schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 25 - schön blöd soundneid?
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/stefan-schmitzer

soundneid?

stefan schmitzer | soundneid?

Selbstkritik, betreffend den Kontext einer kontextorientierten Textkritik: Von der vergeblichen Sehnsucht nach dem „richtigen“ Schreiben

Der Kontext: Über Edition C4 2011-2013
Edition C4 2011/2012, das waren ein paar Lesungen und dazugehörige gratis Lesungs-CDs, eingeschlagen in literarische Flugzettel. Worum es ging, war, Literatur in den Clubkontext zu stellen: Also Leuten einen sog. Leseanreiz zu geben, die zwar über einigermaßen verfeinerte ästhetische Bedürfnisse verfügten, welche aber leider – und danke der Nachfrage! – von Musik, Vintage-Mode und dem besseren Fernsehen hinreichend befriedigt schienen. Explizit sollte bei den C4-Veranstaltungen neues Publikum angefixt werden. Implizit – und uneingestandenerweise – sollte für das Medium Lesung, die Kulturtechnik Literatur dieselbe Sorte sozialen und/oder erotischen Kapitals zurückerobert werden, welche man aktuell mit – sagen wir – DJ-Mucke zu verbinden pflegt.

Heraus kamen ein paar gute Lesungen. Die eigentlichen Ziele (s.o.) wurden, wie ohne Weiteres vorhersehbar gewesen wäre, verfehlt. Dies wurmte die Edition C4, also mich, bitterlich: Der Rapport zwischen unseren Schreibstuben und Lesebühnen auf der einen Seite und ... äh ... normalen Leuten auf der anderen Seite war und ist offensichtlich viel weniger stabil als z. B. jener zwischen MusikerInnen und ihrem Publikum. 

Musik- oder filmästhetische Urteile sind selbstverständliche Bestandteile der Sozialisation. Sich zu Musik so oder so zu verhalten bedeutet, sich zu gesellschaftlichen Phänomenen so oder so zu verhalten. Das Gleiche gilt nicht notwendig für Literatur. Warum? Stimmt ggf. etwas nicht mit unserem Begriff von Literatur? Gar nur mit meinem? Liegt bloß Soundneid gegen die Identitätsstiftungspotenz der Musiker vor oder doch ein systemischer Defekt? Und wenn ein Defekt vorliegt – welcher? Für mich lag zu diesem Zeitpunkt der Verdacht nahe, dass das Problem in der Sphäre der professionellen Literaturkritik – als Ort der Vermittlung zwischen Textästhetik und Gesellschaft – zu suchen sein würde.

Als 2012/2013 die Zeit kam, erneut um öffentliche Gelder für Edition C4 anzusuchen und sich zu überlegen, was im Falle eines positiven Bescheides mit diesen geschehen sollte, lag es also nahe, derartige Selbst- und Betriebskritik zum Thema zu machen. Ich hatte die Hoffnung, eine Diskussion mit KollegInnen über die Rolle der Literaturkritik, über ihre Kriterien und Methoden, würde zur Klärung beitragen. Entweder, man könnte sich anlässlich einer solchen Diskussion auf einige gemeinsame Thesen und Beobachtungen zum Zustand der institutionalisierten Kritik verständigen – oder eben nicht. Worauf ich hinauswollte, war die Frage nach möglichen Strategien für die einzelnen Literaturbetriebsbewohner in Hinblick auf Kritik und Gesellschaft.

Ausgehend von all diesem erbat ich von vier KollegInnen (a) Textbeiträge (die Sie, verehrteR LeserIn, in der Ihnen vorliegenden Ausgabe der schreibkraft nachlesen können) und (b) ihre Teilnahme an einer Diskussion im Februar 2013. Der Einladungstext, mit dem ich das tat, las sich wie folgt:

Einladung zu „C4 Mark II: Krittick!“

Literaturdefinitionen, die von intrinsischen Qualitäten eines Texts ausgehen, taugen – weil sie normativ sein müssen – sowieso nichts. Literaturdefinitionen andererseits, die über solche extrinsische Sachen wie „das literarische Feld“ funktionieren, liefern ihren Gegenstand einer anderen, ebenso normativen Macht aus. Wenn Literatur ist, was 51 von 100 Leuten als solche wahrnehmen, dann verhält es sich mit Textästhetiken und Genres wie mit Währungen: Sie sind eine Sache des vertrauensvollen Übereinkommens. Wie das Vertrauen in Währungen, ist auch das Vertrauen in Ästhetiken (nicht nur, aber auch) beeinflussbar von Individuen mit außerliterarischen Agenden (insofern ein wichtiger Faktor für die Anerkennung als Literatur durch die Marktmacht von Zeit, Süddeutscher Zeitung, Neuen Zürcher Zeitung und Standard gegeben ist).

Haben wir dem gegenüber alternative Literaturbegriffe, die tragfähig sind? Wenn als letztgültiges Medium der Vermittlung von Diskursen der „freie“ Markt übriggeblieben ist – was nutzen uns solche alternativen Begriffe, wenn sie der realen Markt-, also Diskursmacht ermangeln?

Gilt es mithin, solche Marktmacht herzustellen, und wenn ja, wie ginge das? – Oder stimmt der Rat, „einfach mal zu machen“? In einer solchen Gegenüberstellung liegt eine Dialektik von blanker Warenästhetik und naiver Ausdrucksästhetik verborgen. Keins von beiden können wir wollen. Was aber dann?

Die Kon- und Text-Kritik: „C4 Mark II“

Nun hätte anlässlich der anstehenden Diskussion mit Martin Fritz, Ann Cotten, Barbi Markovic und Max Höfler allerlei auch von dem thematisiert werden können, was an diesem meinem Einladungstext problematisch war: 

Zunächst das allzu abstrakte, allzu rigorose Einerseits-Andererseits von Waren- und Ausdrucksästhetik. Als Zweites die ungenaue Verkürzung, der Markt sei als „letztgültiges Medium (...) übriggeblieben“, die darüber hinweggeht, im Zuge welcher politischen Entwicklung und aufgrund welcher Zwänge dieses „Übrigbleiben“ erfolgte. Zuletzt der Denkfehler, für kollektive und ökonomische Probleme nach individuellen und ästhetischen (also: doppelt scheinhaften) Lösungen zu suchen ...

Allein: Dazu kam es nicht. Das Publikum in der Grazer cuntRa übernahm „die Macht“. Kaum, dass wir auf der Bühne mit den Einleitungsstatements durch waren, entstand eine sozusagen Debord‘sche Situation: Plötzlich, ausgelöst durch eine Verständnisfrage, diskutierten nicht mehr die geladenen AutorInnen, sondern Personen aus dem Zuschauerraum miteinander und, ostentativ auf Augenhöhe, mit uns.

Im Laufe des sich anschließenden und ... interessanten ... Abends wurde unter anderem der folgende Vorwurf gegen das Veranstaltungsformat vorgebracht: Wenn wir da, gestützt von der Hierarchie zwischen Vortragenden und Auditorium, Kritik am Literaturbegriff des Feuilletons üben wollten, würden wir bloß replizieren, was wir angriffen. Wir würden nämlich aus einer Machtposition heraus Normen aufstellen und einfordern. Dass weder alle auf der Bühne Versammelten sich der Kritik des Einladungstexts anschließen mochten, noch auch die „Machtposition“ der Bühne eine solche in Bezug auf die Feuilletonverantwortlichen war, ging unter. 

Zurück blieb der Eindruck, einem symbolischen Sturm auf eine symbolische Bastille beigewohnt, ihn im besten Fall noch, wiederum symbolisch, moderiert zu haben. Geschenkt, dass auch dieses solcherart selbstermächtigte Lesepublikum dem o. e. Denkfehler aufgesessen war, gegen reale Probleme symbolische Lösungen zu setzen – der Gestus machte auch auf den nachteilig Betroffenen, d. h. mich, keinen ganz unsympathischen Eindruck ...

... und brachte im Nachhinein einen wertvollen Hinweis, woher das Ungenügen am gesellschaftlich verankerten Literaturbegriff noch rühren könnte: Literatur, im Gegensatz zu Musik, operiert ja nicht bloß meistens, sondern notwendigerweise immer mit symbolischen Hierarchien. Sie hat sich in dieser Hinsicht seit wirklich langer Zeit nicht geändert. Die Gesellschaft aber, in Bezug auf welche sich Leser­Innen und AutorInnen verhalten ... Hmmmm ...