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Markus Köhles Hauptfigur schreibt erotische Haustiergeschichten


Markus Köhle: Hanno brennt

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Milena: Wien 2012

Rezensiert von: helene römer


Hanno brennt. Er brennt für seine neue Flamme Annabell, für ein gemütliches Feierabendbier (oder auch zwei), für einen frisch gebrühten Kaffee gegen die Katerstimmung am nächsten Morgen. Hanno ist abgebrannt. Deshalb brennt er auf finanzielle Unabhängigkeit und für seine neue Geschäftsidee:
Nach einer durchzechten und durchflirteten Nacht glaubt der wortgewandte Überlebenskünstler eine Lücke im Wiener Dienstleistungssektor entdeckt zu haben und versucht diese sogleich zu füllen. Er beginnt herzergreifende und mitunter auch erotische Haustiergeschichten für betuchte Herrchen und Frauchen zu verfassen, um seine bisher arbeitsmarktuntauglichen Talente zu Geld zu machen. Sein Repertoire umfasst sowohl einfache Wellensittich-Gedichte und Stutenstorys als auch Belletristik und Pudel-Oden. Mitbewohner Karl, Langzeitstudent, Computerfreak und chronischer Arbeitsloser steht ihm dabei tatkräftig zur Seite. Die große Zuneigung der Wiener zu ihren vierbeinigen Mitlebewesen beschert der neu gegründeten Firma „Neubau-Schnauze“ bald die ersten grünen Zahlen. Hanno brennt also darauf, weiter zu dichten, bis die Köpfe qualmen. Hanno brennt, bis Feuer am Dach ist, respektive die Kripo vor der Tür. Die Geschäfte kommen ins Rollen, Hanno in den Knast. Der Vorwurf lautet „Bildung einer kriminellen Organisation“, in den Zeitungen werden sie als „radikale Hacker“ und „Internet-Terroristen“ verunglimpft. Hanno und seine angeblichen Mitverschwörer, darunter auch seine Angebetete Annabell, kommen für mehrere Wochen in Untersuchungshaft und mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Gesellschaftskritischer Abgang
Was bei Markus Köhle in Hanno brennt als harmlose Liebesgeschichte beginnt, wird zu einem politischen Statement gegen staatliche Überwachung. Obwohl die negativen Erfahrungen der Figuren mit dem österreichischen Staat auf einer bedrückenden Realität beruhen – immerhin kam der angeprangerte §278 (Kriminelle Vereinigung und Organisation) bereits mehrmals zur Anwendung –, kommt man als Leser aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus: Durch den pointierten Einsatz von Sprachwitz und Ironie schafft der Autor ein abwechslungsreiches Lesevergnügen mit gesellschaftskritischem Abgang.
Hanno ist ein Haustiergeschichtenschreiber (Ihr Haustier ist sein Metier!) –
Markus Köhle ein Menschengeschichtenschreiber. Unsere täglichen Gewohnheiten sind sein Metier, und das beherrscht er meisterhaft! Köhle zeigt uns, was die deutsche Sprache alles kann, wenn man sie nur lässt! Abgesehen von den beabsichtigt trockenen Polizeiberichten am Ende des Romans kann der Leser voyeuristisch die banalen Alltagsgewohnheiten und Gedanken der Hauptfiguren verfolgen. Langeweile kommt dabei nicht auf, dafür sorgt der ambitionierte Poetry-Slammer Köhle durch Rap-artige Passagen, Songtextausschnitte, Wortspiele, Wortneufindungen und ungewöhnliche Wortzusammenstellungen. Es wird geslammt, gereimt, gerappt und fabuliert. Dass die Figurenzeichnungen dabei manchmal etwas übertrieben ausfallen, sei dem Autor verziehen – sie erscheinen dadurch umso amüsanter.