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wenn nichts mehr weitergeht

Blöde Situation: Die Hauptfigur von Georg Petz‘ „Bildstill“ steckt in einem endlosen Stau


Georg Petz: Bildstill

wenn nichts mehr weitergeht

Leykam: Graz 2011

Rezensiert von: mario karl hladicz


Matthias Trzky, Anglist und überschaubar erfolgreicher Schriftsteller, befindet sich auf dem Weg zu einer Feier in der Wiener Künstlerszene. Dort anwesend sind unter anderem seine ehemalige Studentin Saša, deren Ehemann Harald sowie sein Verleger, mit dem das neue Buchprojekt besprochen werden soll. Doch mitten auf der Autobahn geht plötzlich nichts mehr, alles steht still und Matthias wird reglos hinter dem Lenkrad sitzend auf sich selbst zurückgeworfen. Was auf diese Eingangssequenz folgt, ist eine knapp 200-seitige komplexe Denkbewegung bei völligem Stillstand: Matthias kommt unweigerlich ins Grübeln, etwa über sein Beziehungschaos mit Saša und seiner eigentlichen Freundin Sophia, die von ihm ein Kind erwartet, oder über seinen noch zu schreibenden Roman, dem er ein Vorwort voranstellen will, das die Frage aufwirft, „wie (…) der moderne Roman aussehen [soll], um seine volle Potenz entwickeln zu können, als ein artifizielles Medium, das dennoch lustbegabt sei angesichts der im Umkleiden begriffenen Erotik des neuen Jahrhunderts.“ (Nicht nur Matthias kann sich lebhaft vorstellen, wie der Verleger ob dieser Idee die Nase rümpfen wird).
Rasch wird die Hauptfigur und mit ihr der Leser in einen rasanten Gedankenwirbel hineingezogen, bei dem sich Phantasie und Wirklichkeit überlagern, die Zeitebenen ins Strudeln kommen und ständig die Perspektiven wechseln: Was treibt die zu Hause gebliebene Sophia um, was die sich auf der Party langweilende Saša? Dabei wechseln sich zarte, poetische Bilder mit atemlosen, zornigen Gedanken zum Zustand der Gesellschaft ab; dazwischen gibt es immer wieder markante Schnitte, ein stilles Innehalten; der Moment im Bildstill, in dem die Figuren ihre Masken fallen lassen, die sorgsam aufgebaute Lebenslüge bröckelt.

Lesevergnügen für Aufmerksame

Georg Petz, Jahrgang 1977, legt mit seinem dritten, 2011 erschienen Roman ein geschickt konstruiertes Erzählwerk vor, in dem souverän mit verschiedenen literarischen Techniken verfahren wird. Dass die Vorbilder vor allem in der literarischen Moderne zu suchen sind, macht bereits der Eingangssatz deutlich: „Irgendetwas muss geschehen sein, denn ohne sichtbaren Grund gerät der Verkehr auf der Tangente plötzlich ins Stocken.“ Freilich wird dabei vom Leser auf engem Raum einiges abverlangt; die fließenden Übergänge zwischen den Perspektiven, die auf der Stelle tretende Handlung sowie das wechselnde Erzähltempo machen klar, dass Petz mit Unterhaltung im seichten Sinne des Wortes wenig bis gar nichts zu tun hat. Für anspruchsvolle, aufmerksame Leser kann Bildstill jedoch ein großes Lesevergnügen bedeuten – kann man für ein paar Stunden der Lektüre doch selbst ganz (bild-)still werden und das eine oder andere ungewöhnliche Bild, den einen oder anderen bemerkenswerten Gedanken für sich mitnehmen. Das wäre an sich schon nicht so wenig, was ein moderner Roman zu leisten imstande ist.