schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 25 - schön blöd verhängnisvolle sehnsuchtsmonde
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/verhangnisvolle-sehnsuchtsmonde

verhängnisvolle sehnsuchtsmonde

kerstin eberhard | verhängnisvolle sehnsuchtsmonde

Bärenpelz, Arschfax, bravouröse Sexualaufklärung

In einer alten Radiosendung referierte Eugen Drewermann über das Märchen Der Froschkönig. Zur Sprache kam dabei, anlässlich der Drewermann‘schen tiefenpsychologischen Interpretation des Märchens, das Wort PUBERTÄT. Dieses bescheuertste Wort von allen bescheuerten Worten überhaupt. Das ist so ein Igitt-Wort, ein unaussprechliches, dass ich schon so lange hasse, wie ich denken kann. Und mit bewusst denken fing ich ungefähr genau in dieser Zeit an, die Drewermann benennt. Man muss es sich so richtig reintun und es zerlegen, damit man erkennt, wie unschön, wie saublöd es wirklich ist, nicht nur wegen der Zustände, die es anreißt. Das Wort beginnt mit Pu und dann sehe ich in meinem limbischen System nicht nur die Buchstaben P und U, sondern auch direkt ein H, also ein eindeutiges PUH. Klaro, weil logisch, es ist eine schwere Zeit für alle Beteiligten. Schweißtropfen so groß wie das Gesicht. Kämpfe der Abgrenzung, der Versuche, des Nicht-zulassen-Wollens, der Öffnung, des sich Verschließens – eine Austernzeit – mit viel grobem Sand im Getriebe. Entsetzlich. Nur daran denken, an diese Wirbelstürme, an diese intrapsychischen Taifune. Als würden sich jetzt auch Schweißperlen auf meiner Zunge bilden. Und die Papillen wie unter einer Lupe vergrößern. Krater im Mund also. Abgrundtief. Zum Beispiel vom schlechten Gewissen her, irgendwann (bestimmt aber zu früh, das ganz sicher) oralen Sex gehabt zu haben, zu einer Zeit, in der sich das aus Jugendschutzgründen und überhaupt einfach nicht gehörte. Oder besser noch das auslösende Gefühl beschreiben mit: Daran denken, ist wie ein Stückchen Aluminium vom versehentlich mit erwischten Kaugummipapier zu spüren, das sich geschmeidig um eine Plombe im Mund legt. Hmmm.
So richtig schlimm wird es dann, wenn man noch das BER hinzufügt. Automatisch sehe ich das Wort BÄR vor mir und nicht mehr die Buchstaben BER. Bär ist gleich Bärenpelz ist gleich Pelz, Pelz ist gleich Muschi, ist gleich Schambehaarung. Kürzeldenken des Unbewussten nennt man das. Gruselig das Ganze. Für Jungs wahrscheinlich genauso, schließlich hatten die auch mit plötzlichem und überraschendem Pelzbewuchs an sonderbaren Körperstellen zu tun, die uns Teenagern vorher vollkommen egal erschienen waren und urplötzlich zu sensationellen Ereignissen und Ereignisorten kulminierten. In dieser Phase kämpften die Jungs mit Kondensstreifen in der Unterhose oder Bettwäsche, während wir Mädels bei den ersten Menstruationen mit Blutbesudelung in der Unterwäsche zu tun hatten. Lässt sich nur mit kaltem Wasser gut auswaschen, wegen dem im Blut enthaltenen Eiweiß. Zum Glück gab’s damals keine Tangas, da hätte dann immer der Bindfaden von den Ohne-Binde-Waren-zuverlässiger-Schutz-geschwungene-Rillen-einfaches-und-glattes-einführen-guter-Werbetext-auf-den-Verpackungen-verheißt-erfolgreiche-Verkäufe-und-so-weiter irgendwo zwischen den Beinen herausgehangen. Das spürt man und es ist unangenehm, wie wenn ein kleiner, dünner Wurm, ein Fadenwurm eben, ständig an einem herumwuselt und einen unangenehm kitzelt oder belästigt. Außerdem wäre es, diesen heraushängenden Fadenwurm sehen zu können, unschicklich gewesen. Heute soll es ja schon unschicklich sein, wenn das Arschfax aus der Jeans hinten rausguckt (Arschfax ist der Wäschezettel an den Tangas. Ich denke aber, dass die Tangaträgerinnen das Arschfax eigentlich als Fahne dazu benutzen, um quasi aus Versehen männliche Sexualbewerber heranzuwinken). Alles war damals neu und unvermeidlich. Man hatte keine Ahnung, rein von gar nichts. Den Eltern war alles peinlich. Selbstverständlich. Muttern fragte, ob ich denn auch Bravo lesen würde (Deutschlands größte Unaussprechliches-Wort-Aufklärungs-Zeitschrift)? Bravo, Frau Mutter! Problem abgegeben. Soll sich das Kind selbst mit altersgerechter Fachliteratur beschäftigen und auf allfälligen Detailfragen einfach sitzenbleiben. Bravo beantwortete einfach alles. Vertrauen? Keine Spur! Dafür ein großes Maß an Peinlichkeit gegenüber den eigenen „Erbsen auf dem Waschbrett“ bei der wöchentlichen Untersuchung, ob diese denn nun schon gewachsen seien, bitte wachset und mehret euch. Die eine Kollegin in der Schulklasse hatte schon Riesendinger. Einen echten Balkon, den sie geradezu angeberisch vor sich her trug und beim Duschen als unangefochtene Busenkönigin zur Schau stellte. Schließlich kam dann auch für die Langsamentwicklerinnen unter uns endlich, endlich der erste BH. Auch so ein blödes Wort. Büstenhalter. Unwahr dazu, denn er hält ja keine Büsten, sondern Brüste. Also Brust-Halter. Oder ASH. Meint: Anschwellende-Schwellkörper-Halterung.

Aufklärung in Raten
Eine Geschichte, die ich damals hörte, war die eines Freundes, welcher „teilweise“ durch seine Mutter aufgeklärt wurde. Er hatte auf dem Gymnasium erfahren, dass der Mann und die Frau beim Geschlechtsverkehr und damit bei dem Akt der Fortpflanzung sehr nahe beieinander liegen. Bis hierhin hatte er im Sexualkundeunterricht alles verstanden. Zuhause angekommen, fragte er dann seine Mutter, wie das denn nun weiterginge mit dem Baby machen? Das Glied würde sich dann versteifen. Ob die Samen dann einfach rüberhüpfen würden zur Frau? Seine Mutter sei rot angelaufen und habe schnell „Ja, ja“ gesagt. Thema beendet. Die Küche verlassen. Das Gespräch verlassen. Puhbär abrupt beendet.
Und damit kommt auch das Ende des unaussprechlichen Wortes: TÄT. Ach tät ich nur weglaufen können, von all dem Blut, was mich fortan verfolgen würde, diesen roten monatlichen, periodisch wiederkehrenden Schleimausschüttungen und Reinigungsvorgängen des weiblichen Körpers. Im Sportunterricht hatten meine Freundin und ich dann manchmal zweimal pro Monat und pro Person unsere Tage, weil das eine Mal schon kaum zum Aushalten war. Die Lehrerin, eine voll durchgestylte, drahtige, sexy Blondine, gar nix blöd übrigens, war sehr verständnisvoll und nachsichtig. Bei ganz schlimmen Regelschmerzen meiner Freundin durften wir uns ins Krankenzimmer der Schule zurückziehen und hatten dort feine und unterrichtsfreie Stunden, sie auf der Liege hingefletzt und ich auf dem Sessel neben ihr. Meine Freundin war stark vom prämenstruellen Syndrom befallen. Man besprach in Ruhe und vom Schulunterricht unabgelenkt die gesamten Vor- und Nachteile der potentiellen Froschkönige. Heiße Tage unserer Fantasien also. Wahrlich. Meine Freundin war ein Jahr älter als ich und galt in Sachen unaussprechliches Wort als Expertin. Sie pfiff sich in Anlehnung an ihre ebenfalls an PMS-leidende Mutter und dank Identifizierung mit ihrer ebenfalls an PMS-leidenden Schwester permanent die stärksten Schmerzmittel rein, die zu damaliger Zeit am Markt und durch das Allgemeine-Familien-ich-krieg-meine-Tage-Leid-sich-wiederhol-Drama im Hause immer reichlich vorhanden waren.
Drewermann, dieser geniale Froschkönigexperte sagte, man solle gegenüber Jugendlichen – und vor allem Mädchen gegenüber – niemals, aber auch wirklich NIEMALS für diese besondere Phase unserer Kinder die bitteren Worte verwenden: „Du kommst jetzt in die Pubertät.“ Dieses Wort zu nennen sei höchst problematisch, da es sich schon so anhöre wie eine Krankheit und letztlich auch so betrachtet würde. Er meckert dann darüber, was es für eine Unverschämtheit sei, ein Mädchen zu benennen nach den sekundären Geschlechtsmerkmalen und nichts weiter zur Verfügung zu haben als die Sprache der Gosse oder die Pinzette der objektiven medizinischen Sachbeschreibung. Ha! Starker Tobak! Und wie wahr! Warum könne man nicht die Gefühle, die bei Mädchen mit 14 Jahren so sensibel sind, so bezeichnen wie in der Sprache der Poesie? Er beruft sich dann auf den großen russischen Dichter Alexander Puschkin der 1840 seine Figur Tatjana in seinem Versepos Eugen Onegin mit den Worten erscheinen lässt, sie sei gerade „in den Sehnsuchtsmonden des nächtlichen Träumens“. Mann, was für eine geile Sprache die damaligen Russen doch hatten. Ein Euphemismus, so schön wie ein Tautropfen auf einem Spinnennetz am Morgen. Ich sehe eine Lichtung, umgeben von einem schönen dichten Eichenwald, durchsetzt mit Buchen und Ahornbäumen und Haselnussgesträuch, auf dieser Lichtung eine Wiese. Auf dieser Wiese zwischen den langen Grashalmen das Netzgewebe einer prächtigen Kreuzspinne. Die Kreuzspinne noch steif in den Gliedern von der vergangenen Nacht. Hat Zeit. Die Tautropfen hängen an den Fäden des Netzes, sie glitzern diamanten. Die Tautropfen spiegeln nun die Morgensonne, die sie verbrennen wird. In der Ferne quakt ein Frosch. Irgendwo baut ein Kuckuck ein Nest, das er nie benutzen wird.
Die Realität ohne Romantik mit Tautropfen an Spinnennetzen ist in dieser Lebensphase gespickt mit Peinlichkeiten, von daher ist sie auch unweigerlich mit einem hohen Ausmaß an Scham verbunden, darüber, was mit einem geschah. Und was geschah, war immer irgendwie unbegreiflich, während etwas mit einem geschah, von dem man nicht wusste, wohin es einen führen würde; man wusste nur, es sollte etwas geschehen, das Geschehen sollte zu Resultaten führen. Die Wünsche sollten zu Resultaten führen. Man wünschte sich Führung, blieb aber erbarmungslos führungslos.

Im Schwimmbad
So trug es sich zu, dass meine Freundin und ich zur Sommerzeit mit dem elterlichen Auto ins Schwimmbad gefahren wurden. Es war eine Ausnahmesituation, etwas sehr Besonderes für uns, denn das Schwimmbad lag relativ weit vom Heimatort entfernt. Autos gab es damals auch noch nicht so viele. Meine Freundin war happy, sie hatte einen neuen Bikini in türkisblau mit weißen Punkten. An den Oberschenkeln wurde das Unterteil mit jeweils einem weißen Plastikring zusammengehalten. Das Oberteil hatte in der Mitte der zwei Körbchen ebenfalls einen weißen Ring, welcher die zwei Körbchen zusammenhielt. Sie war zu Recht sehr stolz auf dieses fesche Design. Ich hatte einen vollkommen unspektakulären Badeanzug. Einer der von uns zur damaligen Zeit favorisierten Froschkönige befand sich zufällig am gleichen Tag im Schwimmbad. Natürlich traf man sich rein zufällig in einem der Schwimmbecken. Wir planschten und hopsten zu dritt im halbhohen Nichtschwimmerbereich, welcher stufenlos in den tieferen Schwimmerbereich führte. Meine Freundin tauchte immer wieder unter und schnellte dann wie ein Delfin senkrecht aus dem Wasser hervor. Das ging so eine Zeitlang, bis sie wohl mit zu viel Karacho aus dem Wasser hervorgeschossen kam, offensichtlich hatte sie Sprungfedern in den Gelenken. Der Froschkönig stand uns gegenüber. Er starrte sie fasziniert an. Plötzlich bemerkten ich und auch meine Freundin, warum: Das eine Körbchen war durch den Schwung ihrer Bewegungen über eine ihrer Brüste gerutscht und gab nun den Blick auf diese volle Pracht frei, während die andere ebenfalls geradezu erblühende Brust sich weiterhin brav in ihrem Körbchen befand. Um uns herum, wie wir meinten, tausende Menschen, die dies beobachteten. Und es war schön blöd und schön ordentlich peinlich, dass das geschehen war. Mit einem wirklich schön roten Gesicht tauchte sie schnell unter. Man kann nun sicher besser erahnen, welche Emotionen das Wort Scham beinhalten kann. Das überlebt man aber alles. Irgendwie halt.
Natürlich gibt es auch brutalere, Unaussprechliches-Wort-Lebensphasen-Realitäten. Ein älterer Mann, ein Sozialarbeiter, dem ich vor vielen Jahren einmal begegnete, war dafür zuständig, eine Betreuungsfamilie für ein 14-jähriges Mädchen zu suchen. Das Mädchen kam laut Beschreibung des Sozialarbeiters aus einem subproletarischen Milieu. Sie war ein zartes, blondes, ätherisches Wesen und aller Wahrscheinlichkeit nach bereits mit allen Wassern gewaschen. Der Sozialarbeiter berichtete, man müsse das Mädchen in eine andere Familie bringen, da die Zustände in ihrem Zuhause unhaltbar seien. Das Mädchen habe einen festen Freund und mit diesem bereits Geschlechtsverkehr, was seitens der Eltern respektiert würde. Der Vater habe sich nur das Recht herausgenommen, seine Tochter selbst zu entjungfern, um sicher zu sein, dass die Defloration ordnungsgemäß vorgenommen werde (war wohl seitens des Vaters eine persönlich interpretierte und moderne Form des mittelalterlichen Ius primae noctis, des „Herrenrechts der ersten Nacht“). Ich glaube, mir ist dann bei dieser Aussage die Kinnlade einfach nur runtergefallen, und ich habe diesen Mann vollkommen perplex und blöde angestarrt. Er hatte das mit einer solchen Ruhe und Selbstverständlichkeit vorgetragen, dass es bei mir den Eindruck erweckte, er fände das eigentlich so ganz in Ordnung. Als wäre es flächendeckend umsetzungswürdig, dass Väter ihre Töchter entjungfern, denn dann wissen die Väter ganz genau, wer ihre Tochter entjungfert hat, und das beruhigt scheinbar ganz enorm für den Rest des Lebens, oder was? Ist ja auch wurscht, wer nach der Entjungferung sein Dings in ihr Dings reinsteckt, Hauptsache, das erste Mal bleibt in der Familie. Das wirkt wie ein unsichtbares Siegel, eine unsichtbare Brandmarkung: „Du bist für immer meins. Junge Tochter deiner Mutter, die es sich zu vögeln schon lange nicht mehr lohnt.“ Frischfleisch im Hause. Und die Mutter ist nur noch die graue Katze und in der Nacht sind alle Katzen grau. Graue, welke Muschis. Eigentlich ist das staatlich und von Amtswegen voll anerkannter Missbrauch gewesen.

Albtraummonde
Wenn ich mich hineinversetze in dieses Mädchen, frage ich mich, wie wohl ihr weiterer Lebensweg ausgesehen hat. Hat sie sich dafür geschämt, dass sie ihren Vater über sich drübergelassen hat? Entjungfern (sexual-erfahrene) Väter besser als gleichaltrige (sexuell unerfahrene) Partner? Wie hat sie sich weiterentwickelt, wie prägend ist dieses einschneidende Erlebnis wohl gewesen? Ob sie das Ereignis als positiv oder als negativ erleben und einstufen konnte? Ob sie ihren späteren Partnern davon erzählt hat, dass ihr Vater sie zur Frau gemacht hat, oder ob sie die Lüge wählte, um dieses Ereignis zu verschleiern oder zu verdrängen? Hat sie ihre späteren Partner nach dem Vorbild ihres Vaters ausgewählt? Wenn sie später selbst Kinder bekommen hat, war es für sie genauso selbstverständlich, wenn ihr aktueller Partner vielleicht die eigene Tochter befummelt hat? Oder ist dieses Ereignis wie bei vielen Müttern in den Abgrund gesunken und hat sie die möglichen, sich wiederholenden Geschlechtskrankheiten ihrer Tochter damit abgetan, dass die Tochter sich die Geschlechtskrankheiten in der Schule und auf öffentlichen WCs geholt haben wird? Wie viel Mut und Verzweiflung braucht es, den eigenen Vater oder den eigenen Mann anzuzeigen und sich einem Gerichtsverfahren zu stellen? „In den Sehnsuchtsmonden des nächtlichen Träumens sein.“ Wenn die durch prekäre familiäre Lebensumstände vorzeitig abgewürgten Sehnsuchtsmonde zu Alptraummonden werden, in denen sich die Psyche von den ursprünglichen Opfern zu Wiederholungstätern transformiert und sich in den nachfolgenden Generationen profilieren wird. In den Sehnsuchtsmonden des nächtlichen Träumens sein – das bedeutet oft, ein Leben wie in einem Horrorfilm zu führen.

Serieller Triebtäter

Ein Junge entwickelt sich in der Phase „unaussprechliches Wort“ zu einem seriellen Triebtäter. Er wurde als Säugling und Kleinkind im Adoptivelternhaus mit Kleiderbügeln aus Holz von seiner ungeduldigen und überforderten Fleischersfrau-Adoptivmutter immer wieder zum Schweigen gebracht. Als Zehnjähriger kommt er in ein katholisches Heim, ein Internat, und wird dort von einem Erzieher sexuell missbraucht. Er entwickelt Gewaltfantasien, gekoppelt mit sexuellen Fantasien, und lebt fortan unter einem enormen Aggressionsdruck. Er begeht seinen ersten Mord an einem präpubertären Bub als 15-Jähriger, vergeht sich sexuell an der Leiche des Knaben, die er danach zerstückelt. Es folgen drei weitere Morde an Buben, die einige Jahre jünger – und damit schwächer –
sind als er. Mit 19 Jahren, den Sehnsuchtsalptraummonden endlich entwachsen, wird er als geständiger Täter überführt und wandert ins Gefängnis. Die zuerst lebenslängliche Haftstrafe wird in einem nachträglichen Revisionsverfahren vom Bundesgerichtshof in eine zehnjährige Jugendstrafe und der (lebenslangen) Unterbringung in einer Heilanstalt umgewandelt. Die Mordfantasien bleiben bestehen, und eine Gehirnoperation, ein chirurgischer Eingriff in das zerebrale, sexuelle, menschliche Verhaltenszentrum wird erwogen, aber nicht ausgeführt. An eine Psychotherapie traut sich zur damaligen Zeit niemand wirklich heran. Um einem lebenslangen Aufenthalt in der Psychiatrie zu entgehen, stimmt der pädophile Serienmörder einer Kastration zu. Bei der Narkose kommt es auf Anordnung des Chirurgen zur Verwechselung zweier Chemikalien, da kein Anästhesist bei der ansonsten erfolgreichen Operation zugegen ist. Der Triebtäter erleidet durch eine 13-fache Dosis eines falsch gewählten und falsch verabreichten Anästhesiemedikaments einen Kreislaufzusammenbruch mit tödlichem Ausgang. Dieser tödliche Narkosezwischenfall wird vor Gericht lediglich als Schlamperei bewertet. Der behandelnde Arzt erhält wegen fahrlässiger Tötung eine Bewährungsstrafe, ein ähnlicher Narkosefehler war ihm bereits zuvor unterlaufen. Kann es sein, dass wir an der Art, wie wir mit unseren Außenseitern umgehen, den Reifegrad unserer Gesellschaft erkennen können?
Im Elternhaus wie auch im Internat hatte der Junge vor und während der Pubertät lernen müssen, Launen, Absurditäten, gewaltvolle Gefühlsausbrüche seitens seiner Erzieher widerspruchslos hinzunehmen und über sich ergehen zu lassen. Er lebte seinen eigenen Opferstatus in der Folge an seinen Opfern nach, er lebte, was ihm selbst angetan worden war. Er arbeitete es an sich und anderen blutig ab. Er wurde zu einem mächtigen Verfolger, zu einem Dominierenden, der sich sexuell erregte an den Bedrohungen, Ängstigungen, den Demütigungen, dem Verlust von Macht, den er einst an sich selbst hatte erfahren müssen und nun anderen, Schwächeren zufügen konnte. Endlich selbst nicht mehr in der Rolle eines machtlosen Opfers.
Der in seinen Sehnsuchtsmonden grauenhaft gestrandete Serienmörder verstarb als 30-Jähriger und wurde ohne Angaben von Namen und sonstigen Daten erdbestattet. Seine Seele flog über das Kuckucksnest.