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hoffnung kennt keinen spaß

werner schandor | hoffnung kennt keinen spaß

Paulus war Amerikaner, und Obama ist ein armer Mann. Ein Appell

Doch ein Mann sollte lieber auf den Ratschlag von Kindern hören als auf seine eigene Hoffnung. - Ilja Trojanow: Der Weltensammler

Die schwindelhafte Hoffnung ist einer der größten Übeltäter, auch Entnerver des Menschengeschlechts. - Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung


Die Macht, die die Hoffnung über uns haben kann, fiel mir das erste Mal auf, als ich in Wien einen Freund besuchen wollte, der nicht daheim war. Seine Freundin aber schon, und es stellte sich heraus, dass die beiden Streit gehabt hatten, und dass er sich daher für ein paar Tage zum Schifahren verabschiedet hatte und genau an dem Tag, als ich nach Wien kam, um ihn zu besuchen, zurückkommen sollte. (Man sieht: Das war vor der Massenverbreitung von Handy und SMS. Das Leben war damals noch voller Überraschungen, und der amerikanische Geheimdienst war noch nicht im Bilde, wo man sich aufhielt.) Die Freundin des Freundes und ich gingen, um uns die Zeit zu vertreiben, um den Häuserblock in Meidling spazieren. Als wir nach einer ausgedehnten Runde durch das Viertel zurückkehrten und auf das Haus zugingen, wo sie und ihr/mein Freund wohnten, sagte die Freundin: „Das Licht ist an. Der Wolfi ist schon da.“ Ich blickte die Fassade hoch und war mir nicht sicher, welche Fenster zu ihrer Wohnung gehörten. Als wir jedoch vor der Wohnungstür standen und klingelten, damit Wolfi drinnen aufmachte, stellte sich heraus, dass sich die Freundin getäuscht hatte: Es war gar kein Licht in der Wohnung; mein Freund war noch nicht zurückgekehrt.

Paulus war Amerikaner
Manchmal schaltet die Hoffnung dort ein Licht ein, wo gar keines leuchtet. Und das kann für den Betroffenen schön sein, der sich dieses Licht ersehnt. Allerdings ist die Krux daran, dass gleichzeitig der Lichtschalter in unserem Hirn ausgeschaltet wird: Wo jemand hofft, setzt der Verstand aus. Man sieht Dinge, die es nicht gibt, nur weil man sie ersehnt. Das mag im Einzelfall je nach Betrachtungsweise angenehm oder unangenehm sein, im Großen und Ganzen aber wird es zum Problem, wenn eine ganze Gesellschaft auf das Prinzip Hoffnung abfährt.

In diesem Sinn war der Apostel Paulus der erste Amerikaner, als er den Korinthern in seinem Hohelied der Liebe Folgendes ins Stammbuch schrieb:

Jetzt schauen wir durch einen Spiegel, unklar,
Dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Noch ist mein Erkennen Stückwerk.
Dann aber werde ich so erkennen,
wie ich selbst erkannt bin.
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe,
diese drei.
Am höchsten aber steht die Liebe.
Trachtet nach der Liebe!


Im Zustand, wo das Erkennen Stückwerk ist, bleiben, das hat Paulus schön formuliert, Glaube, Hoffnung, Liebe. Interessanterweise stellt der Apostel des frühen Christentums nicht nur die Liebe über die Hoffnung, sondern auch die Hoffnung über den Glauben. Der Glaube kann schwach werden, die Hoffnung aber stirbt zuletzt. Und überlebt die Liebe mit Leichtigkeit.

Man kann ausgiebig und fruchtlos darüber spekulieren, ob es Paulus klar war, dass die meisten Menschen unfähig sind zur Liebe. Vielleicht stellte er deshalb die Liebe über alles, weil er die Liebe für ein so schwaches Pflänzchen hielt, dass es unserer besonderen Zuwendung bedarf. Es kann natürlich auch sein, dass Paulus wirklich glaubte, die Liebe würde alles heil machen, weil er darauf hoffte. Tatsache ist: Die Liebe können wir vergessen. Jesus hat sie gepredigt, Buddha hatte sie in seine Lebensphilosophie integriert, und etliche andere Religionsgründer und Kirchenväter ebenso. – Die Bilanz nach Jahrtausenden Liebespredigt fällt ernüchternd aus: Eingespannt zwischen Schlagerseligkeit, biochemischen Prozessen im Körper und psychologischen Deutungen hat es die Liebe glatt in der Luft zerrissen. Übrig geblieben ist das jugendfrische Brodeln des Begehrens, bei dem das Herz hüpft und das Hirn schmilzt. Dieses Bild der Liebe, das die Zuschauermassen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vor die Bildschirme lockt, korreliert mit dem Gefühl von Geborgenheit, Begeisterung und einem verstärkten Sich-Selbst-Empfinden, das gerne mit individueller Verwirklichung verwechselt wird. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden – außer, dass uns diese Vorstellung von der Liebe auf eine falsche Fährte lockt. Sie verführt zu jener Hoffnung auf persönlicher Freiheit in einer Gesellschaft, die ihre Konformitätszwänge mit dem Mantel der Selbstverwirklichung bedeckt. Früher oder später kommen dann einige drauf, dass der Ort, wohin „sein Herz ihn trägt“, lediglich das Shoppingcenter ist; und wenn man einmal gelernt hat, hinter dem Glitzer und Glücksversprechen der vollgestopften Regale das Eigentliche zu erblicken – nämlich den Müll von morgen – wird man jäh aus dem Träumeland verscheucht, das uns das Paradies auf Erden vorgaukeln soll. Diese Einsicht hilft freilich jenen wenig, die das Licht der Liebe dort sehen, wo keines mehr leuchtet. Aber der Gedanke könnte uns anregen, jenseits der persönlichen Liebesverwirklichung die Perspektive aufzuweiten zu einer Utopie, die nicht nur das individuelle, endorphingesteuerte Glück, sondern die kollektive Zufriedenheit im Auge hat.
Wenn man die Liebe wohl oder übel aus dem Dreischritt Glaube – Hoffnung – Liebe streicht, bleiben Glaube und Hoffnung, und siehe da, wir sprechen vom amerikanischen Traum: Du kannst alles erreichen, wenn du nur fest daran glaubst und hart genug hoffst! Diese Botschaft wird uns tagtäglich eingebläut, das Hohelied der Hoffnung wird in Filmen besungen, es regnet täglich vom elektronischen Himmel der Medien und hat unser Grundwasser längst kontaminiert. Paulus war in diesem Sinn nichts anderes als Obamas Vorprediger.

Yes, we can!
Mit seinem „Hope“-Wahlkampf und "Yes we can!" blendete der amtierende amerikanische Präsident als Präsidentschaftskandidat alle, die an eine bessere Welt glauben wollen – von den amerikanischen Wählern bis hin zum schwedischen Nobelpreiskomitee – mit dem gleißenden Licht der Hoffnung. Und was hat Amerika und die westliche Welt jetzt davon? Foltergefängnisse, deren Schließungen immer nur angekündigt werden, einen sich stetig öffnenden Graben zwischen Arm und Reich, die fortschreitende Zerstörung der ökologischen Ressourcen und die totale Überwachung der globalen Kommunikation, die Orwell wie einen Optimisten aussehen lässt.

Es wäre leicht, den Präsidenten dafür zu schelten. Aber man muss sehen, dass der angeblich mächtigste Mann der Welt, der in seinem durchgetakteten Leben ungleich weniger persönliche Freiheit besitzt als jeder Obdachlose, vermutlich dem eigenen Blendwerk auf den Leim gegangen ist. Yes, we can!, hat er gerufen und hat vielleicht sogar selbst geglaubt, dass es möglich wäre, alles zum Besseren zu wenden. Nun sitzt er in seinem Oval Office, umgeben von seinem Hofstaat, in jedem Ohr zehn einander widersprechende Einflüsterer, die allesamt untereinander verwanzt sind, und im Kongress die streitenden Parteien und Abgeordneten, die ihm dicke Striche durch seine Milchmädchenrechnungen vom guten Leben machen. Selten hat jemand so viele Hoffnungen geweckt und so viele enttäuscht wie Obama. Nein, er ist nicht zu beneiden. Nicht Obama, sondern ein kühl kalkulierender, totalitärer Technokrat wie Putin ist das eigentliche Erfolgsmodell, wenn es darum geht, sich die politische Macht im 21. Jahrhundert zu sichern. Das mag uns nicht gefallen. Putin ist das egal. Er sitzt gerade in seinem Keller und lacht sich darüber ins Fäustchen, dass sich die demokratische westliche Welt munter selbst desavouiert – mit der Kraft der Hoffnung in Gestalt des amerikanischen Traumes. 

Der amerikanische Traum ist ein Lebenskonzept, das mit seinem Übermaß an Egomanie und Selbstüberschätzung in vielerlei Hinsicht dumm ist:

  • •    Es wird durch die Unterhaltungspropaganda aus Hollywood über den ganzen Globus verbreitet wie ein Virus und setzt sich unhinterfragt in den Hirnen von Generationen von Menschen fest, die alle meinen, das Licht in ihrem Leben sei an. Wenn sie nur hart genug wollten, hart genug daran arbeiteten, könnten sie erreichen, was sie möchten – in Hollywoodfilmen mitspielen, Millionär werden, auf den Mars fliegen. Und dergleichen kindische Wünsche mehr. 
  • •    Der amerikanische Traum ist so humorlos wie die Hoffnung selbst. Verbissen arbeitet er sich am Leben ab und spuckt die Verlierer abgenagt und ausgezehrt aus. Der amerikanische Traum trägt einen Kinnbart und beharrt darauf, dass die Erde am 6. Jänner 4523 v. Chr. von Gott höchstpersönlich erschaffen wurde.
  • •    „Was ich tun muß, ist alles, was für mich wichtig ist, nicht, was die Leute denken“, schreibt Ralph Waldo Emerson, der zweite Prediger des amerikanischen Traumes (nach Paulus). Emerson formulierte den amerikanischen Traum als individualistisches Konzept aus, geprägt vom Pioniergeist der weißen Siedler im 19. Jahrhundert, die Nordamerika eroberten und dabei über die Leichen der Indianer gingen. Daher ist der amerikanische Traum ohne Reue unsozial, hart und im Endeffekt rücksichtslos auch dem Einzelnen gegenüber: „Ich sage dir, du törichter Menschenfreund, daß ich mich nur ungern von dem Dollar, dem Zehncentstück, dem Cent trenne, den ich Menschen gebe, die nicht zu mir gehören und denen ich nicht gehöre“, schreibt der Essayist Emerson in einem seiner zentralen Aufsätze. Und an dieser Stelle muss man ergänzen, dass Emerson lange Zeit der am öftesten zitierte „Denker“ in der Zeitschrift Reader’s Digest war, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Weltbild von bis zu 70 Millionen Lesern monatlich prägte. Emerson weiter: 


    [Ich gebe keinen Cent für] die Erziehung von Narren auf dem Collage; die Errichtung von Versammlungshäusern für die nichtigen Zwecke, denen bereits so viele dienen; Almosen an Trunkenbolde und die tausendfachen Wohltätigkeitsvereine – obwohl ich zu meiner Schande gestehe, daß ich manchmal schwach werde und einen Dollar spende, so ist der doch ein schlechter Dollar, den zu verweigern ich nach und nach Manns genug sein werde.

Die Kernbotschaft Emersons, auf den sich implizit auch etliche Strohsäcke und Strohköpfe der heimischen Politik berufen, insbesondere jene, die sich länger in Nordamerika aufhielten: Wer sich in der Wildnis des Lebens nicht behaupten kann, ist ein Versager ohne Lebensberechtigung. Diese Trappermentalität ist die wahre Botschaft des amerikanischen Traums, der uns in seiner Zuckerwatteversion in immer neuen Formen aufgetischt wird. Zillionen von Filmen erzählen die Saga von der Selbstbehauptung und Durchsetzungskraft des amerikanischen Mannes (und fallweise auch der amerikanischen Frau, sofern sie nur – wie Erin Brokovich – genug Pioniergeist besitzt und mit einer Flinte, den Paragrafen oder sonstigen Waffen umzugehen weiß.) Aber keine zehn US-Filme fallen mir ein, die sich mit den Komplexitäten des sozialen Lebens beschäftigen würden. 


Die Absurdität dabei: Während in den letzten Jahrzehnten rund um den Globus immer mehr anonyme, gesichtslose Strukturen gewuchert sind – globale Konzerne, elektronische Kommunikationsnetze, multinationale Wirtschaftsverflechtungen –, die unser Denken und Handeln beeinflussen, die unser Wissen kanalisieren und uns von der Geburt bis zum Abtreten fest im Griff ihrer Notwendigkeiten haben, glauben wir noch immer, es käme auf uns als Einzelne an. Als ob der Einzelne im Regelfall irgendwelche Meter gegen die Übermacht der Lobbyisten und Maschinisten der globalen Ökonomie hätte! – Schas mit Quasteln! Putin sitzt im Keller und lacht sich ins Fäustchen. An seiner Seite Li Keqiuang. Sie trinken Reisschnaps und stoßen auf uns Idioten an, die wir den Amerikanern alles glauben und den Chinesen alles abkaufen.

Ja, ihr könnt mich auch!
Give me your hungry, your tired, your poor – I’ll piss on ‘em. That’s what the Statue of Bigotry says. - Lou Reed

Eine Zeit lang, als in der westlichen Hemisphäre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Gegenmachtvakuum herrschte, mag das Leben mit diesem Traum gut gegangen sein. Die Wirtschaft wuchs und wuchs zu unserem Nutzen, und es fiel nicht weiter auf, dass sich an den Rändern der Gesellschaft die vom amerikanischen Traum Ausgespuckten mehrten, anfangs unbeachtet von uns, die wir weiter der Hoffnung auf ein besseres Leben nachjagten und dabei die Frequenz der Selbstbelastung ständig steigerten. Auch der Einwand, dass unendliches, dauerhaftes Wachstum keine real haltbare Grundlage des wirtschaftlichen Waltens sein könne, wurde vom Tisch gefegt. Schließlich leuchtete uns das Licht des Immer-Mehr. Doch nun verliert das Talmi seinen Glanz. Wir kommen heim und stellen fest: Das Licht, das wir von draußen in unserer Wohnung gesehen haben, ist gar nicht an. Es ist dunkel daheim, kalt und leer. Immer mehr Leute haben immer weniger zum Leben, und anstatt etwas dagegen zu tun, stigmatisieren wir die Verlierer, brabbeln den Blödsinn nach, den wir in der Zeitung lesen, hacken uns weiter in den eigenen Fuß und wundern uns, dass die Schmerzen zunehmen. Wir reagieren auf die zerbröselnden sozialen Bindungen mit noch mehr Individualität, noch mehr Hoffnung, noch mehr traumwandlerischer Dummheit.
Schluss damit! „Da die Zeit kurz ist, begrenze deine lange Hoffnung!“ schrieb Horaz (habe ich auf Wikipedia gelesen). Mach aus dem „Yes, we can!“ ein „Ja, ihr könnt mich auch!“ Über Bord mit der Hoffnung, dass die Welt sich bessert, indem man das richtige Müsli kauft! Man stelle sich lieber den Realitäten: Dass uns der amerikanische Traum in den Abgrund führt wie die Bisonherden, wie die Indianer.

Genug Gegenkonzepte
Gibt es Gegenkonzepte zu diesem Hoffnungsschwindel, der unsere Kultur durchzieht und unser dummes Wirtschaftssystem am Köcheln hält? – Vermutlich genug. Und sie haben vermutlich alle miteinander mit einem mehr an Solidarität zu tun und mit der Frage, wie wir unsere zerbröselten sozialen Bindungen, die wir auf dem Altar des Wirtschaftswachstums opferten, wieder kultivieren können. Aber ich bin nicht Paulus, ich habe kein bibeltaugliches Rezept auf Lager, wie man sich gegen die Zumutungen der Hoffnung zur Wehr setzen kann. Ich weiß nur, dass man es tun sollte. Warum? – Um nicht alle Hoffnung fahrenzulassen. Denn das wäre die Hölle.