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der künstler sollte verrückt sein

peter piller | der künstler sollte verrückt sein

Das ist für alle das Beste

Bei jedem größeren Neubau muss der Bauherr ein paar Prozent der Bausumme für Kunst am Bau ausgeben. Weil der Bauherr aber meist von Kunst keine Ahnung hat, wird aus Sachverständigen, etablierten Künstlern, Kunsthistorikern und den Laien eine Jury gebildet. Ein Wettbewerb wird ausgeschrieben und die Jurymitglieder aus der Kunst argumentieren für die Vorschläge ihrer Künstlerfreunde. Die Jury tagt bei Kaffee und Gebäck. Wenn sie ermüdet, wird schnell entschieden.

Ich nahm kürzlich an einem solchen Wettbewerb in Hamburg teil. Mein Vorschlag war, vier Wanderungen in vier Richtungen von der Neubaustelle bis zur Stadtgrenze zu unternehmen und dabei Erlebnisberichte auf Band zu sprechen sowie Zeichnungen anzufertigen. Meine Bewerbung enthielt beispielhaft einen Text und Tusch- und Bleistiftskizzen. Als ich meine Bewerbung vorstellte, las ich den Text vor und zeigte gerahmte Zeichnungen in die stumme Runde. Ein paar Tage später erfuhr ich, dass ich gewonnen hätte und mein Projekt realisieren könne. Ich freute mich auf das Geld, mit dem ich etlichen 100 Stunden nervtötender Lohnarbeit entgehen konnte.

Dann kam ein Brief an. Ich werde zum Bauherrn gebeten. Klärung von Detailfragen, vormittags um 10, im Bürostadtteil City Nord am Stadtrand, gespenstisch trostlose Gegend.

Ich kam pünktlich, geduscht und unausgeschlafen dort an. Die Nummer 2 hinter dem Chef holte mich beim Pförtner ab und stellte mich vor dem Chefbüro der Nummer 3 vor. Nummer 1 hatte sich verspätet, aber wir durften schon mal in seinem Büro warten. An den Wänden gab es keine Bilder. Ich lobte den Ausblick. Als die Nummer 1 kam, wurde nochmal alles über den Ausblick wiederholt. Ich saß zwischen Nummer 2 und Nummer 3, gegenüber Nummer 1 und fragte mich, was die bloß von mir wollten. Während er sich eine Pfeife stopfte, kam Nummer 1 zur Sache. Mein Vorschlag habe ihm gefallen, besonders die Texte. Er zitierte eine Passage aus der Erinnerung, verdrehte den Satz dabei ins Groteske. Ich sagte nichts, nickte erst einmal. Das war ein Fehler. Ich hätte ihn natürlich anbrüllen müssen. Was er sich einbilde, mich so ins Unpoetische verzerrt zu zitieren. In diesem Moment hätte ich nicht vernünftig sein dürfen. So kam es schlimmer. Die Zeichnungen gingen ihm nicht aus dem Kopf, denn darauf wäre ja eigentlich nichts zu erkennen. Ich wirkte wohl nicht ernst, nicht heiter, sondern einfach teilnahmslos. So erklärte ich: Es geht um die Abbildung des Erinnerungsvorgangs. Nummer 1 warf ein, er erinnere sich an Wege eigentlich immer gleich, also mit Bäumen zum Beispiel oder mit Ampeln. Die wären aber nicht drauf auf den Zeichnungen. Ich sprach von der Überlagerung mehrerer Perspektiven, von der Zeichnung als Spur, vom Unterschied zwischen Zeichnung und Illustration. Es half nichts. Warum redete ich nicht metaphorisch oder dadaistisch an ihm vorbei? Nein, ich versuchte es mit der jüngeren Kunstgeschichte, und weil er sie nicht kannte mit der älteren Kunstgeschichte. Dali gefalle ihm. Inzwischen war Nummer 3 so weit, die Intensität zu beschwören, mit der er sein so genanntes „Seestück“ (Schiff im Sturm) manchmal betrachte, und Nummer 2 drehte meine Zeichnung „spaßeshalber“ auf den Kopf, ob das nicht auch so ginge?

Ich bin ein duldsamer Mensch. Ich erklärte einen Strich zum Baum und behauptete, der stünde dann ja auf dem Kopf. So ging das 90 Minuten.