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der irrtum der praxis an der theorie

krimhild pöse | der irrtum der praxis an der theorie

Teil V

Das geheime Tagebuch von Samuel Pepys erwähnt den gescheiterten Versuch seines Freundes und Spions im Dienste der Krone, Samual Morland, mithilfe einer Art Wasserpumpe, die er an eine Trompete anschloss, Schall nach Frankreich zu exportieren. Morland arbeitete für John Tuerlee, dieser wiederum für Richard Cromwell. Und dieser schließlich für Karl II. In dieser Zeit arbeitete jeder für jeden. Doch Schall exportierte man mit Pferdekutschen. Und im konservativen England hielt man sehr lange an dieser Tradition fest. God save the Queen.

Doppelspion
Nachdem 1670 Samual Morlands Versuch, mit Hilfe einer Trompete den Schall nach Frankreich zu exportieren, wiederholt gescheitert war, verzweifelte der Pfarrerssohn und tüchtige Griechisch-Schüler und wurde Doppelspion. Seine legendären Trommelfellinzisionen an Pferden waren – den geheimen Aufzeichnung Pepys zufolge – auch mit eine Ursache der Revolution. Wilhelm von Oranien soll auf diese Weise ein Pferd abhandengekommen sein, weil es nach der Inzision seines Trommelfells die Befehle des Reiters nicht mehr befolgte. Auch vom Reiter habe jede Spur gefehlt. Überraschenderweise verlor Morland nicht sein Gehör, sondern wurde blind! Die Ironie, dass er nun zwar die Trompete blasen, aber nicht mehr sehen konnte, hielten seine Zeitgenossen für eine gerechte Strafe. Die englische Monarchie glaubte wieder an Gott und hält sich bis heute daran.

Hundert Jahre später versuchte der Schweizer Heinrich Lambert erneut, mit einer Trompete Schall zu erzeugen. In seiner berühmten Schrift Neues Organon oder Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren und dessen Unterscheidung vom Irrthum und Schein belegte Lambert, dass sich Schall von Frankreich zwar in die Schweiz, nicht aber nach Engeland ausbreiten könne. Dies läge am Wasser, so der Erfinder der unplugged music.

Die Repräsentanz des Daumens

Inzwischen sind über zweihundert Jahre vergangen. Vom Kurbelinduktor über Wählscheibe oder der Telefonzelle – insbesondere der klassischen englischen Telefonzelle – bis zur Rufsäule (die vor allem Ärzte für eine gute Einnahmequelle hielten) gab es viele Entwicklungsstufen für den Export von Schall. Das 21. Jahrhundert gilt nun als das Jahrhundert, in der die technische Innovation in die Evolution übergegangen ist. Die Repräsentanz des Daumens im senso-motorischen Cortex hat sich seit Erfindung des Smartphones beinahe verdoppelt. Dies lässt darauf schließen, dass nicht etwa der Daumen das primäre Ziel der evolutionären Entwicklung ist. Denn die Opponierbarkeit des Daumens war lange vor der Multitouch-Bedienoberfläche möglich. Sogar die Menschenaffen sind dazu in der Lage, einen Touchscreen zu bedienen. Ein normal großer Daumen reicht völlig aus. Wäre Nokia nicht das Ziel der Evolution, sondern der Mensch, dann hätten wir längst Multitouch-Augen, mit denen wir die verschiedenen Realitäten aufrufen könnten. Via neokortikalen Apps könnten wir vom Traum zur Wirklichkeit wechseln, von der Halluzination zur Blickparese. Nein! Ob Apples iOS oder Bada von Samsung, ob Blackberry von RIM oder MeeGo von Nokia oder Brew von Qualcomm – längst hat uns der Schall überholt. Und als hätte uns der Geist Morlands eingeholt, sind auch viele Menschen nahezu blind geworden – für ihre Umwelt. Man sieht überall versteinerte Menschen, die von einer Art Miniatur-Monolith gesteuert werden. Dem Monolith dient der Daumen als Lenkvorrichtung, um mithilfe von Apps nicht nur Schall, sondern Unmengen von Gegenständen zu ex- und importieren. Die Menschen, die in die Fänge eines solchen Monolithen geraten, sind für ihre Welt verloren.

Formel der Verblendung

Dass diese Tragödie ihren Ausgang nahm von einem englischen Doppelspion des 17. Jahrhunderts, wäre eine Annahme, die entschieden zu kurz greift. Denn schon im 8. Jahrhundert soll ein einfacher Bauer aus Lindisfarne in der Grafschaft Northumberland auf der Flucht vor marodierenden Wikingern in eine Holzröhre geblasen haben. Dies war die erste Trompete! Der Apokalypse! Lange vor der letzten Trompete, die ironischerweise als Apfel in Form eines Monoliths zur Versuchung wurde. 

Oder um mit dem Schweizer Heinrich Lambert zu reden: Sei 0– der Winkel gegen die Flächennormale und A die Größe des Flächenelements, dann ist die Strahlungsstärke I(0–) proportional zu A cos(0–).

Das Verhältnis von Strahlungsstärke und reduzierter Fläche (in Betrachtungsrichtung projiziert), der Proportionalitätsfaktor, ist hierbei die konstante Leuchtdichte L der Fläche:

   I(Ɵ)/A cos(Ɵ) = L

Die gestrichelte Linie der Strahlungsstärke genügt dabei der Gleichung x2+y2 = yImax (x-Achse horizontal, y-Achse vertikal).
Besser kann man Verblendung nicht auf den Punkt bringen!

Es war auch Lambert, der sein Leben lang nach einem Begriff suchte, der sich zur Theorie verhält, wie die Vollkommenheit zur Begebenheit. 

Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Morland, Lambert: Sie waren Wegbereiter für Steve Jobs. Und Jobs war nicht der Heiland, sondern der wahre Mephisto!