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das karenina-prinzip

harald a. friedl | das karenina-prinzip

Warum das schöne Leben die Ausnahme und Leiden an der Blödheit normal ist

 

Glück ist das Wichtigste im Leben. Diesen Eindruck vermittelt die gewaltige Flut an Büchern, Beratern und Gerätschaften, deren Versprechen eines besseren Lebens den Markt vereinnahmen. Dass dieses boomende Angebot den Nerv der Zeit trifft, erscheint umso erstaunlicher, als es den Menschen in Zentraleuropa nie zuvor so gut ergangen ist, gemessen an fundamentalen Grundbedürfnissen. Während – entgegen bemühten UN-Millenniumszielen – in zahllosen Regionen der Welt immer mehr Menschen angesichts von Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung, Hunger, Epidemien oder Klimakatastrophen ums bloße Überleben kämpfen müssen, leiden wir Westler an Allergien und Adipositas, an Hängebrüsten oder Erektionsstörungen, an spekulierenden Bürgermeistern oder konservativen Pfarrern, an Kratzern im Autolack oder an Pferden im Hamburger. Über allem wabert, Novembernebeln gleich, eine Grundstimmung des Leidens an der postmodernen Welt, die alles andere als die beste aller möglichen sei!

Das Streben nach dem Paradies …

Denn diese Welt ist schlecht, weil widersprüchlich und widerspenstig, ein chaotischer Haufen voller Wahnsinniger, allen Bemühungen von wenigen großen Frauen und Männern zum Trotz. Haben wir nicht seit der Aufklärung, über zweihundert Jahre lang, unermüdlich mit Hilfe von Wissenschaften, Vernunft und Engagement Natur und Kultur, Leben und Denken, sogar auch das Wetter fundamental verändert, um den Menschen von seinen existenziellen Geiseln zu befreien und das Paradies auf Erden zu errichten? Scheinbar vergeblich, denn seit Jahrhunderten pilgern Abertausende unter beträchtlichen Gefahren, Mühen und Kosten zu den Zentren des himmlischen Heils wie Canterbury, Rom, Assisi oder Santiago de Compostella, um im ergriffenen Angesicht von gefälschten oder gestohlenen, jedenfalls aber prachtvoll inszenierten Reliquien gegen Buße und Bares um Verschonung vor der jenseitigen Höllenpein zu flehen und an die Seite Gottes zu gelangen. 

Trekkingstiefel und Flugtickets als Vehikel, mehr hat sich seither nicht verändert, denn im 3. Jahrtausend wallfahren alljährlich Milliarden Urlauber in Shorts und Sonnenbrillen von einer inszenierten Traumwelt zur nächsten in der Hoffnung auf Erlösung vom Elend der Langeweile. Tourismus ist – neben der Filmindustrie – die weltliche Zwillingsschwester des Pilgertums, wenn auch ökonomisch und moralisch perfektioniert. Sie alle versprechen eine heile Welt, die überschaubar, stimmig und angenehm, vor allem aber brillant inszeniert ist. Die Krönung mit dem Happy End wird mit der Vorschau abgerundet, um den Stammkunden an der Stange zu halten. 

Weil schon Adams Glück im Paradies unvollkommen, ja sinnleer wäre, durchforsten Divisionen von sehnsüchtigen Teilzeit-Singles das Universum der virtuellen Partnerbörsen auf der Suche nach der perfekten Eva – und vice versa – für das totale Liebesglück. Allen gemeinsam, ob den siegestrunkenen Kreuzrittern vor 1.000 Jahren am Zug ins verheißene Jerusalem, den Popcorn kauenden Film-Junkies oder den ekstatischen Eroberern glücksverheißender Partnerinnen, ist die Suche nach dem vollkommenen Glücksgefühl!

Neben den Romantikern, Urlaubern und Eroberern wächst auch die Zahl der Alltags-Gandhis, die im tiefen Glauben an prophezeite Klimakatastrophen, Wirtschaftskrisen und Ressourcenkriege ihren aufopfernden Beitrag zur Rettung der Welt leisten wollen, indem sie vertrauensvoll Natur-Zitronen von glücklichen Bauern aus Spanien kauen, ihren Hybridwagen aus China mit Bio-Diesel betanken, und mit ihren Kindern die Gefühle des traurigen Teddybären reflektieren. Diese Anstrengungen verantwortungsbewusster Bürger zur Bewältigung der ausufernden Weltprobleme, all die geopferten Momente der Achtsamkeit zur endgültigen Realisierung der irdischen Glückseligkeit scheitern am Ende des Tages regelmäßig an irgendeinem Idioten!


… und die Sabotage durch Idiotie

Die Welt scheint geradezu überzuborden von Menschen, deren himmelschreiende Unfähigkeit an entwaffnende Dummheit oder gar an machiavellistische Bösartigkeit grenzt, allen voran Politiker! – Obama? Ein großspuriger Fernsehprediger, dessen „Yes! We can!“ sich auf die vorübergehende Vertreibung eines Clowns aus dem Weißen Haus beschränkt, während der nächste Bush-Kasperl in Florida bereits seine Koffer packt. Putin, ein fischender Stalin im Westentaschen-Format, der den Russen statt Alkohol den Traum vom neuen Großreich einflößt? Berlusconi, eine mumifizierte Witzfigur im katholischen Polit-Kabarett Italiens? Merkel, ein damenbestrümpfter Physiker mit Mutter-Parolen? Kärnten? … leilei Kärnten, wo unter südlicher Sonne bei Hirter-Bier und Kasnudln jahrzehntelang der blau-rot-braune Sumpf fröhlich blubberte. Das Heer der gottesfürchtigen Kirchenmänner? Ein Ozean an schweigender Sturheit, die sogar den Heiligen Vater ins Exil der Pension vergraulte. All diese oberwichtigen Männer und Frauen, ob in Washington, Brüssel, Rom oder Klagenfurt, scheinen nichts Besseres zu tun zu haben als von bunten Plakaten zu strahlen, eine bessere Welt zu versprechen und unser Geld in hochdotierte Berater und potemkinsche Dörfer zu „investieren“, anstatt wohlüberlegt, anständig und zielstrebig die Welt zu retten!

Doch irgendwer musste all diese enttäuschenden Weltgestalter gewählt haben, die uns regelmäßig nur Spekulationsverluste, Papiertiger-Gesetze und Wahlkampfpossen liefern? Sind etwa alle amerikanischen, italienischen und Kärntner Wählerinnen und Wähler* blind und blöd, von Katholiken ganz zu schweigen, deren mageres Wahlrecht ohnehin nur deren Vereinsmitgliedschaft umfasst? Nach einem Sprichwort, werde jedes Volk von genau jenen Politikern regiert, die es verdiene, was gar so abwegig nicht erscheint. Denn immerhin rekrutiert sich der Politikernachwuchs in einer Demokratie weniger aus gottbegnadeten Adelshäusern denn aus dem breiten Volke.


Wähler bekommen, was sie verdienen

Ein genauer Blick auf die erhofften Wählerinnen und Wähler, welche Verantwortung, Vernunft und Verbindlichkeit auszeichnen möge, verweist zurück auf jene eingangs skizzierten Unglücksraben, die lieber zwischen Konsum- oder Bierrausch entscheiden, deren zukunftsorientierte Wahlkompetenz zwischen Pensions- oder Klimaängsten pendelt, und die von überspannten Heilserwartungen abgehoben oder von eigener Weltrettungsinitiative ausgebrannt sind. Als drehe sich die globale Jagd nach dem totalen Glück um die Achse eines gigantischen Irrenhauses, seit es Menschen gibt. 

Bei 215 Krügeln Bier – nicht mitgerechnet Wein, Spirituosen und Rumkugeln – liegt Österreichs jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch. An die 300.000 Alkoholkranke und eine weitere Million Gefährdete halten es mit dem Trinker aus Saint-Exupérys Kleinem Prinzen, der seine Scham um sein Scheitern an der Welt ins Vergessen spült. Die geschätzte Dunkelziffer der Glücksspiel-Süchtigen und -Gefährdeten liegt bei 5 % von Österreichs Erwachsenen, 15 % der Wiener Jugendlichen gelten als pathologische PC-Game-User. Spitzenrenner unter den Süchten ist – mit 28 % der Bevölkerung – der Kaufrausch, nicht mitgerechnet die grassierende Gier nach gefühlsstimulierender Information mittels Liebesschnulzen und Rosamunde-Pilcher-Filmen.


Tröstliche Körperwonnen

Sucht ist das Ergebnis des wiederholten Versuchs der gezielten Beseitigung von Unwohlsein oder gar Unglück durch ein Suchtmittel. Ob Drogen, Sex, Glücksspiel, Facebook, Macht und Ruhm, ob Reisen oder Verliebtheit, diese materiellen wie immateriellen Mittel bewirken über die Reizung der jeweiligen Nervenzellen eine Hyperaktivität des zerebralen Belohnungszentrums, des limbischen Systems, was zur Ausschüttung des „Glückshormons“ Dopamin und damit zum Abheben des „Berauschten“ führt. Glücksgefühle sind somit lediglich die psycho-physische Reaktion auf einen biochemischen, körpereigenen Cocktail, dessen Wirkung jedoch von kurzer Dauer ist. Darum ist es nur vernünftig, gleich nach Abklingen der angenehmen Wirkung die nächste Dosis zuzuführen und dem schrittweisen Gewöhnungseffekt durch gesteigerte Dosen zu begegnen – mit dem Happy End des „goldenen Schusses“ oder dem Absturz in die Hölle der Ernüchterung.

Ist diese kollektive Sucht nach Flucht so verwunderlich angesichts der existentiellen Rahmenbedingungen des postmodernen Lebens? Blödheit, wohin man blickt! Nachbarn, die sonntags mit kreischenden Sägen ihre Holzvorräte aufstocken; Ehepartner, die im Stehen pinkeln, unter fremde Röcke greifen und ihren Unwillen lautstark ins Gesicht schweigen; Kinder, die nächtens virtuelle Weltkriege führen und ihre entnervten Eltern unflätig aus dem Zimmer jagen; Lehrer, die an gelangweilten Schülern, wütenden Vätern, verzweifelten Müttern, seufzenden Direktoren, kargen Rechten und hinkenden Reformen verkümmern.


Verhinderte Aufklärung …

Wie aber soll ein solches Frust-System engagierte, weltoffene, kritikfähige, kreative und innovative Menschen hervorbringen, um im Sinne Einsteins die Probleme von morgen mit Lösungen anzugehen, die nicht dem Denken von gestern entstammen? Unser aktuelles Bildungssystem wurde unter Maria Theresia im späten 18. Jahrhundert nach militärischem Vorbild mit dem Ziel eingeführt, dem Volk etwas Rechnen, Lesen und Schreiben sowie die Liebe zum Hause Habsburg beizubringen. Die damaligen Lehrer, pensionierte Unteroffiziere, waren billig, effizient und effektiv, um Kinder in Gehorsamkeit und Disziplin zu drillen und mögliche dumme Gedanken im Keim zu ersticken. Lerne und lehre, ein Idiot zu sein, und dir wird es wohlergehen auf Erden … Denn den Maria-Theresien-Orden bekommt nur, wer sich gegen das System auflehnt, dabei dem System nützt – und auch noch überlebt! Darum frisst das System seine waghalsigen Weltverbesserer – oder sediert sie mit Ruhm und Ehre. 



… oder einfach nur Pech?

Schlechte Aussichten auf dauerhaftes irdisches Glück, dessen Antlitz als sanftes, zufriedenes Strahlen unverkennbar ist. Diese Beobachtung modellierte Tolstoj in seinem Roman Anna Karenina zu jener These, wonach alle glücklichen Familien einander ähneln würden, unglückliche hingegen alle verschieden seien. Diese als „Karenina-Prinzip“ wenig bekannte Denkfigur brachte schon im 19. Jahrhundert ein typisches Phänomen auf den Punkt, was erst 150 Jahre später als komplexes Zusammenspiel der Naturgesetze der Thermodynamik und des systemischen Denkens physikalisch erklärbar machte: 

Familien sind als wechselseitiges Zusammenspiel aller beteiligten Mitglieder zu verstehen, das in einer stofflichen Wechselwirkung mit der Umwelt steht. So wird Energie in Form von Information, Lebensmitteln, Einkommen, aber auch von neuen Personen mittels Heirat und Schwangerschaft zugeführt. Im Gegenzug wird wieder „entsorgt“, was überflüssig oder anderweitig störend ist, ob durch Wegwerfen, Tod, Trennung oder Vergessen. Eine Familie ist demnach dann glücklich, wenn alles „passt“: Alle sind körperlich wie geistig gesund und gut aufeinander eingespielt, das Dach über dem Kopf und das Familieneinkommen ist gesichert, die Nachbarschaft wohlwollend, das Wohnviertel sicher, der Staat stabil – ein klassischer Fall von ganzheitlicher Gesundheit. Doch schon die Veränderung eines einzigen Einflussfaktors kann genügen, um das gesamte System ins Straucheln zu bringen: der schwere Unfall eines Kindes, die Affäre eines Partners, der Neuzuzug eines schwierigen Nachbarn, ein neuer, übereifriger Chef oder der Verlust des Arbeitsplatzes, eine Wirtschaftskrise oder gar Krieg und unerwarteter Tod von Nahestehenden.
 

Glück als systemische Balance?

Solche Veränderungen lassen sich physikalisch als plötzliche Über- oder Unterversorgung des Systems mit Energie begreifen, vergleichbar mit dem drohenden „Black-out“ der europäischen Stromnetze angesichts einer immer komplexeren und dynamischeren „Familie“ der europaweiten Stromerzeuger und -abnehmer. Passt dieses Gleichgewicht nicht mehr, so kracht es und verursacht Leid.

Die menschliche Geschichte lässt sich als die Evolution von Strategien zur Bewältigung von solchen „systemischen Störungen“ begreifen, und dies auf individueller wie auf kollektiver Ebene. Ein Blick zurück wie auch in die Gegenwart eröffnet das reiche Spektrum von kulturellen Mustern und Innovationen zwecks Ausgleichs solcher Störungen. Ob die schlichte Durchsetzung des Stärkeren durch Unterwerfung oder aber differenzierte Konfliktlösungstechniken wie die gewaltfreie Kommunikation von Rosenberg oder das systemische Konsensieren, letztlich zählen auch alternativen Denk- und Erlebensformen wie Kunst, Musik und Literatur, Forschung, Abenteuer und Sport sowie Spiritualität und Drogen. 

All diesen Techniken gemeinsam ist ihr hoher Bedarf an Energie: Zufriedenheit zu stiften, also ein relatives systemisches Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen aller Beteiligten herzustellen, ist immer aufwendig. Und je komplexer ein soziales System wird, desto unterschiedlicher werden die Menschen, desto vielfältiger ihre Bedürfnisse und deren Veränderungen, desto aufwendiger werden also die Versuche zur Herstellung von Harmonie.


Ein Idiot ist kein Idiot

Erfolgreiche Veränderungen müssen von Dauer sein. Dies erfordert, eingespielte, weil sich gegenseitig ergänzende und bestätigende Gewohnheiten umzubauen, die ihrerseits Ausdruck von individuell gewachsenen Hirnstrukturen sind, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben – in Anpassung an die jeweilige Umwelt. Umweltreize, Wahrnehmungsfähigkeit und Verhalten sind somit keine vorgegebenen Konstanten, kein Ausdruck natürlicher Vernunft, sondern das Ergebnis einer höchst individuellen Wechselwirkung, die zur Ausprägung von Persönlichkeiten führen, die gleichsam Zeuge ihrer eigenen Geschichte sind. Menschen verhalten sich, wie sie es von ihrer Umgebung gelernt haben, sich zu verhalten. Auf den Punkt brachte dies der Münchner Kabarettist Karl Valentin mit der Erkenntnis, Erziehung sei völlig zwecklos, weil Kinder ohnedies „uns Alten alles nachmachen“ würden.

Daraus folgt aber, dass etwa konservative Menschen keine dämlichen Sturschädel seien, sondern in sich stimmig ihren Weg beibehalten, der sich ihr ganzes Leben lang gemäß ihrer prägenden Erfahrung bewährt hatte. Konservative „erkennen“ darum in „Erneuerern“ törichte, weil erfahrungslose Rebellen, die gegen ein bewährtes System anrennen und dadurch zwecklos Energie vergeuden. Dem gegenüber sind rebellische Menschen häufig Personen, die schon in frühester Kindheit lernen mussten, sich gegen Autoritäten durchzusetzen, und dabei Widerstand als effektiven Aufwand zugunsten von lebenserleichternden Veränderungen erfuhren. Auch sie sind keine Idioten, sondern einfach Entwicklungsresultat ihrer Lebensumstände, weshalb sie auf ihre Weise stimmig so weitermachten, bis sie irgendwann an zu großem Widerstand scheitern.


Leave it, change it …

Die lauten Klagen über die vielen Idioten in der Welt indiziert Glücksfindung als Sisyphusarbeit. Widerstände, wohin man schaut, weshalb viele Menschen irgendwann entkräftet das Handtuch werfen und aufgeben: Die explodierende Zahl von Trennungen auf individueller wie kollektiver Ebene, ob die Scheidung jeder zweiten Ehe, der Brain-Drain aus dem schönen, aber kargen Süden Österreichs (nach Klagenfurt gilt Wien mit geschätzten 80.000 Haiderland-Asylanten als größte Kärntner Metropole), oder die Flucht vor kriegerischen Zuständen in Mali, Syrien oder Kongo zeigen die Grenzen der Möglichkeit auf, die Balance in einem vertrauten System zu erzwingen. Denn jedes Hirn hat seine individuellen Belastungsgrenzen. Die bereits genannten Formen der inneren Migration durch Suchtverhalten, Religiosität oder romantische Träumerei, aber auch in Zwangsneurosen sind somit ebenfalls nur Auswege aus Unerträglichkeit.

So haben etwa Italien und Kärnten eines gemeinsam: Sie haben eine besondere Kultur der Lebensfreude hervorgebracht. Im Süden das „dolce far niente“ mit seinem ausgeprägten Sinn für gutes Essen, schöne Schuhe und philosophische Debatten ohne Konsequenzen angesichts einer jahrhundertelangen Prägung durch politische Fremdbestimmung, ob durch Großmächte oder kirchlich-mafiöse Parallelgesellschaften. Diese kontinuierliche Erfahrung der Unabänderlichkeit des öffentlichen Systems brachte eine Kultur der privaten Lebensfreude hervor, die Politik mit Ironie und Spaghetti erträglich und das Durchhaltevermögen eines Berlusconi als amüsanten Staatsclown erklärbar macht. Zumindest wissen die Italiener, was sie beim Medienmogul zu erwarten haben. 

In Kärnten bewährte sich seit der Nachkriegszeit das System der „Freunderlwirtschaft“. Der Parteibuchzwang war zwar ärgerlich, aber verlässlich. Haiders Sturz des roten Monopols war die Antwort auf den Wunsch nach Veränderung ohne Aufwand. Die Gesichter wurden lediglich jünger, frecher, fröhlicher, das System blieb dasselbe: verlässlich und dadurch berechenbar. Warum also verändern, wenn selten was Besseres nachkommt? Wohl darum bringen die Kärntner Österreichs beste Heimatchöre hervor, deren berührende Weisen die ganze Melancholie des Kärntner Wesens vermitteln: „Lei losn“.


… or love it.

Gibt es denn keine dritte Alternative zwischen Flucht oder der krampfhaften, kräfteraubenden und zermürbenden Veränderung? Ist vielleicht die Strategie der Italiener und der Kärntner gar nicht so sehr eine kollektive Flucht in Resignation, als vielmehr Ausdruck von Lebensklugheit? Könnte es sein, dass jene, die die Welt ständig korrigieren wollen, unverbesserliche Kinder der Aufklärung sind, die immer noch an die Allgestaltbarkeit der besten aller Welten glauben?

Doch war die Welt niemals „gut“ im Sinne eines Paradieses von harmonischem Miteinander von Löwen und Lämmern, aber auch nicht das krasse Gegenteil einer Hobb’schen Mordsvision des totalen Krieges. Vielmehr ist die Welt zuallererst ein Bild in unserem Kopf und unser Verhalten eine Reaktion darauf. Und dies gilt, welche Überraschung, für jedes Lebewesen. Führungskräfte sind darum weniger blöd, hab- oder machtgierig als vielmehr Ausdruck ihres Umfeldes, das aus einem dichten Netzwerk aus Beziehungsgeflechten besteht. Der tatsächliche Handlungsspielraum eines Menschen wird zumeist, je höher er steigt, umso kleiner. 

Franz von Assisi wird folgendes Gebet zugeschrieben: „Herr, gibt mir die Kraft Dinge zu verändern, die veränderbar sind, die Geduld, anzunehmen, was unveränderbar ist, und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Damit brachte der magere Einsiedler die Kunst der Bewältigung menschlicher Existenznöte auf den Punkt. Die Überwindung des Karenina-Prinzips, die sogenannte „Resilienz“, liegt in einer inneren Anpassung durch die Entwicklung von hilfreicheren Sichtweisen und die Stärkung eigener Fähigkeiten, um Tragödien in Herausforderungen zu „verwandeln“ und daran zu wachsen, anstatt an ihnen zu zerbrechen. Diese „Lebensbewältigungskompetenz“ zu stärken ist das eigentliche Ziel von Lebensberatern und Autoren von Glücksratgebern, weshalb deren „Flut“ zweierlei Berechtigung hat: Für Kunden liefern sie hilfreiche Denkanstöße, und sich selbst sichern sie ihr Einkommen mittels befriedigender Arbeit in einer absurden Welt. Das nenne ich erfolgreiche Anpassung.





Literatur (Auswahl)

  • Norman Forster: Die Pilger. Reisen in Gottes Namen. Area 2008.
  • Ulrich Herrmann (Hg.): Neurodidaktik. Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen. Beltz 2009.
  • Gerald Hüther: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck & Ruprecht 2012.
  • Richard D. Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Goldmann 2009.
  • Bernd Schilcher: Bildung nervt! Warum unsere Kinder den Politikern egal sind. Ueberreuter 2012.
  • Georg Seeßlen & Markus Metz: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität. edition suhrkamp 2011.


*Im März 2013 wurden nach langen Regierungsjahren die Erben Haiders in Kärnten endlich abgewählt.