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proben aufs exempel

karl wimmler | proben aufs exempel

Schnell vergessene Blödheiten mit Wiederholungspotenzial

Historiker werden bekanntlich oftmals als Leute geringgeschätzt, die „hinterher alles besser wissen“. In der Regel von Leuten, die ungern an den Stuss erinnert werden, den sie noch gestern begeistert verbreiteten. Und der sich von ihrem heutigen nur wenig unterscheidet. Womit jedoch befassen sich Historiker? Umstände, die dem Heute nicht lange genug entfernt, der Aktualität der Gegenwart aber längst entschwunden sind, finden selten Beachtung. Das ist schade. Und mindert den Umfang der in einem kurzen Leben zur Verfügung stehenden Heiterkeit. Und intellektuellen Einsicht. Hier daher einige willkürlich gezogene Proben aufs Exempel.


1. Die Darsteller
Ohne eine grundsätzlich Abneigung gegen Französinnen und Franzosen zu haben ist es nicht nur erlaubt, sondern geboten, die Absonderungen von französischen Wichtigtuern mit grundsätzlicher Skepsis zu betrachten. Ähnliches kann von führenden deutschen Presseorganen behauptet werden. Was dazu führen kann, dass hierzulande viele nichts von jenem Interview mitbekamen, das Die Zeit vor rund zwei Jahren mit einem angeblichen französischen Philosophen führte. Zu diesem Zeitpunkt schien der Präsidentendarsteller Sarkozy bereits mehr und mehr verbraucht, weshalb ein neues Gesicht gesucht wurde, das ihn ablösen konnte. Eines der gepushten Gesichter hieß Dominique Strauss-Kahn und war gerade in den USA verhaftet worden. Was den interviewten Philosophendarsteller Bernard-Henry Lévy so erzürnte, dass er Gott zum Zeugen rief: „Gott weiß, wie sehr ich Amerika liebe“, begann er seinen Monolog in der Zeit, der von den Journalistendarstellern dieses Blatts als Interview ausgegeben wurde. Herr Lévy war richtig böse: „Man wirft einen Mann nicht so den Hunden vor“, schäumte BHL, wie ihn (was Gott ebenfalls weiß) kein Teufel, sondern er selbst sich zu nennen pflegt. „Und man darf der Meute, diesen Kopfgeldjägern auf der Jagd nach Bildern, ein Schauspiel von solcher Grausamkeit nicht präsentieren.“ Überhaupt haben es ihm die Bilder angetan: „Einerseits sagt man uns, man wolle die Bilder des toten bin Laden nicht zeigen, um die Muslime nicht zu beleidigen. Andererseits werden die Bilder von Strauss-Kahn in der Wiederholungsschleife präsentiert“. Umgekehrt wär‘s ihm natürlich lieber. Für ein 3000-Dollar-Zimmer darf man wohl Diskretion verlangen! „Denn der Kern der Sache ist eine Treibjagd auf einen Mann, von dem viele Leute entzückt wären, wenn man ihn erledigte.“ Klarerweise kommt bei BHL und im Zeit-Interview die Hotelangestellte als Opfer des Herrn Strauss-Kahn gar nicht vor. Nun könnte man BHL einfach auslachen wegen solch albernen Gestammels. Oder, wollte man ihn partout ernst nehmen, von selten perverser Macho-Solidarität reden. Auslachen ist in solchen Fällen immer gut. Aber zu wenig. Dazu später.


2. Lachen über Sloterdijk
Nehmen wir eine andere Geistesgröße, die immer wieder neu den Nachweis erbringt, wie sehr diese Gesellschaft nach Erklärung und Kritik lechzt, die nichts erklären und nichts verändern. Und auch über die Auslassungen Peter Sloterdijks wird viel zu selten gelacht. Immer wenn ein Thema die Gesellschaft in den Bann zieht, kurvt mit Sicherheit dieser Wichtigtuer mit Erklärungen und Lösungen um die Ecke. Als die revolutionären Aufbrüche der Sechziger- und Siebzigerjahre an ihre Grenzen stießen, begann er seine Karriere mit einem Plädoyer für „Hingabe. Verstehen heißt einverstanden sein. Wer sieht, dass die Welt Harmonie in der Zerrissenheit ist, wird dagegen nicht kämpfen.“ (Kritik der zynischen Vernunft) – Die neue deutsche Innerlichkeit überwand mit Sloterdijk einer Sturmflut gleich eine europäische Grenze nach der anderen. Und als vor eineinhalb Jahrzehnten die Gendebatten ihren ersten Hype erlebten, war Sloterdijk ebenso verlässlich zur Stelle und stellte „Regeln für den Menschenpark“ auf. Um nur Nietzsches Herrenmenschen als Farce wiederaufstehen zu lassen. Kein Hahn kräht heute mehr danach.

Als sich vor rund drei Jahren ein Dummkopf nach dem anderen in den den Massen zugedachten Medien mit Plattitüden zur Krise gemeldet hatte, ließ Herr Sloterdijk in der Sprache eines religiösen Hofnarren seine Weisheitskatze aus dem Sack. Unter dem windigen Titel Die Revolution der gebenden Hand startete er seinen Text mit einem angeblichen „Rousseau‘schen Mythos“, wanderte über einen „Marx’schen Verdacht“ zu „einer „allgemeinen Theorie des Diebstahls“, um dann die „moralisierende Stilisierung“ des Kapitalismus zu bedauern, der schlimmerweise „zu einem politischen Kampfwort und systemischen Schimpfwort“ geworden sei. Denn das Geheimnis „der modernen Wirtschaftsweise“ sei nicht etwa das dem Kapitalismus immanente Profitprinzip des Kapitals gegen die Arbeit, sondern „verbirgt sich vielmehr in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern“. Daher sei „die faustische Unruhe des ewig getriebenen Unternehmers der psychische Reflex des Zinsenstresses“. Und diesen bedauernswert faustisch Unruhigen, den „Leistungsträgerkern der deutschen Population“ bzw. „das obere Zwanzigstel der Leistungsträger“, die „gut 40 Prozent des Gesamtaufkommens an Einkommensteuern erbringen“ („gebende Hand“), die ruft Sloterdijk zur „Revolution“. Man müsse weg von der „hässlichen Zwangsabgabe“ Steuer, hin zur „Schönheit des Gebens“. Da blieb dem einen oder der anderen der Mund offen. So etwas ward – garniert mit allerlei weisem Tand aus dem Fundus der akademischen Bildung – noch nicht vernommen. Seltsamerweise war wenig Gelächter zu vernehmen zu diesem Gewäsch. Wodurch der Mann sich vielleicht bestätigt fühlte und noch auf seiner aktuellen Homepage schreibt: „Dieser Vorschlag mochte ungewöhnlich klingen, er ergab sich jedoch mit zwingender Konsequenz aus den anthropologischen und moralphilosophischen Überlegungen, denen ich mich seit einer Reihe von Jahren widme.“


3. Und wo bleiben die Kleinen?
Zwei Jahre ist es nun schon wieder her, dass eine ehemalige Ministerin unter dem jubelnden Gejohle eines erheblichen Teils der angeblichen Feministinnen und Feministen einen parlamentarischen Antrag auf Änderung der Bundeshymne zugunsten der holprigen Erwähnung von Frauen einbrachte. Heißa, da wurde aber heftig debattiert auf den Leserbriefseiten, deren Platz fast nur bei der Kronen Zeitung reichte. Und in den medialen „Talkrunden“. Nach einigem Gezerre wurde das Machwerk schließlich beschlossen. Natürlich müssen die „Söhne“ nach wie vor „groß“ sein. Nun eben auch die „Töchter“. – Dass die Schwachen und Kleinen in dieser angeblichen „Zivilgesellschaft“ nach wie vor nicht willkommen sind, ist nicht weiter störend. Auch dass das „Volk“ im geänderten Text nur „begnadet für das Schöne“ ist, nicht aber auch für jede Schweinerei, ist geblieben und stört im „Land der Hämmer“ nicht, wo alle „frei und gläubig … schreiten“.

Schon Karl Kraus diagnostizierte über den Reim: „Er ist so seicht und ist so tief/wie jede Sehnsucht, die ihn rief.“ – Zugestanden, es gibt wenige Hymnen, die einem halbwegs ernstzunehmenden kritischen Blick standhalten. Der Text der slowenischen beispielsweise (die Melodie liegt mir weniger) ist nicht übel, unter anderem: „Es leben alle Völker,/ die sehnend warten auf den Tag,/ dass unter dieser Sonne/ die Welt dem alten Streit entsag!/ Frei sei dann/ jedermann,/ nicht Feind, nur Nachbar mehr fortan!“ Schön, nicht zuletzt auch musikalisch, ist auch die „Kinderhymne“ von Brecht und Eisler. Zwar wird da auch besungen, „dass ein gutes Deutschland blühe“, allerdings ausdrücklich: „Wie ein andres gutes Land“ Und schließlich wird explizit jedem nationalen Wahn und Idyllengetue eine unmissverständliche Absage erteilt: „Und nicht über/ und nicht unter/ Andern Völkern wollen wir sein/ Von der See bis zu den Alpen/ Von der Oder bis zum Rhein. // Und weil wir dies Land verbessern/ Lieben und beschirmen wir’s/ Und das liebste mag’s uns scheinen/ So wie andern Völkern ihrs.“ – Das im Ohr kann man erst abschätzen, wie weit unsere Hymnenverbesserer von allem akzeptablen Sinn entfernt sind.

Übrigens, die holprig gegenderte Hymne hab ich seither nie singen gehört. Dabei hab ich manchmal Fußballern und Schifahrerinnen beim Singen zugesehen.


4. Vandalen erschrecken
Ebenfalls zwei Jahre ist eine der Großtaten der verblichenen schwarz-grünen Grazer Stadtregierung her, die aus dem Stadtbudget finanzierte Kampagne gegen „Vandalismus“. In Hörfunk, Netz und auf Plakaten wurde mit Unterstützung der Wirtschaftskammer Steiermark von offensichtlich überschlauen Parolenerfindern verkündet:

„Bestimmte Dinge tun nur Leute, die Mist in der Birne haben.“
„Wer zu blöd ist, eine Toilette zu finden, sollte sich verpissen.“
„Idioten sollten sich verpissen“
„Völlig besoffen ein Rad zerstört. Bravo.“
„Dummheit kotzt uns an.“
„2,1 Promille Intelligenz. 100 Prozent Dummheit.“

Da waren die Vandalen aber erschreckt. Und manch braver Bürger dachte über die Sprücheklopfer: „Bestimmte Dinge tun nur Leute, die Mist in der Birne haben.“ Und den Schwarzgrünen erging es wie wenige Jahre zuvor einem Berühmteren. Da hatte Herr Sarkozy vor seinem Amtsantritt großspurig verkündet, die Rebellionen und Zerstörungsfeldzüge der Deklassierten in den Pariser Vorstädten „mit dem Kärcher“ niederschlagen zu wollen. Mit dem Ergebnis, dass heute jährlich mindestens genauso viele Autos abgefackelt werden. Nur vereinbarungsgemäß kein großes Medium mehr darüber berichtet. Naja, halt wieder was Saublödes. Oder man wird ernst und sagt: Null Prozent Intelligenz. 100 Prozent Hetze.


Versprochene Ergänzungen

So. An dieser Stelle könnte ich noch fortfahren mit allerlei Unfug, der so im Lauf der Zeit auf uns einstürmt. Lassen wir das für heute. Aber ich bin Ihnen noch die versprochenen Ergänzungen schuldig. Bei Sloterdijk reichen einige Zeilen: Die einzigen nämlich außer den medialen Quasslern, die von seiner „Schönheit des Gebens“ angetan waren, waren die Staaten. Sie haben sich diese „Schönheit“ zu Herzen genommen und den Banken gegeben. Dass sich diese „Schönheit“ nur einstellt, wenn die sozialen Absicherungen der Lohnabhängigen und Armen beseitigt werden, erfahren Millionen Menschen derzeit am eigenen Leib.

Bei Bernard-Henri Lévy verhält es sich etwas anders. Komplizierter vielleicht. Und doch eindeutig. Genau zwei Monate nämlich, bevor er dem Zentralorgan für deutsche Bedenkenträger den Kasperl in Sachen Strauss-Kahn machte, bombardierten erstmals französische Kampfjets libysche Panzer. Und da hatte BHL seine Hand im Spiel. 

Es sei „unbestritten, dass er im Libyen-Krieg eine zentrale Rolle spielte“, schrieb Der Spiegel. Denn zwei Wochen, bevor die humanistischen Anti-Gaddafi-Krieger Libyen ins bis heute dauernde Chaos stürzten, traf sich BHL mit Herrn Mustafa Abd al-Dschalil, Anführer der libyschen Anti-Gaddafi-Front (und dann Vorsitzender des sogenannten Nationalen Widerstandsrats). Die Begegnung ist nicht nur im Ton, sondern auch im Bild festgehalten. Damit die Eitelkeit dieses Philosophendarstellers, der im perfekt sitzenden Anzug auch in der Wüste posiert, nicht zu kurz kommt. Der befreundete Filmer dreht, als BHL dem Gaddafi-Feind anbietet, „dass wir Ihnen drei Dinge verschaffen können“: erstens die Flugverbotszone, zweitens die Bombardierung der Flughäfen von Sabha, Sirt und Gaddafis Bunker in Tripolis und drittens einen Empfang im Elysée durch Sarkozy. 

Und dann ruft er im Handumdrehen seinen „persönlichen Freund“ Sarkozy an. Wenig später war alles in BHLs Sinne eingerenkt und die Schlachterei konnte losgehen. Im Unterschied zu Strauss-Kahn warf man Herrn Gaddafi nicht nur, wie schon in den Jahrzehnten davor, den medialen „Hunden“ vor, „der Meute, diesen Kopfgeldjägern“. Und man inszenierte auch kein „Schauspiel“, sondern gleich einen Krieg „von solcher Grausamkeit“, wie man sie aus jedem Krieg kennt. (Dass, wie erst viel später publik wurde, der damalige Außenminister Juppé tobte, weil er von BHL und Sarkozy umgangen worden war – geschenkt.)

Dieser Exkurs könnte die Einsicht befördern, dass eine besonders abgrundtiefe Blödheit, die irgendwo verbreitet wird, möglicherweise eine Schweinerei, ein Verbrechen ganz anderer Art überlagert. Das könnte auch bei der Bundeshymne der Exministerin der Fall gewesen sein. Die sogenannten „kritischen Menschen“, die der Gattin eines landesweit bekannten Waffendealers und Jägers auf den Leib gegangen sind, haben keinen Moment an die längst zuvor über die Bühne gegangene Beschaffung der Grippemasken gedacht, für die der Gatte Provision kassiert hat und wovon die Gattin natürlich keinen Schimmer hatte. Und dass überhaupt jahrelang niemand Anstoß daran nahm, dass die Frau dieses Grafen Ministerin spielen darf, spricht nicht für die geistige Helle derjenigen, die sich für diese Art Politik interessieren.

Diejenigen, die plakatieren ließen: „Dummheit kotzt uns an“, wissen wahrscheinlich, dass viele gar nicht so viel fressen können, wie ihnen über sie das Kotzen kommt. Das stört sie nicht. Sie sind es gewohnt, jede Blödheit zu nutzen. Zwar gibt, wie es bei Ödön von Horvath heißt, „nichts so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit“. Aber sie wird doch öfter als gedacht interessengesteuert verbreitet. Und dann haben sich die Herrschaftsinteressen durchgesetzt. Und die Dummheit bleibt.