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das übel der fehlenden untertasse

Profunde literarische Kritik an den Scheinwelten von Großunternehmen


Stefan Bergsmann: Aufgestaut

das übel der fehlenden untertasse

Resistenz Verlag: Neuhofen an der Krems 2012

Rezensiert von: werner schandor


Stefan Bergsmann ist im Zivilberuf Unternehmensberater in Wien, er kennt sich also mit den Realitäten von Bürojobs in heimischen Firmen bestens aus. In seinem Prosaerstling Aufgestaut macht diese Angestelltenwelt aber gar keine gute Figur: Sie ist das Habitat von intriganten, sich selbst überschätzenden, wehleidigen Typen in teuren Anzügen, die sich und ihre „Leistungen“ in strahlendem Licht präsentieren, aber in Wahrheit nur heiße Luft von sich geben und nichts zusammenbringen. 

Hauptfigur des 70 Seiten kurzen Prosatextes ist ein leitender Angestellter in der Wiener Filiale eines weltumspannenden Konzerns. Wie jeden Tag bleibt unser Schreibtischheld auf dem Weg zur Arbeit bei einer Stadteinfahrt im Stau stecken. Während der Verkehr zum Stillstand kommt, beginnen die Gedanken im Kopf des Helden zu rotieren. „Er hielt das Tempo nicht mehr aus. Und er hielt den Stillstand nicht mehr aus. Es war zu viel. Zu schnell, zu statisch. Zuviel Stillstand auf der Überholspur.“

Bald merkt man, dass man einen typischen Vertreter aus Management und Marketing vor sich hat, wie sie uns auf Job- und Karriereseiten großformatiger Tageszeitungen als leuchtende Beispiele gewinngenerierenden Wirtschaftswaltens präsentiert werden. In Wahrheit ist sein Hirn voller Klischees: Er glaubt an seinen Alfa mit Sportfahrwerk und Alufelgen und seine Breitling-for-Bentley-Uhr am Armgelenk; er führt inhaltlose, aber wichtig klingende Telefongespräche mit seinem Chef und quagelt lächerliches Denglisch, wenn er sich ausrechnet, wie viel Produktivität im Stau verpufft – „… dann wären das so roundabout […] 700-750 verlorene Arbeitsstunden …“.
Sein Job ist es, Abläufe in seinem Unternehmen zu verbessern und Aufträge zu lukrieren. Und zunächst scheint es, als würde er diesen Job gut machen. Zumindest klingt alles wie ein Erfolg. Da gab es zum Beispiel das Projekt, das sein Vorgänger in den Sand gesetzt hatte. Und ihm gelang es, mit dem verärgerten Kunden wieder ins Gespräch zu kommen. Dass er letztlich mit seinem Angebot eine Abfuhr erhielt und ein anderes Unternehmen den Zuschlag – naja, Pech. Aber zumindest gibt es jetzt einen Fuß in der Tür, nicht wahr? Oder die Sache, wo er vorschlug, ein Problem, das sich im Unternehmen zeigte, mit einer Kennzahl transparent zu machen … super Idee! Wenn nur die Kollegen diesen Vorschlag nicht so lange abgeändert und kompromittiert hätten, bis nichts mehr davon übrig blieb. Es ist zum Haare Raufen! Trotzdem ist er „davon überzeugt, dass allein die Leistung zählte – zumindest langfristig.“ Und gleichzeitig weiß er, weiter kommt man nur, wenn man dem nächsten Vorgesetzten beim Mittagessen oder sonstigen Gelegenheiten in den Allerwertesten kriecht.

Was Bergsmann in seinem literarischen Debüt an authentischem Wahnsinn zu Papier bringt, wird jedem bekannt vorkommen, der Gelegenheit hatte, in oberen Etagen größerer Firmen Büroluft zu schnuppern. Leider konnte der Autor der Versuchung nicht widerstehen, seine beißende Satire ins Kabaretthafte auszubuchten – etwa wenn der Held meint, das Übel der schnelllebigen Zeit lasse sich daran erkennen, dass die Leute in den Büros beim Kaffeetrinken zunehmend auf die Untertassen verzichten. Aber insgesamt ist die Rollenprosa von Aufgestaut absolut lesenswert: ein entlarvender Blick hinter die Spiegelglasfassaden heimischer Bürotürme.