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geständnis eines alchemisten

peter androsch | geständnis eines alchemisten

Über Calcinitaion, Sublimation, Solution, Putrefaction und Coagulation der Bau-Akustik

So was Blödes! Jetzt haben wir so lange vorbereitet, diskutiert, Materialien getestet, geplant und Modelle gebaut. Und trotzdem ist es wieder nichts geworden. Buchstäblich nichts. Wir haben den Aludel eingerichtet. Dann ganz gewiss die richtigen Legieain die Kupelle gefasst, dann alles in die Retorte gefüllt. In der Serpentine haben wir noch sorgfältig nachgebessert. Natürlich ist auch alles auf dem Athanor gestanden, selbstverständlich ordentlich unterheizt. Getreu der Tabula smaragdina, nämlich sowohl der griechischen als auch der lateinischen Fassung folgend, und wirklich nicht nur Wort für Wort, sondern Buchstabe für Buchstabe alle Angaben befolgend, haben wir schließlich und schlussendlich auch den Alembik auf die Retorte gesetzt. Auch die Berechnungen hatten ursprünglich gar nicht so schlecht ausgesehen. Desgleichen schienen unsere Ziele mit ihren Transmutationen durchaus erreichbar, – auch die Apparaturen im Destillations-, Extraktions- und Sublimationsbereich waren theoretisch hochgezüchtet, erprobt und überprüft. Und die Versuche! Ach, was haben wir Versuche gemacht, wirklich ausreichend in Zahl und Art! Wir glaubten wirklich an ein edles Ergebnis. Denn wir haben genügend Gegensatzpaare konstruiert, durchgerechnet und beurteilt. Es hätte ein großes Werk sein sollen! Eine erfolgreiche Wandlung des Schwingungsstoffes in einen gleichgewichtigen Zustand. Damit hätte man es auch als Metapher für eine geistige Umwandlung in der hermetischen Tradition verstehen können. Oder als Metapher für Reflexion als Denkvorgang, Reflexion des Raumes als Transmutation eines goldenen Schnittes. Oder vielleicht nur als kleines Werk, als weißes Elixier. Jedenfalls wäre aus der Materia prima durch Calcination, Sublimation, Solution, Putrefaction, Destillation, Coagulation, Tinctura, Multiplikation und Projection ein harmonischer Zustand erreicht worden, eine höhere Stufe der Wahrnehmung. Aber nein, nichts ist es geworden außer nigredo und putrefactio, Schwärzung und Fäulnis. Weit und breit keine Individuation, Reinigung, kein Ausbrennen von Unreinheit. Nichts ist es geworden, weit und breit keine albedo, Weißung, Vergeistigung oder Erleuchtung. Weit und breit auch keine rubedo, keine Vereinigung des Begrenzten mit dem Unbegrenzten. Es ist in nur eine nigredo geworden. Also eigentlich nichts. Ein jämmerlicher Zustand. Faul, unausgeglichen, ha! Spagyrisch ist es also total danebengegangen. Es hat auch der Lapis solaris nichts genützt, der goldene Stein, mit dem wir den großen Kasten ausgekleidet hatten. Den mit den Löchern drinnen. Im Gegenteil wir bekamen es mit einer Menge Chemilumineszenz zu tun, die wir nicht in den Griff bekommen. Sogar ein bisschen mirabilis hat sich hereingezaubert. Jedenfalls haben wir uns so bemüht und wirklich versucht, die richtigen Wege einzuschlagen. Natürlich haben wir auch alle Berechnungen durchgeführt, die George Ripley im Liber duodecim portarum mit den zwölf Stufen vorgeschrieben hat. Alle Schwingungen und Wellen wollten wir vorhersehen und vorherbestimmen. Denn es sollte ein Spatium erster Güte entstehen, in dem jedes Wort verstanden werden konnte und in dem sich die Wellen so gleichmäßig ausbreiteten, dass von jeder Lautquelle jederzeit und überall der Ort sofort erkennbar sein sollte. Und die Wände hätten so golden vielfältig reflektieren sollen, dass wir die Größe und Beschaffenheit des Raumes schon mit dem ersten Hauch erfassen hätten können. Ein spatium aureum hätte es werden sollen. Aber wie so oft ist es daneben gegangen. Eigentlich geht es ja immer daneben. Seit wir rechnen, geht es daneben. Seit wir rechnen und planen, geht es daneben. Ach, unsere alchemistische Akustik ist in einem jämmerlichen Zustand. Man muss es sagen: in einem total verblödeten Zustand. Denn wir rechnen, planen, bauen Modelle, und heraus kommen grandios verpfuschte Bauten und Räume. In denen weder das eigene noch das Wort anderer zu verstehen ist, in denen wir uns nicht orientieren und auch keine Geschwindigkeiten wahrnehmen können. Kurz: Alles, was das Ohr leisten sollte, kann es in den von unserer alchemistischen Akustik geplanten Räumen nicht leisten. Es ist traurig. Es ist wie in dem vor kurzem untergegangenen Reich. Seine sechs Phasen der Planung treffen auf unsere Disziplin ganz besonders zu: 1) Begeisterung,
2) Verwirrung, 3) Ernüchterung,
4) Suche nach den Schuldigen, 5) Bestrafung der Unschuldigen, 6) Auszeichnung der Nicht-Beteiligten … Ach, seit Jahrzehnten gibt es nun uns Bau- und Raumakustiker. Und im Grund sind wir nichts mehr als Schallalchemisten, die statt Gold Mist bauen. So was Blödes. Vielleicht ist es nichts anderes als Vermutung, Aberglaube, Fehlkalkulation: Häuser, die eine Bankrotterklärung unserer Disziplin sind. Es ist eben nichts anderes als alchemistische Akustik. So was Blödes.

Post scriptum
Die Disziplinen der Bau- und Raumakustik haben in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass die akustischen Eigenschaften von vielen öffentlichen Gebäuden im Durchschnitt mangelhaft bis miserabel sind. Die gültigen Verordnungen erlauben die Reduktion akustischer Qualitätskriterien im Grund auf die Parameter Nachhallzeit und Lautstärkebelastung. Es wird berechnet und geplant und das Ergebnis ist immer überraschend – überraschend schlecht. So wie bei der Alchemie. Der Normalfall in der zeitgenössischen Architektur ist das akustische Desaster. So kommt es, dass der Audimax der Kunstuniversität in Linz de facto nicht verwendbar ist. Oder die Millenium City in Wien bietet Shops und Entertainment in einer Lärmkulisse, die Kommunikation und Orientierung massiv behindert. Und zur Philharmonie im Münchner Gasteig mit ihren 2.400 Sitzplätzen bemerkte Leonard Bernstein nur: „Burn it!“ … weitere Beispiele gibt es in Hülle und Fülle.