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wir sind die overdoer

michael sammer | wir sind die overdoer

Leben in Zeiten der kollektiven Beschleunigungstrance zwischen Semmering und Wien

Beginnen wir am Ende. Der Vorteil: Damit befinden wir uns gleich einmal in geistreicher Gesellschaft so großer Denker wie Montaigne, Borges und Falco. Und noch ein Vorteil: Mit so viel geballter Weisheit stirbt es sich auch leichter. Denn, und das eint dieses Dreigestirn: Sterben lernen heißt leben lernen.

Was erfahren wir übers Leben beim Sterben? – Bei Begräbnissen immer gerne zur Hand: das Buch Kohelet. Weinen, lachen, tanzen, bauen, mühen, zerreißen, lieben, hassen, fröhlich sein. All das sollte im Leben seine Zeit gehabt haben. Seine Stunde. Und was tun wir, die wir mitten im Leben stehen, oder sollte man sagen mitten durchs Leben hetzen? Wir haben für all das immer weniger Zeit. Statt erfüllt ist unser Leben übervoll.

Jeder kennt Freunde, Bekannte, Kollegen, die nicht mehr können. Denen die Zeit permanent zu knapp und der Stress zu viel wird. Es trifft anscheinend alle. Und zumindest teilweise kennt jeder das auch an sich selbst. Wir beklagen ein Zuwenig von dem, was sich so wunderbar verschwenderisch mit Leben füllen ließe, wären wir nicht viel zu geil auf Selbstoptimierung und Selbstausbeutung und zu versessen auf mehr Schein statt Sein. Fleißig arbeiten, dazwischen schnell ein Urlaub. Permanent Shopping. Surfen, was das Netz hergibt. Kinder hin und her führen. Ab und an ein Work-out. Eine kleine Meditation. Und noch schnell ein bisschen das und das … Und dann? Zeitnotstand. Nichts geht mehr. Ausgebrannt.

Wie war das noch mit der Fröhlichkeit? Lachen, Tanzen … Ein erfülltes Leben?

Keine Zeit!

Und ehe man sich‘s in der ganzen Hektik versieht, geht’s ab ins Pflegeheim. Dort hätte man zwar Zeit, aber die anderen haben keine. Und irgendwann ewige Ruhe.


Moooment.
So schnell geht’s dann auch wieder nicht.

Noch sitze ich im Zug von Graz nach Wien. Im Gepäck die Aufgabe: Annähernd Intelligentes, mitunter Augenzwinkerndes und gelegentlich Tiefschürfendes zum Thema Zeit, die allgemeine Beschleunigung und die damit verbundenen Kollateralschäden an Leib und Seele zu verfassen. Und es sollte vergleichsweise rasch gehen. Ich habe schließlich nicht ewig Zeit. Außerdem ist es wieder einmal kurz nach Deadline. Aber ein Zitat habe ich schon. Später.

Und so sitze ich hier und schreibe … im Moment erst einmal gerade … nichts.

Immer diese Ablenkungen. Wenn die nicht wären. Bin eben auch nur ein Kind unserer Zeit. Also ein wenig Zeitung lesen, noch schnell zwei Mails schreiben, dem Speisewagenkellner, die neuerdings alle Henry heißen, die Bestellung mitteilen. Gespräche belauschen, sich über die bis zur Blindheit verdreckten Fenster im Railjet mit dem absurden Namen „Hotel Ibis“ wundern. Oder über die Lärmschutzwand-Epidemie entlang der Zugtrassen und Autobahnpisten. Ach du viel gepriesene Mobilität.
Richtig, das war doch das Thema: Geschwindigkeit! Mobilitätsforscher sagen, dass wir durch die Beschleunigung der Verkehrsmittel exakt nichts an Zeit gewonnen haben. Wir wären zwar schneller dort, aber dummerweise sind im gleichen Ausmaß die Wege länger geworden. Genial! Viel Lärm um Nichts. Vom Dreck ganz abgesehen. Da fängt der Stress schon einmal an. Wir pendeln täglich in die Arbeit. Statt ums Eck einzukaufen, fahren wir in hässliche Einkaufsöden, die vor und zwischen unseren Städten wuchern, weil findige Bürgermeister die Flächenverwidmungen als Instrument der Wählerstimmenvermehrung entdeckt haben. Nicht ohne im Gegenzug das Sterben der gewachsenen Stadtzentren bzw. ganzer Gemeinde, die neuerdings fusioniert werden, umso bitterer zu beklagen. Und die Geschäftsreise oder wahlweise der Repräsentativurlaub geht mal flugs um die halbe Welt und wieder zurück. Ohne Verkehrsmittel ist niemand mehr zu erreichen. Keine Post, keine Arbeit, kein Wirtshaus, kein Laden, kein Verwandter und auch immer weniger Ärzte. Rollläden runter. Alles nur, weil angeblich alle mindestens direkt vor der Tür parken wollen. Darf gerne auch auf einem Behindertenparkplatz sein.

Alles andere rechnet sich nicht mehr. Die allgegenwärtige Wirtschaftslogik mit ihrer economy of scales kann nicht mehr denken in der Einheit Mensch. Und so fahren wir eben und fahren und fahren. Und vernichten Zeit, Umwelt und gewachsene Infrastrukturen. Hauptsache, es geht schnell.

Und wer nicht fahren kann oder will? Ach was, ab in die Stadt mit dem immobilen Pack der Armen, Alten und Alleinstehenden. Dort werden sie schon erwartet von den Experten der Immobilienbranche. Mit ihren Allerwelts-Einerlei-Neubauten. Von wegen menschliches Maß. In the Ghetto!

Aufwachen! Ist alles nur ein riesiges Hamsterradexperiment? Gesponsert von den milliardenschweren Mobilitätsermöglichern. Eine globale Truman Show. Irgendwo sitzt irgendwer hinter dem großen Spiegel, schaut sich das alles an und wundert sich, dass noch keiner gemerkt hat, dass dieses Hin-und-Her-Gehetze nirgends hinführt. Und schon gar nicht zu einem besseren Leben.


Uups. Das Telefon klingelt.
Kein Handyempfang im Zug. Und auch kein Bord-WLAN. Dafür Flugzeugfeeling im Railjet bei 35 km/h. Die ÖBB haben Humor.

Noch ein Telefonversuch.

Sei‘s drum. Wird schon nicht so wichtig sein.

Neulich nächtens mit starrem Blick ins Internet ist sie plötzlich vor mir gestanden, die neue Dimension der allgegenwärtigen Beschleunigung in Form eines Satzes im – ich glaube, es war das – Time Magazine. (Man ist ja zumindest halbgebildet.) Zitat: „Middle-class overdoers living in an era of warp-speed technological change.“
Schön oder? Nicht nur für Amateur-Trekkies. WARP-Speed! Das sitzt. Unser hudeliges Leben hat endlich Science-Fiction-Flair. Oder andersrum. Aber noch viel schöner ist ja der Begriff „overdoer“. Schöner kann man die kollektive globale Manie nicht bezeichnen. Ich bin ja kein „native“, aber overdoing ist zu herrlich klar und pragmatisch, um auf Deutsch genauso präzise wiedergegeben zu werden. Also bleiben wir dabei. Wir sind’s, die Overdoer.

Was tun wir, und was tun wir uns nicht alles an, wir globalen Overdoer, die wir alle so permanent busy und stets gestresst sind. Auch wenn uns unser Leben immer öfter leer und schal dünkt, wir tragen unsere Tretmühlen doch monstranzartig vor uns her. Eine Art Ehrenzeichen all derer, die sich nicht anmerken lassen, dass es sie ankotzt, dieses Leben. Solange es eben irgendwie geht. Schließlich ist nur eines noch öder als ein ödes Leben, nämlich die Nachrede nicht mithalten zu können. Weichei! Versager! Und so prägen wir Overdoer unter großer Anstrengung das große Bild eines vermeintlich richtigen Lebens. Frei nach dem Motto, wer als Person nicht gestresst und unerhört wichtig ist, hat etwas falsch gemacht. Und zumindest ein ärztlich anerkanntes Burnout ist schon fast Pflicht in Performerkreisen. Fest steht, wer Zeit hat, ist verdächtig. Oder arbeitslos. Oder beides. Es sei denn, er hat genug Geld und/oder ist berühmt. Denn dann hat er ja bereits viel geleistet. Egal womit. Und ob überhaupt. Doch selbst in diesen Kreisen ist Overdoing durchaus hip. Dieser Stress mit den ganzen Events und Partys. Charitys nicht zu vergessen. Und Paparazzi und Fans und überhaupt. Nur echte Ladies und Gentlemen genießen ihr Leben und schweigen. Aber eben. Man sieht sie nicht. Gibt es die überhaupt noch?
Jetzt muss aber doch dringend noch ein Mail raus! Terminkoordination. Beruflich.

Ich hasse die Semmeringstrecke. Dieses anachronistische Ghegabahn-Weltkulturerbe-Dings mit seinen vielen Urzeittunnels und -brücken. Dieses atemberaubende Tempo nahe an der Schrittgeschwindigkeit. Ich liebe sie. Wenn das nicht angewandte Entschleunigung ist. Oder ist das bereits Zeitverzögerung? Hier ist nicht nur der Zug, sondern auch die Zeit fast stehen geblieben. Zumindest auf dem Niveau von anno Rosegger, der angesichts der pfauchenden Ungetüme der Moderne vor Schreck noch davonlief. Eine Zeit, in der sich die Menschen doch glatt noch Sorgen machten, ob sich diese Geschwindigkeit nicht negativ auf unseren Organismus auswirken könnte. Und wie denn die Seele mit den rasenden Körpern Schritt halten sollte. Oder waren das mit der Seele doch Indianer? Egal. Lange vor WARP jedenfalls eine rührende und wohl auch weise Sorge.

Aus heutiger Sicht angesichts der Grundgeschwindigkeit unserer Gesellschaft dürfte die Seele auf der Südbahn wahrscheinlich noch vor dem Speisewagen in Wien sein. Einem Speisewagen, in dem wieder einmal der Strom ausgefallen ist und die Frau unter den Henrys sich darüber gerade keine Sorgen macht, weil sie schon jetzt weiß, dass sich das bis Wien nicht mehr ändern wird. Naja, Elektrizität ist ja auch ein gar schwierig Ding. Was nicht nur für die ÖBB gilt, man denke nur an die vielen schnellen pannengeplagten ICEs in deutschen Landen, deren Klimaanlagen just dann den Geist aufgeben, wenn sie etwas zu klimatisieren hätten.

Wobei wir wieder fast beim Thema sind. Denn eigentlich sollte ich ja über Beschleunigung und Fehlleistungen schreiben. Also. Zur Sache. 12.000 Zeichen als Minimum. Da fehlt noch Einiges. Und zugtechnisch geht’s schon wieder bergab in Richtung Wien.

Irgendwo auf der Strecke haben sich drei Verdächtige in den Speisewagen geschlichen. Vermutlich Pensionäre. Vulgo Zeitwohlständler. Kein Handy mit Internet. Kein Laptop. Ja nicht einmal eine Zeitung. Underdoer! Die haben noch Zeit. Zu viel?

Seit der bahnbrechenden Marienthal-Studie in den 1930ern, die Verlangsamung in ihrer destruktiven Kraft zeigt, wissen wir, dass mit dem inneren Antrieb auch das Tempo beim Gehen kontinuierlich sinkt. Und genau genommen sind Pensionäre, zumal in einem Land des tendenziell verfrühten Ruhestandes, ja auch nur Arbeitslose. Immer öfter auch tatsächlich gegen ihren Willen. Und so schlägt das Geschwindigkeitspendel unserer Leistungs- und Hochgeschwindigkeitsgesellschaft hin und her zwischen Antriebslosigkeit und WARP-Antrieb. Beide Maxima ähneln sich dabei auf verblüffende Weise. Denn der Moment des größten Vortriebes endet schließlich auch mit ausgebrannten Raketen ohne Antrieb. Mir ist zwar keine entsprechende Studie bekannt, aber irgendwo gibt es sie sicher, die belegt, dass durch geistige und körperliche Trägheit mindestens genauso viel Schaden angerichtet wird wie durch multidimensionale Hyperaktivität und Multitasking-Orgien. Ich stelle somit kurz vor Neunkirchen die These auf, dass Zeit relativ ist. Klingt sehr nach Plagiat. Ist aber keines. Heißt nur, dass Zeit relativ gesehen unwichtig ist, wenn es um vermeintlich beschleunigungsinduzierte Fehlleistungen geht.

Wenn Ärzte pfuschen, weil sie zu wenig schlafen, wenn Pflegepersonal die zu Pflegenden vernachlässigt, weil ihre Leistungen nach Minuten katalogisiert werden, wenn LKW-Fahrer einschlafen, Jugendliche internetsüchtig sind, wenn unbescholtene Bürgerinnen und Bürger die Nerven wegschmeißen, weil sie dem ganzen Druck nicht mehr gewachsen sind und sich wie verrückt Psychopharmaka einwerfen. Dann … im Ernst … dann liegt das doch nicht an der Beschleunigung. Nicht an Megapixel und Gigahertz, an High Speed und Überschall. Und auch nicht am Turbokapitalismus. … Es liegt an uns. An jedem Einzelnen.

Ja, ich weiß. Natürlich soll man nicht alles auf das arme Individuum abschieben. Von wegen gesellschaftlicher Verantwortung. Ist ja auch OK. Aber immer bei den anderen anzufangen ist eben auch vor allem eines: einfach und bequem. Was nichts daran ändert, dass unser Overdoer-Stress echt ist und uns auf Dauer krank macht. Wir fühlen uns nicht nur getrieben, unglücklich und oftmals perspektivenlos. Wir sind es auch. Aber der Irrweg an sich ist nicht die Beschleunigung. Auch wenn Geschwindigkeit in unseren Tagen als Selbstzweck eine gesellschaftliche Grundwertschätzung genießt. Und Langsamkeit immer auch Faulheit meint. Beschleunigung ist trotzdem nur das Symptom. Die Krankheit ist eine andere. Und zwar die alltägliche individuelle Gier.

Selbst wenn Banker mitunter skrupellos und böse sind, und die Konzerne und die Controller und und und … Das böseste Spiel treiben wir schon mit uns selbst. Mit der allgegenwärtigen Unersättlichkeit als Lebensprinzip. Sie treibt uns an zu dieser affenartigen Geschwindigkeit. Oder besser, wir treiben uns damit selber an. Wir sind ganz einfach Konsumjunkies, die sich wie blöd mit sinnlosen Dingen umgeben. Wir richten unser Leben ganz nach der Logik jener, die uns mit der Macht millionenschwerer Marketing- und Lobbyingbudgets vorgaukeln, sie würden unser Leben für uns schon zum Besseren wenden. Wenn wir nur die richtigen Dinge konsumieren.

Dabei vergessen wir, dass die Dinge, die Produkte immer am längeren Ast sitzen. Nämlich auf einem nahezu unendlichen. Nie ist es genug. Immer gibt’s noch schneller etwas angeblich Neues, das man auch noch haben muss. Den Preis für dieses Wettrennen mit unserer Gier zahlen nicht nur jene, die unmittelbar mit dem Leben bezahlen, weil sie in der falschen Textilfabrik gearbeitet haben, nur damit wir Billgstkleider im Minutentakt kaufen können, oder unser ach so cooles Smartphone, das unter Arbeitsbedingungen „assembled“ wird, die Dutzende Arbeiter in den Freitod treiben. Auch wir zahlen mit unserem Leben. Ein Leben, das wir Stück für Stück verkaufen. Als Sonderangebot. Wir opfern jenes Leben, in dem alles seine Stunde hätte, einem Leben, das keine Stunde mehr kennt außer jene, in der bezahlt wird. Für Dinge, die eines sicher nicht machen: glücklich. Dafür lassen wir uns in unmenschlichem Tempo durchs eigene Leben treiben und machen uns zum Sklaven unserer selbst. Alles andere – Freunde, Familie, man selbst – muss dazwischen Platz haben.

Da hat wohl wer was verwechselt. Der kurze Kick mit einem neuen Ding in endloser Folge ist noch nicht das Leben! Jeder von uns hat heute mehr Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, als er überschauen kann. Frei nach Feyerabend: anything goes. Aber diese Freiheit überfordert uns. Sinnstiftende Wege durch dieses Labyrinth der Optionen zu finden, würde Zeit benötigen. Zeit der Muße. Der Reflexion. Des Innehaltens. Zeit des Austausches, des Gesprächs. Zeit des Miteinanders. Zeit, die wir so dann leider nicht haben. Da lassen wir lieber jenen den Vortritt, die mit der „Sinnstiftung to go“ locken. Also all jenen Marken und Produkten, die nur so vollgepropft sind mit Werten, Sinn und Heilsversprechen und damit ruckzuck für den richtigen Lifestyle sorgen. Die versprochene Wirkung entfalten diese Wunderdinge allerdings nur, wenn man sie gegen teures Geld kauft. Was, wie sich im Nachhinein herausstellt, zwar auch nicht stimmt. Macht aber nix. Wird wohl an uns liegen. Bei den anderen funktioniert‘s. Bilden wir uns zumindest ein. Außerdem lockt schon das nächste käufliche Versprechen. Und so machen wir Overdoer aus anything goes: anything haben.

Apropos bezahlen. Einer der Henrys kommt bereits abkassieren. Es geht dem Ende zu.

Passt. Der Text hat locker 12.000 Zeichen.


Ganz schöner Stress!

Wenn all das, was einem im Leben wirklich wichtig ist, seine Zeit haben sollte, dann geht eben nicht alles. Denn alles hat eben keine Zeit. Und so kehren wir entspannt zurück an den Anfang. Zu unser aller Endstation. Zum Sterben.

Sterben lernen, heißt loslassen lernen. Vor allem materielle Dinge.

Bis dahin. Bleiben sie fröhlich. Leben Sie Ihre eigene Zeit.

„Let your boat of life be light.“