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viel wiener schlagobers

Herbert J. Wimmer zelebriert im Membranroman die Metamorphose von Zuständen


Herbert J. Wimmer: membran

viel wiener schlagobers

Sonderzahl: Wien 2013

Rezensiert von: lisa spalt


„erzählt wird immer, mindestens eine geschichte, eine regel, eine form, eine anordnung, eine struktur, ein konstruktionsplan, eine differenz von vorher und nachher im augenblick der lektüre“, sagt Herbert J. Wimmer im Werkstattgespräch mit Dieter Bandhauer, das seinem Band membran beigegeben ist. Und mit der Differenz lasse ich ihn hier gleich das Moment ansprechen, das aus seinem Textkonvolut, das einem strengen Bauplan von ineinander kragenden Themenfeldern folgt, durchaus so etwas wie einen Roman macht, welche Gattungsbezeichnung hier den Titel begleitet: Das Vorher-Nachher, die Metamorphose von Zuständen bildet eine Art von Entwicklung aus. Es ist aber der Text selbst, der sich entwickelt, nicht bloß die behauptete Figur, über die ja leicht allerhand erzählt werden kann. Wimmer unternimmt diese Entwicklung unter dem Zeichen der Membran: „in der membran vervielfältigen sich die vokabulare“, heißt es da, scheinbar trocken.
Die Praxis sieht durchaus anders aus und wird von viel Wiener Schlagobers begleitet: Wimmers wohltuend basale Kalauer – „so selbstverständlich schreiben, dass niemand auffällt, dass es selbstverständlich ist“, heißt es im Buch – ergeben sich nicht selten aus dem Diffundieren von Teilchen eines Wortes in ein anderes, in andere, durch kombinatorische Umordnung, durch eine Art von Verdauung, in der Wienerische Ausdrücke genauso Platz finden wie umgangssprachliche und Slang-Wendungen. Da finden sich so schamlose Konstellationen wie – in einer der fast rituellen Versuchsanordnungen – „das all: dallas“ oder Variationen à la „liaison“ versus „läsion“. – „sich finden als muster von wahlentscheidungen“ – der Satz aus dem Konvolut D des Buchs könnte durchaus als Motto über dem Text stehen. Oder aber der Anfang dieses ins Buch aufgenommenen Gedichts: „zusammenhänge / zerfallen zu vorhängen: musterstoffwechsel“.
Wir sind hier beim Wählen, das die Gegenwart des Textes ausmacht, stets dabei. Beispielsweise werden Homonyme und Mehrfachbedeutungen eines Wortes als Umschaltmembrane genutzt. So kippt die Restauration, verstanden als Speiselokal, über das Restaurations-Brot, das Körper und Geist wiederherstellt, mit einem Mal ins politische Begreifen des Begriffs, das Wort wird zur Gegenwart, die sich im Text verschiebt, oder: Letztlich ist der Text als Gegenwart, die durch sich hindurchgeht, selbst Membran; ein Punkt, in dem Vergangenes gegenwärtig und die Gegenwart fortwährend Vergangenheit wird.
Durch eine Membran schließlich, die er durch den Text gelegt hat, hat Herbert J. Wimmer, einem System einander zugeordneter Zahlen und Buchstaben folgend, noch eine, alles Unbill bändigende, ewige Gegenwart schaffende Membran produziert: In geradezu fröhlichen Einschaltungen von Originalzitaten durchwandert seine 2009 verstorbene Gefährtin Elfriede Gerstl den Text – sie eröffnet bzw. schließt ihn, darf wieder auftreten, so oft der Text gelesen wird. In Reminiszenz an sie fehlt der Buchstabe E im System des Textes, in dieser feinen „phänomenologie des transitorischen“. Dazu ein Zitat, das beinahe genau die Mitte des Textes bildet und von jenem geradezu umschlossen wird, Elfriede Gerstl: „mir fällt kein ersatz für mich ein“.