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die sofarevoluzzer (1)

Individuelle Revolten von heute nehmen am Polstersitz Platz


Johannes Gelich: Wir sind die Lebenden

die sofarevoluzzer (1)

Haymon Verlag: Innsbruck/Wien 2013

Rezensiert von: heimo mürzl


Bücher über die Orientierungslosigkeit der 20 bis 40-Jährigen gibt es mittlerweile viele. Zeittypische Romanfiguren, deren Lebensalltag von einer gefühlten Perspektivenlosigkeit und einer konkreten Unentschlossenheit geprägt ist, ebenfalls. Meist sind das unreife Statisten des Lebens, verletzte Seelen, die unter ihrem Alltag und unter ihrer Familie leiden. Nicht ganz so verhält es sich bei „Muki“ (Nepomuk) und Erwin, den Protagonisten in Johannes Gelichs Roman Wir sind die Lebenden und Josef Kleindiensts Erzählung Freifahrt. Diese scheinbaren Verliererfiguren versuchen einen Weg zwischen Lebenskunst und Arbeitsresistenz zu finden, eine neue und zeitgemäße Form der individuellen Revolte, des einzelgängerischen Widerstandes von Menschen, die einfach ihr selbstgewähltes und selbstbestimmtes Leben führen wollen, auch wenn das auf Unverständnis stößt.

Wir reden dasselbe, wir sind gleich angezogen, wir unterhalten uns mit denselben Scheißhandys über dieselben Neuigkeiten, wir sehen dieselben Filme, wir ficken auf dieselbe Art und Weise, und das trifft auf uns genauso zu wie auf alle anderen. Heute hält sich einer schon für unangepasst, wenn er einmal drei Monate in Indien war oder eine Tätowierung am Oberarm hat […] In Wirklichkeit hat heute jeder Vollidiot eine Tätowierung und fährt jeder Vollidiot einmal nach Indien, um eine Auszeit zu nehmen […] Nichts ist mehr originell, keiner ist es, wir sind alle nur eine gleichgeschaltete Masse. Das Einzige, was mich wirklich frei macht, ist meine Passivität.

Mit diesem „Manifest“ stellt sich Nepomuk „Muki“ Lakoter, 41-jähriger Anti-Held von Johannes Gelich als verschrobener Sofa-Revoluzzer vor. Muki verbringt den Großteil der Zeit auf seinem Schlafkanapee und übt sich in der Kunst, sinnlose Beschwerdebriefe an diverse Unternehmen zu versenden. Als Spross einer Wiener Bestatterdynastie – „ein krisenfestes Gewerbe“ – teilt er sich ein ererbtes Mietshaus mit seiner Schwester, einer penetrant agilen Juristin und cleveren Immobilienhändlerin. Muki lehnt seine bürgerliche Herkunft ab, ist aber zugleich deren Nutznießer, da ihm das ererbte Mietshaus sein Leben im Müßiggang erst ermöglicht. Ein Unfall – Lakoter hat sich ein Bein gebrochen – hindert ihn an allzu großer Mobilität und fesselt ihn quasi ans Sofa. Zwischen Lebenskünstlertum und Arbeitsresistenz, zwischen Selbstbestimmung und Sozialfalle changierend, kümmert sich der vermeintliche Künstler mehr um sich als um seine Kunst und spielt nach ein, zwei Joints gerne ein wenig auf seiner Sitar. Im Alltag helfen ihm eine rumänische Haushälterin und sein sexsüchtiger Freund Simon. Muki fühlt sich zur Untätigkeit gezwungen, da er sich seiner Meinung nach nur so der Sinnlosigkeit des Daseins entziehen kann. „Wissen Sie, was das Deprimierende an so einem herrlichen Mittagessen ist, Amalia? Dass damit das Highlight des Tages auch schon der Vergangenheit angehört, verstehen Sie mich, nach so einem köstlichen Essen kann es nur noch bergab gehen!“ 

Als die Haushälterin auf Verwandtenbesuch in ihre Heimat reist und ihre Nichte, die trotz einer partiellen Gesichtslähmung sehr hübsche und überaus kluge Mitdreißigerin Ana, als Ersatzkraft vorstellt, gerät Mukis geordnetes Dasein, sein auf Konfliktvermeidung basierendes Nichtstun in der Nachfolge seiner Geistesverwandten Oblomow und Bartleby, aus den Fugen. Da ihm auch noch die Mieter seines Badener Zinshauses eine Frist für überfällige Reparaturarbeiten setzen, während seine Schwester ihm mit Teilentmündigung und Zwangsversteigerung droht, ist er zum Handeln gezwungen. Er überredet seinen Freund Simon, nach Baden zu fahren und mit Handwerkern das Zinshaus zumindest optisch zu revitalisieren. Nepomuk Lakoter verliebt sich unterdessen in Ana, diese Lebensklugheit und -freude ausstrahlende Frau, flieht aber schließlich vor dieser Möglichkeit, sein Glück zu finden, und zieht sich vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe von Fukushima in einen selbst gegrabenen Bunker im Wald zurück. Gelichs Anti-Held scheint an seinem Lebensentwurf –
zwischen völligem Rückzug und der Sehnsucht doch aktiv am Leben teilzunehmen – letztlich zu scheitern …