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psychogramm eines reptils

In Los Angeles lässt es sich ausgiebig scheitern


Gerald Hartwig: Chamäleon

psychogramm eines reptils

Luftschacht Verlag: Wien 2013

Rezensiert von: werner schandor


Der unbestrittene Großmeister autobiografischen Erzählens heißt aktuell Joachim Meyerhoff: Der Schauspieler und Autor baut seine Texte anekdotisch auf und ordnet die Geschehnisse mit Andeutungen, Vorgriffen und Rückblenden rund um Themenkreise an, die in detailreich geschilderten Szenen durchscheinen. Es geht in seinem aktuellen Bestseller Wann wird es so, wie es nie war unter anderem um das Erzählen an sich, um das Scheitern, um uneingestandene Trauer und viele andere Dinge, die ein Leben ausmachen. Das Resultat ist vielschichtig, facettenreich und verdammt gut zu lesen.
Von der Dichte und Tiefe der Erlebnisse her hätte auch Gerald Hartwigs Graphic Novel Chamäleon das Zeug zu einer berührenden Erzählung. In seiner autobiografischen Geschichte blickt der aus Graz stammende, in Berlin lebende Künstler und Grafiker Hartwig auf seine wilden Jahre in Los Angeles zurück. Mit 19 fliegt er nach Kalifornien, um beim Film unterzukommen. Ein Brief an Landsmann Schwarzenegger bleibt unbeantwortet, stattdessen erscheinen windige Gestalten auf der Bildfläche, denen zu ihrem bombensicheren Filmprojekt nur die Kleinigkeit von 15 Millionen Dollar fehlt. Das soll ihnen ein Unterweltboss zur Verfügung stellen, dem sie im Gegenzug mit einer juristischen Finte aus dem Gefängnis helfen wollen. Der Kontaktmann: Jerry, wie sich Gerald in den USA nennt. Er verliert jedoch bei der Begegnung mit dem Häfenbruder literweise Schweiß, und man ahnt es schon: Das Ganze entwickelt sich zur Pleite. Auf diese Pleite folgen weitere: Ob es um eigene Filmprojekte geht, um die Selbstverwirklichung als bildender Künstler oder um Jerrys Beziehung zu einer Nymphomanin – nie schickt sich die Wirklichkeit an, Jerrys hochtrabende Pläne und schillernde Ideen realiter Gestalt annehmen zu lassen. Auch Psychotherapie, Drogen und forcierter amerikanischer Optimismus bringen nicht den ersehnten Erfolg. Die Hauptfigur mutiert stattdessen zum Chamäleon, das sich nach außen hin an die Umgebung anpasst, aber in seiner Reptilienhaftigkeit immer ein Fremdkörper inmitten von Warmblütlern bleibt. Das Tier erscheint in den dunklen Stunden des Protagonisten.
Gerald Hartwig zeichnet ein Psychogramm der Generation Erbe: Ohne die Finanzzuschüsse seiner Eltern hätte Jerry niemals zehn Jahre lang in Los Angeles an seinen Träumen scheitern können. Zugleich – und das unterscheidet Hartwig vom eingangs erwähnten Joachim Meyerhoff – hat man nicht den Eindruck, der Protagonist würde verstehen, was um ihn herum und mit ihm eigentlich passiert. Vielmehr wirkt die, abgesehen von der Rahmenhandlung, strikt chronologisch aufgebaute und linear erzählte Graphic Novel wie eine Bestandsaufnahme mit dem Ziel, zumindest retrospektiv Boden unter den Füßen zu gewinnen, aber mit dem Ergebnis, dass man unter einem Berg von Ereignissen vergraben wird.
In früheren künstlerischen Arbeiten hat Hartwig oft auf das Storybord-Format zurückgegriffen. Und man merkt auch den Zeichnungen von Chamäleon an, dass sie zwar eigenwillig, aber grafisch ausgereift sind. Woran es beim Buch hapert, ist die Dramaturgie der Geschichte, die viele starke Themen und Motive hat, aber in der vorliegenden Form eher in die Breite als in die Tiefe geht. Das Chamäleon verschwindet so sang- und klanglos, wie es gekommen ist.