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die potter‘schen paradoxa

martin fritz | die potter‘schen paradoxa

tatsächlich die beste szene von dawson‘s creek ist kathartische phase des breakfast-club-szenarios, in der so ziemlich alles, was in den sechs seasons an relevanz vorkommt, zusammenfällt wie eine sehr windschiefe holzkonstruktion, gegen die ein hamster rennt. „when did everyone become so obsessed with sex“, fragt joey, und wie jeder dieser joey-sätze ist die frage genauso sinnlos, weil evident, wie gut, weil relevant, genauso naiv wie reflexiv. man versteht den konflikt schon nicht, und was sie dazu zu sagen hat, ist unverständlich, aber das ist nunmal so und im so genannten echten leben ja meistens auch nicht anders, und gerade deswegen kann anschlusskommunikation erfolgen.

denn genau so dumm und schlau wie ihre kommunikation ist joey ja auch und darum kann sie den konflikt, um den es ihrer kommunikation geht, im folgenden auch so benennen, dass ihn die anderen figuren verstehen, denn die antwort auf ihre frage, warum alle so besessen sind, ist eben evident, denn da sind auf der einen seite „all these wierd feelings“, die nicht zuletzt durch „big bicepses“ ausgelöst werden – und wie alle wissen, es sind nicht nur auch, sondern nur die von dawson (oder vielleicht auch pacey, aber das weiß joey ja noch nicht) gemeint – und auf der anderen seite antwortet dawson, es gehe um „the right person“, und das kann eben nur einer sein, während bizepse jeder hat, und den richtigen hat joey schon gefunden, denn der richtige und sie kennen einander schon so lange und der weiß alles über sie, sagt sie, nur weiß er eben nicht, dass er samt „feelings“ etc. in ihrem wissen vorkommt und will lieber jen (zumindest glaubt er das).

das können wir auch gut verstehen bzw. wäre uns diese wahl lieber, denn über die wissen wir auch nicht so viel, nur dass die im grunde jede/n verdient hätte, was sie auch weiß, weswegen dawson nicht der richtige für jen sein kann, denn der hält ihr vor: „you‘re drunk, you‘re hooking up with two guys“, und wer solches spricht und es nicht als kompliment versteht, dem gönnen wir jen dann auch wieder nicht.

wir wären insofern geneigt, jen pacey zu wünschen, wäre der nicht auch so ein elender hamster, aber wer weiß es schon, vielleicht wäre er mit jen ein anderer geworden als der, der er ohne sie geworden ist, nur noch andererseits, wer weiß, ob dem pacey mit aktienhandel, der er dann später geworden ist, der pacey lieber gewesen wäre, der er früher auch noch hätte werden können, der er aber mangels jen nicht geworden ist und wer sind wir schon zu beurteilen, welcher pacey da mehr recht hätte, nur noch mehr andererseits, welcher der beiden paceys wäre schon in der position, wirklich beurteilen zu können, welcher besser wäre, der nur potentielle oder der aktuelle, wobei ja der je eben durch seine andere aktualisierung nicht realisierte potentielle pacey, immer, wenn es andersrum gekommen wäre, ja ebenso wenig potentiell, sondern vielmehr aktuell wäre und dann auch wieder irgendwelche störenden bärte oder eigenschaften hätte bzw. gehabt haben würde. es ist vielleicht der sich in seiner nebenfigur einrichtende pacey der beste aller möglichen paceys und zumindest die letzte folge gibt ihm damit, wie er ist, irgendwie auch recht, zumindest wenn wir wollen, dass er will, was er will.

jen hingegen weiß, was sein problem als nebenfigur und nummer zwei lösen könnte: es sind die anderen, weswegen wir so werden, wie wir sind und es sind die anderen, weswegen wir eben nicht so werden, wie wir auch hätten werden können und es sind vor allem die anderen, weswegen wir so bleiben (müssen), wie wir sind. die lösung sind natürlich andere andere oder pragmatischer: mit zwei jungs anbandeln.

dawson dagegen kann nicht wissen, dass das zutreffend ist, weil er im zentrum der serie nur steht, weil er im zentrum der serie steht und somit schlicht nicht sehen kann, was wir sehen: dass z. b. jen wichtig und richtig ist wie auch alle anderen (anderen) oder präziser ausgedrückt: die relationen zwischen ihnen. wer aber solches nicht sehen kann, muss, wenn er es einmal war, eben immer zweiter bleiben, das werden die figuren zwar noch lernen, aber dann wird es zu spät sein. oder, wie im fall von pacey, muss dann eben such a screw up, auch wenn er nummer eins war, doch „such a screw up“ bleiben und so kann man das natürlich auch sehen, aber eben nur, wenn man eine nebenfigur ist.

was wir genießen ist, dass der code dieser jungen frühstücksclubber, auch wenn er noch so kaputt ist, immer noch bestens funktioniert, es ist ein bisschen wie sich ein überbesetztes hamsterrad auf youtube anzuschauen, und die armen figuren glauben, sie könnten im hamsterrad daran etwas ändern, und da reden die noch drüber, als würde reden etwas ändern. dabei sagt joey es doch selbst: „all these wierd feelings ... i can‘t say it“, weil kommunikation eben nichts an ihrem dilemma ändert. wenn das wichtig ist, ist es ein problem, und dass es so wichtig ist, sieht man daran, dass es ein problem ist – so zirkulär zu denken fällt joey im hamsterrad offensichtlich nicht schwer und das ist auch weder gut noch schlecht, sondern eben nur so zirkulär wie jeder gedanke von außen eben aussieht. joeys einleuchtendes paradox besteht darin, dass sie totalitäts- („know everything“) mit exklusivitätanspruch („we know each other“) verknüpft, denn wer alles über sie weiß, weiß auch, dass er in dem wissen vorkommt eben samt bizeps und das ganze reziprok und wenn das dieser logik nach nicht exklusiv so ist, so ist es nicht total, also ganz, weil eben wissen fehlt, also würde das wissen dieses wissens etwas ändern und als würde ganz/total nicht heißen, dass auch „feelings“ von/über jen gewusst werden (und die von/über andere andere und dass das wissen des wissens gewusst wird und vice versa), was aber joeys logik zufolge nicht geht, weswegen sie auch so schön heißlaufen kann an der frage, warum dann alle sich so obsessiv die frage stellen, warum sie sich die frage stellen und darum ist die frage nach der obsession auch nicht mehr so klar, wie sie zuerst erscheint: „when did everyone become so obsessed with sex?“ – na eben in dem moment, in dem die frage ist, ob das die frage ist.

außerhalb des capeside‘schen hamsterkäfigs wird das wahlkontingenzdrama naturgemäß insofern gegenstandslos, als dass es auch trotz wissens darum funktioniert, dass die anderen, die in nahwelten vorkommen, ja gerade dazu da sind, dass wir da sind. reflexivität oder reden drüber nützt nun einmal nichts oder zumindest nur das, was es nützt. wir reden immer taktisch, reflexiv und naiv zeitgleich, d. h. wir schreiben texte über dawson‘s creek und systemtheorie und meinen damit literatur, aber auch die in unserer nahwelt, die wir damit meinen und der in sich hinein gefaltete rollercoaster, der daraus entsteht, ist die komplexität, die wir uns glück zu nennen angewöhnt haben.

das betrifft freilich nur den reflexiven teil der potter‘schen paradoxa, deren sozusagen in die semantik eingefalteter soundso egal ist, solange wir jens lektion in unsere codes einbauen wie ein hamster eine möhre ins hamsterhaus. am weg dahin oder gewissermaßen als gegenstrategie könnten die üblichen strategien zur kontingenzevidenzunterdrückung aufgereiht werden, die eben das wahlkontingenzbewusstsein mit geschichte unterdrücken: wählen hätte joey jeden können, aber die geschichte des sommers auf der true love haben eben nur pacey und sie. „we know each other for so long and you know everything about me“ ist ein hinweis auf eine geschichte, die eine selektion motivieren soll, die noch gar nicht erfolgt ist (und die dann, sobald sie erfolgt ist, immer schon so selektiert gewesen ist, dass es gar nie anders hätte kommen können, als es eben gekommen ist). dass unter verschärften kontingenzevidenzen („everyone is obsessed“) auch das nicht viel nützt, legt andere lösungen nahe, aber das kann joey natürlich auch wieder nicht wissen, dass sie es wissen kann. oder wie es dawson ausdrückt: „i‘m here for you now. nothing you can say is gonna change that“. in einer welt, in der ans ändern von kommunikation geglaubt wird, ist das natürlich und zum guten glück ein völliger quatsch, eine gefährliche drohung und ein ganzer dummer kluger zug von dawson.