und Paradoxa ihre Kraft aus der Umgebung. Kraft kommt nicht von Intelligenz. Intelligenz spart vielleicht Kraft, aber erzeugen kann sie sie nicht. Sie kommt höchstens auf gute Ideen, wie sie die Dinge, deren Berührung Kraft erzeugt, zusammenbringt.
•    Inhaltismus im Anti-Inhaltismus: Wörter, Themen, Moral – Inhalt eben – man hält sich, obwohl man es nicht will, am Inhalt fest, weil die Vokabeln fehlen, um Texte, die rein formal beschrieben werden, erkennbar zu machen – jedoch wird der Inhalt, weil es um ihn ja nicht gehen soll, oft so doof-stichwortmäßig gehandhabt, als reagierten wir maschinell auf Tags. Es wird überhaupt thematisch verknüpft, – eben mechanisch über Themenzugehörigkeit, und an Assoziationen werden nicht reale (zwanghafte), sondern denkbare Assoziationen verwendet – wegen des erwünschten Identitätsverlusts des Autors. Es soll ja nicht um mich gehen. Schleicht sich da ein puritanistischer Imperativ ein – „Sei kein Egoist!“ –, oder steht nur zu befürchten, gäbe man sich persönlich preis, gäbe man sich dem Spott hin und stünde schnell alleine da, als jemand, der seine geheimsten Assoziationen publiziert hat, und niemand wollte sie lesen? Ich bitte sehr: Nur das, und nichts Flacheres, nichts Einfacheres als das will man lesen, aber jetzt natürlich auch nicht die allein, in der Boxershort ratlos herumstehend. Dies ist der eigentliche Punkt, den ich machen will: Langweilig ist, wenn man jemandem dabei zusieht, fern vom Gefährlichen zu bleiben – was immer das jeweils ist.
•    Geil flutsch! Bei den guten Texten unter den Nichtssagenden geht es –
und ich bin ganz d‘accord – um Geschick, Virtuosität, geile Kniffe, Skateboarden, Rappen, Reimen, das sogenannte Musikalische. All dies vermeidet die Tabu-Fragen auf unterschiedliche Weise.
•    Paradock (das Normative, in der Hauptsache): es gibt kein gut oder schlecht in der Poesie; dennoch sind sich alle einig, nicht alle Gedichte sind gleich gut.

Ex negativo geht da natürlich einiges. Vielleicht ist das auch so ein Modell, mit dem man zufrieden sein kann: Die offensichtlich schlechten Gedichte ausräumen, und bei den guten weiß man nicht, warum sie gut sind, weil sie ihr Kriterium gerade erst erfinden. Aber was macht man dann mit so etwas wie den Horae von Swantje Lichtenstein? Ja was MACHT man damit?

Immerhin, man kann wieder „oh“ schreiben. Es tut gut, „oh“ zu schreiben. Es prüft. Wie die Flamme den Phönix: röstet. Die ewige Wiederkehr des „oh“.

oh yeah
Oh yeah?