schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 25 - schön blöd über das blöde am sinn
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/uber-das-blode-am-sinn

über das blöde am sinn

alexandra rollett | über das blöde am sinn

Ein Sermon

Sinn sollte eigentlich nie blöd sein. Er gehört dafür, dass es ihn gibt, von jeder Zumutung durch adjektivische Kategorisierung befreit. Unabhängig von seiner Herkunft. In der Realität sieht das allerdings anders aus. Da wird meistens Blödsinn gemacht. Nicht immer sofort. Der Blödsinn zum Beispiel, den ich gestern alleine zuhause angestellt habe, hat Sinn gemacht. Doch dann hat er beschlossen, die eigenen vier Wände zu verlassen, und vorbei war sein präfixloses Dasein. Er wurde Blöd- und dann Stumpf-. Er hat die Umstände da draußen nicht vertragen, war auf die Rekontextualisierung nicht vorbereitet. Gegen die Umstände kommen wir sowieso nie an. Sobald es Umstände gibt, kann nur mehr ES Sinn machen. Wir machen dann keinen mehr. Wir haben ihn im Gegensatz zu ETWAS auch im seltensten Fall. Was wirklich deprimierend ist, da alles einen Sinn haben kann, wenn man ihm einen gibt. Aber wer würde uns schon einen geben? Auch ich persönlich würde niemandem Sinn geben, damit er für mich Sinn macht. Zumindest nicht viel. Könnte ja sein, dass er dann auf Nimmerwiedersehen damit verschwindet. Dann muss ich ihn wieder suchen. Nein, nicht ihn, der kann mir gestohlen bleiben, aber mein Sinn und der Sinn, der von ihm für mich gemacht hat, die zwei würden mir schon sehr abgehen. Es ist ja nicht so, dass wir ungern Sinn suchen. Wir suchen für unser Leben gern Sinn. Wer nicht sucht, der nicht findet. Und Sinn muss gefunden werden. Sinn, der da ist, ohne dass wir ihn gefunden haben, ist blöd. Denn Sinn muss erkämpft werden. Irgendjemand muss ihn wo verstecken, irgendwo ganz tief unten, damit wir uns schwer tun mit dem Suchen. Sinn ist und bleibt nur dann sinnig, wenn sein Erwerb uns viel gekostet und lange gedauert hat. Weit sei der Weg, unwegsam das Gelände, rau der Wind, feindselig die Einheimischen und natürlich müssen wir als Einzige in Sachen Sinn unterwegs sein. Sonst kann man sich ja gleich einer Sekte oder Partei anschließen, um bei Sonnenschein und gekühlten Getränken unter Bäumen und Menschen auf einer gemähten Wiese zu sitzen, wo alles und jedes voller Sinn ist, der aber nicht derjenige ist, den wir im Sinn haben und den wir daher ignorieren müssen. Nein, da wollen wir uns lieber einsam und leidend durch die Büsche schlagen. Manchmal allerdings versteigen wir uns auf unserer Expedition derart, dass wir uns tatsächlich auf unbekanntem Terrain bewegen. Niemand war vor uns da, um einen Sinn hier zu verstecken. Dann haben wir die ehrenvolle Aufgabe, einen eigenen Sinn wo hineinzulegen. Vorausgesetzt, wir haben einen von zuhause mitgenommen. Sonst müssen wir darauf hoffen, dass ES zufällig vorbeispaziert, um uns einen zu machen – was auch in der völligen Einöde, in der wir uns befinden, ab und zu vorgekommen sein soll. Falls ES ausbleibt, weil es anderweitig dabei bleibt, bleibt uns nur übrig, selbst Hand anzulegen. Das ist natürlich dann ein Blödsinn (oder ein Wahnsinn, wenn wir zu lange alleine waren). Wir allerdings halten es für Sinn in seiner Reinform, bis jemand anderer draufschaut. Ach mein Gott, da hätten wir ja gleich zuhause bleiben können. Egal. Solange wir alleine sind und die Umstände keine Umstände machen, hat unser Blödsinn Sinn. Den wir allerdings noch nicht gefunden haben. Dazu müssen wir ihn erst in etwas hineinstecken, um ihn aus etwas herausfinden zu können, wenn wir das nächste Mal vorbeikommen. Aber wo können wir unseren Sinn hineinlegen? Sinnentleertes gibt’s hier nicht, da wie gesagt, noch keiner da war, der was ausleeren hätte können. Und wir brauchen nicht irgendeinen Sinnträger. Wenn schon nicht formschön, so sollte er zumindest stabil sein – weil wenn wir schon Blödsinn machen, dann einen schwerwiegenden. Da nichts da ist, was unserem Sinn standhält, schleppen wir ihn mit uns weiter, unseren wie auch immer gearteten Sinn, den wir nirgendwo ablegen dürfen. Nicht einmal wohin projizieren können wir ihn, so massig und undurchsichtig wie er ist. Dabei möchten wir ihn doch nur finden. Und da die Sinne ja nicht von selber schwinden, ist man richtig froh, schlussendlich auf Leute zu treffen, die ein Umfeld schaffen, das unseren Sinn blödsinnig werden lässt. So einen Blödsinn kann man dann auch von sich geben und muss ihn nicht ständig mit sich herumtragen. Die Hände sind nun wieder frei, um nach verstecktem Sinn zu buddeln. Und diesmal bleiben wir hier!