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deutschland?

bernhard horwatitsch | deutschland?

Eine Kritik der Erzählung

Viele Nationalmythologien basieren nicht auf einem Triumph, sondern auf einer Schmach. Eine Demütigung blieb im Raum stehen. In der Raumzeit fand sich allerdings kein Rächer für diese Demütigung. Verletzter Stolz, gekränkte Ehre, ein unerledigter Rest in der Welt, ständige, fortdauernde Unruhe sorgen für Heimsuchungen. Um diese zu bewältigen, sucht man durch stete Wiederholung, durch Variation, durch ständige neue Erzählanläufe ein kompositorisches Ganzes zu gestalten. Dies Unerledigte ist keineswegs abstrakt, sondern wirkt sich unmittelbar auf die Lebenspraxis ihrer Zielgruppe aus. Das haben wir in der Geschichte immer wieder erlebt. Zuletzt in Deutschland durch die widerlichen Morde der so genannten NSU.
Der deutsche Gründungsmythos beruht nicht auf Triumph, nicht auf einer Schmach, sondern auf einer persönlichen Schuld. Das ist neu gewesen. Während die DDR versuchte, ihren Gründungsmythos auf dem Triumph (Triumph des Sozialismus) aufzubauen, hat der Westen Deutschlands seine Schuld zur Schmach gemacht. Das erklärt auch die RAF und ihre selbstzerstörerische Kraft. Denn die Schmach fügte sich Deutschland selbst zu. Was den Gründungsmythos auf der Basis des Motivs der Selbstzerstörung aufbaute. Ein stumpfes Motiv.
Als 1989 der Triumph über die abgerissenen Mauern in den Westen strömte, entstand eine außergewöhnliche Dynamik. Denn der Sozialismus war ja gescheitert. Der Triumph war eine Schmach, die wiederum zu einem virulenten Gründungsmythos Gesamtdeutschlands führte. Es gibt die Verschwörungstheorie, dass westliche Politiker den Zusammenbruch des Sozialismus absichtlich herbeigeführt haben. Aber man braucht ja dazu keine Verschwörungstheorie, denn die beiden Systeme standen in Konkurrenz zueinander. Was folgte? Der Triumph der Schuld über die Schmach der Niederlage des Sozialismus. Darum erklärt dies auch die hochgradige Ambivalenz im Verhalten deutscher Politiker. Auf den großen Weltkonferenzen enthält sich Deutschland meist. Sie haben keinen sinnvollen Mythos mehr zur Verfügung. Aus dem gesamtdeutschen Narrativ ergibt sich nichts Sinnvolles. Der Restbestand des deutschen Narrativs liegt im Vereinigungsmythos. Deutschland ist qua definitionem der Hauptmotor der europäischen Vereinigung, weil genau darin ihr wesentliches Narrativ besteht. Das deckt sich nicht unbedingt mit dem Narrativ anderer Länder. Deutschland erobert nicht, Deutschland vereinigt, umarmt. In dieser Vereinigungsmythologie ist schon eine große Diversifikation enthalten. Denn durch Vereinigung löscht man seine eigene Identität aus. Das schafft in Deutschland Wiedergänger. Das Tausendjährige Reich hat einen Eroberungsmythos und beruht zugleich auf der Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Hierzu passt auch die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Das ist geradezu eine Herausforderung zur Schaffung eines Gegenmythos. Da Deutschlands Vereinigungsnarrativ aus der Schuld hervorging und einen virulenten Selbstzerstörungskeim in sich trägt (und würde Deutschland in Europa aufgehen, wäre das die Auflösung, respektive Selbstzerstörung Deutschlands – wie nicht wenige glauben) braucht es den Neonazismus. Er ist das Schlangengift, das Deutschland als Identität stabil hält. Denn damit bleibt weiter der Mythos von Schuld erhalten. Mit den NSU-Morden hat Deutschland wieder einmal Schuld auf sich geladen und kann damit das Narrativ der Schuld weitererzählen, und sich zugleich weiter mit Europa vereinigen. Dass dies eine merkwürdige Situation ist, leuchtet ein.
Dass sich diese Diegese nur im Rahmen der nationalen Narrative ergeben konnte, dass dieses erzählerische Universum eine Rahmenhandlung hat, die mit zwei Weltkriegen, mit Massenmord und mit Genoziden, mit Verrat und Geheimnissen verbunden ist, dass diese Diegese Europas Traum ein zweites Amerika zu sein, komplett ad absurdum führt, dürfte auch klar sein.
Deutschland als Held der Erzählung wurde ab 1945 stigmatisiert, besiegt und musste sich den Normen beugen. Die junge Bundesrepublik hat das dann als „Befreiung“ umgedeutet. Dass dem nicht so war, wird belegt durch den weiter virulent vorhandenen Antisemitismus in Deutschland. Selbst zehn Jahre nach Kriegsende, als Thomas Mann 1955 den Schillerpreis des Landes Baden-Württemberg zugestanden bekam, hagelte es heftigste Kritik. In vielen Briefen, die man im Literaturarchiv Marbach einsehen kann, wird Thomas Mann als „übler Emigrant“ bezeichnet, als „Jude“, als „Schande, der das deutsche Volk auf das Infamste und Gemeinste angegriffen und diffamiert hat“.

Schuld und Niederlage
Die Umdeutung von Schuld und Niederlage in eine Befreiung haben viele Menschen instinktiv abgelehnt. Dieses Spannungsfeld von Schuld und Niederlage ließ sich eben nicht einfach umdeuten. Den dadurch in Kauf genommenen Verlust von Wahrheiten konnten intelligente Menschen nicht aushalten. Daher kam es auch zu einer Ablehnung entweder der Schuld oder zur Umdeutung der Niederlage in Verrat. Walter Heist, Mitbegründer der 1946 gegründeten Literaturzeitschrift   Der Ruf schrieb noch im Jahr 1947 eine Antwort auf ein Essay von Klaus Mann aus dem Jahr 1927. Dort schrieb Klaus Mann den verdächtigen Satz: „Nun, wenn Hitler an die Macht kommt, emigrieren wir eben.“ Walter Heist darauf in Der Ruf:

Wir hatten kein Geld, wir wussten, dass wir auch keins haben würden, wir hatten Familien, die ohne uns nicht leben konnten, wir hatten keine ‚Beziehungen‘, wir waren eben wie die Masse der deutschen arbeitenden Bevölkerung, die an ihre Heimat gekettet ist nicht nur durch ein geistiges, sondern durch ein sehr spürbares und zähes materielles Band. Angesichtes der Frage: Was wird die Masse der Arbeiter tun oder tun können, wenn Hitler an die Macht kommt, klang das leichtfertige Wort unseres schreibgewandten Altersgenossen unglaublich frivol und verantwortungslos.“

Der Befreiungsmythos wurde bis heute nur teilweise assimiliert. Laut Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus 2012 glauben in Deutschland 16,5 Prozent, dass Juden zu viel Einfluss in Deutschland hätten, 40 Prozent glauben, viele Juden würden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen. Und 13 Prozent glauben, die Juden waren selbst schuld an ihren Verfolgungen.
Dass viele ehemalige Nazifunktionäre das westliche Nachkriegsdeutschland mit formten, ist zur Binsenwahrheit geworden, dass die damalige DDR sich als dezidiert „antifaschistischen Staat“ begriff nicht minder. Dass nun der Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands erneut als Befreiungsmythos gedeutet wurde, hat in diesem Zusammenhang fast schon etwas Obszönes an sich. Und es ist erzähltechnischer Nonsens. Daher gibt es genug Stimmen, die in der Wiedervereinigung eine Okkupation sehen und keine Befreiung. Denn die ehemalige DDR hat ihre eigenen Schatten in der Nachkriegsepoche gebildet. Der Verfassungsschutz hat sich länger mit diesen Schatten beschäftigt als mit den Fakten von rechts. Der Kulturtransfer zwischen Ost und West war eben nicht nur auf Immobilien beschränkt. Die versprochene „blühende Landschaft“ muss nach wie vor klinisch betreut werden. Und die aktuelle politische Spitze in Gesamtdeutschland ist überraschenderweise östlich. Auch das ist eine Verrücktheit, die nach einer Amplifikation des nationalen Mythos geradezu schreit. Bleibt nur noch der Rückgriff auf das Wilhelminische? Ist die Rückkehr der Buddenbrooks (im deutschen Fernsehen vergeht kein Jahr ohne Thomas Mann) geradezu logisch? Der Niedergang einer deutschen Kaufmanns-Tradition hat seinen kuriosen Antipoden im Schnäppchenjäger Christian Wulff gefunden? Auch hier verbirgt sich eine intradiegetische Erzählung von Deutschland: das kleinkarierte, spießbürgerliche, allerlei lächerliche Possen produzierende Deutschland. Die Adenauer-Ära hat sich dieser Kleinheit untergeordnet, hat den Mythos des Wiederaufbaus durch viele bescheidene, fleißige Hände, geschaffen. Eine Folge dieses Fleißes war der Terror. Als sei das Grundmuster deutscher Erzählung der Niedergang, die Bedrohung. Wenn sich das Kleine groß macht, wird es zum Terror, wenn sich das Große klein macht, ebenso. Was bleibt für Deutschland? –
Sich auflösen, sich vereinen. Kurz nach dem Krieg gab es ja Überlegungen darin, Deutschland komplett aufzuteilen, es von der politischen Landkarte ganz zu tilgen. So war ein weiterer Erzählstrang Deutschlands nach dem Krieg die Erzählung des Pufferstaates gegen den Osten. Deutschland überlebte letztlich dank des Kalten Krieges. Jetzt ist der Kalte Krieg zu Ende, Deutschland wiedervereinigt und zur führenden Vereinigungsnation geworden. Das Vereinigungsgen hat sich ja schon bei den Burschenschaftlern (1848) exemplifiziert. All das ist schon verwirrend.

Zu Tode diskutiert
Blättert man im nationalen Narrativ Deutschlands, kann man sich des Eindrucks verschwenderischer Komplexität kaum erwehren. Deutschland als zerredete Nation, oder wie es die Engländer so treffend sagen „to discuss to death“. Eine schöne Überleitung zum Ende dieser kleinen Kritik der deutschen Erzählung: Deutschland als eine höchst heterogene Sprachgemeinschaft hat als Erfindung jede Form von Aufklärung ganz gut überstanden. Am Beispiel Deutschlands lässt sich die Idee des Nationalismus lustvoll dekonstruieren. Deutschland als Idealland für romantische Nationalidyllen. Hypostasiert in einem vereinigten Europa? Also auf ins Imperium. Europa ruft. Ein Kontinent, benannt nach einer vergewaltigten Kuh, macht sich auf zum Imperium. Nein. Dieses Narrativ erspare ich mir nun. Amerika, ein Kontinent, der sich aus Kleinkriminellen und Flüchtlingen emporhob zu einer Ikone der Freiheit. Europa, ein historischer Schauplatz des permanenten Krieges als Ikone des Friedens auf der Welt (wir Europäer sind ja alle Friedensnobelpreisträger). Nun ja. Erzählungen. Nicht nur hinsichtlich ihres Gegenstandes sind sie ontologisch indifferent, sie können Irreales als real und Reales als irreal erscheinen lassen. Erzählungen durchqueren die ganze Bandbreite an Möglichkeiten und sogar Unmöglichkeiten. Erzählungen sind – könnte man scherzhaft sagen – Erzählungen sind Erzählungen. Auch wenn Millionen Menschen daran glauben. Frei Erfundenes kann im kollektiven Bewusstsein zu einer harten sozialen Tatsache werden. Facts follow fiction. Und die Gerüchteküche brodelt allein durch den Glauben daran, dass alle anderen daran glauben. Und nun? Da glaubt man bald an gar nichts mehr. Und das wäre schade, denn schließlich lebt jede Erzählung von der willentlichen Aussetzung des Unglaubens. Und der Mensch ist nun mal ein „erzählendes Tier“. Oder anders gesagt: Der Mensch glaubt fast jeden Schwachsinn. Wichtig ist nur, dass der Schwachsinn gut erzählt ist.