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georgs aussichtsloser kampf gegen die blödheit des alltags

peter campa | georgs aussichtsloser kampf gegen die blödheit des alltags

Walter Vyslocil war eigentlich ein sympathischer Kerl. Fand zumindest Georg. Er hatte eine Wohnung im 3. Bezirk, nahe dem Kardinal-Nagl-Platz, ziemlich geräumig, auch wenn sie nicht ihm, sondern seiner Mutter gehörte. Georg hatte sich die Schuhe ausgezogen und die bereitgestellten Hausschuhe von Walter Vyslocils Mutter angezogen, die ihm etwas zu eng waren. Er sei ein Revolutionär, behauptete er, doch einmal habe er eine Blödheit gemacht. Georg wunderte sich über den Revolutionär, denn wenn man in diesem Alter noch bei seiner Mutter wohnt, ist man ja gerade das nicht. Darauf wollte er aber nicht eingehen, vielmehr interessierte ihn, was das für eine Dummheit gewesen sei. Du weißt ja, was der Grund unseres Treffens ist, erwiderte Walter. Ja, ich habe das unterschrieben. Was, fragte Georg rhetorisch. Ja, beim Dr. Mitterlehner habe ich unterschrieben, dass ich im Fall meines Ablebens einen Teil meiner Erbschaft diesem vermache. Dafür war die Therapie günstig. Nur zweihundert Schilling pro Sitzung. Ja, mir ist es auch schlecht gegangen, einmal aber so schlecht, dass ich nicht mehr hingehen konnte. Ich hab mich nämlich kurz vor der Sitzung angekotzt. Vermutlich von den Medikamenten, die er mir verschrieben hat. Und das war der Grund, warum ich die Sitzung abbrechen musste. Vielleicht hat mir dieser Umstand das Leben gerettet. Ich würde auch jeder Zeit vor Gericht bezeugen, dass ich zu dieser Unterschrift aufgefordert wurde und diese auch geleistet habe. 

Georg setzte noch nach, Dr. Mitterlehner müsse wohl ziemlichen Zulauf gehabt haben. Walter Vyslocil konnte das nur bestätigen. Ja, obwohl jeder Termin vorangemeldet werden musste, saßen doch immerhin immer drei bis vier Personen im Wartezimmer. Ob Walter noch jemand wisse, der so etwas unterschrieben habe oder unterschreiben hätte können. Na ja, die meisten kenne ich ja nicht, erwiderte Walter. Aber im Warteraum kommt man ja doch ins Gespräch. Etwa der Holländer, der behauptete an Denkstörungen zu leiden, Sprachstörungen hatte er jedenfalls aber keine. Er meinte, er müsse einmal etwas in seinem Leben aufarbeiten, darum sei er hier. Und dann sagte er so nebenbei, er sähe ja ein, dass sich der Herr Doktor absichern müsse. Ob er schon länger in Behandlung sei, hab ich ihn gefragt. Bei drei Sitzungen sei er schon hier gewesen, aber er wisse nicht, wie lange er sich dass noch leisten könne. Und er werde versuchen, mit dem Herrn Doktor eine Abmachung zu treffen. Ich habe diesen Holländer seither nur noch einmal gesehen. Und zwar auf dem Matzleinsdorfer Platz in der Schnellbahnstation. Da war er ziemlich aufgedunsen und ich hätte ihn fast nicht erkannt. Aber er hat mich angesprochen. Dann hat er mir noch seine Telefonnummer gegeben. Aber der sah wirklich schlecht aus. Du weißt ja, hat er gesagt, so eine Therapie ist kein Honiglecken. Einmal hab ich ihn angerufen, hab ihn aber nicht erreicht. Ich weiß gar nicht, ob der überhaupt noch lebt. Ich weiß bis heute nicht, was damals in mich gefahren ist, mich in so eine Therapie zu begeben. Wenn es dir schlecht geht und du gehst dorthin, dann geht es dir noch um vieles schlechter. Die Medikamente treiben nicht wenige in den Selbstmord. Nur starke Naturen halten das durch. Und wozu ist diese Quälerei eigentlich gut?

Da hast du vollkommen recht, meint Georg, aber vielleicht versuchst du, diesen Holländer noch einmal zu erreichen! Ich werde mich bemühen, bekräftigt Walter.
Seit Georg weniger arbeiten musste, bemerkte er, dass er wieder mehr dem Alkohol zusprach. Seit sein Freund Paul, der bei einem postpsychiatrischen Selbstmordversuch ein Bein verloren hatte, wieder daheim war, besuchte er ihn auch seltener. Er hatte ein schlechtes Gewissen und wollte Paul nicht hängen lassen.
Als er beim Kardinal-Nagl-Platz in die U-Bahnlinie U 3 einstieg, hatte er das ungewisse Gefühl, dass ihn jemand beobachtete. Zunächst glaubte er, er bilde sich dies nur ein, doch plötzlich blickte er auf die gegenüber liegende Rolltreppe. Und da war Gerda, seine Exfreundin. In Begleitung eines Punkers. Ihm war das peinlich, nicht nur dass er zuletzt wenig Zeit für sie gehabt hatte, er wollte auch wissen, wer bloß dieser Punker war. Als sie die Rolltreppe am oberen Ende verließen, merkte er, dass die beiden Hand in Hand gingen. Er nahm seinen Mut zusammen und schrie laut „Gerda!“. Einige Leute drehten sich um, auch Männer. Doch die beiden schienen ihn nicht zu bemerken. Aber irgend jemand hatte ihn doch beobachtet. Er rief Gerda nochmals nach. Am unteren Ende der Rolltreppe kehrte er wieder um und fuhr wieder hinauf. Doch da waren die beiden schon verschwunden. Er bemerkte auch eine Blutspur am Boden. Nun, das hat man davon, wenn man sich zu wenig um die Frauen kümmert, dachte er. Am Abend werde er sie anrufen, nahm er sich fest vor. Doch er erreichte sie nicht. Und sie hatte keinen Anrufbeantworter. 

Jetzt war es Zeit für Georg, unter die Dusche zu gehen. Das war eine ganz alte Duschkabine, die jemand im Hof hinterlassen hatte und die ihm ein Freund angeschlossen hatte. Er musste sich rein waschen vom Stress des Tages. Das mit Gerda machte ihm schon etwas zu schaffen, obwohl er ohnedies geahnt hatte, dass diese Beziehung nicht unbedingt Zukunft hatte. Und was ihm noch viel mehr belastete, war die Blutspur, es war ja keine große, aber immerhin deutliche Blutspur, die da in der U-Bahnstation Kardinal Nagl-Platz hinter Gerda und ihrem Begleiter zu sehen war. Georg fühlte sich umzingelt. Blut, überall dieses Blut. Oder war er wahnsinnig geworden?

Er legte eine Platte auf. Die Gruppe Trio, die hatte er von Gerda einmal geschenkt bekommen. Da da da, du liebst mich nicht, ich lieb dich nicht! Irgendwie war er nicht ganz davon überzeugt. Überhaupt, die „Neue deutsche Welle“ behagte ihm nicht allzu sehr. Wenn man schon deutsche Texte vertont, dann könnte man a) bessere Texte machen und sie b) besser vertonen. Es schien hier offenbar um das Erwachen aus dem Hippietraum und um die Hinwendung zu einer Konsumgesellschaft zu gehen. So als wären die Fünfzigerjahre wiedergeboren. Im Grunde war ihm dies zu seicht. So viel hätte man aus dieser Bewegung machen können, aber niemand machte es. Dann legte er noch die Spider Murphy Gang auf, Skandal um Rosie, und dann noch Peter Cornelius, Du, entschuldige, i kenn di! Aber das alles wirkte nicht wirklich identitätsstiftend. Das lag aber nicht daran, dass diese Texte deutsch waren. Die einzig wirklich gute Single hatte er einmal von Humanic als Geschenk bekommen: Ein Freund ging nach Amerika von Musyl und Joseppa mit einem Text von Peter Rosegger. Dies kannte natürlich kaum jemand. Das war das einzige Lied, das ihn noch ein wenig herausriss. Alles in allem ein leerer Abend. Er beschloss ausnahmsweise nicht mehr fortzugehen. Peter Cornelius – wer war denn das? Es gab doch in seiner Nähe im 6. Bezirk eine Corneliusgasse. Dort war eine Tafel, wo der Straßenname erklärt wurde. Zwei Peter Cornelius habe es gegeben, der eine sei ein Maler, der andere ein Schriftsteller gewesen und einer sei der Onkel des anderen gewesen. Der auf der Schallplatte musste wohl ein dritter Peter Cornelius sein. Ja, Georg machte sich oft unnötige Gedanken, wie er zunächst meinte. Doch irgendwie liebte er gerade diese unnötigen Gedanken. Vielleicht sollte er all diese unnötigen Gedanken einmal aufschreiben. Irgendwann einmal. An Tagen wie diesen hatte seine Seele einen gewissen Grauschleier. Er könnte sich eigentlich nur noch niederlegen. Und das tat er dann auch. 

Am nächsten Morgen war Georg wunderbar ausgeschlafen, und das, obwohl er beim Erwachen geglaubt hatte, er hätte ganz schlecht geschlafen. Oft war es auch umgekehrt, er war erwacht und war der Meinung, er hätte so gut geschlafen, dann war er aufgestanden und hatte gemerkt, dass er erst zwei Stunden geschlafen hatte. Er wäre ja gar nicht aufgestanden, wenn er das gewusst hätte. In Zukunft würde er des Morgens vor dem Aufstehen auf die Uhr schauen. Heute hatte er erst nachmittags Dienst. Endlich ein wenig Zeit. Wie viel Unglück gibt es auf der Welt, und wie viel Leid fügen die Menschen einander zu, nur weil sie keine Zeit haben?, dachte er und stellte einen Kaffee auf. Das mit dem Blut schien ihn auch noch nicht besonders zu berühren in dieser Morgenstunde. Er öffnete das Fenster, hörte die Tauben gurren und die Vögel zwitschern und betrachtete den Baum vor dem Fenster. Und wenn Gerda nicht mehr wolle, so müsse sie ja nicht. Jetzt wollte er nicht die Neue deutsche Welle hören. Nein, jetzt war es Zeit für Brian Eno und Robert Fripp. Das war wie eine andere Welt, die doch diese Welt ist. Wenn das Leben doch immer so schön wäre, kam es ihm in den Sinn. Doch kaum begann er zu arbeiten, begannen die Probleme. Da konnte er nicht mehr im Jetzt leben. Ja, da wurde er sogar süchtig und blickte immer weiter in die Zukunft bis über den Tod hinaus. Und dabei wurde er hektisch. Da durfte ihn dann niemand mehr anreden. Dabei war die Arbeit doch der Sinn des Lebens. Doch er wusste, dass nur wenige Leute ohne Arbeit leben konnten. Wer nicht arbeitet, der muss dafür geboren sein, der muss einfach nur schauen können, gesicherter Lebensunterhalt vorausgesetzt. Die meisten Leute, die keine Arbeit haben, sehen dann fern, oder machen einen anderen Blödsinn. Da kann man ja gleich arbeiten gehen. Er liebte natürlich auch das Werk, die Vollendung eines Werks, das machte ihn auch nicht nervös, vor allem die ständigen Termine schienen es zu sein, die ihn belasteten. Am liebsten wäre er selbständig. Doch daran war im Moment nicht zu denken. Irgendwie müsse man eben schauen, wie man das Lebensnotwenigste erreichen könne. Aber er wollte nicht hoch hinaus. 

Georg hatte sich inzwischen – nach langen Vorsätzen – endlich ein Notizbuch gekauft. Einen Tag später kaufte er sich auch einen Kugelschreiber dazu. Er beschränkte sich zumeist auf unmittelbare Assoziationen, die ihm im Laufe des Tages auffielen. Wenn er wieder daheim wäre, könnte er seine Einfälle ja an der Kugelkopfschreibmaschine ordnen. Unterwegs fiel ihm ohnehin viel mehr ein, als wenn er daheim vor seiner Schreibmaschine saß. Er ging die Reinprechtsdorfer Straße hinunter zur Arbeitergasse und wartete auf die Linie 61 A. Da sah er auf dem in die Gegenrichtung fahrenden Bus eine Werbung mit der Aufschrift „NACKT SIND ALLE FÜSSE GLEICH“. So ein Blödsinn, dachte Georg und zückte gleich sein neues Notizbuch. Angezogen sind sie gleicher. Als er dies notierte, beschwerte sich ein Mann, dass die Busse so selten kämen. Nun, ich kann auch nichts machen, beteuerte Georg. Sie sind doch bei den Verkehrsbetrieben, mutmaßte der Mann. Wie kommen Sie denn darauf? Sie schreiben ja die Leute auf, das sieht man ja, wunderte sich der Mann. 

Georg wohnte jetzt wieder in der Jahngasse. Dort konnte er wesentlich besser schlafen als bei Paul und Gerda. Die Angelegenheit mit dem Amtsarzt verdrängte er aber. Die würden sich schon bei ihm rühren, wenn sie etwas von ihm wollten. Am Freitag hatte er schon wieder einen Meldetermin beim Arbeitsamt. Diesmal hatten sie einen Job für ihn. Als Weihnachtsmann in den Kaufhäusern. Dies sei zwar erst im Dezember, aber anmelden müsse er sich bereits jetzt. Wir werden Sie anrufen, wenn wir Sie brauchen, sagte die Koordinatorin, die Sabine Hirnigel hieß. Georg schrieb sich den Namen auf. Nun, das geht sich ja gut aus, am 17. November ist der Prozess, da wird wohl noch kein Dienst sein. 

Diese ständigen Meldetermine beim Arbeitsamt langweilten ihn. Aus seinem Urlaub war auch nicht wirklich etwas geworden, wenn man von seinem Aufenthalt in der Jugendherberge einmal absah. Der war allerdings unvergesslich. Oder sollte man sagen: unvergessen? Georg liebte solche Wortspiele. In seiner Jugend hatte er sich einmal von einem Kollegen in der Berufsschule eine Schallplatte von der unvergesslichen Zarah Leander ausgeborgt. Das war damals schon sehr nostalgisch. Als er diesen Kollegen fragte, ob Zarah Leander tatsächlich unvergesslich war, antwortete dieser, er wisse nicht, ob sie vergesslich war. Aber diese Wortspiele waren irgendwie noch keine Literatur. Gerne hätte er diesen Wortwitz in sein Buch eingearbeitet, aber langweilen wollte er doch auch niemand. So verwarf er diesen Gedanken schnell wieder.