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die sofarevoluzzer (2)

Josef Kleindiensts Held findet Erfüllung beim Bahnfahren.


Josef Kleindienst: Freifahrt

die sofarevoluzzer (2)

Sonderzahl: Wien 2012

Rezensiert von: heimo mürzl


Die Langsamkeit, die Passivität, das Beobachten, das Weiterwurschteln, Dahinlavieren und das Sich-Verweigern sind typisch österreichische Attribute. Auch in Josef Kleindiensts Erzählung Freifahrt sind sie zu finden. Erwin, Protagonist dieser Erzählung, ist ein ziel- und ambitionslos durchs Leben taumelnder Mann, der keinen Begriff davon hat, was er will. Seine Müdigkeit scheint grenzenlos, seine Unentschlossenheit ebenso und Momente der Orientierungslosigkeit wechseln mit solchen der Mutlosigkeit. Solche Figuren sind nicht nur der gegenwärtigen Welt im Umbruch geschuldet, sie haben Tradition in der österreichischen Literatur(-Geschichte), die immer schon jenen vermehrt ihre Aufmerksamkeit schenkte, die abseits stehen.

Erwin ist ein Sonderling, der alleine, ohne Freunde, ohne Arbeit und ohne richtige Perspektive in seiner bescheidenen Stadtwohnung in den Tag hineinlebt. Ab und zu besucht er sein Stammcafé ums Eck, manchmal vertreibt er sich im nächstgelegenen Einkaufszentrum die Zeit. Einmal in der Woche fährt er zum Bauernhof seiner Eltern, den er verlassen musste, als sein Schwager dort einzog. Sein vorhersehbarer Alltag ändert sich, als sein Vater ihm eine Jahreskarte für das gesamte Streckennetz der ÖBB schenkt. Der Vater will damit gegen Erwins Antriebslosigkeit ankämpfen und ihm die Jobsuche erleichtern. Vorerst ein wenig irritiert und skeptisch findet Erwin sehr bald Gefallen an den zahl- und ziellosen Zugreisen: Sein Leben gerät buchstäblich in Schwung, und Josef Kleindiensts Erzählung wiederum wird mehr und mehr zu einem Bahn-Roadmovie. Auf seinen Zugreisen nach Innsbruck, Graz, Villach, Wien, Salzburg und bis ins „ferne Slowenien“ trifft Erwin nicht nur die unterschiedlichsten Menschen, beobachtet sie, beginnt mit ihnen zu kommunizieren und macht Frauenbekanntschaften. Er wird auch bestohlen, misstrauisch beäugt, von der Polizei aufgegriffen und beginnt auf diesen Reisen seine bescheidenen Träume zu leben. So verliebt er sich nach einer flüchtigen Begegnung in einem Zugabteil Hals über Kopf in die hübsche junge Polin Agnieszka und macht sich auf die Suche nach ihr, indem er sich von Bahnhof zu Bahnhof treiben lässt. Auch wenn Kleindiensts Protagonist sich quasi im Wartesaal des Lebens befindet und er für seinen Lebensentwurf einen hohen Preis zu zahlen hat, scheint auch Erwin sein individuelles Glück zu finden – selbst wenn sich das in selbstbestimmten Zugfahrten und eher zufälligen Frauenbekanntschaften erschöpft.

Muki und Erwin, diesen ebenso eigenartigen wie sympathischen Anti-Helden, ist ihr gewöhnungsbedürftiger Status quo lieber als die Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Lebensentwürfe, die Johannes Gelich und Josef Kleindienst anhand ihrer Protagonisten vorführen, wirken niemals künstlich-steril, wie bloße literarische Versuchsanordnungen, sondern sind dem Leben gleichsam abgeschaut, zeugen von Einfühlungsvermögen und großer Menschenkenntnis und entwickeln einen ganz eigenen Charme. Die überschaubare Misere, in der man es sich wohnlich eingerichtet hat, scheint für sie immer noch besser zu sein als das, was einem gesellschaftlich verordnet wird. Es ist der alte, aber bewährte Kunstgriff der Verwandlung des Untröstlichen in etwas Tröstliches, der die neuen Bücher von Gelich und Kleindienst so lesenswert macht.