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remix 2

barbi markovic | remix 2

Während ich, bevor Mascha ausgestiegen ist, nur auf Serbisch vorgelesen habe, lese ich, nachdem Mascha ausgestiegen ist, auch auf Deutsch vor. Weil Mascha nicht mehr mit mir liest, lese ich jetzt, nachdem Mascha nicht mehr mit mir liest, auch meine Lieblingsstellen vor, nachdem Mascha ausgestiegen und mit Kusturica auf Lesetournee ist. Und ohne zu zögern habe ich zum Publikum gesagt, gut, dann lese ich auch auf Deutsch, nachdem Mascha ausgestiegen ist und mit Kusturica den deutschsprachigen Raum bereist. Während Mascha immer die Stelle mit Bane (welche problematisch ist) gelesen hat, lese ich die Stelle mit Belgrad (welche verzweifelt ist), auffallenderweise fuchtle ich viel mehr mit den Händen als Mascha, wahrscheinlich, denke ich, ist Mascha viel cooler als ich, weil sich ihre Hände viel weniger, meine viel mehr bewegen. Aus Nervosität fuchtle ich, wovon sich bei Lesungen jeder selbst überzeugen kann, mit den Händen viel mehr als Mascha, weil Mascha (also die Übersetzerin) viel weniger nervös ist als ich (die Autorin). Weil du, nachdem du andere Verpflichtungen hast, nicht mehr ausschließlich mit mir liest, sondern ausschließlich mit Kusturica, brauche ich mein Buch nicht zu ändern, sage ich zu Mascha, freilich hast du, weil du jetzt auf eine Lesetournee mit Kusturica gehst, das Buch sehr wohl wechseln müssen, und zwar in einer für dich wahrscheinlich lukrativen Weise. Das ist aber gut, betone ich, und ich möchte nicht missverstanden werden, von größter Wichtigkeit für eine Übersetzerin, ab und zu und in nicht zu großem Zeitabstand die Schriftsteller zu wechseln.

 

Belletristik, die kann einem viel geben, leider manchmal auch gar nichts. Wer eine literarische Lesung organisiert, ist sich dessen bewusst, dass er Langeweile produziert, dass er etwas schafft, das langweilig sein wird, weil es langweilig sein muss, etwas, das uns durch den schleimigen Kulturbetrieb allmählich in einen Brei verwandeln wird, etwas, an dem auch wieder nichts anderes dran ist als das allmählich durch den schleimigen Kulturbetrieb entstandene Püree. Er produziert unendliche Langeweile, wenn er auch nur eine literarische Lesung organisiert, sagt Mascha. Er ist ein Kulturvermittler. Wir dürfen niemals davon abgehen, dass wir sagen, wer eine gewöhnliche Lesung organisiert, sei diese Lesung im Nachhinein in Erinnerung jener, die ihr beigewohnt haben, eine schlechte Lesung oder nicht, was von dem jeweiligen Entwicklungsstadium abhängt, tötet einen Engel. Der Umstand, dass wir in Wien sind, wo die Lesungen fad sind, weil die Organisatoren kein Gespür für Literatur haben, veranlasst Mascha zur Fortsetzung ihrer Bemerkung über die Belanglosigkeit der neuen Literatur und die Schaffung des Pürees. Es ist ein Verbrechen, einen Schriftsteller einzuladen, von dem man weiß, dass er den Text, welchen er selbst liest, verabscheut, sagt Mascha, und, früher oder später, aber immer mit größter Sicherheit, stellt es sich, noch bevor er zu Ende liest, heraus, dass kein Mensch dem zuhört, das ihm vorgelesen wird. Das Publikum redet sich (höflich) in ihrer als Literaturliebhaberei getarnten Feigheit nur ein, sagt Mascha, es höre dem Text zu, während es in Wirklichkeit niemals zuhört, weil es (unbewusst) nicht an der Tatsache, dass es nichts mehr als literarische Lesungen und im Grunde nichts mehr als Autoren verabscheut, zugrunde gehen will. Alle Schriftsteller versuchen (währenddessen) sich von ihrem unglaublichen Talent selbst zu überzeugen, sagt Mascha, hunderte Schriftsteller versuchen sich selbst von ihrem unglaublichen Talent zu überzeugen. Sie schreiben Literatur, sagen sie, verkünden es täglich in den Medien, aber die Wahrheit lautet, sie schreiben keine Literatur.

Kein Mensch hat Spaß an den Lesungen, sagt Mascha, jeder hat sich mit der neuen österreichischen Belanglosigkeit abgefunden, aber Spaß ist da keiner, ist er einmal zur Lesung gekommen, muss er sich bewusst oder unbewusst vormachen, dass diese Literatur ihm gefällt, aber in Wirklichkeit und in Wahrheit ist sie ihm nichts als entsetzlich. Nicht ein einziges kostenloses Buffet ist diese Literaturszene wert, sagt Mascha, wenn du dir nur die Mühe machst, diese wenigen Besucher auf den Lesungen mit einem Blick zu scannen, wenn dein Blick und deine Gedanken dort scharf sind, wo das Publikum Brei ist. Wenn du nur ein einziges Mal mit deinem kritischen Blick und deinen kritischen Gedanken diese von gehirnlosen Menschen besuchten Lesungen scannst, sagt Mascha. So viel Germanistik, Journalismus und Kleinbürgerlichkeit, sagt Mascha. Die Wahrheit ist nichts anderes, als was ich hier sehe: erschreckend. Dass es so viele Germanisten, Kritiker und Kleinbürger überhaupt gibt, sagt Mascha, unglaublich. Dass der Kulturbetrieb so viel Gehirnwäsche und Gehirnfresser erzeugen kann. Dass der Kulturbetrieb mit so viel Rücksichtslosigkeit in seine einfallslosesten und langweiligsten Autoren investiert. Diese grenzenlose Kapazität des schlechten Geschmacks, sagt Mascha. Dieser grenzenlose Einfallsreichtum zum Promoten und zum Verbreiten von Langeweile. Dieses private Missverständnis, das auf jeder Lesung tausendfach multipliziert wird. Hilflos, der Möglichkeit, zu kritisieren, beraubt, musst du zusehen, wie tagtäglich haufenweise neue und immer schlechtere Autoren produziert werden, so viel Belanglosigkeit und so viel Wolkenzählerei, sagt sie, jeden Tag, mit einer Regelmäßigkeit und einer Stumpfsinnigkeit ohnegleichen. Du kennst deinen Schreibstil, so wie ich meinen kenne, so schreiben alle diese Autoren nicht viel anders, und die Lesungen sind langweilig und bis zum letzten Cent gefördert, Sie, Mascha, sei, radikal gesprochen für das langsame totale Aussterben der Literaturszene, wenn es nach ihr ginge: keine fade Lesung mehr, nicht ein einziger und also kein neuer Autor mehr, kein einziges neues Buch, der Kulturbetrieb stürbe langsam aus, sagt Mascha, immer weniger Kulturvermittler, schließlich nur noch ein paar hartnäckige, schließlich überhaupt keine Kulturvermittler, überhaupt kein Kulturvermittler mehr. Aber das, was sie gerade gesagt habe, die langweiligen spießigen Lesungen nach und nach aussterben und die langweiligen Autoren nach und nach großteils auf die natürlichste Weise aus der Literaturszene verschwinden zu lassen, und schließlich alle Kulturvermittler verschwinden zu lassen, sei nur eine momentane Idee einer Literaturinteressierten in totaler und äußerster Lesungsverzweiflung, und, so Mascha wörtlich, ein Traum.

Wir kommentieren Text, Lesestil und Personality und fragen uns, wie war das möglich? Wie ist ein solcher Autor möglich? Wir vermeiden es absichtlich, vom sprachlichen Talent zu reden. Wir haben einen Autor vor uns und müssen sagen, er ist zugleich Opfer und Täter der Literaturszene. Jetzt ist es einfach zu sagen, das hat er selbst gewollt, sagt Mascha, Opfer und Täter der Literaturszene zu werden. Es ist unsinnig, sich jetzt zu sagen, Barbi hätte eine schlechte Kellnerin bleiben können (oder Übersetzerin). Wir haben Barbis Bucherscheinung im Rhiz gefeiert, aber das ist lange her. Wir sind noch immer, was Barbi betrifft, auf das nächste Projekt gespannt.

Wer Barbi vor ihrer Bucherscheinung gekannt hat, musste sich ab und zu fragen, wohin führt diese Masche. Heute sehen wir ganz deutlich, wohin Barbis Masche geführt hat. Mit mir zusammen bildete Barbi das ungewöhnlichste Lesepaar, das ihr jemals kennengelernt habt, sagt Mascha. Zweifellos hatte die Tatsache, dass Barbi ihr erstes Buch veröffentlichte, eine wohltuende Wirkung auf sie, sagt Mascha. Die Erschütterung der Literaturszene über ihr Buch ist nicht ausgeblieben, aufgrund der aktuellen Pro-Balkan-Tendenz, von der auch einige von euch leben. Sobald sich jemand als Autor deklariert hat, werden seine früheren Leiden und seine früheren Jobs zum Kapital.

Barbi demonstriert, indem sie Autorin wird, das allgemeingültige Handlungsprinzip der Wiener Literaturszene, und alle akzeptieren das, niemand denkt mehr auch nur daran, den Umstand, der zu Barbis Entscheidung, Autorin zu werden, geführt hat, zu befragen. Und dann wird noch ein Mensch Schriftsteller, sagt Mascha, und wieder einer, und die ganze Sache wiederholt sich.