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dumb all over

wolfgang pollanz | dumb all over

Mit Frank Zappa in der Dummheitsfalle des Pop

Ein Ritter nahm den Kampf gegen die Dummheit auf, ein Monster, dessen Antlitz keine Menschenseele beschreiben konnte. Nur ein Name und der Ort, wo es sein Unwesen trieb, waren bekannt. In schwerer Rüstung und mit gezücktem Schwert zog er durch das Sumpfland. Je näher er dem Ort kam, desto tiefer versanken seine Füße im Boden. Kurz bevor er verschwand, wurde der verdutzte Ritter vom Moor umfangen. - Matthijs van Boxsel: Die Enzyklopädie der Dummheit

Wenn es um die Dummheit geht, ist mein liebstes Zitat neben der Geschichte vom Ritter, der auszog die Dummheit zu bekämpfen, folgendes: „Alles Deppen außer mir.“ Keine Ahnung, ob ich es irgendwann einmal irgendwo gelesen habe, oder ob es tatsächlich von mir stammt. Sollte Letzteres der Fall ein, bin ich vielleicht doch nicht so dumm, wie ich mir manchmal vorkomme. Wie oft passiert es mir, dass ich etwas einfach nicht verstehe, nicht begreife, den Zusammenhang nicht sehe. Richtig dumm finde ich es allerdings, wenn jemand, dem es gleich geht wie mir, der also auch manches oder vielleicht sogar mehr als ich nicht versteht, so tut, als würde er immer alles verstehen und dann auch noch mitredet über den Gegenstand seines Nichtverstehens. Das ist Dummheit auf einer Metaebene, doppelte Dummheit könnte man meinen. Eigentlich habe ich sehr oft mit einfach und mehrfach dummen Menschen zu tun, auch wenn ich jetzt nicht behaupten will, es seien alles Deppen außer mir; aber manchmal denke ich mir das heimlich schon. Am dümmsten sind dabei die Menschen, die der Dummheit vermeintlich abgeschworen haben und sich ihrer eigenen Gescheitheit brüsten, Menschen, die von sich behaupten, gebildet zu sein und vorgeben zu wissen, dass sie ganz bestimmt nicht dumm sind, und dies auch noch öffentlich behaupten.
Aber ich schweife ab, denn hier soll es ja nicht nur um Dummheit, sondern auch um Musik gehen, möglicherweise gar um dumme Musik. Aber dumme Musik, gibt es die überhaupt? Eigentlich ist das eine Kategorie, die man so nicht definieren kann, Musik kann objektiv laut oder leise sein, subjektiv schlecht oder gut, aber dumme und gescheite Musik gibt es nicht. Allerdings gibt es Menschen, und von denen ist hier schon die Rede gewesen, die sich für vermeintlich klüger als andere halten und der Meinung sind, dass es Musik gibt, die für dumme Menschen gemacht worden ist, Musik, die für einen Menschen, der glaubt gebildet zu sein, gar nicht geht. Ich selbst habe mich schon dabei ertappt, dass ich etwa die Musik eines DJ Ötzi oder eines Andreas Gabalier als Musik für dumme Menschen kategorisiert habe, muss jetzt aber einwerfen, dass es Menschen gibt, die die Popmusik im Allgemeinen für dumme Musik halten; am allerschlimmsten sind da meiner Meinung nach besserwisserische Jazzfans, die, wie es mir selbst schon passiert ist, von den Pop-Kasperln reden oder davon, dass das alles eh nur Musik für Minderbemittelte ist. Kurzum, es gibt immer und aus allen Richtungen Positionen, die von sich behaupten über anderen zu stehen; daher habe ich es mir abgewöhnt, Musik, die ich nicht mag, als dumme Musik zu bezeichnen, weil ich ja sonst selbst in die Dummheitsfalle gerate. Wir haben alle unsere kleinen Dummheiten. Meine etwa ist, neben vielen anderen, diese bedingungslose Liebe zur Popmusik, weil ich die Welt durch sie wahrnehme, dieses kleine, eigentlich unwichtige Segment künstlerischer Äußerung als Spiegel des Lebens sehe, als Möglichkeit, mir die Welt und mein Leben dadurch zu erklären. Ich sitze also in der Dummheitsfalle der Popmusik.
Aber ich bin noch immer nicht zum Eigentlichen gekommen, über das ich hier schreiben wollte, begehe ich doch auch leider immer wieder die Dummheit, völlig vom Thema abzuschweifen. Dies hier sollte eigentlich ein Text werden über Frank Zappas Song „Dumb All Over“. Ausgesucht habe ich ihn mir, weil es einerseits eigentlich nur sehr wenige Songs über Dummheit gibt und dieser einer der wenigen guten davon ist, andererseits weil ich, vielleicht aus damals jugendlicher Torheit, schon sehr früh bedingungsloser Zappa-Fan geworden und dies bis heute geblieben bin. Ich erinnere mich an die mir heute ein wenig peinliche Blödheit, dass ich eine Zeitlang sogar „Zappaloge“ als Berufsbezeichnung angegeben habe. Noch heute habe ich Phasen der Weltverlorenheit und Desorientierung, möglicherweise auch der plötzlichen Lebensdummheit, in denen ich mir stundenlang Zappa und die Mothers of Invention regelrecht reinziehe und danach mit mir und der Welt wieder im Reinen bin. Wenn unsere Spezies ein Genie wie diesen Musiker hervorgebracht hat, kann die Lage allgemein nicht ganz schlecht sein. Leider sind nur sehr wenige Menschen derselben Meinung wie ich, und die meisten wissen nichts über die heilende Wirkung der Zappa‘schen Musik auf die Welt, nein, auf das Universum. Eine ziemlich große Gruppe von Menschen würde, wenn sie ihn kennen würde, diesen Mann, seine Musik und seine Texte und Ideen wohl auch völlig ablehnen, möglicherweise ihm sogar nach dem Leben trachten, wenn er noch lebte. Vor allem weil er sich immer wieder explizit geäußert hat zur Dummheit der Religionen, zu christlichem Fundamentalismus und falschen Idealen der Republikaner. Das Erstarken des Islamismus hat Zappa durch seinen frühen Tod nicht mehr erleben können, aber man darf annehmen, dass er sich wohl auch dazu kein Blatt vor den Mund genommen hätte.
Der 1981 auf dem Album You Are What You Is erschienene Song Dumb All Over gehört eigentlich zu einer Suite von drei Songs, die auch live in dieser Reihenfolge performed wurde. The Meek Shall Inherit Nothing ist ein zynischer Blick auf die Welt der Fernsehprediger und TV-Stationen des Bible Belt, danach kommt der hier besprochene Song, gefolgt von Heavenly Bank Account, dessen Titel für sich selbst spricht. „You can’t run a country by a book of religion“ ist die zentrale Aussage des Textes, in dem es um die Dummheit von Menschen geht, die auf religiöse Propaganda reinfallen. Der Song ist eigentlich ein Monolog, Zappas Stimme über ein repetitives Uptempo-Motiv wird verfremdet durch einen Flanger und einen Vocoder und erinnert ein wenig an I’m The Slime vom Album Overnite Sensation aus dem Jahr 1974, in dem es um die Allmacht des Verblödungsmediums Fernsehens geht. Auch wenn Zappa sich in seinen Texten nie zum politischen Tagesgeschäft äußerte und jeglicher Art von politischer Kunst mehr als skeptisch gegenüberstand, hat er immer wieder zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung genommen. Seine politische Einstellung bezeichnete er einmal als „practical conservative“, in Wahrheit war sie mehr als komplex, jemand, der für Unternehmertum und freien Kapitalismus eintritt, aber auch kritische Songs über Rassenunruhen oder den „Schleim aus dem Fernsehen“ schreibt, sein Publikum in den Staaten auffordert, sich für die Wahlen zu registrieren, sowohl Drogen als auch den „War On Drugs“ kategorisch ablehnt, ist nur schwer einzuordnen. Für wirklich dumm hielt Zappa nur die religiösen Fanatiker. Wäre es ihnen ernst mit ihrer religiösen Botschaft, dass Gott die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen habe, dürfte es, so meint er, keine Kriege, keinen Rassenhass und natürlich auch keine Dummheit geben, „if we are dumb, then God is dumb (and maybe even a little ugly on the side)“, heißt es auch noch in dem Song.
Selbst dumm war Zappa, was ihn und sein Leben betrifft, wohl nur im Hinblick auf seine eigene Gesundheit. Sein Zigaretten- und Kaffeekonsum war legendär, aus der Sicht seiner Ärzte aber wohl eine Dummheit – 1993 starb er an Prostatakrebs. In einem seiner letzten Interviews wurde er gefragt, ob er seinen Frieden mit Gott gemacht habe; seine Antwort darauf war, dass Gott gescheit genug sei, zu wissen, was er getan und was er nicht getan habe; es wäre dumm, die Dinge jetzt noch ändern zu wollen …