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sinnesabblendungen

martin alexander sieber | sinnesabblendungen

Dummheit als Stigma

Blendungen sind immer auch Abblendungen.
    (Käte Meyer-Drawe)

Im Hinblick auf die eigene Intelligenz neigen wir vielleicht alle ein wenig dazu, an die unbefleckte Empfängnis zu glauben. Erbringen wir nicht jeden Tag den Beweis unserer Unversehrtheit, da wir doch ständig lauter Dummheiten um uns herum erkennen? Als Erkennende fühlen wir uns vom einmal Erkannten automatisch ausgeschlossen. Dass man aber, wie Sartre in seiner Studie über Flaubert zeigt, die Dummheit erleiden muss, um sie als solche überhaupt aufzuspüren zu können, auf diesen Gedanken kommt man eher selten. So vergessen wir oft, dass die Dummheit als „mystisches Fundament unserer Existenz“ (Matthijs van Boxsel) nur die Kehrseite all unserer erfolgreichen Handlungen bildet. Sie ist kein bloßer Gegensatz der Intelligenz, sondern untrennbar mit ihr verbunden. Da sich die Dummheit als Mangelphänomen nur negativ definieren lässt, tritt sie gewissermaßen allein dann in Erscheinung, wenn sich Körper und Geist aus ihren Fängen befreit haben. Diese Negativität des Erfahrungsprozesses ist jedem Lernenden bekannt, da Lernen wesentlich Umlernen bedeutet: In der aporetischen Lernsituation wird der bislang leitende Erfahrungshorizont erschüttert und das unthematisch fungierende Vorverständnis gelangt als solches zu Bewusstsein.
Wenn die Bürger von Schilda so tun, als würden sie auf einmal wieder ganz von vorne anfangen, zeigt sich anhand ihrer Streiche, dass Katastrophen die Matrix unseres Erfolgs darstellen. Auf komische Weise entlarven sie die Intelligenz als das Produkt einer Reihe von mehr oder weniger misslungenen Versuchen, die uns konstituierende Dummheit in den Griff zu bekommen. Und doch wollen wir von ihr gänzlich unberührt sein. Dummheit beschämt; instinktiv vermeidet man jede Nähe zu ihr. Wenn das nicht möglich ist, wird die Distanz durch Gelächter hergestellt: Indem man lacht, vergewissert man sich der eigenen Überlegenheit und stellt die Dummheit als solche bloß. Das Lachen interveniert auf diese Weise in den Wertbestimmungen des menschlichen Seins: Es „stürzt denjenigen, der sich als unzulänglich enthüllt, in eine Leere, die der Abgrund seines eigenen Nichtseins ist. Es zerreißt, was dem Ideal der Vollendung unangemessen ist, ein Beweis dafür, daß der Mensch zwar kein Raubtiergebiß besitzt, aber im Lachen ein Äquivalent dazu findet.“ (Rita Bischof)
Zum einen ist Dummheit also gesellschaftlich stigmatisiert, andererseits stellt sie selber ein Wundmal dar. Dumm zu sein bezeichnet keinen bloßen Mangel an Verstand, sondern bezieht sich vornehmlich auf eine Störung der Sinne. Das Wort dumm leitet sich vom altdeutschen tumb, tump ab, das stumm, unerfahren, aber auch taub bedeutet. Ähnlich kommt Tor von tôre = Irrsinniger, Tauber, verwandt mit Dösen und Duseln. Und auch das französische sot wird im Sinne von fühllos und taub gebraucht.

Diese Worte deuten also daraufhin, daß die Sprachfinder als Wurzel der Dummheit eine Sinnesabblendung ansahen. Der Dumme hat einen engen Horizont, borné = beschränkt. Ähnlich ist es im Griechischen moros, während stupid uns auf die Ursache des Sinnenverschlusses als Schutz vor einem plötzlichen Sinneseindruck hinweist (stupeo = erstarren vor, staunen).
    (Karl Landauer)

Der Dumme steht demnach nicht mehr in einem lebendigen Austausch mit seiner Umwelt: Er ist der Nicht-Vernehmende. Den Kerngedanken, dass Dummheit eine erworbene Unfähigkeit zur Erfahrung ist, haben Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung erneut aufgenommen: Am Beispiel einer Schnecke, deren Fühlhorn als Wahrzeichen der Intelligenz gilt, machen sie deutlich, inwiefern die Übermacht äußerer Widerstände allmählich zur Dummheit führen kann:

Das geistige Leben ist in den Anfängen unendlich zart. Der Sinn der Schnecke ist auf den Muskel angewiesen, und Muskeln werden schlaff mit der Beeinträchtigung ihres Spiels. Den Körper lähmt die physische Verletzung, den Geist der Schrecken. Beides ist im Ursprung gar nicht zu trennen.

Die Dummheit stellt somit ein Wundmal dar – eine Stelle, wo das Spiel der Muskeln beim Erwachen gehemmt anstatt gefördert wurde. Sie entsteht in der Richtung, aus der man endgültig verscheucht wurde, also dort, wo eine negative Erfahrung nicht von einem Erfolgserlebnis korrigiert wurde.

Sind die Wiederholungen beim Kind erlahmt, oder war die Hemmung zu brutal, so kann die Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung gehen, das Kind ist an Erfahrungen reicher, wie es heißt, doch leicht bleibt an der Stelle, an der die Lust getroffen wurde, eine unmerkliche Narbe zurück, eine kleine Verhärtung, an der die Oberfläche stumpf ist. Solche Narben bilden Deformationen. Sie können Charaktere machen, hart und tüchtig, sie können dumm machen – im Sinne der Ausfallserscheinung, der Blindheit und Ohnmacht, wenn sie bloß stagnieren, im Sinne der Bosheit, des Trotzes und des Fanatismus, wenn sie nach innen den Krebs erzeugen.
    (Adorno/Horkheimer)

Im schlimmsten Fall können solche Erfahrungen traumatisierend sein. Eine extreme Ausprägung jener verdummenden Schutzreaktion – in diesem Fall: auf die Trennung des Säuglings von der Mutter – veranschaulicht Ina Rösing am Beispiel des psychogenen Autismus. Aufgrund einer Disposition zur Hypersensibilität werden dort die Fühler vollständig eingezogen:

Die Wahrnehmung der Außenwelt wird signifikant herabgesetzt und nach innen gerichtet. Mit dieser Wahrnehmungsreduktion geht dann auch ein vermindertes Denken und Fühlen einher. Die Wahrnehmungsreduktion und der Rückzug auf sich selbst ermöglichen auch kein Lernen mehr an der Außenwelt und am Umgang mit anderen Menschen, weshalb die Entwicklung eines sicheren Identitätsgefühls schwer wird. Die autistische Reaktion führt zu einem Verweilen in der „psychogenen Dummheit“.

So besteht das Hauptproblem des Autismus vor allem in der Selbstperpetuierung, da die Betroffenen, von der Außenwelt abgeschnitten, ihre Überempfindlichkeit nur noch zementieren. Die geschlossene Subjektivität verbleibt in der Selbstreferentialität – und Selbstreferentialität ist in diesem Kontext nur der andere Name für Idiotie (vom Griechischen ídios = eigen, privat, eigentümlich). Die Offenheit, das Ausgesetztsein an die Welt und den Anderen durch unsere Existenz als leibliche Wesen setzt jeden Lernprozess und jede Veränderung überhaupt erst in Gang.
Nun haben aber nicht nur Kranke, sondern wir alle etwas vom psychogenen Autismus in uns: Wenn ein Kind zu schweigen beschließt, weil es den Eltern mit seinen Fragen nur zur Last fällt, man den Matheunterricht schwänzt, weil man dort sowieso nichts versteht oder sich vor lauter Bewertungsangst nicht mehr unter Menschen traut, dann sind diese blinden Stellen Stationen, auf denen eine einmal gehegte Hoffnung zum Stillstand kam.







Literatur

  • Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Zur Genese der Dummheit, in: dies., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1969, S. 274–275.
  • Rita Bischof: Lachen und Sein. Einige Lachtheorien im Lichte von Georges Bataille, in: Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hg.): Lachen – Gelächter – Lächeln. Reflexionen in drei Spiegeln, Frankfurt am Main 1986, S. 52–67.
  • Karl Landauer: Zur psychosexuellen Genese der Dummheit, in: Psyche 24 (1970) 6, S. 461–484.
  • Ina Rösing: Trauma und Dummheit, in: Zeitschrift für Psychotraumatologie und psychologische Medizin (2004) 3, S. 43–54.
  • Jean-Paul Sartre: Der Idiot der Familie. Gustav Flaubert 1821 bis 1857: I. Die Konstitution, Reinbek bei Hamburg 1977.
  • Matthijs van Boxsel: Die Enzyklopädie der Dummheit, Berlin 2001.