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von den abderiten

alice le trionnaire-bolterauer | von den abderiten

Wieland, sein Esel und die Krätze

0.
„Auch liebe Grüße fon mir und meinen Freunden“, schrieb mir ein Bekannter – per SMS – zu meiner Hochzeit, was ich schockierend fand. Doppelt schockierend ob des Rechtschreibfehlers und meiner indignierten Reaktion. Sind Rechtschreibfehler ein Indiz für Dummheit oder bloß für mangelnde Bildung? Und was ist dann von meinem (anderen) Bekannten zu halten, der Chat-Kontakte mit Leuten vermeidet, in deren Leitsätzen sich – (eben!!!) – Rechtschreib- oder Grammatikfehler finden? „Blöd gelaufen“, sagen auch meine Studenten und Studentinnen, wenn ich ihnen die korrigierten Aufsätze zurückgebe, in denen die roten Korrekturen sich ein Gefecht um den ersten Platz liefern mit den schwarzen Schriftzeichen. Aber all das ist nur ein Anfangsgeplänkel zu einem Thema, das zu behandeln immer nur schlecht ausgehen kann. Entweder der Autor (die Autorin) erweckt den Verdacht, sich selbst zu den Nicht-Dummen zu zählen, und wird damit unweigerlich unverzeihlicher Arroganz geziehen oder aber er resp. sie gibt sich selbst so viel Blöße, dass sich jeder insgeheim ins Fäustchen lacht angesichts der offensichtlichen Dummheit des Verfassers, der Verfasserin. Man kann es natürlich wie Robert Musil machen, der in seiner Rede über die Dummheit (aus dem Jahr 1937) so viele Geschichten, Anekdoten, Sprüche und Ausdrucksweisen zum Thema aneinanderreiht, dass sich dem Leser am Ende der Kopf dreht vor so viel klug Gesagtem, dass er sich lieber in den Rausch grenzenloser Ignoranz flüchten möchte als noch weiter sich über die Dummheit den Kopf zu zerbrechen.

1.
Freilich gab es auch eine Zeit, in der man Dummheit einfach mit Unwissenheit gleichsetzte, und dann war es leicht, gegen die Dummheit anzugehen. Man suchte sie zu dezimieren, indem man einen Kampf gegen die Unwissenheit initiierte. Sie wissen, worauf ich hinauswill, und Sie müssen gestehen, der Umweg war gar nicht so blöd gemacht! Also, um bei meinem eigentlichen Thema anzukommen, worüber sich tatsächlich viel Kluges sagen lässt (quod erit demonstrandum): In der Aufklärung, jener ebenso glorreichen wie in vielerlei Hinsicht unverstandenen Epoche, war es ganz einfach, die Dummheit zu bekämpfen, weil man den Gegner kannte. Der Gegner, das war die mangelhafte oder gar fehlende Bildung. Daher auch der Ruf nach einer allgemeinen Schulpflicht, die zwar vielleicht für die Allgemeinheit gedacht, in praxi aber dem Gutdünken der Eltern anheimgegeben war. Aber „retournons à nos moutons“, wie Rabelais‘ pfiffiger Held Panurge zu sagen pflegte (der sich übrigens über der wichtigen Frage, ob es klüger sei, zu heiraten oder nicht zu heiraten, sein kluges Köpfchen zerbricht und zu eben keinem Ergebnis kommt, es sei denn zu dem folgenden: Heirate oder heirate nicht – du wirst es in jedem Fall bereuen!)

Im 18. Jahrhundert also hatte die Dummheit den Glanz aufrichtiger Unverdorbenheit und natürlicher Gefräßigkeit verloren und es galt, sie zu verdammen, auszumerzen, ihrer „Herr zu werden“ (welch schöner Ausdruck, wenngleich vielleicht politisch nicht ganz korrekt!). Und man verfiel auf den unsinnigen Gedanken, möglichst viele unnütze Bücher auf den Markt zu werfen und all jenen, die nicht für dumm gelten wollten, nahezulegen, diese Bücher zu lesen und zu kaufen – in umgekehrter Reihenfolge, versteht sich. „Bücher“ gegen „Dummheit“. Das soll sich heute einmal ein Deutsch-Lehrer vorzuschlagen trauen als Alternativprogramm zu den Bildungsmedien Facebook und Twitter! Aber so war das eben damals. Und so wurde drauflos geschrieben und gelesen und gestritten und gewettert und „pamphletisiert“ und „annotiert“ und kommentiert. Alle waren an allem interessiert und nichts war unwichtig genug, dass nicht eine Glosse oder ein Artikel darüber hätte verfasst werden können. 

Und damit bin ich jetzt endlich bei meinem Parade-Aufklärer angelangt, den ich so sehr liebe, dass mir ganz schummrig werden könnte – was ich aber vermeiden werde, um Ihnen, verehrte Leser und Leserinnen, möglichst einiges Kluge – und eben nichts Dummes – über ihn zu erzählen, über Christoph Martin Wieland nämlich, der … upps! wann geboren wurde? Ein Tipp: 2013 ist ein Wieland-Jahr! Alle herhören! Ein Wieland-Jahr! (Frage: Gehört die Kenntnis von Jahreszahlen auch zur Bildung oder nur zur Besserwisserei? – Gut, wie Sie wollen! Dann will ich Ihnen den Griff zum Lexikon nicht ersparen!) Wieland, jener Wieland also, dessen Doppel-Jubiläum wir heuer begehen, bekämpft die Dummheit nicht nur, indem er in all seine Werke eine Form von Witz verpackt, die beim Rezipienten einen lebendigen Geist voraussetzt, und indem er die wohl wichtigste Literaturzeitschrift der deutschen Aufklärung, den Teutschen Merkur, herausgibt und zum Großteil auch selbst verfasst – nein, er macht sogar etwas noch viel Gewagteres (Dümmeres?): Er schreibt einen Roman über die Dummheit. Eigentlich ist es ein Roman über eine Stadt voller Ignoranten und Dummköpfe, aber das kommt wohl aufs Selbe hinaus. „Abdera“ heißt die Stadt und ihre Bewohner „Abderiten“, die so etwas wie die antike Entsprechung (das „qui pro quo“, das „Pendant“ oder das „Analogon“) zu den deutschen Schildbürgern sind. Diese leben in ihrer kleinen Stadt, die für sie der Nabel der Welt ist (aber wer tut das nicht?), glauben nur das Unwahrscheinlichste und Entfernteste und misstrauen allem, was vor ihrer Nase liegt. Die Gebräuche und Sitten ihrer Familien sind ihnen Naturgesetze und die Fakten der Physik gefährliche Zauberei. Sie halten sich selbst für die Klügsten und Gebildetsten (aber wer tut das nicht?, die Zweite) und alle anderen, die nicht ihrer Meinung sind, für Banausen oder Hinterwäldler. Sie denken, dass ihre Unterhaltung die amüsanteste sei (aber wer … – stopp! es reicht!), und halten Kritik für Übellaune.

2.
Wieland illustriert die Dummheit der Abderiten an mehreren Geschichten, unter denen zwei besonders umfangreich und unterhaltsam sind: die Begegnung mit dem Philosophen Demokrit und der Streit um den Schatten des Esels. Dass der gesunde Menschenverstand und die logische Argumentation des Philosophen sich an der Leichtgläubigkeit und Borniertheit der Abderiten stoßen und die Diskussionen zwischen ihnen sich zu Feuerwerken schadenfroher „Pflanzerei“ (vonseiten Demokrits) und zur Demonstration ridiküler Selbstgefälligkeit (vonseiten vor allem der schönen Abderitinnen) geraten, versteht sich. Auf die Spitze getrieben wird jedoch die Vorführung abderitischen Dünkels anhand des Streits um den Schatten eines Esels. Als nämlich der Zahnarzt Struthion sich vom Eseltreiber Anthrax einen Esel borgt, um zu seinen Klienten in der Nachbarstadt zu gelangen, und er unterwegs anhalten lässt, um sich im Schatten des Esels – denn es ist ein heißer Sommertag in der kargen Landschaft Thrakiens – zu erholen, wird er vom Eselbesitzer unter Hinweis darauf, dass er wohl den Esel, nicht aber dessen Schatten gemietet habe, daran gehindert. Daraus entwickelt sich ein Rechtsstreit, der vor Gericht gebracht und – sobald er in die Hände der Anwälte gerät – zu einer Riesensache aufgebauscht wird. Immer weitere Kreise zieht der Fall, immer mehr Menschen werden einbezogen, Parteien bilden sich (die „Esel“ gegen die „Schatten“), der Fall kommt von einer Instanz zur nächsten und landet schließlich bei der allerhöchsten, dem Rat der Vierhundert, um dort entschieden zu werden. Zu einem öffentlichen Ärgernis, das zu Demonstrationen und beinahe zu Revolutionen führt, wird der Streit allerdings erst – kleiner Seitenhieb wohl auf die Gemeindeverwaltung der Stadt Biberach, wo Wieland eine Zeitlang als Beamter arbeitete und unter den Auswüchsen der konfessionellen Parität zu leiden hatte –, als sich die Vorsteher der zwei wichtigsten Tempel der Stadt der Sache annehmen. Steht der Priester der Göttin Latona, Strobylus, auf der Seite des Zahnarztes, so findet der Eseltreiber Anthrax Unterstützung beim Erzpriester des Jason-Tempels Agathyrsus. Beide legen sie das Gewicht ihres Amtes in die Waagschale – und nicht immer aus wirklich frommen oder gar lauteren Gründen –, beide schrecken vor Verleumdung, Bestechung und dem Schüren von Ängsten nicht zurück, wenn es gilt, den eigenen Machtbereich zu wahren bzw. sogar zu vergrößern. Geschenke werden verteilt, schaurige Szenarien werden entworfen, schlussendlich werden auch noch lange, wohl ausgefeilte Plädoyers gehalten, als plötzlich inmitten des Tumults der in Frage stehende Esel in persona auftritt – und von der aufgebrachten Meute in Stücke gerissen wird, was – da das inkriminierte Objekt sich in Luft resp. in passende Bratenstücke aufgelöst hat – den abrupten Abschluss des Falles erlaubt.

Was lässt sich da nicht alles über die Dummheit vorexerzieren! Über die gewollte und ungewollte Dummheit, die bloß vorgetäuschte und jene, die sich hinter der Maske der Gelehrsamkeit verbirgt. Wie die Dummheit als Strategie eingesetzt bzw. ausgenutzt wird und wie der „Pöbel“ (ja, das durfte man damals noch sagen!) sich ihr willentlich ergibt. Wie sie sich in den diversen Taktiken des Verschleierns und Verzögerns manifestiert (so wird zur Lösung eines Problems zuerst einmal eine Kommission eingerichtet, die nach 60 „bezahlten“ Sitzungen beschließt, eine schriftliche Eingabe zu machen, die dann – irgendwann – vielleicht – zu einem Beschluss führen wird) und wie sehr sie sich immer wieder mit der Eigenliebe vermengt. 

Und wozu letztlich das Ganze? Handelt es sich um einen ironischen Blick auf die sogenannte „gute“ Gesellschaft, der ihre Selbstbestätigung zu allen Zeiten wichtiger war als ihre Legitimität, oder um einen Seitenhieb auf die beschwerlichen Mühlen der Verwaltung, denen kein Umweg zu lang und kein Einwand zu nichtig ist? Ist der Roman bloß eine vergnügliche Lektüre für die Nicht-Dummen oder nicht doch auch ein Mittel zur Selbsterkenntnis aller Dummen – frei nach dem Motto: „Als ob es nicht allenthalben Abderiten gäbe!“ (ist ein echtes Zitat aus dem Roman!) –, die dieses verzerrende Porträt aufs Allerhöchste goutieren werden?

3.
Lässt sich Dummheit stoppen, meine verehrten Leser und Leserinnen, lässt sie sich eindämmen oder dezimieren? Wohl eher nicht. „Ich habe mich in meiner Jugend öfters geärgert, wenn ich gesehen habe, dass in den italienischen Lustspielen beständig ein Pedant die lustige Person abgibt und dass der Titel ‚Magister‘ bei uns keine viel bessere Bedeutung hat.“ Montaigne hat diese Beobachtung vor beinahe 450 Jahren gemacht, aber kennen wir das nicht alle auch? Diese Halb-Gebildeten, die mit ihrem Angelesenen hausieren gehen und hier ein Stück Wieland, dort ein Stück Montaigne zitieren? Aus denen, wenn man sie fest zwickt und zwackt, viel Gelesenes und Gelerntes herausquillt, nur nichts Eigenes? Denen ihre Bildung – und das ist es, was Montaigne nicht versteht und letztlich auch kritisiert – nur zu einem volleren Kopf, aber nicht zu einem verständigeren verholfen hat! Kann es sein, fragt sich Montaigne, dass fremdes Wissen, angelerntes und eingetrichtertes, unser eigenes Denken beeinträchtigt – so wie ein Tumor, der das eigene Gewebe verdrängt und ihm keinen Platz mehr lässt, oder wie eine Folie, die sich zu fest über das Gemüse spannt, so dass dieses zu schimmeln beginnt? Viel Wissen macht Kopfweh, sagt der Volksmund. Und das ist noch die harmlosere Variante eines Wissens, das zu Kopf steigt. Denn da gibt es ja dann noch all die Spintisierer, Fanatiker, Schöngeister, die sich ihre eigene Weltanschauung zurechtgezimmert haben und alles, was nicht hinein passt, als schlecht, dumm und wertlos verurteilen können. „Ich schreibe nur noch lyrische Prosa“, sagt mein Bekannter, „und wer sie nicht versteht, ist selber dumm.“ „Cervantes, Cervantes …“, hämmert es da in meinem – zugegebenermaßen wohl auch zu stark befrachteten – Kopf. Ja, wenn es bloß immer nur so vergnüglich zu lesen wäre – die Auswirkungen übertriebener Lektüre, die zu ebenso wahnwitzigen wie berührenden Abenteuern aufbrechen lässt wie zum Kampf gegen die Windmühlen. Hopp, und da ist er schon wieder: der Faden der Ariadne, den ich beinahe verloren hätte. Zuviel Wissen also macht weltfremd, manchmal, sagt Montaigne, denn dann wieder erlaubt es gerade dieses viele Wissen, die tollsten Kriegsmaschinen zu bauen und die Sonnenfinsternis vorherzusagen oder den Untergang der Stadt Abdera durch die Pflege der heiligen Frösche. Heureka!, wie der Grieche zu sagen pflegt, oder auch: Wo nichts ist, da kann nichts werden. Wo kein guter Boden bereitet ist, wuchert nur das Unkraut. Und dann hilft es nicht, sich mit klugen Büchern oder klugen Menschen zu umgeben. Drastisches Beispiel: „Ich kenne einen, der sich nicht getrauen würde mir zu sagen, dass sein Hintern krätzig ist, wenn er nicht sofort in seinem Wörterbuch nachschlagen kann, was ‚krätzig‘ heißt und was der ‚Hintern‘ heißt.“ Was also soll man tun? Die Erziehung anders anpacken (womit wir mitten in der nie endenden Bildungsdebatte wären)? Die Urteilskraft stärken und die Tugend (ich bin immer noch bei Montaigne, das versteht sich ja wohl!) und weniger Wert legen auf verwertbares Wissen, das anwendbar und nützlich ist? Das sind plausible Tipps, aber helfen sie? Denn Montaigne sagt auch (und das soll jetzt mein letztes Zitat sein): „Weise können wir wenigstens nicht anders als durch unsere eigene Weisheit werden.“ Bleibt dann nicht als Schluss, dass wir immer nur auch dumm nur sind und bleiben durch unsere eigene Dummheit? Was uns zwar jetzt weder weiterhilft in Bezug auf die Frage, was Dummheit nun wirklich sei und ob sie „geheilt“ werden könne oder nicht, aber es ist doch ein beruhigender Satz, nicht wahr!? Ansonsten bliebe nur noch die Arznei, die der berühmte griechische Arzt Hippokrates bei seinem Besuch in Abdera den ihn um Hilfe bittenden Abderiten anempfiehlt: eine kräftige Portion Nieswurz! Die Nieswurz, aus der Familie der Hahnenfußgewächse, galt seit dem Altertum als Heil- und Giftpflanze, wirksam einzusetzen auch gegen Verrücktheit und Torheit. Ein Quäntchen Nieswurz, das meint Hippokrates, täte den Abderiten durchaus gut. Und sie ließe sich sicherlich auch all den Heiratswilligen verschreiben (über deren Dummheit wir hier nicht zu streiten brauchen), jenen von Abdera oder jenen fon Dribbsdrui.
Wohl bekomm’s!


Literatur

  • Michel de Montaigne: Von der Pedanterey [Du pédantisme]. In: Ders.: Essais. Übersetzt von Johann Daniel Tietz. Bd 1. Diogenes: Zürich 1992.
  • Robert Musil: Über die Dummheit. In: Ders.: Gesammelte Werke in neun Bänden. Hg. von Adolf Frisé. Bd 8: Essays und Reden. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1981.
  • François Rabelais: Gargantua und Pantagruel. 2 Bde. Insel: Frankfurt/Main 1974.
  • Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten. Reclam: Stuttgart 1989.