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dummheit

dirk werner | dummheit

Ein Zauber

Die unbestritten größten Helden der Dummheit im 20. Jahrhundert waren Stan Laurel und Oliver Hardy. Das weniger durch ihre nie endende Tollpatschigkeit oder dadurch, dass die sich mit unverwüstlicher Unbelehrbarkeit paarte. Nein, in meinen Augen waren sie deshalb der Dummheit Größte, weil sie stets wieder aufstanden, nicht nur aus ihr, sondern auch mit ihr. Weil sie kaum je daran dachten, aufzustecken. Sie hatten Ziele vor Augen und eine nie erlahmende Willenskraft. Erst ihr Drang, trotz ihres Handicaps (dessen wahre Ausmaße ja nur wir Zuschauer erkennen konnten) ganz normale menschliche Wege zu gehen, machte das Lachen unendlich. Unsere Hoffnung war so unzerstörbar wie die ihre, wenn sie auch perfide in eine andere Richtung zeigte: Dass es immer weiter gehen möge mit ihren stets neuen Anläufen und dem Scheitern, der schon dem Start innewohnte – und also mit dem Lachen, von dem sie ja aber nichts wussten, saßen wir doch unten im Dunkeln.

Was Dummheit, Beschränktheit, geistiges Minderbemitteltsein eigentlich ausmacht, dafür mag es genügend medizinische Kriterien geben, und sicher entwickelt die Wissenschaft immer neue, um diese Zustände – von ihr kühl benannt und umschrieben – genau einzugrenzen. Was das Auftreten von Dummheit für einen selbst bedeutet, in welchen Formen sie einem entgegentritt, wann zum ersten Mal und an welchen Stellen im Leben man unter ihrer unbestritten weit verbreiteten Existenz am stärksten litt, mag sich jeder selbst auflisten. Nach der Reihe der Momente, da man ihr begegnet (bewusst, unbewusst, leidend oder gar von ihr erfrischt), kann sich jeder seine eigene Biographie schr­eiben, in der er sein Leben allein nach diesen Aufprallsituationen ordnet.

Dummheit verführt

Die Verführung ist süß und macht dumm. In der DDR lebend, erlagen wir ihr immer wieder. – Je falscher der falsche Sozialismus, desto richtiger musste uns der Westen erscheinen. So ungefähr drückte es der Dresdner Thomas Rosenlöcher aus. Erst im Nachgang, nach Jahren, ist da an manchen Stellen in meiner Kindheit der schale Geschmack im Mund, Nachgeschmack gelittener und dann erst bewusst werdender Verführung.

Da war der Tag, als die ersten Micky Maus-Hefte bei uns auftauchten und wir sie in den Händen hielten. Micky Maus! Aus dem Westen! Fix und Foxi! Von ebendort. Glanz, Farben, Fremde. – Pah, muss ich leider heute dem Jungen antworten, der ich damals im Sommerhof mit diesen Bildchen vor Augen dastand und der einfach nicht die sich gleichzeitig einstellende Enttäuschung wahrhaben wollte. Nach einigen Sekunden schon drängte sich die uneingestandene Frage auf: Ist das alles? Diese kleinen, kurzen, zugegeben komischen Geschichtchen? Oder versteckte sich da eventuell ein Trick dahinter – heute würde ich sagen: eine zweite oder höhere Ebene –, die ich einfach nicht verstand? – Gott im Himmel, möchte ich Grauhaariger dem damals Dunkelhaarigen, dem die dazu sichtlich unfähige Mutter die Haare geschnitten hatte, entgegenhalten: Trau deiner Ent-Täuschung. Auch wenn sie, ein Anflug im Sommerwind, ebenso schnell doch wieder fort sein würde. Ich hätte sie nie, nie, nie fallenlassen oder gar weggeworfen – diese nicht mehr ganz aktuellen Hefte, die, ich weiß nicht mehr wie, zu uns kamen. Waren sie doch „aus dem Westen“. Doch oben, unter dem Dach, in unserer Wohnung lag massen- und stapelweise das Mosaik, eine nicht-glänzende Bilderzeitung von Hannes Hegen, die einmal im Monat ins Haus flatterte, um nur eines zu wollen – uns mitzunehmen in die weite Welt, die Kinder nun einmal brauchen, gleich, wie sie beschaffen ist. Nach Amerika (in den Wilden Westen oder zur Befreiung einiger Sklaven in die Südstaaten), ins Mittelalter (zu Ritter Runkel, den Grafen vom Kuckucksberg oder zum Silberbergbau ins Erzgebirge), in den Orient; nach England, Russland, Frankreich zum Beispiel, um die Entwicklung von Dampfmaschinen in diesen Ländern im 19. Jahrhundert als Abenteuer zu erleben. Und immer an der Seite der Digedags, also an der von Dig, Dag und Digedag. – Dagegen, mit Verlaub, war Micky Maus eine laue und lasche Kindergeschichte, in der man vergeblich nach einer zweiten, dritten oder vierten Dimension suchte.

Dummheit berührt

Ich glaube nicht an Gott. Aber die Begegnung mit dummen Menschen hat mich oft in meinem Leben im Innersten berührt. Besonders, als ich noch ein Kind war. Wenn ich so einen Dummen traf, wurde ich scheu und stumm, geriet unversehens fast in Ehrfurcht. Als ob mir etwas Heiliges begegnen würde. Diese starke, kaum zu beschreibende Veränderung an mir, die beinahe erschütterte Anteilnahme jedesmal und der Umstand, wie unzählig viele wirklich dumme Menschen existieren und also in der Lage waren, sind und sein könnten, in ihrer Art noch heute meine Seele zu erreichen – und ich meine es ernst hiermit –, könnten mir wirklich als Beweis für die Existenz eines Gottes gelten: Dass also einer sie auf den Weg geschickt hat und immer noch schickt, mich als Mensch (und sicher auch andere) immer aufs Neue nachhaltig zu wecken und zu berühren.

In Charles Dickens Geschichte Die Silvesterglocken geht es um die Dummheit der „Oberen“ und die Dummheit der „Unteren“, die, völlig verschieden, gemeinsam Entsetzliches bewirken. Ein junges, liebendes Paar aus der Unterschicht beschließt zu heiraten. Drei Herren erfahren davon. Den ersten, einen Bürgermeister und damit eine „Justizperson“, beschreibt Dickens als „Praktiker“ und „Philosophen“. Ein ebenso von „Fakten“ besessener, einer, der das Leben mit der noch relativ jungen Wissenschaft der Statistik immerfort misst und bewertet, wird dem Bürgermeister ebenso zur Seite gestellt, wie ein dritter, von dem es schlicht heißt: „Er drehte sich im Kreise seiner Phrasen wie ein Eichhörnchen in seiner Käfigmühle“ und weiter: „Auch wollte er nicht etwa in einer Anwandlung von Selbstlosigkeit sagen, er mache der Gegenwart Vorwürfe, weil sie nichts Wichtigeres als seine Person hervorgebracht.“ – Diese drei beschließen, aus einer Laune ebenso wie aus vermeintlicher Überzeugung, jedoch eigentlich vor allem aus innerer Leere heraus, dem jungen Liebespaar die Liebe und die Ehe auszureden. Neben der Statistik werden Moral und Erfahrung, angeblich zum Besseren der Armen – zu ihrer Besserung – ins Feld geführt. Alle Gründe gegen das lebendige Glück werden ernsthaft oder gar mit Verve vorgetragen. Unübertrefflich zeugen die Art der Argumentation wie die Argumente selbst vom Satiriker und Sarkasten Dickens. Allein – letztlich sind beiden Seiten, die „da oben“ wie die „da unten“, von den vorgetragenen Wahrheiten überzeugt, die in ihrer Mischung aus wenig Faktischen und desto mehr tiefster, irrationaler Überzeugung an heute verbreitete Glaubenssätze erinnern. Auf diesem Weg sind in der Geschichte in Kürze alle miteinander unrettbar von der Dummheit verzaubert. Von einer Dummheit, die sich heute wie damals auf der einen Seite prachtvoll herauszuputzen versteht, und die man auf der anderen Seite wohl besser mit: niemals endender Einfalt beschreibt.

Heutzutage geht die Dummheit oft im blendendweißen Kleid. Oder bunt-betörend. Dass sie in immer neuer, anmaßender Verhüllung auftritt, dass sie aufwändig und mit Nachdruck sich zu verbergen sucht, macht es schwer, sie zu lieben. Ihr mit Respekt zu begegnen. Man nehme nur einmal die Medien oder die Moden. – Doch damals, meine Kameraden, nicht wenige unter ihnen waren leider dumm: Sie hatten rein gar nichts, diese Tatsache zu bemänteln. Im Gegenteil, zu allermeist waren sie auch noch die ärmlich und schlecht Gekleideten, in Jacken und Hosen gesteckt, durch die sie zusätzlich zu ihren verlangten oder unverlangten Äußerungen lächerlich wurden. Angenehme oder harmonische Gesichtszüge hatte ihnen die Natur fast durchweg vorenthalten. All das bewegte mich, ich wollte durchaus nicht, dass es so sei. Natürlich habe auch ich in meinem Leben unter denen gelitten, bei denen sich Dummheit mit Gewalt oder Macht paart, aber oft hatte ich Glück, dass mich die brutalen Dummen in unserem Dorf verschonten. Sie mochten meinen Humor, den ich selbst in brenzligen Situationen schnell parat hatte. (Später, zum Beispiel beim Militär, wenn sich die Blödheit gern Unteroffiziers- oder Offiziersuniformen anzog, war‘s oft zu meinem Nachteil. Aber das ist ein anderes Kapitel.) In der Dorfschule war ich sofort Feuer und Flamme, als unsere Lehrerin die „besseren Schüler“ aufrief, den anderen, weniger Klugen, den von der Natur und ihrer Umgebung Benachteiligten, zu helfen.

Der Beweis
Abgesehen davon, dass ich sehr neugierig darauf war, endlich einmal ein Exemplar betrachten zu können, hätte ich auch die Bravo letztlich nur als Beweis besitzen wollen. So denke ich heute, ehrlich gegenüber dem Aufwachsenden, der ich war. Als Beweis nämlich, dass es den Westen wirklich – und zumindest auf symbolischem Wege erreichbar – gab. Als Beweis, dass es uns gab, auch nämlich für ihn, hatte er uns doch auf geheimem Wege seine Hefte zukommen lassen. Als Versprechen vor allem, dass da etwas ist, das anders. Dass sich da etwas begibt, das schon deshalb besser sein muss, weil eine unüberwindbare Grenze davor gestellt wurde. 

Dennoch und Aber. Meine Enttäuschung mit den Bravo-Heften war ähnlich wie bei denen von Walt Disney. Knallig bunte Fotografien, Pop-Größen, die zum Teil auch wir kannten und deren Inszenierung und Posen uns mitunter wahrhaft verblüfften. Doch wehe, man begann in dem Heft zu lesen. Wie bei allen Veröffentlichungen in der DDR war man ja sofort auf der Suche nach dem Versteckten, der Botschaft, dem Hintersinn, dem Höheren. War man dem auf der vielleicht gar nicht vorhandenen Spur, was einen vielleicht bereichern, stärker machen und wappnen könnte. So wie ich es in jedem Gedruckten suchte, je älter ich wurde. Ich erwartete es von den Buchstaben, dem Papier ansatzweise auch damals schon: Dass, was immer ich las, mir helfen würde – zu finden, zu schärfen, auszuprobieren, zu revidieren, neu zu erfinden oder auszubauen. Die eigene Position, auch wenn ich sie damals noch überhaupt nicht so nennen konnte. Dass mir in meinem Leben ausgerechnet Micky Maus und Bravo als erste gedruckte Repräsentanten aus dem Westen begegneten, war tragisch. Oder bezeichnend. Es ließ meine kindliche Neugier und Offenheit und vorauseilende Begeisterung für das „Andere“ jedoch durchaus nicht erlahmen. Das Geheimnis, das Verbotene blieb. Aber die Art, wie mich der Westen mit seinen Heften begrüßte, hätte mich zu einer Schlussfolgerung kommen lassen können, ja, müssen: Vielleicht war auch er – hier und da – ganz schön blöd.

Silvesterglocken
Das Glück des jungen Mannes und der jungen Frau in Dickens‘ Silvesterglocken ist im Nu zerstört. Sie geben sich selbst nicht mehr das Recht, frei zu handeln und glücklich zu sein, nun, da sie von den Spezialisten (von denen wir eingekreist sind, ob sie sich nun Politiker oder Wissenschaftler nennen) gegen den eigenen Willen beraten worden sind. Die Glocken aber symbolisieren im Text die innere Stimme, die dagegenhält. Ohne sie gibt es kein eigenes Wissen, keine eigene Überzeugung. Überirdische, phantastische Wesen mischen sich ein. Wie so oft verleiht der Autor den unteren Schichten endlich die Fähigkeit sich auszudrücken, und sei’s nur in einem magischen Moment, im Traum. Dickens lässt seine Protagonisten das Wissen der „Oberen“ als Herzlosigkeit entlarven, wenngleich er deren Position nicht ernsthaft in Frage stellt.

Kampf gegen die Dummheit

Unsere Lehrerin nahm den Kampf gegen die Dummheit auf. Sie spornte uns an, sprach – ich weiß nicht mehr genau wie – zu unseren Herzen, ihr zu helfen und den Kampf mit ihr gemeinsam zu beginnen. Nie würde er gewonnen werden, das versprach sie uns nicht. Aber stückchenweise, hier in dieser wichtigen Etappe in unserem Kinderleben, wollten wir streiten. – Unser sonst helles Klassenzimmer verdunkelte sich, es blitzte und donnerte über unseren Köpfen, wenn sie brüllte, weil sieben oder acht oder gar zehn unter uns wieder nicht die deutsche Grammatik verstanden hatten. Doch ihre Wut war die Verzweiflung, an den Dativ oder Genitiv gerichtet, die sich erneut nicht in den strubbeligen oder auch ungewaschenen Köpfen niederlassen wollten, mochten es die betroffenen Schüler selbst auch noch sehr wünschen.

Wir bildeten Patenschaften. So nannten wir das damals. Sieben oder acht Paare in unserer Klasse. Jeder der klügeren oder einfach erfolgreicheren Schüler traf sich mindestens ein Mal in der Woche zu Hause mit einem der Untergrund-Widerständler gegen die Grammatik. Wir wiederholten, übten, lernten auswendig, suchten Wege, das Unverständliche verständlich, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Denn nicht einer von ihnen sollte am Ende des Schuljahres die Klasse wiederholen müssen. Nicht einer. Dieses Ziel gab unsere Lehrerin stets nach den Sommerferien aufs Neue aus. Ob in Mathematik, in Russisch oder in der deutschen Grammatik, wir verfolgten es zäh. Jeder von den geistig so blassen, der mit uns gemeinsam das Ende der achten Klasse erreichte, konnte dann einen Beruf erlernen. Das war sicher. Das war das Ziel: Die allermeisten erreichten es mit unserer Hilfe tatsächlich.

Aber würden Patenschaften heute, hier und jetzt helfen? Patenschaften beispielsweise über einzelne Politiker? Oder über Wirtschafts- und Bankspezialisten? Würden sie nützen? Und wer von uns wäre Pate für weitere, buntbemäntelt Wohlverborgene, die in so vielen Bereichen mitten unter uns, mit uns, über uns sitzen?